Kategorienarchiv: Rezensionen

Rezension: „Das Erwachen“ von Andreas Brandhorst

Ein hoffnungsloser Romantiker …

… dieser Andreas Brandhorst!
Ein tolles Buch, das er uns hier vorlegt. Das Erwachen einer Maschinenintelligenz, nicht einer KI, einer künstlichen Intelligenz, ist sein Thema. Die alte Theorie von dem erwachenden Bewusstsein einer Maschine, wenn denn nur genügend (analog zum menschlichen Gehirn) Verknüpfungen vorhanden sind. Dies ist zwingende Folge, glaubt man der auch von namhaften Wissenschaftlern vertretenen Theorie.
Das ganze verpackt der Autor in eine spannende Thrillerhandlung. Ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen. Lediglich durch so profane Dinge, wie z. B. meine erzwungenermaßen notwendige Arbeit, musste ich die Lektüre unterbrechen.
Vor einiger Zeit hatte ich die Möglichkeit Andreas Brandhorst persönlich kennenzulernen. Ich habe ihn als bescheidenen und eher schlicht auftretenden Menschen in Erinnerung. Ganz ähnlich tritt hier sein Hauptprotagonist, Axel Krohn, in Erscheinung. Ein Protagonist, dem alles eher widerfährt, als dass er tatsächlich selbst die Handlung bestimmt und lenkt. Eine Art der Darstellung, der Erzählung einer Geschichte, wie ich sie persönlich sehr mag. Hätten wir uns früher kennen gelernt (der Autor und ich) so hätte ich fast vermuten können, das die Namensgebung …, aber so ist es ein netter Zufall.
Die Erzählung kommt daher wie eine Geschichte, die (fast) jedermann passieren könnte. Nun ja, nur fast.
Am Ende zeigt sich der Autor als hoffnungsloser Romantiker. Anders als bei D. F. Jones Colossus (kennt den überhaupt noch jemand?) zeigt er uns am Ende dann doch ein Happy End.
Was mir nach der Lektüre am meisten Angst und Sorge bereitet ist demnach nicht das Erwachen der Maschinenintelligenz, sondern die Vorstufe, in der wir uns befinden. Die zahlreichen KI, die derzeit entwickelt werden. Die die menschliche Arbeitswelt über den Haufen werfen werden, die zu unglaublichen Verwerfungen im Arbeitsmarkt weltweit führen werden. Zu einer noch nie gekannten Arbeitslosigkeit. Die vor allem aber auch zur Kriegsführung eingesetzt werden können, wie uns der Autor anschaulich zeigt. Zu einer Art Krieg in der kein Schuss fällt, keine Atombombe oder chemische/biologische Waffen zum Einsatz kommen und trotzdem alles am Boden liegt.
Das ist leider eine realistische Bedrohung, die nicht wegzudiskutieren ist.
Hut ab, vor der Erzählkunst, das Buch kommt spannend daher und verbirgt zwischen den Zeilen viel aktuelle Gesellschaftskritik. Da spielte sich in meinem Schädel ein großes Kopfkino ab.
Vielen Dank dafür, Andreas!

Unterhaltung:

Anspruch:

Originalität:

Rezension: „QualityLand“ von Marc-Uwe Kling

In QualityLand – einem Deutschland gar nicht ferner oder undenkbarer Zukunft – lautet die Antwort auf alle Fragen: Ok.

Zum Glück hält sich das Buch nicht an diese Information, die auf seiner Rückseite steht. Tatsächlich sind die meisten Antworten im Buch viel länger, schlauer und vor allem: witziger. Weiterlesen »

Rezension: Heliosphere 2265 1 „Das dunkle Fragment“ von Andreas Suchanek

Der erste Band der Buchserie Heliosphere 2265 mit dem Titel „Dunkle Fragmente“ besteht aus den 4 Teilen, die auch als eBooks einzeln publiziert wurden.
Sicherlich ist vieles nicht neu in dieser Geschichte: Eine neu zusammengestellte Crew muß sich kennenlernen, Hindernisse überwinden und lernen zusammenzuarbeiten. Es gibt Schlachten im Weltall und es wird nach Artefakten gejagt. Über viele Seiten lernen wir mehr von dieser Welt kennen. Wir erfahren nach und nach mehr über die Charaktere und den Antagonisten in der Geschichte. Wobei es schwer zu glauben ist, dass er alleine alles über so lange Zeit planen konnte. Aber dafür gibt es ja die nächsten Bände, die dann hoffentlich eine Erklärung dafür liefern.

Im Jahr 2265 übernimmt Captain Jayden Cross das Kommando über die Hyperion. Er muß sich und seiner Crew beweisen, dass er auf den Kommando-Sessel gehört. Ausgerüstet mit einem neuartigen Antrieb und dem Besten an Offensiv- und Defensivtechnik, wird die Hyperion auf eine Bergungsmission eines verschwundenen Schiffes geschickt und stößt dabei auf ein Artefakt, das für den Tod der Crew dieses Schiffes und der Bevölkerung eines ganzen Planeten verantwortlich ist. Das Schiff und der Planet befinden sich im Grenzgebiet zu den Parliden, dem Menschen feindlich gesinnte Aliens. Diese wollen das Artefakt zerstören. Es entbrennt eine heiße Schlacht und die Parliden-Schiffe werden vernichtet. Ist das der Beginn eines neuen Krieges? Im Laufe der Handlung werden noch mehr Fragen aufgeworfen. Ein unbekanntes Alien hat anscheinend Besitz von einem Crewmitglied ergriffen. Was sind dessen Motive. Auch bei den Parliden gibt es ein großes Geheimnis: ihr Aussehen. Und was hat es mit den „Niederen“ auf sich. Einiges davon klärt sich in diesem Band, anderes hoffentlich in den Folgenden. Außerdem gibt es auch ein Kräftemessen in der Admiralität. Politische Intrigen bis hin zum einem großen Putsch spitzen auch die Lage auf der Erde zu. Admiral Michalew ist der menschliche Antagonist, der anscheinend alle Fäden in den Händen hält.
Es gibt viele Rätsel und offene Fragen. Am Anfang dieses Abenteuers stehen das Universum und die Umstände und Konflikte im Zentrum der Erzählung. Nur langsam lernen wir die Mitglieder der Crew kennen, ihre Probleme und Sorgen. Die Geschichte wird recht flott erzählt. Es gibt keine ausschweifenden Detailbeschreibungen, was das Lesen sehr angenehm macht.

Heliosphere 2265 wurde in den Jahren 2013, 2014 und 2015 für den Deutschen Phantastik Preis als „Beste Serie“ nominiert. Das Hardcover „Fraktal-Zyklus 1“, erschien 2016.

Unterhaltung:

Anspruch:

Originalität:

Rezension: „Hammer und Söckchen“ von Guido Krain

„Dazwischen die typischen Partyfolgen: Hirn tropfte von der Decke, Einschusslöcher schmückten die Wände, ein abgetrennter Arm hing über einen Tisch und drei zusammengesunkene Leichen in ehemals weißen Kitteln lagen am Boden.“ Das ist ein kleiner Ausschnitt aus dieser blutrünstigen und makaberen, aber auch sehr witzigen kleinen Geschichte. Band 1 aus der Buchreihe Dystonia. Wie in einem rasanten Computerspiel werden wir durch ein Labyrinth aus Gängen geführt. Allerdings muß sich Sharp, der Hauptcharakter, nicht gegen gefährliche Zombies wehren. Er ist die Gefahr. Er und das sexy Mädchen auf das er nach seinem Erwachen im Labor trifft. „Ein tiefes dröhnendes Bamm ließ ihn herumfahren. Pinky hatte gerade einem der halbtoten Angreifer den Schädel eingeschlagen. Dass sie vorher ein Tuch über den Kopf gelegt hatte, ließ vermuten, dass sie Erfahrung damit hatte. Kaum etwas spritze wie ein platzender Kopf … aber woher wusste Sharp das?“ Diese Frage stellt er sich immer wieder und zusammen mit Pinky macht er sich auf den Weg, herauszufinden, wer er ist und warum er in einem Labor aufgewacht ist. Pinky begleitet ihn mit ihrem besten Freund Mr Hammer und wenn Mr Hammer etwas nicht gefällt … Bamm.

Diese sexistische, politisch unkorrekte und bizarre Liebesgeschichte liefert uns ein erfrischen anderes Lesevergnügen.

Unterhaltung:

Anspruch:

Originalität:

E-Books, die’s drauf haben: „Neunundneunzig Namen“ von Jens-Michael Volckmann

Nur selten schafft es ein Selfpublishing-E-Book auf unsere Empfehlungsliste. Die vorliegende Erzählung von Jens-Michael Volckmann bildet eine Ausnahme: Selten gelingt es einem neuen Autor, eine Social Fiction zu einem schwierigen Thema so einfühlsam und ideenreich zu erzählen.

„Neunundneunzig Namen“ dreht sich um eine Flugzeugkatastrophe in der Innenstadt von Frankfurt(Main). Auf einer letzten Audio-Aufzeichnung aus dem Flugzeug ist der Ruf „Allahu Akbar!“ zu hören. Als dies bvekasnnt wird, dreht sich die Stimmung, es kommt zu Ausschreitungen gegen Muslime, obwohl es bis auf die Aufzeichnung keinerlei Beweis für ein Bombenattentat gibt.

Der Autor erzählt die Geschichte episodenhaft. Er zeigt Szenen aus der Familie des mutmaßlichen Attentäters, aus Talkshows, Nachrichten und aus einem Dokumentarfilm. So fügt sich nach und nach aus Bruckstücken ein Gesamtbild zusammen, das dem Leser zu Denken gibt. Über die Figuren in der Geschichte, über Menschen in Deutschland – und über sich selbst.

Gerade in der heutigen Zeit (das Buch erschien bereits 2014) kann man sich nur darüber wundern, wie wenig religiöser oder durch soziale Netzwerke verbreiteter Irrglaube in der Nahzukunfts-SF thematisiert werden. Gerade in Deutschland. Freilich ist das ein Stoff, in dem es kaum vermeidbar ist, Leuten auf die Füße zu treten. Es wäre wünschenswert, wenn mehr Autoren den Mut aufbringen würden, sich mit wichtigeren Themen zu beschäftigen als Lasergefechten über fremden Planeten.

Unterhaltung:

Anspruch:

Originalität:

 

„Neunundneunzig Namen“ gibt es bei Amazon als E-Book (0,99 EUR, kostenlos ausleihbar mit Prime) und Taschenbuch. Weitere Infos auf der Homepage des Autors.

Eine Saison der Kurzatmigen – Anmerkungen zur deutschen SF-Story-Szene 2016

Es gibt wohl kaum ein populäres Genre, in dem Anthologien eine so gewichtige Rolle gespielt haben wie in der Science Fiction. Ohne die unüberschaubare Anzahl von Original- und Reprint-Anthologien, Anthologiereihen wie Orbit, New Dimensions oder New Writings in Science Fiction und den vielen, teils parallel editierten Year’s-Best-Auswahlbän­den wäre das SF-Story-Schaffen in seiner Vielfalt kaum denkbar. Der Durchbruch der Anthologien zu einem Leit­medium der Science Fiction lässt sich sogar an einem kon­kreten Datum festmachen: 1946 erschien Adventures in Time and Space, herausgegeben von Raymond J. Healy und J. Fran­cis McComas, ein von berühmten Namen und vielgepriesenen Stories nur so strotzendes Kompendium der Golden-Age-SF und sicher eines der einflussreichsten SF-Bücher über­haupt. Seitdem haben umtriebige Antho­logisten unter immer neuen Aspekten Stories zusammengetra­gen oder Autoren mit zahllosen Themenvorgaben zu Antholo­gieprojekten versam­melt. Diese Tradition spielt auch in der deutschen Science Fiction bis heute eine maßgebliche Rolle. In einer Szene, die durch ihre geringe Reichweite und ihren Mangel an starken Autoren gehandicapt ist – nicht gerade gute Vo­raussetzungen für eine befriedigende Auswahltätigkeit – stellen sich Anthologisten dennoch immer wieder der He­rausforderung, lesenswerte Storysamm­lungen zusammenzu­stellen. Bei der Betrachtung der mehr bis weniger gelun­genen Anthologien, die 2016 erschienen sind und einen wesentlichen Teil der Lektüre für den vorliegen­den Artikel ausgemacht haben, tritt dabei einiges Sympto­matisches in der deutschen SF zutage. Weiterlesen »

Rezension: „Kirkasant“ von Axel Kruse

Das Axel Kruse sein Handwerk versteht, soll hier nicht weiter zum Thema gemacht werden, denn das steht außer Frage.

In seinem Roman „Kirkasant“, der wie schon die anderen Werke aus der Feder Kruses auf einem abseits gelegenen Planeten spielt, sind es eher die kleinen Probleme vor Ort.

Es gibt keine universellen Mächte, die um die Vorherrschaft ganzer Quadranten Armaden von Schiffen aufeinander schicken. Es sind die kleinen Dinge. Einzelne glaubwürdige Menschen, die ihre eigenen glaubwürdigen Dinge erleben. Das macht auch den Charme dieser Geschichten aus. Hier sei noch einmal „Glühstern“ erwähnt, das man unbedingt gelesen haben sollte.

Zurück zu Kirkasant:

Samuel ‚Sam‘ Kors, Besitzer des Frachters ›Lahme Ente‹ landet nach langer Abwesenheit einmal mehr auf dem zum Roman gleichnamigen Planeten, um sein Schiff einmal gründlich überholen zu lassen. Es ist viel passiert auf dieser Welt:  Aktuell steht eine Abstimmung an, ob die Bewohner des Planeten sich zu Terra oder zum Königreich Deroila zugehörig sein wollen, da beide Mächte diesen Planeten beanspruchen. Beides hat seine unbestrittenen Nachteile, die Unruhe bei den Menschen, aber auch bei den Derolianerm wecken.

Um sich die Reparaturen leisten zu können, lässt sich Sam darauf ein, eine Reisegruppe über den Planeten zu führen, was wie selbstverständlich zu weiteren Problemen führt. Aus dem Touristenspaß wird ein Planet-trek zurück in eine der wenigen Siedlungen Kirkasants.

Das ganze Buch hat etwas ruhiges, stilles. Ein wenig erinnert es an alte Zeiten auf der Erde und doch ist es modern und die Spannung wird gehalten. Die Welt, über die uns der Autor führt ist eine fremde und zugleich erschreckend bekannte. Eine gelungen Mischung aus Bauchweh und Faszination.

Auf jeden Fall empfehlenswert.

Fazit:
Schade ist, dass hier vom Verlag her ordentlich Seiten geschunden worden sind. So hat man diese kurze Geschichte auf knapp 110 Seiten gestreckt, indem man sich hier und da einiges an Freiraum hineingeschummelt hat, weshalb man nun auf das nächste Heftchen warten muss, das sich dann Fortsetzung nennt. Es sei nicht dem Autor angelastet. Vermutlich lag diese Entscheidung beim Verlag.

Sollte es eine zweite Auflage geben, kann ich nur empfehlen, den Roman als ganzes zwischen einen Deckel zu schieben, das macht dann deutlich mehr her.

 

Ebenfalls sollte man das beeindruckende Coverbild des begnadeten Lothar Bauer beachten!

Unterhaltung:

Anspruch:

Originalität:

 

Verlag: Atlantis Verlag

Print, € 10,90

E-Book € 3,99

Rezension: „Versuchsreihe 13“ von Uwe Hermann

Wer die Kurzgeschichten von Uwe Hermann kennt, wird sich vielleicht verblüfft die Augen reiben: Ein Zombie-Thriller?!?

Tatsächlich kommt Humor in diesem Roman bestenfalls am Rande vor. Aber das liegt in der Natur der Sache, wenn halb Hamburg von Nanorobotern bevölkert wird. Oder, besser gesagt: Hamburgs Bewohner.

In „Versuchsreihe 13 – Die Epidemie“ hat eine Firma Nanobots entwickelt, die einen Menschen kurzzeitig wiederbeleben können – sehr praktisch, wenn es etwa darum geht, ein Mordopfer nach dem Täter zu fragen. Allerdings dreht sich die eigentliche Geschichte um eine ganz bestimmte Sorte dieser Nanobots: Solche nämlich, die einen Menschen permanent wiederbeleben können. Bis sie – ähnlich Mutationen – immer mehr Fehler in die Nachfolgegeneration einbauen und den Träger letztlich zu einer Art Zombie werden lassen. Dagegen hilft nur die Originalversion der Bots, ebenjene „Versuchsreihe 13“, und die befindet sich nur im Körper von Florian Richter, dem ehemaligen Leiter des Reanimierungsteams der Kripo Hamburg. „Ehemalig“, denn auch Richter ist längst tot. Eine tote Hauptfigur ist schon einmal eine tolle Sache, und wenn dann auch noch diverse Interessenten an seinen Nanobots hinter ihm her sind, sind Tempo und Spannung garantiert.

Geschickt flechtet der Autor ein Netzwerk an Beziehungen zwischen den vielen Handlungsträgern. Bisweilen blendet die Erzählung um zu einem völlig unerwarteten Schauplatz, um ein Einzelschicksal zu schildern – aber Sie können sich darauf verlassen, dass das nicht ohne Grund geschieht.

Uwe Hermann hat einen rasanten Roman vorgelegt, der vor allem in der zweiten Hälfte nochmal eine Schippe drauflegt, und abgesehen von heftigen Explosionen und erstaunlichen Wendungen auch einfühlsam die menschliche Seite des Dramas zeigt. Dabei bleibt die Geschichte deutlich plausibler als durchschnittliches Action-Kino – und drängt sich durch das gelungene Lokalkolorit zur Verfilmung förmlich auf.

 

 

Unterhaltung:

Anspruch:

Originalität:

 

Atlantis Verlag, 370 Seiten, 14,90, auch als E-Book erhältlich

Rezension: Paul Lung – Das Eden-Projekt

Klappentext:

Der freiberufliche IT-Techniker Ilay Gador ist ein Eigenbrötler aber einer der Besten seines Fachs. So erhält er auch den Auftrag, die Zerstörung eines Kommunikationsrelais zwischen Erde und Mars zu untersuchen. Als er durch diesen Auftrag in Tatverdacht gerät, ist er gezwungen, untertauchen. Im Versuch „seine Unschuld zu beweisen“ muss er bald erkennen, dass er nur ein Spielball größerer Mächte ist, die nicht nur seine eigene Existenz bedrohen, sondern die ganze Welt.

Meinungen:

Zurückgezogen lebend wird der IT-Techniker Ilay Gador zum Staatsfeind Nummer eins, als ein möglicher Terroristischer Anschlag eine Kette globaler Katastrophen auslöst.

Die Gesetzesvertreter haben mehr Indizien als Hinweise, dass der Hauptprotagonist die Verantwortung für das auf der Erde voranschreitende Chaos trägt und setzt alles daran, ihn dingfest zu machen.

Natürlich ist er Unschuldig, das steht nie zur Debatte und es geht in dem Roman auch viel mehr um Ilay Gador, wie dieser von einem Punkt zum nächsten fliehen muss und nebenbei versucht seine Unschuld zu beweisen.
Beides lässt sich schwer unter einen Hut bringen, aber er ist nicht allein, was ihm Kraft gibt durchzuhalten und weiter zu machen.

Und natürlich erkennt er recht bald, ‚was‘ die eigentliche Verantwortung trägt, jedoch bleibt ihm und den Leser das ‚wer‘ und ‚warum‘ lange Zeit verborgen, was durchaus fesselt.
Vor allem aber beschäftigt einen die Frage: Wie geht man in der aktuellen Situation um, in der nichts mehr ist, wie es war. Fast schon ein kleiner Endzeitroman, schließlich geht die Erde gerade vor die Hunde.

Der Fokus bleibt jedoch auf Ilay Gador und dummerweise ist dieser Roadtrip an vielen Stellen sehr anstrengend, manchmal ein wenig zu hektisch. Natürlich ist die Hauptfigur auf der Flucht!
Aber ist er der beste IT-ler der Welt? Er tat nichts, was ich nicht verstanden habe, oder was jeder andere IT-Techniker mit seiner Grundausbildung auch können könnte.

Das in diesem Buch nicht alles ist, wie es scheint, streut der Autor sorgfältig in seine Geschichte ein, auch wenn es manchmal ein wenig zu offensichtlich ist, so das die ein oder andere Wende einen nicht mehr überrascht, mehr noch, als Leser fragt man sich hin und wieder, wie naiv die Hauptfigur ist, dass sie es einfach nicht kapiert.
Zugegeben, wir erleben die Ereignisse aus mehreren Perspektiven und haben mehr Wissen als die Figur. Dennoch, da war Luft nach oben.

Ohne viel zu Spoilern gibt es natürlich noch unerwartete Wendungen, die erfrischen, im Detail aber unnötig waren. Dienten sie doch nur dazu, eine brenzlige Situation nicht sofort auflösen zu lassen

Im Fazit muss man sagen, das Paul Lung sein Handwerk versteht. Gerade der Anfang ließt sich flüssig wie klares Wasser, es fesselt, es zieht in den Bann.

Gegen Ende wird es ein wenig holprig. Da ließt man dann auch mal ein „Er traute es sich nicht“ anstatt das sehr viel angenehmere „Er wagte es nicht“.

Die gesamte Geschichte ist gut durchdacht, der Aufbau und Spannungsbogen ist gelungen und der Abschluss befriedigend.

Rund um ein gutes Buch, mit dem man sich einige vergnügliche Stunden machen kann.

Positiv sei noch zu erwähnen, dass es keine einzige ‚Kopfschmerz-szene‘ gab, in der irgendwer irgendwas so blödes macht, dass man aufstöhnend den Lesefluss unterbrechen muss. Einzig vielleicht die Herren und Damen aus dem Ermittlungsbereich – die waren teilweise noch begriffsstutziger als die Hauptfigur an einigen wenigen Stellen. Aber das sollen ja auch Ermittlungsbeamte sein, das war dann schon irgendwie authentisch

 

 

Unterhaltung:

Anspruch:

Originalität:

 

Verlag: Hybrid Verlag

Nur als Print, € 11,90

Rezension: „Leichter als Vakuum“ von Simon&Steinmüller

„Fake Olds“ – unter dieser Überschrift, in Anspielung auf „Fake News“, saßen Angela und Karlheinz Steinmüller und Erik Simon im Juni beim Dortmunder U-Con und plauderten über das vorliegende Buch, das sich einer Subgenre-Zuordnung weitgehend entzieht. Auf den ersten Blick könnte man es als Alternativhistorie bezeichnen, tatsächlich aber, so erklärte Professor Steinmüller, sei es erfundene Geschichte, die aber nicht im Widerspruch zu belegten Ereignissen stehe, also keineswegs kontrafaktisch ist, sondern sozusagen geschickt ergänzend. Der Kniff, nicht explizit im Widerspruch zur tatsächlichen Historie zu stehen, macht das Buch sehr reizvoll.

Die „Fake Olds“ werden uns in Episodenform dargebracht durch einen Historiker namens Simon Zwystein, der erstaunliche historische Dokumente kommentiert und vorstellt. Zwystein ist natürlich eine Kunstfigur. Weder er noch alle Texte sind übrigens neu, einige stammen aus den Achtzigern, andere sind neueren Datums, alle wurden für die Veröffentlichung überarbeitet. Den komplexen Entstehungsprozess beleuchtet Erik Simon im Nachwort.

In den Texten erfährt der Leser aus Zwysteins erstaunlichen historischen Quellen über bislang unbekannte Beziehungen zwischen dem Kalifat von Bagdad und Karl dem Großen, über eine Reise zum Mond, über die Malteser Tontafeln, über den sagenhaften Ort Germelshausen, und über die Weltreise eines römischen Bürgers. Die zweite Hälfte des Buchs nimmt der Roman „Die große Reise“ ein, der dem weitgehend vergessenen deutschen Utopiker Ernst Wegbreiter „zugeschrieben“ wird. Darin finden anno 1909 zwei Männer und eine Frau ein fremdartiges Raumfahrzeug und begeben sich auf die titelgebende Reise. Wenngleich an vielen Stellen herausragend geschrieben, kämpft der Roman auch mit ein paar Längen, was aber aus heutiger Perspektive mit Sicherheit auf fast jeden utopischen Roman vom Anfang des 20. Jahrhunderts zutrifft (also auch auf die, die wirklich damals geschrieben wurden). Ein oder zwei Wendungen lassen den Leser etwas ratlos zurück – was war real, was Einbildung oder erfunden? Letztlich steht diese Frage über dem ganzen Buch und macht seinen Reiz aus: Die Fake Olds sind wirklich sehr gute Fakes, denn man erkennt sie kaum als solche.

Wie Angela und Karlheinz Steinmüller sowie Erik Simon hier gemeinschaftlich mit Geschichte spielen, stets eine für die jeweilige Form (Tagebuch, Brief, Tontafeln) geeignete Sprache finden, die trotzdem immer gut lesbar ist, wie sie trotz der ungewöhnlichen Form mit Leichtigkeit liebenswerte Figuren erschaffen, zwischen den Zeitaltern springen, und letztlich ganz und gar moderne Botschaften transportieren, davor kann man nur den Hut ziehen. Gleichzeitig wird der Leser vorzüglich unterhalten, blitzt doch immer wieder zwischen den Zeilen ein verschmitztes Lächeln auf; ein feiner, intelligenter Humor („Ganz schlechtes Feng Shui!“), der sich wie ein roter Faden durch die so unterschiedlichen Geschichten zieht, und sie zu einem Gesamtwerk verbindet, dessen Bedeutung weit über die Buchdeckel hinausgeht: Es ist eine Nachricht an all die Autoren und Leser dort draußen, und sie lautet: Lesen und Schreiben mit angeschaltetem Gehirn macht besonders viel Spaß!

Unterhaltung:

Anspruch:

Originalität:

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