NOVA 20: Interview mit Olaf Hilscher und Michael Iwoleit

10. September 2012
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Mitte Oktober feiert NOVA ein stolzes Jubiläum: 20 Ausgaben hat das SF-Storyzine dann geschafft. Bei soviel Atem können sich die Macher und ihre Grafiker und Autoren wirklich auf die Schulter klopfen. Wir haben Olaf G. Hilscher und Michael K. Iwoleit rund um vergangene und kommende NOVA-Ausgaben ein paar Fragen gestellt und klären, wie es mit eBooks weitergeht, was sich ab Ausgabe 20 ändern wird und wie NOVA künftig neue Leser und auch neue Autoren gewinnen will.

eBooks: „Man kommt
an Amazon nicht vorbei“

NOVA gibts nun auch als eBook. Warum zuerst auf Kindle bei Amazon?

Olaf: NOVA als eBook ist eigentlich schon länger geplant gewesen, scheiterte letztlich aber an meiner fehlenden Zeit. Ich musste ja erst einmal verschiedene Systeme und Reader testen. Den Kindle als Reader und Amazon als Vertrieb habe ich dann einfach als das beste Paket empfunden. Der Vorteil bei Amazon ist doch, dass sie neben den eBooks ein Vollsortimenter sind und du von jedem gefunden wirst, egal, ob der jetzt nach Print oder eBook gesucht hat.

Nicht jeder mag Amazon und seine Kindle-Restriktionen …

Olaf: Man kann über Amazon und ihre beherrschende Stellung auf dem Markt denken wie man will – aber man kommt heute nicht mehr an ihnen vorbei. Und natürlich wird es NOVA auch noch für andere Reader-Plattformen geben, mit einer zeitlichen Verzögerung.

Fiel euch der Schritt hin zu eBooks schwer?

Olaf: Wir haben in den letzten anderthalb Jahren immer wieder – und in letzter Zeit sehr massiv – Anfragen für eine eBook-Version von NOVA gekriegt. Ich musste mich als Extrem-Bibliophiler aber erst einmal selbst in das Medium eBook einarbeiten – früher hätte ich mir niemals träumen lassen, dass ich mal Bücher auf einem elektronischen Anzeigegerät lesen würde. Inzwischen ist das aber eine Selbstverständlichkeit, und die Download-Zahlen von NOVA 19 bestätigen das.

Kannst du was zu den Zahlen sagen?

Olaf: Während ich diese Frage beantworte ist die eBook-Version noch keine Woche online und schon über 500 Mal herunter geladen worden. Es scheint auf jeden Fall Interesse an SF-Kurzgeschichtensammlungen im Allgemeinen, und vielleicht sogar an NOVA im Besonderen zu geben. Das freut mich natürlich.

Prioritäten: „Fokus liegt weiter
auf der Print-Ausgabe“

Sind eBooks eine Chance, auch SF-Vielleser zu erreichen, die zunehmend mit 99-Cent-Serienschrott zugeschmissen werden?

Olaf: Mit „99-Cent-Serienschrott“ wollen wir uns natürlich weder messen noch vergleichen. Unser inhaltlicher Anspruch ist ein gänzlich anderer und ich bilde mir ein, dass wir mit NOVA auch einen höheren sprachlichen Anspruch transportieren als die vielen DIY-Veröffentlichungen, die es im eBook- beziehungsweise PoD-Bereich gibt.

Wird sich der Fokus hin zum eBook verschieben?

Olaf: Letztlich sind die NOVA-eBooks eine Zweitverwertung, der Fokus wird immer auf der Print-Ausgabe liegen. Ich habe zum Beispiel eine Idee für ein Grafik-Special in NOVA 21, die sich nur in der gedruckten Version wird umsetzen lassen, auf einem Reader aber nicht. Das ist dann halt Pech für den eBook-Leser, aber kein Grund für mich, das deswegen nicht zu machen.

Multimedia-eBooks:
„Ich brauche kein Geblinke“

Eigentlich ist ein Kindle ja nur eine karge Website ohne bunten Spaß. Für „Science Fiction“ würde sich ja anbieten, auch die Form den vorhandenen, gestern noch futuristischen Mitteln anzupassen, etwa auf der Plattform iBook als interaktives Multimedia-Werk, mit animierten audiovisuellen Illustrationen u.ä. Interessiert euch sowas?

Michael: eBooks sind sicher ein Medium, das noch etwas ausreifen muss, aber sie als „karge Website ohne bunten Spaß“ zu bezeichnen trifft sicher nicht bei eBook-Produzenten zu, die einen gewissen Qualitätsanspruch verfolgen. Literatur ist in erster Linie etwas, das gelesen werden soll und zwar um seiner selbst will. Dass eine Sache nur interessant ist, wenn sie mit bunten Effekten multimedial aufgepeppt wird, ist ein Klischee unserer schnelllebigen, von Reizüberflutung geprägten Zeit, das wir uns nicht zu eigen machen wollen.
Ich persönlich bin durchaus an der Kombination von Literatur mit audiovisuellen Medien interessiert und werde in dieser Richtung sicher mal experimentieren. Solche Dinge gehen aber über die Kapazitäten des kleinen Teams hinaus, das NOVA macht. Wir werden uns auch in Zukunft auf unsere Kernkompetenzen konzentrieren, das heißt: ein Magazin für aktuelle Kurzgeschichten zeitgenössischer deutschsprachige SF-Autoren herauszugeben, abgerundet mit Illustrationen, Artikel und Übersetzungen. Unsere Redaktion – gegenwärtig drei Mann – ist bereits voll damit ausgelastet, dieses Konzept in möglichst hoher Qualität zu verwirklichen. Mehr können wir uns nicht aufladen.

Olaf: Kernkompetenz ist hier tatsächlich das Stichwort. Meine Liebe galt immer der Science-Fiction-Literatur. Wichtig sind die Bilder, die beim Lesen im Kopf entstehen. Ich brauche kein Geblinke und kein Multimedia, das hat für mich nicht zwangsläufig was mit SF zu tun. eBooks haben den Vorteil der schnelleren Verfügbarkeit eines Textes und eines geringeren, ressourcenschonenderen Produktionsaufwands. Aber das eBook hat für mich letztlich die selbe Aufgabe wie ein gedrucktes Buch: Die Geschichten, die im Geist des Autoren entstanden sind, zum Leser zu transportieren und alles weitere dessen Fantasie zu überlassen. Das ist das, was wir mit NOVA primär erreichen wollen.

Das eBook hat ja kein Platzproblem, anders als das Holzbuch. Wäre eine im Vergleich zur gedruckten Version „umfangreichere“ eBook-Version denkbar?

Michael: Denkbar wäre es, ist aber aus den genannten Gründen für uns nicht machbar. Zwei Magazinausgaben pro Jahr sind eine Menge Arbeit, und wir werden froh sein, wenn NOVA in Zukunft, wie angekündigt, jeweils im Mai und Oktober pünktlich erscheinen kann. Sicher wird es, wie bisher, gelegentlich kleine Features auf unserer Website geben, die die aktuelle Ausgabe ergänzen, aber mehr nicht.

Olaf: Das NOVA-eBook ist eine Zweitverwertung und als solches bestenfalls ein Alternativmedium. Der Print-Ausgabe von NOVA wird immer das Hauptaugenmerk gelten.

Zehn Jahre Erfolg: „Das ist vor uns
noch niemandem gelungen“

Mit eBook kommen gewiss neue Zielgruppen hinzu. Schnell „messbar“ wäre dann, platt gesagt, dass „nackte Aliens, Wummen, Raumschiffe“ auf dem Titel mehr Käufer bringen. Könnt ihr dieser Versuchung widerstehen?

Michael: Wären wir daran interessiert, den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen und das zu produzieren, wonach der Markt gerade verlangt, hätten wir wohl gar nicht erst damit angefangen, deutschsprachige SF-Stories herauszugeben. Bei den großen Verlagen dominiert heute die Politik, nur noch das Gängige zu produzieren und Nischenmärkte zu vernachlässigen. Den Anspruch, den große Verleger früherer Zeiten einmal verfolgt haben – nämlich das zu produzieren, von dessen Qualität man überzeugt ist, und dafür ein Publikum zu finden – wird heute fast nur noch von Kleinverlegern und Herausgebern kleiner, unabhängiger Magazine wie dem unseren hochgehalten. Wir fühlen uns in dieser Partisanenrolle wohler.
Wir sind davon überzeugt, dass es deutsche SF-Autoren gibt, die Stories auf internationalem Niveau schreiben, und dass in der Szene immer wieder neue Talente auftauchen, die es verdienen, gelesen zu werden. Diese wollen wir an ein Publikum bringen, und das hat bisher immerhin so gut geklappt, dass wir seit inzwischen zehn Jahren ein deutsches SF-Storymagazin am Leben halten. Das ist vor uns noch niemandem gelungen und ein Erfolg für sich. Wenn sich die Chance bietet, ein größeres Publikum zu erreichen, werden wir sie wahrnehmen. Aber wir werden dafür unseren Qualitätsanspruch nicht aufgeben. Im Gegenteil: Wir wollen noch besser werden.

NOVA 20: „Eine
deutliche Weiterentwicklung des Magazins“

Kommen wir zur Jubiläumsausgabe…

Michael: NOVA 20 wird in neuer Aufmachung und in verbesserter Produktions- und Textqualität erscheinen. Man könnte sagen, was wir ab Nummer 20 produzieren, ist bereits NOVA 3.0 – wir haben ja schon mit Ausgabe 10 eine erste Verbesserung von Layout und Inhalt vorgenommen.

Was hat sich von Ausgabe 1 bis Ausgabe 20 geändert?

Michael: Wer Nummer 20 neben die ersten Ausgaben aus den Jahren 2002/2003 hält, müsste blind sein, um nicht eine deutliche Weiterentwicklung des Magazins festzustellen. Unser Ziel war es von Anfang an, ein Forum für die beste zeitgenössische deutschsprachige Science Fiction zu schaffen. Diesem Ziel haben wir uns schrittweise angenähert, und es ist sicher noch nicht das Ende der Fahnenstange erreicht. Das Magazin musste sich etablieren, und einige Autoren, an denen wir interessiert waren, sind erst nach und nach dazu gestoßen. In Ausgabe 20 werden weitere herausragende deutsche SF-Autoren – darunter Karsten Kruschel und Michael Marrak – ihren Einstand in NOVA feiern. Dass solche Leute uns Beiträge liefern, dürfen wir wohl als Hinweis darauf werten, dass NOVA sich ein gewisses Ansehen erworben hat.

Olaf: NOVA hat sich inzwischen – übrigens allen Unkenrufen früherer Jahre zum Trotz – in der deutschen SF-Szene etabliert. Wir sind sowohl von der Leser-, als auch von der Autoren- und Künstlerseite akzeptiert. Was wir machen, machen wir so professionell wie möglich, obwohl NOVA natürlich nach wie vor ein reines Liebhaberprojekt ist. Und auch wenn wir jetzt mit NOVA 20 noch eine weitere Stufe erklimmen, was inhaltlichen Anspruch, Produktion und Vertriebswege angeht, so ist der Kerngedanke dahinter immer noch derselbe wie vor zehn Jahren bei NOVA 1.

Michael: Auch auf die Gefahr hin, dass es eitel klingt, darf man erwähnen, dass NOVA auch international einen gewissen Bekanntheitsgrad erworben hat. Unsere Gaststory-Rubrik ist auf Jahre hinaus ausgebucht. Autoren wie Guy Hasson aus Israel oder Aleksandar Ziljak haben in NOVA angefangen, über ihre Landesgrenzen hinaus auf sich aufmerksam zu machen, und im Lauf der Zeit haben wir sicher unseren Teil zur Vernetzung des SF-Szene außerhalb des englischsprachigen Raums beigetragen.

NOVA 20: „Das wird eine der besten Ausgaben
in der Geschichte des Magazins“

Ändert sich zur 20 oder danach das Team und seine Rollen?

Michael: Nach dem Ausscheiden von Frank Hebben bleibt das Team vorläufig dasselbe und mit derselben Aufgabenverteilung, also Olaf zuständig für Grafik, Produktion und Vertrieb, ich für den gesamten Textteil und Sven Klöpping als Verstärkung fürs Lektorat. Außerdem wird Sven unsere Website betreuen. Es ist nicht auszuschließen, dass wir früher oder später wieder einen dritten Herausgeber einbeziehen werden, der ausschließlich für die Grafik zuständig ist. Aber ein geeigneter Kandidat müsste erst gefunden und eingearbeitet werden, und dazu ist im Moment keine Zeit.

Olaf: Ich denke, wir sind auch zu zweit gut aufgestellt, zumal wir mit Sven für das Lektorat und als Homepage-Redakteur eine perfekte Hilfe haben. Ich habe den Grafik-Redakteursposten bei NOVA ja schon mal gemacht und bin eigentlich ganz froh, den visuellen Aspekt von NOVA jetzt wieder in die Richtung steuern zu können, die ich mir vorstelle. Dass es da eine Veränderung gibt, sieht man ja schon auf dem vorab veröffentlichten Cover von NOVA 20.

Nostalgie-SF: „Ich hoffe, dass sich Autoren wieder
vermehrt zeitgenössischen Themen zuwenden“

Wie sehen die Änderungen inhaltlich aus?

Michael: Inhaltlich bleiben wir weiter offen für alle Arten von SF, von Hard SF über Cyberpunk und Steampunk bis hin zu Poetischem, Skurrilem und Experimentellem. Wir möchten die Kreativität unserer Autoren nicht einschränken, aber wir werden höhere Anforderungen an die schriftstellerische Umsetzung stellen. Ich will nicht zu viel versprechen, aber ich glaube, dass NOVA 20 eine der besten Ausgaben in der Geschichte unseres Magazins sein und für die nächste Zeit Maßstäbe setzen wird.
Ich mag gute Stories und originelle Ideen, bin aber der – unter literaturästhetischen Gesichtspunkten vielleicht etwas altmodischen Auffassung –, dass das Wie über die Qualität einer Geschichte entscheidet. NOVA braucht Autoren mit einem sicheren, individuellen Stil und einem Gefühl für Form und Atmosphäre.
Es gibt im Moment einen gewissen nostalgischen Trend in der SF, was sich in der Popularität von Steampunk und Alternativweltgeschichten äußert. Ich habe prinzipiell nichts dagegen, wenn’s gut geschriebene Geschichten sind, aber ich hoffe, ein bisschen darauf hinwirken zu können, dass sich Autoren wieder vermehrt zeitgenössischen Themen zuwenden: Computer, Internet, neuen Medien, aktuelle wissenschaftliche Ideen. Auch politisch darf es werden (in dieser Hinsicht wird derzeit viel zu wenig gewagt).

Olaf: Ich weiß nicht, ob unser Konzept ab NOVA 20 soooo neu ist. Unsere Storyauswahl ist schon immer etwas kontrovers aufgenommen worden – aber das ist natürlich Geschmackssache, und über Geschmack kann man bekanntlich nicht streiten. Wie Michael auch finde ich die Idee am wichtigsten, dann die Ausführung. Ob es dann leserkompatibel ist, stellt sich sowieso erst nach der Veröffentlichung raus.
Wir haben schon Stories gebracht, die ich eigentlich richtig – hm, ´tschuldigung – Scheiße fand, die dann hinterher einen Preis gewonnen haben; und wir haben Stories gebracht, die ich für grandios halte, die von den Lesern aber in der Luft zerrissen wurden. Der Anspruch ist auch in Zukunft, originelle, handwerklich gut gemachte Stories zu bringen.

Gibt’s mehr Platz für ausländische Stories und Artikel?

Michael: Nein, die inhaltliche Aufteilung wird so bleiben, wie sie ist: ein bis zwei Essays und eine Übersetzung bzw. ein Klassikernachdruck pro Ausgabe, ansonsten stehen aktuelle Kurzgeschichten deutschsprachiger Autoren im Mittelpunkt. Für die Publikation interessanter ausländischer Autoren haben wir ja seinerzeit das Schwestermagazin InterNova ins Leben gerufen, das ich heute noch als E-Zine weiterführe. Beide Magazine sind unabhängig voneinander und sollen es auch bleiben.

Layout: „Bisher zu viel
auf eine Seite gequetscht“

Wie darf man sich NOVA 20 optisch vorstellen? Rückt ihr einen Layout-Entwurf heraus? 😉

Michael: Wir haben an anderer Stelle schon gesagt, dass wir in unserem Bemühen, für den Preis des Magazins – immerhin 12,80 – möglichst viel Inhalt zu bieten, ein wenig über Ziel hinausgeschossen sind. Unter unseren Lesern – die zu einem großen Teil ein wenig älter sind – herrscht weitgehender Konsens, dass wir in den letzten Ausgaben zu viel auf eine Seite gequetscht haben. Ab NOVA 20 wird das Layout wieder etwas aufgelockert, die Schrift vergrößert und die Randstellung angepasst, was nicht nur die Lesbarkeit, sondern auch die Handhabung des Magazins verbessern wird. Olaf hat ein Testlayout gemacht. Ob er das rausrückt, muss er entscheiden.

Olaf: Nein, das rücke ich nicht raus 😉 Also, es wird deutlich mehr Illustrationen geben. Längere Geschichte werden zwei Illus haben, wo sich auch zwei Zeichner hingesetzt und sich über die Motive und so weiter abgestimmt haben. Zum anderen ändert sich das Format an sich: NOVA wird etwas schlanker, dafür aber etwas höher, was sich natürlich auch auf den Satzspiegel auswirkt.
Ich habe mich zugegebenermaßen lange gegen eine Vergrößerung der Schrift gewehrt. Ich sehe ja noch ganz gut. 😉 Aber auch die wurde vergrößert, was die Lesbarkeit deutlich steigert. Natürlich gehen diese Maßnahmen etwas zu Lasten der Inhaltsmenge, aber ich habe versucht, das so gering wie möglich zu halten.

Vertrieb: „Kann sein, dass wir mit dieser Sache
eine Menge Geld verbrennen.“

Ihr wollt ja auch den Vertrieb ändern. Existieren im deutschsprachigen Raum überhaupt noch Vertriebswege für literarische SF?

Michael: Das wird sich zeigen müssen. NOVA wird weiterhin primär auf der bisherigen Schiene vertrieben, das heißt Abonnenten und Direktbestellungen bei uns. Daran werden wir festhalten, um die Finanzierung und den Fortbestand des Magazins zu sichern, selbst wenn andere Wege erfolglos bleiben sollten. Ab Ausgabe 20 wird NOVA allerdings erstmals auch über einen professionellen Zeitschriftenvertrieb im deutschen, österreichischen und schweizer Bahnhofsbuchhandel angeboten. Wir haben uns bescheidene Ziele gesetzt. Schon tausend zusätzlich verkaufte Exemplare würden uns neue Möglichkeiten eröffnen, vor allem könnten wir unseren Autoren und Grafikern ein bescheidenes Honorar zahlen. Die Abonnentenzahlen und eBook-Verkäufe haben sich in letzter Zeit vielversprechend entwickelt, und die Zeit scheint reif, um Neues zu wagen und unsere Leserschaft zu vergrößern.

Olaf: Für uns bietet sich mit Bahnhofsbuchhandlungen eine große Chance. Der Vertrieb kam auf uns zu und hat uns ein Angebot unterbreitet, obwohl niemand genau weiß, ob sich für ein Produkt wie NOVA überhaupt ein Markt finden lässt. Nicht zuletzt wegen des Formats. Es kann sein, dass wir mit dieser Sache eine Menge Geld verbrennen. Aber ich hoffe, wir finden genügend Leser unter der Laufkundschaft. Dass die eBooks so gut laufen würden, hat vorher auch keiner gedacht

Stories: „Sintflut an
unbrauchbarem Material“

Wie kommt eigentlich eine Story ins Magazin? Wie sorgt ihr für frisches Blut? Immerhin stellt ihr euch bei der Manuskriptannahme taub…

Michael K. Iwoleit

Michael K. Iwoleit

Michael: Es ist etwa drei Jahre her, seit wir NOVA vorläufig für unverlangte Manuskripteinsendungen gesperrt haben, und ich kann nicht feststellen, dass sich der Autorenkreis seitdem eingeengt hat oder Neulinge keine Chance mehr bekommen haben. Wir sind seitdem ganz gut damit gefahren, dass wir selber Autoren ansprechen oder uns von Leuten, deren Urteil wir respektieren, empfehlen lassen.
Wenn die neuen Vertriebswege erfolgreich sind und NOVA in Zukunft Honorare zahlen kann, werden wir darüber nachdenken, NOVA wieder für unverlangte Einsendungen zu öffnen, in der Hoffnung, dass wir Angebote von professionellen Autoren erhalten, die bisher aus Honorargründen nicht für NOVA geschrieben haben. Allerdings werden wir Maßnahmen treffen, um die Sintflut an unbrauchbarem Material einzudämmen, mit der dann zu rechnen ist. Zum Beispiel denke ich daran, nur Angebote zu lesen, die sich formal an die Autorenhinweise auf unsere Website halten. Unter den unverlangten Einsendungen sind immer wieder brauchbare Sachen dabei, aber die Ausbeute ist erfahrungsgemäß gering.

Gelegentlich hat man das Gefühl, dass ihr euch immer im selben Autorenkreis bewegt.

Michael: Es gibt bei NOVA keine Gefälligkeitsveröffentlichungen und keine Begünstigungen. Ausschlaggebend ist die Qualität einer Geschichte, und dabei werden auch für enge Freunde der Redaktion und sogar für Redaktionsmitglieder keine Ausnahmen gemacht. Ich entscheide zum Beispiel nicht allein über die Veröffentlichung meiner eigenen Stories. Dazu müssen erst Olaf und Sven zustimmen. Sven reicht mir seine Stories wie jeder externe Autor ein und muss sich derselben Kritik stellen.
Dennoch ist es kein Zufall, dass ein gewisser Kreis von Autoren in NOVA immer wieder auftaucht – was für ein SF-Magazin übrigens nichts Ungewöhnliches ist. Es gibt jede Menge deutsche SF-Autoren, aber nur die wenigsten sind in der Lage, über längere Zeit hinweg zuverlässig qualitativ hochwertige Erzählungen zu produzieren. Ich kann nichts Negatives daran erkennen, dass wir gern Leute ansprechen und wieder veröffentlichen, die schon in der Vergangenheit gute Arbeit abgeliefert haben. Wenn man ein Magazin macht, ist es übrigens nie ganz zu vermeiden, dass man Leute verärgert oder sich Feinde macht. Kollege Ronald Hahn hat gelegentlich erzählt, dass manche Leute ihm noch heute spinnefeind sind, weil er vor dreißig Jahren eins ihrer Manuskripte abgelehnt hat. Vielleicht wird’s uns mit der Zeit auch gelingen, uns solche Feinde zu machen, aber sei’s drum. So ist das Leben.

Was macht für euch eine Story aus? Sollte gute SF auch Jahrzehnte überdauern können (was auch bedeutet, das heute Stories gut sind, die auch vor 30 Jahren hätten erscheinen können), oder müssen gute Stories dem aktuellen Weltgeschehen den (Zerr)Spiegel vorhalten?

Olaf: Sowohl als auch, denke ich. Wenn ich zum Beispiel an Tiger! Tiger! von Alfred Bester denke, dann wirkt im Detail manches antiquiert, die gesellschaftlichen Kernaussagen sind aber immer noch treffend. Andererseits gibt es aktuelle Sachen (ich denke da an Cory Doctorow oder China Mieville beispielsweise), die mich einfach gar nicht berühren, obwohl sie sprachlich und inhaltlich nicht schlecht sind. Vieles ist eben Geschmackssache.

Michael: Wohl jeder Autor wünscht sich, etwas zu schreiben, das die Zeiten überdauert, aber planen kann man das nicht. Es gibt SF-Stories aus den Vierzigern, etwa von C.L. Moore und Henry Kuttner, die sich heute noch frisch und interessant lesen. Andererseits gibt es Stories aus den Siebzigern, die in ihren Vorstellungen so zeitgebunden sind, dass sie heute so museal wirken wie Jules Vernes Visionen vom Jahr 2000. Ein Autor kann nur versuchen, auf dem heutigen Entwicklungsstand des Genres und am Puls der Zeit sein Bestes zu geben, und dann wird sich zeigen, was auf Dauer Bestand hat. Das gilt auch für ein Magazin, das seinen Autoren eine gute Veröffentlichungsplattform bieten will.

Qualitätsdebatte: „Naive Einschätzung
englischsprachiger SF“

Berühmte letzte Worte zum ununterbrochenen Dauer-Ende deutscher Science Fiction?

Olaf G. Hilscher

Olaf G. Hilscher

Olaf: Ach, dieses ständige Totsagen der deutschen SF. Das geht mir immer ziemlich auf den Sack. Meines Erachtens war die SF in Deutschland nie vom Aussterben bedroht, und ist es auch jetzt nicht. Natürlich macht keiner der deutschen Autoren ein Vermögen (das machen aber auch die angloamerikanischen Autoren mit wenigen Ausnahmen nicht), aber es gibt eine stabile Lesergemeinde und einen durchaus sehens- und lesenswerten Output der deutschen (Klein-)Verlagsszene. Ich glaube auch nicht, dass es da jemals ein Qualitätsproblem gab. Der Deutsche an sich jammert halt nur gerne, und da bildet der deutsche SF-Fan eben keine Ausnahme.

Michael: Ich glaube, das wiederkehrende Gefrotzel über die deutsche SF beruht auf einer ziemlich naiven Einschätzung der Qualität der englischsprachigen SF. Der Einzugsbereich der englischsprachigen Szene ist wesentlich größer als der der deutschen, deshalb tauchen dort, in absoluten Zahlen, mehr lesbare bis gute Autoren auf als bei uns. Nur ist auch die Masse an Schrott, die vor allem in den USA produziert wird – und davon konnte ich mir als Übersetzer ein lebhaftes Bild machen –, wesentlich größer. Hier wie dort sind herausragende Autoren eine Ausnahmeerscheinung. Nur fällt es bei uns stärker auf, weil die Szene viel kleiner ist und gegenwärtig eben nur zehn bis zwanzig Autoren vorweisen kann, die auf internationalem Niveau schreiben, nebst einigen vielversprechenden Talenten.

Fazit: „Es gibt massig
gute Autoren und Künstler“

Was muss passieren, dass ihr den Schuppen zusperrt und NOVA dichtmacht?

Olaf: Wenn am 21.Dezember wirklich die Welt untergeht. Ansonsten: keine Ahnung. Wir sind trotz unserer Pläne in finanziell stabilem Fahrwasser, wir haben viele Abonnenten, es gibt – wie eben erwähnt – massig gute Autoren und Künstler, was soll also passieren?

Michael: Dem kann ich mich nur anschließen. Es müsste sich schon ein Neider bewaffnen, zur nächsten NOVA-Redaktionskonferenz auftauchen und gut zielen. Das könnte uns vorübergehend etwas demotivieren … Nein, im Ernst: Solange wir unser wirtschaftliches Minimalziel erreichen – das heißt von jeder NOVA-Ausgabe müssen genug Exemplare verkauft werden, damit die nächste Ausgabe gedruckt werden kann – wird NOVA weiter bestehen. Wir möchten gern wachsen und unser Publikum vergrößern, aber in erster Linie soll NOVA als Veröffentlichungsplattform für deutschsprachige SF-Stories erhalten bleiben, komme was wolle.

Ich danke euch für das Gespräch!

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