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Interview mit Michael Haitel

 

Mit viel Motivation hast du einen Kleinverlag aufgebaut (p.machinery) und gibst für den SFCD zwei Magazine heraus. „Nebenbei“ fungierst du noch als Chefredakteur der Fantasia (oder eFantasia). Wie findest du neben deinem Brotjob noch genug Zeit und Inspiration für diese Tätigkeiten?

Du hast ja keine Ahnung 🙂 Daneben mache ich ja noch die Layouts für »MAGIRA – JAHRBUCH ZUR FANTASY«, für »Phase X«, »Geisterspiegel – Das Magazin«, »Haller« (ein Literaturmagazin aus Monschau), und was sonst noch so an Layoutgelegenheiten anfällt.

Mein Brotjob erlaubt mir große Flexibilität. Einerseits bin ich durch den Umstand, dass ich dort, wo ich arbeite, auch wohne, für Kollegen und Probleme auch außerhalb meiner Arbeitszeiten erreichbar, andererseits habe ich dadurch auch während meiner Arbeitszeit Zugriff auf private Ressourcen. Es ist eine Frage des Gleichgewichts. Wenn es die Zeit erlaubt, wird mal während der Dienstzeit was Privates erledigt, wenn es nötig ist, wird nach Feierabend auch mal für den Brötchengeber gearbeitet.

Michael Haitel

Davon abgesehen finde ich nie genug Zeit. Ich bin Workaholic, habe seit Jahrzehnten einen ständig abschlägig beschiedenen Antrag auf Einführung eines 72-Stunden-Tages in rekursiver Neustellung laufen und würde gerne irgendein Mittel – egal, ob technisch, magisch oder was auch immer – haben, um aus 60 Minuten einer Stunde mehr herauszuholen. Ich arbeite immer. Im Gegensatz zu meiner Frau bin ich multitaskingfähig 🙂 – und ich nutze das gnadenlos aus.

Und Inspiration … Der Grund, warum ich mich mit der Verlegerei beschäftige, und mit all den anderen Dingen, die damit zu tun haben, ist einerseits ein wenig Technikfreakery 🙂 [nein, das Wort findest du in keinem Wörterbuch], andererseits vor allem die unbändige Leidenschaft, Layouts zu machen. Selbst das langweiligst scheinende Taschenbuchlayout – mit einfachem Textblock und Seitenzahlen am unteren Rand – macht mich ganz fürchterlich an.

Die Inspiration, so ich dafür überhaupt welche brauche, kommt von selbst. Nimm Storyprojekte, die ich mache. Die aktuellen. Metallica, Kate Bush, die beiden Projekte – sind im Grunde ja von der »Hinterland«-Anthologie geklaut, but who cares? Die Idee hat sich ja genau in dem Zusammenhang mit »Hinterland« überhaupt erst entwickelt. Oder »Blackburn«, das Ding, das mir dank exzessivem Genuss (!) des Filmes »Blackhawk Down« nicht mehr aus dem Kopf wollte. Tatsächlich habe ich sogar viel zu viele Ideen, und ich bin nicht ganz unfroh, dass ich manche einfach wieder vergesse, bevor ich sie auch nur aufschreiben kann.

Welche Argumente kontra deutsche SF lassen dich am meisten verzweifeln und wie entgegnest du ihnen standardmäßig?

Zwei Antworten: Gar keine. Gar nicht.

Es gibt keine Argumente gegen irgendeine Literaturgattung. Es gibt die Erkenntnis, dass alles Geschmackssache ist, und damit enden Argumentationen. Wer Literatur à la »Axolotl Roadkill« mag, liest, haben will, der mag das, liest das, will das haben. Das entbehrt jeder Grundlage für eine Argumentation dagegen. Man kann als Verfechter irgendeiner hochliterarischen Richtung solchen Leuten Vorwürfe machen, aber wer hat das Problem? Die Liebhaber von »Axolotl Roadkill« und ähnlichen Werk ganz sicher nicht.

Es gibt auch keine Argumente gegen deutsche SF. Wer solche sucht, findet, äußert, der zeigt damit eigentlich nur, dass er keine Ahnung hat. Es gibt in– ohne jede Ausnahme – jeder Literaturgattung und -richtung gutes und schlechtes Material. Die deutschen SF-Autoren – und ich nenne keine Namen, wir kennen sie alle (und wer sie nicht kennt, ist vermutlich einer von denen, die Argumente gegen deutsche SF zu haben meinen). Es gibt genug Beispiele in der deutschen SF, die sich mit Amerikanern und Engländern – gibt es bei denen eigentlich noch echte SF-Autoren, oder sind das nur Fantasyautoren, die die Tolkienviechereien weglassen? 🙂 – lockerst messen können, die sich nicht nur nicht schämen müssen, sondern die sich mit stolzgeschwellter Brust hinstellen können und sagen sollten: »Ha, siagst, Dreggsbirschal …« 🙂

Und das ist auch das, was ich entgegnen würde, wenn ich was entgegnen müsste. Was ich nicht muss, wenn ich es mit messianischen Deutsche-SF-Gegnern zu tun habe. Das sind Leute, die es vermutlich nötig haben. Oder auch nicht. Keine Ahnung. Das ist einfach etwas, das mich nicht interessiert.

Welche Werke deutschsprachiger SF haben dich in den letzten Jahren am meisten fasziniert (und jetzt bitte nicht bloß Eigenwerbung machen)?

Schwere Frage. Und du wirst lachen, von meinen eigenen Büchern wollte ich eh nicht reden, nicht, weil sie nicht gut wären, d. h., weil ich sie nicht gut fände, aber die habe ich gemacht, die habe ich nicht als Konsument gelesen, sondern als Verleger, über die kann ich überhaupt nichts einigermaßen Objektives mehr sagen.

Mein eigentliches Problem bei der Beantwortung dieser Frage ist, dass ich eigentlich keine deutsche SF lese 🙂 Nicht wirklich, nicht leidenschaftlich, nicht, weil sie mir wichtig wäre. Ich lese sie im Rahmen meiner Zugehörigkeit zum Komitee des Deutschen Science-Fiction-Preises (DSFP), aber da sind halt auch Sachen dabei …

Eigentlich habe ich erst 2010 wieder angefangen, gezielt SF zu lesen – und da durch den DSFP eben vor allem deutsche SF. Ich habe 2011 viele Kurzgeschichtensammlungen gelesen, darunter Nova 16 und 17, die beide recht gemischt waren (und in der 17 war es ausgerechnet der internationale Beitrag, der alle anderen geschlagen hat), und mein Highlight war eben »Hinterland« in diesem Bereich. Und bei den Romanen oder Novellen – die im DSFP zu den Kurzgeschichten gerechnet werden – war es vor allem die »Schaumschwester« und »Das Thüringen-Projekt«, zwei Werke, die eigentlich wohl eher in die Grenzbereiche der SF zu rechnen sind, die mir aber trotzdem über alle Maßen gut gemundet haben.

Ansonsten bin ich mehr so ein Autorenfan. Ich mag ein paar Autoren, von denen ich alles erstmal gerne lese, bevor ich mir ein Urteil bilde, aber selten in meinem Fansein enttäuscht werde. Arno Endler ist so jemand, ein Autor, der von Uwe Post gerne mal ein bisschen hingehängt wird, mit guten Argumenten, unbestritten, aber ich mag den Endler trotzdem gern lesen. Und so weiter. Und ansonsten bin ich einfach ein Leser, der sich gerne überraschen lässt, von neuen Namen, neuen Themen, neuen Genres. Oder anders ausgedrückt: Die ganzen großen Blockbuster deutscher SF habe ich gar nicht gelesen 🙂

Wieso kann die SF momentan so überhaupt nicht mit der Fantasy mithalten, die du ja auch mit in dein Verlagsprogramm aufgenommen hast?

Die Fantasy in meinem Verlagsprogramm hat einen nicht eindeutig erkennbaren, aber von mir eindeutig definierten Einschlag: Es müssen Märchen sein (oder doch Märchenhaftes), und es muss eine Jugendeignung haben, eine Zielrichtung auf die Jugend (ich sage mal 10–16 Jahre) in der Zielgruppenorientierung. Fantasy-Schwarten, X-Teiler und Tolkien-Viecharien wird es bei mir nicht geben; das ist eine Literatur, die mich selbst langweilt, ich werde mich hüten, mir so was als Korrektorat oder Lektorat an den Hals zu hängen.

Wenn ich es überhaupt entscheiden müsste, sähe ich zwei Gründe.

Der eine Grund ist die Marktmacht der »Media Fiction«, nennen wir es mal so. Star Trek – mit allen Ablegern –, Star Wars, Babylon 5, Stargate, lauter solche Serien, auch welche wie »Firefly« als Randbereich-SF-Media-Format … Diese Vertreter der medialen, der bewegten SF haben mit großem Eindruck, mit großer Wucht das Interesse eine seinerzeit – Star Trek ging in den 60ern los, Star Wars Ende der 70er – recht nischenhafte SF im deutschen Sprachraum einfach an die Wand gedrängt. Ich als deutscher Autor hätte mich damals ebenso wie heute gefragt, wozu ich gegen so was mit dem Ziel anzuschreiben versuchen sollte, berühmt werden zu wollen. Aussichtslos. Es gibt ja zu jeder Richtung der SF – wie auch zu allem anderen – genug Kritikpunkte, und Trek, Wars, Bab5, Stargate, das ist alles nicht das Ultimo, das Ende allen literarischen oder filmischen Seins. Aber es ist mächtig, und ich denke, es ist lange Zeit so übermächtig gewesen, dass die heutige Jugendgeneration, der Nachwuchs, einfach wieder erfahren muss, dass es mehr gibt, als das, was über den Bildschirm flimmert, und das nicht nur aus deutscher Feder, sondern überhaupt. Und das wird einfach insgesamt zu wenig promoted. Beim »Blade Runner« seinerzeit hat man noch mit Philip K. Dick geworben – heute? Niente.

Der zweite Grund in meinen Augen ist die Reaktion des Verlagsmarktes auf mediale Strömungen. Klar, es gibt Bücher aus dem Star-Trek-Universum, aber wie sehen die aus, wie werden die vermarktet? Nicht mal annähernd so mächtig wie die Filme. Oder Star Wars, genau dasselbe. Es gibt um beide Universen – Trek und Wars – jede Menge Drumherum, aber es bleibt zum Beispiel gerade in Deutschland wenig beachtet. Schaut man sich dagegen das … Entschuldigung … verf***te Sch***theater um die jämmerlichen Jackson-Verfilmungen des »Herrn der Ringe« an, und das, was das nach sich gezogen hat, muss man sich wirklich nicht wundern. Es ist eine Zeitfrage. Wann wurde der »Herr der Ringe« geschrieben? Und wann versau… äh, verfilmt? Die Zeitspanne dazwischen hatte zur Folge, dass es eine Riesenbevölkerungsschicht gab, die sich die Filme nach endlos lange zurückliegender Buchlektüre eingepfiffen hat, sowie eine ebenso große Bevölkerungsschicht, die überhaupt nicht wusste, wovon die Rede war, sondern nur dachte: »Wwuuuooooaaah, Ooooaaaaksss, hee, voll krass, odäää?« Und genau so hat sich die Fantasyliteraturszene danach auch entwickelt.

Was überraschenderweise bislang nur marginal ausgeschaltet wurde, sind zum Beispiel Einhörner. Katzen sind auch schon verarbeitet worden – siehe »Warrior Cats« –, Hunde nicht, die sind zu lieb, wie es scheint. Eichhörnchen fehlen noch völlig. Ratten eignen sich ja eh nur für Horrorfilme und »Ratatouille«, insofern.

Wäre ich SF-Autor oder SF-Verleger – hoppala, bin ich ja 🙂 –, würde ich mir über die Übermacht der Fantasy keine großen Gedanken machen. Die Übermacht ist vermeintlich, scheinbar. Nur, weil ich fünfzig Tonnen Scheiße abkippe, ist der Diamant, der darunter zu liegen kommt, nicht auch Scheiße.

Von Uwe soll ich fragen, ob du wirklich glaubst, dass es Leute gibt, die die Unmengen lesen, die du so allmonatlich produzierst …

Ich muss die Frage dahin gehend zurückreichen, dass ich nicht sicher weiß, was Uwe mit »Unmengen« meint. Ich mache einiges, ja, aber ich schaffe es nicht mal auf einen Buchtitel meines eigenen Verlages pro Monat, und die ANDROMEDA NACHRICHTEN mache ja eigentlich nicht ich, vor allem layoute ich sie. Und selbst wenn wir uns über Zahlen einigen könnten … Nein, ich glaube das nicht, und zwar nicht, weil man es mir nicht glaubhaft machen kann, sondern einfach, weil es mir egal ist. Wer das, was ich mache, egal in welcher Rolle, nicht lesen mag, mag es auch dann nicht lesen, wenn ich weniger mache.

Erzähl uns doch ein wenig vom Privatmensch Haitel. Wie sieht ein üblicher Arbeitstag bei dir aus?

Ein Werktag? Um 6 Uhr aufstehen, Schatzi wecken, ins Büro gehen (3 Minuten Arbeitsweg, komplett überdacht), Rechner hochfahren, Routinekram in Angriff nehmen, 7 Uhr heimgehen (3 Minuten Arbeitsweg, wie gehabt), Tee mit Schatzi trinken, 7.30 Uhr zurück ins Büro (3 Minuten Arbeitsweg, gähn …), das Tun und Lassen eines Netzwerkadmins zelebrieren, vermischt mit privaten Elementen (siehe oben), am späteren Vormittag gehe ich zum benachbarten Getränkemarkt, mich eindecken, mittags verziehe ich mich meist ins Home Office – ich lebe im gleichen Netzwerk, in dem ich arbeite, also ist es eigentlich wurscht, wo ich arbeite –, irgendwann mache ich dann nominell (durch die Zeiterfassung) Feierabend und bleibe i.d.R. bis gegen 19 Uhr am Rechner (und damit auch bei meinem Brötchengeber) oder auch an einem Buch aktiv, danach gibt es Abendessen und dann TV, gerne auch von der seichteren, deutschkomödiantischen Sorte. Während dieser geschilderten Schiene passieren noch so viele Sachen nebenher und parallel, dass ich zumindest eine Novelle darüber verfassen könnte. Meine Tage jedenfalls sind erfüllt. Und auch am Wochenende gibt es eigentlich nur Verschiebungen der jeweiligen Anteile. Ich arbeite auch am Wochenende immer wieder – und immer gerne, denn da gehört mein Netzwerk ganz mir allein! 🙂 – für meinen Brötchengeber, und das Wichtigste ist für mich einfach, dass ich etwas zu tun habe.

Welchen Anteil haben deiner Meinung nach die beiden großen deutschen SF-Literaturpreise an der Marktfähigkeit deutschsprachiger SF?

Ehrlich? Gar keinen. Es mag einerseits daran liegen, dass die Vermarktungsbemühungen der Preisausrichter zu gering sind. Es liegt aber m. E. v. a. daran, dass die Verlage – und je größer sie sind, umso ignoranter sind sie – die Preise nicht wahrnehmen, nicht supporten, nicht unterstützen, selbst nicht nutzen. Die kleinen Verlage eher, die großen eben weniger. Das ändert für mich nichts daran, dass sie alle – nicht nur DSFP und DPP, auch der immer gern gebeutelte KLP – wichtig sind, in Deutschland eine Existenzberechtigung haben und auf gar keinen Fall aufgegeben werden sollten. Dass der Markt sie nicht annimmt, das ist wiederum ein Problem des Marktes. Wenn der Fan, der von ihnen erfährt, sie annimmt und auf sie reagiert, dann sind es die Marketingfuzzis in den Verlagen, die halt einfach mal nicht erklären können, wo der Rush in den Verkaufszahlen beim Titel XYZ herkommt. Schicksal. Da Marketingfuzzis in der Regel ihre Kohle eh für ihre dummen Sprüche bekommen, passt das schon. (Ich jedenfalls habe mich über den kleinen Schub nach dem DSFP-2010-Gewinn Matthias Falkes für seine Story »Boa Esperança« bei meinem Autoren noch mal bedankt.)

Zeit für Eigenwerbung. Welche Projekte stehen bei dir an und was möchtest du Autoren raten, die etwas zu diesen Projekten beisteuern möchten?

Das hab ich ja befürchtet 🙂

Wenn man es genau nimmt, habe ich rund zwanzig Bücher in der Pipeline, in unterschiedlichen Stadien. SF-seitig werden als nächstes »Die Seelentrinkerin«, ein SF-Horror-Projekt, kommen, ebenso der erste Band der von Alisha Bionda herausgegebenen »Dark Wor(l)ds«-Reihe, »Der perfekte Friede«. Eine ganze Reihe von Einzeltiteln steht an, dazu ein weiterer Episodenroman von Axel Kruse, »Astrominc«. Auch in den Nicht-SF-Reihen geht es weiter, überall liegen Titel vor, die zu verarbeiten sind, darunter z. B. eine Fortsetzung zu »Der letzte Ritter« von A.D.E.M., ein Tibet-Band von Matthias Falke in der Reihe »ErlebnisWelten«, ein Amerika-Band von Simone Vogel-Knels in der gleichen Reihe, und schon begonnene Reihen werden fortgeführt: Die Jungs und Mädels vom »fantasyguide.de« arbeiten an der nächsten Anthologie, ich hoffe, dass »Ben Ryker« 2011 fortgeführt wird. Und so weiter.

Autoren, die glauben, von mir verlegt werden zu wollen oder zu müssen, müssen eine einfache Entscheidung treffen. Ist Geld da? Dann veröffentliche ich jedes Buch in jeder gewünschten Form, nicht nur unter meinem Verlagslabel, auch unter anderen Umständen, sozusagen. Ist kein Geld da? Dann sollte der Autor sich anschauen, was ich für ein Programm habe. Was da nicht reinpasst, kann ggf. einer Prüfung unterzogen werden, aber die Wahrscheinlichkeit ist eher gering, dass ich einen neuen Reihenzweig aufmache. Ich erkenne längst die Notwendigkeit, mich zu konzentrieren.

Beste Chancen haben derzeit Autoren, die mir Bücher zum Thema Malta (incl. Malteser Ritterorden) liefern, ebenso das Thema Hunde (keine Ratgeber, sondern Erlebnisse) und – ganz wichtig – Ikebana!

Was mich persönlich jetzt mal interessiert: Wie kam es dazu, dass das „Story Center“ des SFCD nach zehn Jahren wieder ins Leben gerufen wurde?

Das ist so nicht ganz richtig, aber diese zehn Jahre, die du da annimmst, sind wohl das Ergebnis der sensationellen Werbepolitik, die der SFCD lange Jahre für seine Aushängeschilder gemacht hat. Das letzte STORY CENTER der alten Bauweise jedenfalls war das 2007er, von Arno Behrendt und seiner Mannschaft zusammengestellt und produziert. Ende 2008, als die Vorstandswahlen zu einem neuen SFCD-Vorstand führten, wäre die nächste Ausgabe fällig gewesen, doch Arno hatte vorher schon abgewunken und der Vorstand hat die Entscheidung getroffen, STORY CENTER als SFCD-Publikation einzustellen. Ich bin damals insofern dazwischen gegangen, dass ich um Übergabe des Titels bat, um die Serie unter anderen Vorzeichen und Prämissen fortzuführen. Bis zur 2007er Ausgabe war STORY CENTER zuletzt ein A4-Magazin, ich habe halt mit dem 2009er Ziegelsteinpaket 🙂 im Taschenbuchformat fortgesetzt. Absicht.

Die wichtigere Frage wäre, wie es dazu kommen konnte, dass ein Format wie STORY CENTER eingestellt werden sollte, aber das würde jetzt zu sehr in die Vereinstiefen des SFCD führen – und zwangsläufig dazu, dass ich schmutzige Wäsche auspacken müsste. Vielleicht lassen wir das lieber …

Wichtig zu wissen ist, dass STORY CENTER in seiner Intention als Veröffentlichungsplattform für junge, angehende und neue Autoren – aber auch für ältere Hasen, so ist es nicht – zur Verfügung steht und von meinem Verlag »für den SFCD« produziert und verlegt wird.

Und noch eine Frage zum aktuellen Story Center: Hat „Inzucht und die denkbare Gesellschaft“ deiner Meinung nach genug Aufmerksamkeit erregt? Es war ja ein zugegeben ungewöhnliches Thema … Und: Welche Anekdoten kannst oder willst du uns in diesem Zusammenhang zum Besten geben?

Das »Inzucht«-STORY CENTER hat Aufmerksamkeit erregt. Da ich noch Exemplare auf Lager habe, natürlich nicht genug 🙂 Aber es gab schöne Reaktionen, es gab vor allem ehrliche Reaktionen, d. h., die Leser sind nicht hingegangen und haben versucht, mir aus welchem Grund auch immer Honig um den Bart zu schmieren, ich mag es schon, wenn man etwas, was ich mache, auch kritisiert, sofern es gut argumentiert ist, und das war es im Großen und Ganzen, und die Restunsicherheit ist dem jeweiligen Geschmack geschuldet.

Die Anthologie hat natürlich nichts verändert. Das kann sie auch nicht, nicht mit einer Auflage von derzeit unter 100 Exemplaren. Das war aber auch nicht meine Absicht. Meine Absicht bei dieser – wie auch anderen Anthologien, wie der »Seelentrinkerin«, der Metallica- und Kate-Bush-Anthologie, dem »Blackburn«-Projekt wie auch dem STORY CENTER 2011 in Sachen »Vatikan & Steampunk« – ist es, die Autoren herauszufordern. Die können was, alle, jeder, die können mehr, als sie denken. Ich bekomme nicht wie andere Anthologienausschreiber 200, 300, 500 Einsendungen, die sich rotzbonzig anhören, aber zu 95 % Schrott sind. Ich habe für »Inzucht« zwanzig Einsendungen bekommen und eine abgelehnt. Es ist natürlich, dass bei so einem Eingang die Wahrscheinlichkeit sehr groß ist, dass Material dabei ist, das halt nicht so gut ist, wie anderes. Aber das ist es nicht. Wichtig war und ist mir dabei die Erkenntnis, dass sich neunzehn Autoren – nur (!) neunzehn Autoren! – mit dem Thema so auseinandergesetzt haben, dass man bei diesen neunzehn Autoren sagen kann: Thema getroffen (auch wenn es Rezis gibt, die das Gegenteil behaupten). Und das auch noch in lesbarer Form gut, recht gut, sehr gut getroffen (Mark-Denis Leitner wird sich für seine Story vielleicht sogar vor Publikum zu verantworten haben).

Für das Projekt »Die Seelentrinkerin« sind 19 Storys gekommen. Eine muss ich ablehnen, weil sie den Ansprüchen nicht genügt; die Autorin ist 14 Jahre alt, da gibt es einfach technische, handwerkliche Gründe (aber ihre Richtung stimmt, das Mädel ist nicht verloren). Bei den anderen 18 Beiträgen sind zwei, drei Storys von Novellenlänge dabei, bei denen ich mir dachte: ›Heybloodyfuckingheavenlywelldonebaby!‹ Und da stehe ich auch zu.

Ungewöhnliche Themen werde ich jedenfalls weiter verfolgen. Die Metallica- und die Kate-Bush-Anthologie scheinen so ungewöhnlich erstmal nicht, aber wer beider Musik kennt, der wird ahnen, was da an Möglichkeiten drin steckt. »Blackburn« wird eine krasse Anthologie werden, ich weiß es. Ich stehe ja mit einigen meiner Autoren in regelmäßigem Kontakt. Und bei anderen weiß ich, was sie leisten können.

»Inzucht«, der ganze Ablauf, das war für mich der Beweis, dass ich richtig liege. Ich will mit meinen Büchern eh kein Geld verdienen. Kostendeckung ist nett, aber … scheiß drauf, Mann! Es gibt wichtigere Dinge …

Anekdoten kann ich im Zusammenhang mit »Inzucht« nicht erzählen. Die Entstehung des Buches war ganz normal, und dass Books on Demand so ein jämmerliches Bild abgegeben hat, finde ich eigentlich vor allem schade. Ich arbeite gerne mit denen – und werde das auch weiterhin tun –, nicht nur, aber auch, weil viele gute Gründe dafür sprechen, es zu tun, jedenfalls für mich. Dass der Laden einige Probleme hat, die man abstellen könnte – z. B. eine info@bod.de-Emailadresse, bei der man nach Tagen Antworten auf seine Mails bekommt, die dann auch aus Textbausteinen bestehen, oder schlimmer noch: per Snail Mail irgendwann –, das ist allzu offensichtlich. 2009 und anfangs 2010 hatten die Probleme mit ihren Druckdienstleistern, die inzwischen weitgehend behoben sind, es fehlt eigentlich nur noch daran, dass die Kommunikation nach außen insgesamt besser wird. Und der Ablauf, der zur Ablehnung von »Inzucht« als Druckprodukt – BoD war ja nicht mal der Verlag – führte, der ist so jämmerlich, dass man ihn nicht weiter ausführen sollte. Das ist auch kein BoD-spezifisches Verhaltensproblem. Das ist ein Abbild der deutschen Spießergesellschaft, die Titten-RTL und Fuck-Sat.1 braucht, aber ansonsten lieber die Eier auf Eis legt, weil sie dann mit einem rostigen Messer nicht so gut abgeschnitten werden können.

Naja.

Ei drüber. Das ist so wie mit den Leuten, die Argumente gegen deutsche SF haben. Muss ich mich damit mehr auseinandersetzen als nötig? Es ist schlimm genug, dass Fandom-Observer-MüllerManfred mir mit seinen Ausführungen in irgendeinem FO latent auch noch die Schuld an dem »Eklat« in die Schuhe schieben wollte. Auch so eine Deutschtümelei –

Wie heißt dein Lieblingsgetränk?

Weißbier. Vorzugsweise Hacker Pschorr, gerne auch Franziskaner und Paulaner, und ansonsten jedes Weißbier, das nich bei drei aufm Baum is. (Und du Arsch hast die Frage eh nur gestellt, weil du das weißt! <LOL>) – Und ich gebe es zu: Cisk mag ich auch.

Warum ist man in Bayern so gesellig?

Wer hat denn den Scheiß behauptet? Die Bayern sind nicht mehr und nicht weniger gesellig als irgendwelche anderen Deutschen. Die Bayern sind auch nicht mehr und nicht weniger peinlich in ihrer notdürftigen Geselligkeitsparanoia als andere Deutsche.

Bayern ist ein schönes Bundesland, Bayern ist eine schöne Gegend. Es wäre noch schöner, wenn es hier keine Menschen gäbe.

(Und wenn Bayern einen Mittelmeerstrand hätte <g>.)

Zum Schluss die Frage nach dem Michael Haitel in fünf Jahren. Wo siehst du dich?

Auf Malta, genauer auf Gozo. In einem hübschen kleinen Stadthaus in San Lawrenz oder Gharb, vielleicht auch in einem Farmhouse, oder vielleicht doch auf Malta in Mellieha. Mal sehen. Aber auf jeden Fall nicht mehr in Deutschland.

Danke für deine Antworten!

Gerne. Ich habe zu danken.

Mehr Infos zu Michael Haitel und zu seinem Verlag auf der p.machinery Verlagshomepage: http://blog.pmachinery.de