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Interview mit dem ESFS-Award-Gewinner Marco Rauch

Hard boiledMarco Rauch wurde 1984 geboren, lebt und arbeitet in Wien. Mit 16 Jahren schrieb er seine ersten Kurzgeschichten, die vorwiegend im Sci-Fi-Genre spielen, aber auch surreale und fantastische Elemente beinhalteten. Nach einer Veröffentlichung in einem deutschen Sci-Fi-Magazin und der selbstständig publizierten Kurzgeschichtensammlung Black Desert ist Hard Boiled sein erster Roman. (Quelle: Literra)

Marco Rauch ist bestimmt einer der interessanteren österreichischen SF-Autoren. Wir stellten ihm folgende Fragen:

 

Unlängst hast du den ESFS Encouragement Award erhalten. Was bedeutet das für dich?

Es war irgendwie unwirklich. Ich hab mich einerseits sehr darüber gefreut und geehrt gefühlt, aber es war andererseits ein eigenartiges Gefühl weil ich eigentlich noch nie einen Preis bekommen habe, schon gar nicht fürs schreiben. Von daher war es eine große Freude an die ich mich aber erst gewöhnen musste, weil ich es am Anfang nicht glauben konnte.

 

Hard boiled, dein erster Roman, hat also scheinbar gleich zu Beginn hohe Wellen geschlagen. Wie erklärst du dir das?

Kann ich eigentlich nicht erklären, hab auch nicht damit gerechnet. Höchstens, dass es etwas gespalten aufgenommen wird weil es doch einen recht harten Inhalt hat. Aber mehr nicht. Allerdings war es beim Schreiben nicht meine Intention etwas „Kontroverses“ zu schreiben. Ich halte es auch nicht für sinnvoll so etwas im Vorhinein zu planen. Das wirkt dann meistens konstruiert und aufgesetzt.

 

In Hard boiled geht es um ein zukünftiges Wien, in dem Gewalt und Terror regieren. Dein Protagonist muss sich als Killer verdingen, um irgendwie durchzukommen. Woher hast du diese düsteren Gedanken? Spielte etwa Blade Runner eine Bedeutung?

Blade Runner war sicher auch eine starke Inspiration für Hard boiled, aber vor allem die titelgebenden amerikanischen Hardboiled-Krimis der 30er bis 50er Jahre. Besonders Jim Thompson und Mickey Spillane, aber auch gegenwärtige „härtere“ Krimis wie die von Charlie Huston und James Sallis. Das futuristische, zerstörte Setting kam eher ganz „natürlich“ Zustande. Solch eine Geschichte kann in Wien nur dann funktionieren und glaubwürdig sein, wenn sie nicht in der Gegenwart spielt, sondern in einer entfernten Zukunft, einer Welt, wo die Handlungen der Figuren reinpassen. Ich würde nicht sagen, dass ich deshalb nur düstere Gedanken hab, wobei ich schon eher schwarz sehe für die Zukunft der Menschheit.

 

 

 

Welches Gefühl soll das Buch beim Leser hinterlassen?

Hoffentlich ein ungutes Gefühl. Auch wenn ich finde, dass die Geschichte von Hard Boiled in einem positiven Ton endet, wollte ich, dass gerade die Gewalt wirklich grausam und ekelhaft wirkt. Es sollte nicht cool und schmerzlos wirken, sondern abstoßend sein. Natürlich soll Hard Boiled unterhaltsam zu lesen sein und die Geschichte und Figuren fesselnd, aber gleichzeitig war es mir bei den expliziten Sachen wichtig, dass sie dem Leser auf den Magen schlagen und ihn nicht unberührt lassen. Ich wollte keine Welt in der man gerne leben möchte und keine Figuren, die man cool findet und deren Verhalten erstrebenswert ist. Ich persönlich möchte jedenfalls keinem von diesen Typen in der Wirklichkeit begegnen.

 

Ich habe mit „MegaFusion“ ja ein ähnliches Szenario entwickelt. Meinst du dass der Kapitalismus zwangsläufig zu Anarchie und Gewalt führt? Wie könnte man ihn besser in den Griff bekommen?

Ja, ich denke schon, dass der Kapitalismus – jedoch nicht ausschließlich – unsere Gesellschaft früher oder später ins Chaos stürzen wird. Aber eben, es ist nicht nur der Kapitalismus, da spielen viele andere Faktoren mit, wie die konstante Zerstörung unserer Umwelt, die wachsende Gleichgültigkeit gegenüber unseren Mitmenschen, Gier und Korruption und auch die immer größere Überbevölkerung der Welt und die Tatsache, dass die Ressourcen einfach irgendwann erschöpft sein werden. Leider bin ich der Überzeugung, dass es zu spät ist um diese (und viele andere) Probleme noch in den Griff zu bekommen. Für mich ist das wie ein Kartenhaus, das immer größer und größer wird und irgendwann einfach einstürzen muss und dann … na ja, dann baut man es halt wieder auf. Ich glaube viele Alternativen bleiben mittlerweile nicht mehr. Die Änderungen die nötig wären sind einfach zu groß und gravierend, um die Menschen zum Mitmachen zu bewegen. Es würde einen viel zu großen Einschnitt in die gewohnten Mechanismen und gesellschaftlichen, sozialen und wirtschaftlichen Strukturen benötigen.

 

Dein erstes Buch war eine selbst herausgebrachte Storysammlung. Wie schwer fiel es, einen Verlag für den Roman zu finden? Es war sicherlich leichter als mit den Kurzgeschichten oder?

Viel leichter. Für Black Desert fand ich letztlich nur einen Kostenzuschussverlag und das Geld dafür hatte (und habe) ich einfach nicht. Selbst wenn, hätte ich das Angebot abgelehnt. Für mich gehört das zu den Aufgaben eines Verlags die Kosten und das damit verbundene Risiko einzugehen. Für Hard Boiled war es dann wesentlich leichter einen Verlag zu finden.

 

Was bringt so eine internationale Auszeichnung eigentlich mit sich? Hast du jetzt dutzende Anfragen von großen Verlagen oder wie muss man sich das vorstellen?

Nein, bisher noch nicht, aber wer weiß was noch kommt. Es gab schon ein paar Anfragen und ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit, aber es ist jetzt nicht so als wäre ich nun plötzlich berühmt.

 

… und noch ein paar Fragen zur deutschen SF-Szene:

 

Welche deutschsprachigen SF-Magazine kennst du?

Fantasia – wo meine erste Kurzgeschichte Black Desert (nach der dann auch die Sammlung benannt wurde) veröffentlicht wurde. Phantastisch oder Nova kenne ich, regelmäßig lesen tue ich allerdings keines davon. Space View hab ich früher auch hin und wieder gelesen. Euer Portal kannte ich auch schon vorher und ähnlich wie bei einigen anderen schaue ich da auch immer wieder vorbei um mir Artikel oder Neuigkeiten durchzulesen. Ich bin aber im Allgemeinen kein großer Magazine-Leser.

 

Was meinst du müsste sich in der Szene noch ändern, damit AutorInnen schneller entdeckt und danach auch bekannter werden als jetzt?

Eine schwierige Frage! Wichtig wäre, dass die Förderstellen und Stipendien aufgeschlossener werden und mehr Mut beweisen auch Autoren und Werke abseits „hoher Literatur“ zu fördern, also auch Genreliteratur, die es verdient. Damit nicht immer die gleichen Texte gefördert werden. Ähnliches gilt auch für Literaturwettbewerbe und Preise. Große Verlage sollten vermehrt junge und neue Autoren aufnehmen, sofern ihre Bücher es rechtfertigen.

Und nach dem Entdecken heißt es natürlich viel, viel, viel Werbung, auch durchaus multimediale Werbung. Gut gemachte Plakate und Buchtrailer – Thomas Pynchon hatte für sein letztes Buch einen fantastischen und einfach gemachten Trailer –, sowas muss es ja nicht nur für Filme geben. Man könnte auch kleine Ausschnitte aus einem Buch zu einem Kurzfilm machen und das als Werbung nutzen. Nichts bewirbt ein Buch besser als eine Verfilmung! Und wenn ein Spielfilm nicht geht, Kurzfilme lassen sich gemeinsam mit einem jungen, aufstrebenden Filmemacher durchaus realisieren. Lesungen sind natürlich nach wie vor ein gutes Mittel um bekannter zu werden, aber auch das lässt sich mit anderen Medien verbinden, z. B. könnte man eine Lesung gemeinsam mit ein paar Theaterschauspielern auf einer Bühne machen, die die Rollen spielen, während der Autor oder ein guter Vorleser (und nicht alle Autoren sind gute Leser!) die Rolle des Erzählers übernimmt.

 

Welche sind deine deutschsprachigen Lieblingsautoren/-bücher?

Zu meinen deutschsprachigen Lieblingsautoren zählt eigentlich nur Herbert W. Franke. Die Arbeit der Nacht von Thomas Glavinic und Morbus Kitahara von Christoph Ransmayr haben mir auch sehr gut gefallen. Im Großen und Ganzen bin ich aber mehr von amerikanischen Autoren und Büchern beeinflusst.

 

Zum Schluss erzähl uns bitte ein wenig über deine nächsten Projekte und Pläne.

Nach Hard Boiled habe ich mittlerweile schon drei neue Romanmanuskripte geschrieben, eines davon überarbeite ich gerade. Die anderen beiden müssen noch etwas warten. Im neuen Buch geht es um einen Schauspieler, der sich, um die Figur seines neuen Films in- und auswendig kennen zu lernen, einer gefährlichen Droge hingibt, die ihm erlaubt in das Bewusstsein dieser fiktiven Figur einzudringen. Außerdem arbeite ich seit einer Weile an einer neuen Kurzgeschichtensammlung, wo ich etwa die Hälfte der Kurzgeschichten fertig habe, die andere Hälfte sind bisher noch Ideen und Notizen. Ich würde auch gerne wieder einen Kurzfilm machen oder ein Spielfilmdrehbuch schreiben, aber dazu werde ich wahrscheinlich erst nach der Fertigstellung meines neuen Buches kommen.

 

Vielen Dank für das Interview!

 

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