«

»

MegaFusion-Streitgespräch

Das Gespräch führten Sven Klöpping und Andreas Winterer, der hiesigen Redaktion natürlich gänzlich unbekannt, völlig unvoreingenommen, objektiv und ohne jegliches Eigeninteresse … 😉

<Eigenwerbung ON>

Sven: Also, dieses MegaFusion-Zeugs vom Klöpping find ich viel zu abgespaced & pseudofunky. Und jetzt lädt er auch noch andere Autoren ein, bei seinem Quark mitzumachen. Was meinst du?

Andreas: Ich wurde vor dem Streitgespräch vom Klöpping angewiesen, voll dafür sein zu müssen. Ich bin trotzdem voll dafür. Science Fiction, die nicht irgendwie „abgespaced“ ist, ist nämlich letztlich nur „Bonanza im Weltall“ (was ja durchaus auch ganz unterhaltsam sein kann).

Sven: Hmmm … wieso? Meinst du nicht, dass Storys wie „Beschützte kleine Buben fliegen high“ der SF-Szene eigentlich eher schaden, indem sie Elemente aus Underground- und Pop-Literatur in die SF einfließen lassen? Setzt sich die „anständige SF“ hier nicht der Gefahr einer Durchsetzung von Möchtegern-Literaten und immer gestrigen Postavantgardisten aus?

Andreas: Die Szene „echter Literatur“ fasst SF seit eher mit der Beißzange an, umgekehrt wollen SF-Leser nicht allzu sehr mit Experimenten belästigt werden. Aber. Immer wieder wird SF in Wellen zu konventionell, geradlinig und „normal“ – siehe der aktuelle Boom der Military-SF und Space Opera. Es schadet gar nichts, wenn dann einige kommen, die Grenzgänger zwischen den Welten sind und neues probieren. Heißen die nun J.G. Ballard, Norman Spinrad, Michael Moorcock (60er und 70er), Ian Banks (80er) oder Jeff Noon (90er). Mir ist *beim Schreiben* die „SF-Szene“ doch herzlich egal, auch wenn ich mich hinterher natürlich freue, wenn irgendwas irgendwem irgendwie gefallen hat. Und Du, höre ich da raus, willst lieber „anständige SF“? Wat soll’n dit überhaupt sein?

Sven: Na, hör mal. Da gibt es einerseits die Klassiker, an denen man sich orientieren kann. Asimov, Lem, Herbert. So’n Zeug. Andererseits heißt „anständige SF“ ja nicht, dass nicht abgedrehte Ideen darin vorkommen dürfen. Ich meinte denn auch eher den Schreibstil. Ich zum Beispiel wurde mal in einem Forum als „Stilist“ bezeichnet. Dabei probiere ich nur ganz unterschiedliche Schreibweisen aus, teste mal dies, mal jenes. Überraschenderweise habe ich aber festgestellt, dass der Erfolg nicht so sehr davon abhängt. Eher schon davon, ob das Geschriebene glaubwürdig ist. Vielleicht ist „anständige SF“ ja „glaubwürdige SF“ … Jedenfalls ist das Science-Element der SF ganz klar damit verknüpft.

Andreas: Wenn es Dir um kommerzielles Potential geht, dann ist natürlich ganz klar: abgespaced, pseudofunky oder experimentell geht gar nicht. Aber Sci-Fi hat jenseits von Serien-Star-Quark und gelegentlichen Ausreißern (die meist klugerweise gar nicht als SF deklariert werden, etwa die „Tribute von Panem“) ohnehin kein kommerzielles Potential. Null. Da kann man also ruhig auch abgespaced und megafunky literarisch experimentieren. Das macht schlechte SF nicht besser, wie man an so manchen End-80er-Käse von Michael Weisser sehen kann. Aber es macht gute SF nicht schlechter, auch wenn das einige Diskutanten in ihren mentalen Altersheimen aus narrativem Elfenbein sicher glauben. Und was ist schon Erfolg? Wie misst Du den? Am KLP? Ich bitte Dich: Das ist doch eher Zufall * (Bekanntheit + Beziehungen). Ebenso zufällig kann ein experimenteller Text kommerziell einschlagen – siehe Tristram Shandy. Daher sag ich: Es ist wurst, was Du schreibst und in welchem Stil, Hauptsache, Du bist mit dem Ergebnis zufrieden. Und, nebenbei gesagt, finde ich, eine Literatur der Zukunft muss natürlich auch mögliche Stilformen der Zukunft aufgreifen. Daher mein ausdrückliches GO! zu „Stilisten“.

Sven: Null kommerzielles Potenzial? Das sehe ich anders. Denk nur an die diversen Verfilmungen. Den Mega-Erfolg von Star-Wars, Star-Trek etc. Nein, Potenzial ist ausreichend vorhanden. Ich muss jetzt mal insistieren: Was ist mit der Glaubwürdigkeit? Die ist ein entscheidender Faktor im Wettrennen um die Leserschaft. Die wollen keine gepimpten Helden, sondern echte Typen aus dem ganz normalen Zukunftsalltag. Dass sie schillern dürfen, liegt im Wesen der SF begründet. Aber sie müssen echt sein. Mit Fehlern und Macken. Dürfen auch ruhig mal austicken. Aber müssen dabei glaubwürdig bleiben. Typen von nebenan in die Zukunft versetzen und versuchen herauszufinden, was sie dort machen würden. Oder siehst du das anders?

Andreas: Ja, ich lach mich scheckig. Aber es ist wohl so, dass wir in folgendem Zwiespalt leben: Einerseits sehen wir den enormen Erfolg von Sci-Fi-Star*-Serienschrott, den ich nebenbei gesagt auch gerne konsumiere. Andererseits ist (derzeit) das erfolgreichste Buch der SF-Rubrik bei Amazon in der Gesamtplatzierung nicht unter den ersten 100 zu finden (und es ist außerdem „Perry Rhodan Neo“ auf dem Kindle) – deutlicher kann Kundschaft nicht sagen: SF geht uns am Arsch vorbei. Gäbe es den Kindle nicht, der das Bedürfnis nach schnellem, preiswertem Serienglück befriedigt, das Bild wäre noch deutlicher. Ich wiederhole daher lautstark im Biersuff grölend: SF hat Null kommerzielles Potential. Und genau das ist seine Chance. Denn so kann SF kann machen, was sie will. – Und Glaubwürdigkeit, bitte, Sven, die gehört zum Basishandwerk des Schreibens. Die hat auch nichts mit gepimpten Helden zu tun, denn auch diese können glaubwürdig sein, ebenso wie ein Erdling, der meistens im Bademantel durch die Geschichte latscht. Das sind natürlich nur meine 5 Cent von Weisheit, aber: Nein, das Besondere und Interessante an MegaFusion ist gewiss nicht seine Glaubwürdigkeit.

Sven: Also befürwortest du den Independent-Gedanken in der SF?

Andreas: Ich bin ein absoluter Freund jedweder Literatur, sei es ein (bitte nicht allzu platter) Serienmörder-Pageturner oder ein Stück Independent-Literatur mit Gedankenspielen und formalen Experimenten.

Sven: Mir geht es da ein bisschen anders. Denn der (mir völlig unbekannte) MF-Autor verwendet für meinen Geschmack viel zu viel Pseudo-Jugendslang. So spricht doch keiner mehr heutzutage! Oder bin ich schon zu alt?

Andreas: Niemand weiß, wie der klingt, denn jeder, der ihn bewusst wahrnimmt, ist schon zu alt für ihn. Niemand spricht heute wie die Jugendlichen in Anthony Burgess‘ „Clockwork Orange“. Aber hey, es gehört nun mal zum Wesen utopischer Literatur, dass ihre Prophezeiungen sich nicht erfüllen, auch nicht die stilistischen. Zugegeben, wenn es zu dick aufgetragen ist, wird‘s schwer verdaulich und ein bisschen fade. Ob MegaFusion wirklich fade wird, werden wir ja sehen, wenn’s fertig ist. Apropos: Wann wird’s denn fertig?

Sven: Es braucht noch ein bisschen. Schließlich soll es ja auch interessant werden. Und alles andere als fade. Ich freue mich dass so viele Autoren mitmachen. Dadurch wird das MegaFusion-Universum einmal aus ganz verschiedenen Perspektiven beleuchtet. Let’s rock!

<Eigenwerbung OFF>

 

„Bullet“, das neuste MF-Buch, kann man hier kaufen.

Es wurden übrigens mehrere Storys hieraus für die einschlägigen deutschen SF-Preise nominiert (nein, kein Scherz).

 

Weitere Links: offizielle MegaFusion-Website, sternwerk Verlag