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Interview mit Karla Schmidt

Karla Schmidt ist eine Größe in der deutschen SF-Szene. Sie schreibt phantastische Bücher – und das auf hohem literarischem Niveau, was in der SF eher ungewöhnlich ist. Daneben verfasst sie Psychothriller und historische Romane, lektoriert und coacht Autoren. Im Mai ist ihr erster D9E-Roman erschienen. Grund genug, einmal nachzuhaken!

karla schmidtDu hast Kultur- Theater- und Filmwissenschaft studiert. Wie landet man/frau da überhaupt bei der Sciencefiction?

Ich habe schon als Kind am liebsten SF gelesen, und die Liebe hatte Bestand. Das Studium war dann eine schöne Spielwiese für mich, ich habe etliche Hausarbeiten über SF geschrieben: Dramaturgie in der Star-Trek-Originalserie, feministische SF, Künstliche Menschen in der Literaturgeschichte, klassische Utopien, Binärcodes und Cyberpunk, Kameraführung in Blade Runner, Fassbinders ‚Welt am Draht‘,  …

 

Wie vielen Leuten musstest du sagen: ‚Hey, bedient ihr mal die Feuilletons, ich wurschtel lieber in der Kleinverlagsszene‘? Und wie viele verständnislose Blicke hast du dafür geerntet?

Ich habe mich nicht viel in der ausdrücklich literarischen Literaturszene bewegt und bin entsprechend auch wenig mit Leuten in Berührung gekommen, die die Nase rümpfen würden, weil ich keine ‚richtige‘ Literatur schreibe. Trotzdem schön, wenn jemand meinen Büchern literarisches Niveau bescheinigt. Sprache und eine gewisse Komplexität der Ideen sind mir wichtig. Ob ‚echte‘ Literaten mich ernst nehmen oder nicht, ist mir eher egal. Das, was derzeit als Hochliteratur gilt, kann man durchaus auch als Nischengenre mit ganz bestimmten Konventionen beschreiben. Mir ist es wichtiger, die Freiheit zu haben, eine Form zu wählen, die zur Idee passt. Darum kann ich mich auch nicht auf ein Genre festlegen.

 

 „Ob ‚echte‘ Literaten mich ernst nehmen oder nicht, ist mir eher egal.“

 

Nervt es dich, wenn es mal wieder heißt, die SF sei eigentlich keine Literatur?

Kommt drauf an. Es sind meiner Erfahrung nach vor allem Leute, die mit ‚richtiger‘ Literatur einen gewissen Status verbinden, die sich so äußern. Lass sie reden.

Ärgerlicher finde ich es, wenn Leute in der Branche behaupten, es gäbe keinen Markt für SF. Das stimmt einfach nicht. Viele Bücher, die derzeit in den allgemeinen Reihen erscheinen, könnte man ebenso gut als SF labeln. Mir fallen spontan Charles Yus ‚Tagebuch eines Zeitreisenden‘ oder Jonathan Lethems ‚Chronic City‘ ein. Auf der andern Seite finde ich, dass Autoren wie Neal Stephenson nicht in die Unterhaltungsecke gehören, das ist hochkomplexes Zeug.

Ich bin mir nicht sicher, ob es besser wäre, mehr Bücher als SF zu vermarkten, damit man als SF-Leser nicht so lange wühlen muss, um sie zu finden. Oder ob es besser ist, die größere Zahl der Leser nicht durch das SF-Label abzuschrecken.

Dass dieser Konflikt überhaupt besteht, liegt daran, dass ‚SF‘ insgesamt immer noch irgendwie nach ‚Pulp‘ klingt. Dabei gibt es in der SF ebenso Hochliterarisches wie es Groschenhefte gibt. Diese Bandbreite könnte sich ja durchaus in Covern, Programmplätzen etc. ausdrücken lassen.

 

Kommen wir zu deinen aktuellen Projekten. Im Mai ist dein D9E-Roman ‚Ein neuer Himmel für Kana‘ erschienen. Wie kann man den im Vergleich zu anderen D9E-Werken einordnen, was passiert darin Besonderes?

Cover - D9E11KanaSHMir war es wichtig, etwas zu schreiben, das sich einfügt und zugleich für sich stehen kann, wenn man mit dem D9E-Universum nicht vertraut ist. Die Welt, über die ich schreibe, ist im D9E-Universum weit ab vom Schuss und hatte weder mit Menschen noch mit Hondh je Kontakt. Ich mache also erstmal ein neues Fass auf, bevor ich diese Welt in den D9E-Kontext einordne und ihr eine Rolle zuweise.

Die Grundidee springt beim Lesen wahrscheinlich buchstäblich ins Auge. Die Kaita, die zwei meiner Hauptfiguren stellen, haben eine besondere Fähigkeit: Wenn sie etwas ‚sehen‘, heißt das nicht nur, dass sie Lichtreize zu Bildern verarbeiten. Ihre Augen sind Zweiwegeorgane, sie projizieren auch Bilder in den Raum. Das hat Konsequenzen für die Handlung und für den Krieg mit den Hondh. Welche, verrate ich nicht.

 

Wird es weitere D9E-Romane aus deiner Feder geben?

Das ist noch nicht raus. Ich habe Lust, aber bisher keine Zeit, mich damit zu befassen. Und wenn ich nicht in die Hufe komme, sind eben irgendwann alle Plätze besetzt.

 

Auf deiner Homepage kann man ‚Erlösungsdeadline‘ komplett lesen. Kommen ältere Storys/Werke in der schnelllebigen Verlagswelt zu kurz?

Ich schreibe gern Kurzes. Gerade, wenn ich viel brotjobben muss, brauch ich das ab und zu. Und irgendeinen engagierten Kleinverleger gibt es immer, der Anthologien herausgibt. Ob die sich besser verkaufen würden, wenn große Verlage die rausbringen und anpreisen? Ich weiß nicht. Viele Leute wollen eben lieber in einen Roman eintauchen und länger dort verweilen.

Allerdings könnte man jedes Buch, jede Anthologie dank Print on Demand beliebig lange lieferbar halten. Die „Erlösungsdeadline“ z.B. ist aus der „Hinterland“-Anthologie, die ich herausgegeben habe. Alle Geschichten darin waren inspiriert von der Musik von David Bowie. Nach dessen Tod wollte ich spontan eine Tribut-Ausgabe auf die Beine stellen. Dass es nicht geklappt hat, lag in diesem Fall aber gar nicht am Verlag. Da sind viele Sachen zusammengekommen.

 

Wie wird man eigentlich DozentIn für Storytelling?

Zufall, Glück, Neigung. Ich habe in der Uni schon eine Tutorenstelle für ‚wissenschaftliches Schreiben‘ gehabt, einfach, weil ich es gut konnte. Außerdem hatte ich jahrelang ständig Werbung von der ‚Schule des Schreibens‘ im Briefkasten. Und irgendwann habe ich nassforsch dort angerufen und gesagt, ich will bei euch unterrichten. Ich habe eine Arbeitsprobe gemacht und hatte den Job. Später habe ich das Angebot bekommen, für die Schule einen neuen Lehrgang zu konzipieren und umzusetzen – die Romanwerkstatt. Beim Schreiben der Lehrhefte habe ich extrem viel gelernt. Vieles, was ich ‚irgendwie wusste‘, musste ich erst mit Theorie unterfüttern, um es erklären zu können. Dadurch habe ich in meinen eigenen  Ausdrucksmöglichkeiten viel Spielraum gewonnen.

cover - die rote halle

 

„Wein, Kaffee, Katzen, kein Fleisch.“

 

Du schreibst auch Psychothriller (‚Das Kind auf der Treppe‚, ‚Die rote Halle‚ – beide ursprünglich bei Piper). Wo sind da Schnittmengen zur SF, was das Schreiben/Dramatisieren angeht?

Die Thriller sind derzeit als E-Book lieferbar, ich habe die Rechte zurück. Im Moment reizen mich Thriller aber nicht so sehr. Sie erscheinen mir zu sehr auf einen psychologischen Effekt beschränkt – die Bedrohung für die Hauptfigur. Aber davon ab, Schnittmengen gibt es für mich vor allem bei der Figurenführung. Es ist relativ egal, in welchem Genre ich schreibe, bei mir stehen immer die Figuren im Fokus, ich bin niemand der reine ‚Ideenliteratur‘ schreibt.

Unterschiede gibt es im Spannungsaufbau, Informationsverteilung, Erzählstruktur. Bei einem Thriller muss ich stärker aufpassen, wann Leser welche Informationen bekommen, muss mehr auf die kleinen, ineinander geschachtelten Spannungskurven achten. Bei SF achte ich mehr darauf, wie ich die Welt ausmale, in der sich die Figuren bewegen. In den Romanen, die im 19. Jahrhundert spielen, war es mir wichtig, diese merkwürdige Hochzeit von technischem Fortschritt und Magie/Esoterik einzufangen. Hier sind Fantasie-Technologien, an die man damals glaubte, entscheidend für die Handlung – eine fotografische Platte, die die Seele eines Menschen festhalten kann, ein perpetuum mobile. Hier habe ich weit mehr Recherche und Technobabbel gebraucht, als in meinen SF-Geschichten.

Letztlich sind das relativ willkürliche Unterscheidungen. Jeder Stoff braucht seine eigene Struktur, seinen eigenen Stil etc. Ich fange da jedes Mal wieder von vorne an.

 

Erzähl uns mal ein bisschen von der privaten Karla. Wie ist die so drauf? Hat sie die Fußball-EM verfolgt?

Wein, Kaffee, Katzen, kein Fleisch. Ungerechtigkeit, Hetze und vorsätzliche Dummheit finde ich ziemlich unerträglich. Ich kann schlecht ‚nein‘ sagen und ich brauche eine Menge Zeit für mich allein, sonst werde ich eklig.

Die EM hab ich mir aber nicht allein angeschaut, sondern mit Familie oder kollektiv in der Wabe (unsere Kiezbühne). Ich bin sicher kein Fan, nur Gelegenheitsgenießer.

 

Welche Musik hörst du am liebsten und inwiefern lässt du dich davon beim Schreiben inspirieren?

Ich lasse mich sehr von Musik inspirieren. Musik spannt in meiner Vorstellung ganze Welten auf. Ich kann Monate lang monomanisch nur eine Sorte Musik hören, bis ich sie Takt für Takt durchdrungen habe. Zuletzt ging mir das so mit Michael Jackson, den ich nie beachtet hatte, bis meine Tochter mich überredet hat, ihr eine Best of MJ CD zu kaufen. Es reicht mir dann nicht, das nur zu konsumieren, ich muss es verstehen.

Manchmal höre ich beim Schreiben Musik, die stimmungsmäßig zum Stoff passt, an dem ich gerade sitze. Zum Beispiel habe ich ein Jugendbuch in Arbeit, das sich bei mir im Kopf als Anime abspielt. Ich höre dabei gerade oft Joe Hisaishi, der viele Soundtracks für Studio Ghibli geschrieben hat.

Es gibt nur wenige Sorten Musik, die ich schlecht aushalten kann. Schlager oder so debiles Zeug, das auf Bibel-TV läuft.

 

„Mit 20 findet man Berlin halt spannend …“

 

Deine ‚Lügenvögel‘ kommen bald als Hardcover heraus (eBook: hier). Wie viel klassische Philosophie steckt darin, wie viel Selbsterlebtes?

Selbsterlebtes vor allem dies: Die Tschernobyl-Katastrophe war für mich das Ende einer sehr sorglosen Kindheit, ich habe mich zum ersten Mal in der Welt nicht mehr sicher gefühlt. Im gleichen Jahr ist auch meine Mutter für eine Weile krank gewesen. Ich war damals zwölf, habe Ängste ausgestanden, Weltschmerz erlebt. Mir ist plötzlich klar geworden, dass das Böse existiert.

Dieses Gefühl transportiert sich in ‚Lügenvögel‘ wahrscheinlich. Es wird aber aufgefangen von der Beziehung der beiden Schwestern, Maria und Jana. Sie halten ein Leben lang zusammen, auch wenn man manchmal nicht weiß, welches Leben wo beginnt und wo endet.

Philosophisch gesprochen wollte ich das Verhältnis zwischen Sprache und Wirklichkeit erkunden, zwischen unserer Vorstellung von dem, was geschieht, und dem, was daraus erwächst. Ich nutze dabei die Möglichkeiten der fantastischen Genres, die eine abstrakte Vorstellung 1:1 in Bilder und Handlung umsetzen können. Ich kann die Ursache von gegenwärtigen Ereignissen in die Zukunft verlegen. Ich kann ein Kinderbild von einem Falter mit acht Beinen nehmen und behaupten: Weil das Kind den Falter gemalt hat und weil ihre Schwester ihm einen Namen gegeben hat, wird es solche Falter ab sofort schon immer gegeben haben. Tschernobyl ist der Angelpunkt, in dem alle Kausalitätsketten zusammenlaufen.

Das ist natürlich nichts Neues, ‚Lügenvögel‘ ist einfach eine Geschichte über die Macht des Wortes, die neben der Macht des Schwertes und der des Glaubens eine tragende Säule menschlicher Gesellschaften war/ist.

 

Welche neuen Projekte möchtest du sonst noch hier ankündigen?

Ich arbeite an zwei Büchern – dem erwähnten Jugendbuch, das sich auf andere Weise wieder mit der Macht von Wörtern befasst, und einem Road-Roman mit einem Twist Richtung Fantastik. Beide sind noch nicht so weit, dass ich einen Veröffentlichungstermin nennen könnte.

 

Zum Schluss: Warum hast du dich für Berlin als Heimat erschienen / warum bist du dort geblieben? Und wie lebt es sich da so?

Mit 20 findet man Berlin halt spannend, die Wende war noch nicht lange her, hier konnte man eine Zeit lang sehr billig und sehr provisorisch leben. Man studiert, man verliebt sich, man kriegt Kinder – und dann bleibt man eben. Im Sommer kann ich mir nicht vorstellen, wo anders zu leben. Das Leben findet auf der Straße statt, es gibt jede Art von Vergnügen. Und im Winter kann ich mir nicht vorstellen, wie ich es in dieser Tristesse noch länger aushalten soll.

 

Vielen Dank für das Interview!

Danke für die Fragen!

 

 

Karlas D9E-Roman „Ein neuer Himmel für Kana“ ist im Mai erschienen. Der Inhalt:

Die Kaita leben isoliert, ihr Planet Kana ist arm an Ressourcen, weder Menschen noch Hondh interessieren sich dafür. Erst, als tief in Kanas Höhlen Raumschiffe aus Stein entdeckt werden, erhält Karman einen Eingeborenen-Körper, um der Sache unauffällig nachzugehen.

Nichts ahnend begleitet Dabo ihre sehbehinderte Schwester Mija in die Höhlenstadt Forta, wo sie behandelt werden soll. Mija verschwindet spurlos, und Dabo ist überzeugt: Dieser merkwürdige Karman hat etwas damit zu tun. Mija jedoch ist längst an einem Ort, von dem kein Kaita je zurückgekehrt ist. Das Unvermeidliche geschieht: Der Krieg holt auch sie ein.

Das Buch kann man auf der Verlagsseite bestellen (12,95 EU, 263 Seiten).

 

Lügenvögel“ – der Inhalt:

Ein makelloses kleines Vogelei steckt in Marias Kopf. Seit es da ist, schreibt sie zwanghaft jeden Fetzen Papier voll, muss alles protokollieren, was ihr widerfährt. Doch entsprechen ihre Erinnerungen der Realität? Maria tritt eine Reise ins Dickicht der Vergangenheit an und begegnet den menschengesichtigen Lügenvögeln, die ihr zuflüstern, wie anders alles war und sein wird.

Lügenvögel erzählt von der Unzuverlässigkeit des Universums, von Wirklichkeiten, die nicht mit und nicht ohne einander auskommen, und von einer Kindheit im Schatten der Tschernobyl-Katastrophe.

Erscheinungstermin (überarbeitete Hardcover-Ausgabe): Ende September 2016, Wurdack.-Verlag.

 

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  1. A Conversation with Karla Schmidt | likecroft

    […] Karla! In your recent German-language interview for Deutsche Science Fiction, you talked about reading and loving science fiction when you were young and even working it into […]

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