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Rezension: Dirk C. Flecks Trilogie Tahiti/Südsee/Feuer

Das Tahiti Projekt

Das ist kein Roman
…sondern ein als Roman verbrämtes Sachbuch. Als solches nicht schlecht, als Roman fällt es leider völlig durch.
Warum?
Nun, da fehlt so ziemlich alles, was einen Roman ausmacht. Eine Spannungskurve zum Beispiel. Wer hier Spannung sucht, sucht sie vergebens. Im Gegenteil, der Text ist sehr langatmig aufgebaut, immer wieder wird Information transportiert an Stellen, an denen Handlung einen Roman nach vorne treiben würde. Die Protagonisten agieren hölzern. Die Liebesbeziehung zwischen dem Hauptprotagonisten und Maeva, der indigenen Schönheit, wirkt aufgesetzt. – Schade, hier wurde viel Potential verschenkt.
Denn das Thema ist es wert, dass man darüber diskutiert.
Fleck schildert uns hier eine Welt, die unsere Umwelt- und sonstigen Probleme in den Griff bekommt oder zumindest auf einem guten Weg dahin ist.
Fleck schlägt als Lösung mehrere entscheidende Dinge vor:
1. Einführung von Expertenparlamenten anstelle des heutzutage vorhandenen. Gleichzeitige Abschaffung der Parteienlandschaft. Für Grundwerte, Kultur, Politik und Wirtschaft soll es eigene unabhängige Gremien geben, die ihren Bereich in Unabhängigkeit regeln.
2. Bodenreform. Der Boden wird Allgemeingut und von den Menschen lediglich gepachtet, so wird Geld erwirtschaftet, dass der Allgemeinheit im Wege des Grundeinkommens wieder zur Verfügung gestellt wird.
3. Steuerreform. Arbeitseinkommen wird nicht mehr besteuert. Ein Grundeinkommen wird jedem Bürger unabhängig von seiner Arbeitsleistung zur Verfügung gestellt, damit er seine Grundbedürfnisse befriedigen kann. Die Steuer wird auf Verbräuche erhoben. Luft, Wasser, Boden, Rohstoffe und Energie werden besteuert.
4. Geldreform. Geld nimmt regelmäßig im Wert ab. D. h., wer zu lange sein Geld hortet, hat am Ende weniger Wert in der Tasche, als vorher. Zinsen gibt es nicht mehr. Dieses System bringt die Menschen dazu, das Geld (Tauschleistung) nicht auf Dauer dem Kreislauf zu entziehen. Damit wird die Wirtschaft angekurbelt. Dieses System wurde in Österreich in der Gemeinde Wörgl 1932 praktiziert und dann durch die Regierung verboten.
5. Arbeitsreform. Jeder Bürger darf arbeiten, muss aber nicht. Damit wird Arbeit wieder als Selbstverwirklichung und nicht als Last empfunden.
In Flecks Gesellschaftsentwurf funktioniert das. Er stellt die unverdorbene indigene Bevölkerung Tahitis als die neue Menschheit dar, die uns alle auf den richtigen Weg, quasi zurück zu den Wurzeln, zurück zum Einklang mit der Natur, bringt.
Ein schöner Traum.
Meine Realitätswahrnehmung ist eine andere, sehr viel pessimistischere.
In vielen Punkten kann ich Flecks Plan teilen. Expertenparlamente, Boden- und Steuerreform und vor allem die Geldreform erscheinen mir nicht unlogisch.
Womit ich aber ein erhebliches Problem habe ist die Arbeitsreform. Dies nicht unbedingt mit dem Argument, dass ein erheblicher Anteil der Bevölkerung nicht mehr arbeiten würde; die würden irgendwann die Notwendigkeit einsehen, aber dazu kommen wir gleich. Vielmehr kann der Mensch in meinen Augen nur dann Selbstbefriedigung aus der Arbeit ziehen, wenn er seinen Neigungen nachgeht und beispielsweise ein fertiges Werk schafft, anstelle einer einzelnen Handlung an einem größeren Werk. – Hier sehe ich den alles entscheidenden Haken des Ganzen. Es würden sich niemals so viele Menschen zusammenfinden, um ein größeres Werk (welches ist völlig egal) herzustellen. Die Arbeitsteilung, die uns allen einen gewissen Wohlstand ermöglicht, würde völlig zusammenbrechen. – Tut mir leid, Herr Fleck, aber das ist meine Meinung.
Kennen Sie (natürlich werden Sie das kennen) das Buch Planet der Habenichtse von Ursula K. LeGuin? Hier wird eine ähnliche Gesellschaft dargestellt, wie Sie sie entworfen haben. Allerdings mit der Konsequenz, dass, wenn die Umsetzung funktioniert, der Lebensstandard für alle Bevölkerungsschichten drastisch sinkt. Sicherlich, die Umweltprobleme etc. bekommen wir in den Griff, bezahlen damit aber mit einem für den Einzelnen sehr wichtigen Gut: dem Lebensstandard!
Insofern fürchte ich, dass der Entwurf, den Fleck hier macht, nicht umsetzbar ist. Er muss alleine schon an dem Willen der Bevölkerung scheitern, weil sie nicht bereit sein wird auf Konsum zu verzichten. Hier bräuchte es den „neuen Menschen“, den Sie in der indigenen Bevölkerung, die im Einklang mit der Natur lebt, erkannt zu haben glauben.
Auch hier möchte ich widersprechen. M. E. ist der Mensch anders aufgebaut. Schauen wir doch nur einmal in die Bibel (auch wenn ich nicht religiös bin). Hier will ich nur verdeutlichen, dass der Mensch bereits vor über 2000 Jahren mit denselben menschlichen Problemen wie z. B. der Habgier umgegangen ist. Anders ist dieses Gebot m. E. nicht zu erklären. Wirft man auch einen Blick auf das Artensterben in geschichtlicher Zeit, so glauben Wissenschaftler zu erkennen, dass dieses mit der Ausbreitung des Urmenschen einherging. – Insofern glaube ich nicht an den „guten“ im Einklang mit der Natur lebenden Eingeborenen. Ich sehe den Menschen als Individuum, der nur auf seinen Vorteil aus ist und allenfalls in seiner engsten Umgebung (Familie) etwas andere Maßstäbe gelten lässt. Und das ist schichtenunabhängig. – Aber das führt jetzt zu weit.
Über eine Replik würde ich mich freuen.
Das Buch wurde ausgezeichnet mit dem Deutschen Science Fiction Preis, einem der drei bedeutenden Literaturpreise in diesem Genre in Deutschland.
Ich vergebe 5 Sterne für die Ideen die in diesem (Sach-) Buch transportiert werden. 4 Sterne ziehe ich für die leider nicht wirklich vorhandene Romanstruktur ab.
Das Südsee Virus
Da thrillt nix…
Tut mir leid, da kam bei mir null Spannung auf. Das Buch ist meiner Meinung nach alles andere, als ein Thriller. Ich musste mich zwingen, die Seiten zu lesen, nach dem ersten Drittel konnte ich nur noch querlesen.
Warum?
Nun, der Autor ist bemüht. Ihm liegt viel, sehr viel am Thema. Er bringt dem Leser viele ökologische wie auch politische Ideen nahe. Viele Sachen und Dinge, die absolut notwendig erscheinen, um dem Menschen und mit ihm dem Ökosystem Erde das Überleben zu ermögliche.
Leider scheitert der Roman (nicht die Idee!) eben genau daran. Es ist einfach zu viel des Guten. Der Leser wird ständig belehrt. Offensichtliches wird erklärt. Weniger wäre viel (sehr viel) mehr gewesen. Handlung in dem Sinn, dass hier auch nur ein wenig Action gebracht wird, existiert nicht. Dabei hätte das Buch, anders aufgebaut, sehr viel Potential. Man könnte tatsächlich einen Thriller daraus machen und so auch die Thesen, die es wirklich wert sind, diskutiert zu werden, an die Leser bringen.
Ich vermute jetzt einfach mal, das sich dieser Roman sehr viel schlechter verkauft hat, als der erste Teil. Vermutlich hat Piper aus diesem Grunde darauf verzichtet, auch den dritten Teil zu bringen. Der kam in einem (hervorragenden) Kleinverlag heraus.
Bleibt natürlich noch die Kernaussage, die Thesen. Hier wird dem Equilibrismus der Mund geredet. Das ist grundsätzlich nicht schlecht. Für meine Begriffe wird aber nicht genug hinterfragt. Indigene Bevölkerungen als grundsätzlich gut und die industriell westlich geprägte Gesellschaft als schlecht hinzustellen, ist für mich zu platt. Meine (evtl. unmaßgeblichen) Erfahrungen mit Menschen jeglicher Couleur deuten hier doch auf die weit verbreitete Habgier jedes einzelnen hin. Und das scheint mir in indigenen Bevölkerungen auch nicht anders zu sein, sie hatten bislang einfach nur noch nicht die Chance, derart Einfluss auf die Ökologie des Planeten zu nehmen, wie wir. – Wenngleich, es scheint erwiesen zu sein, dass bereits unsere entfernten Vorfahren (was anderes sind sie, als indigene Völker) für das vielfältige Artensterben verantwortlich sind, was mit der Ausbreitung des Menschen über unseren Planeten hereinbrach.
Insofern hat Fleck hier den zweiten Teil seiner Utopie geschaffen. Wie auch bei Thomas Morus, muss das nicht schlecht sein, es überzeugt mich aber nicht.
Egal, der dritte Teil liegt auf meinem Nachttisch, ich werde ihm eine Chance geben, des Themas wegen.
Feuer am Fuss
Nun, auch der dritte Teil der Maeva-Trilogie hat mich nicht überzeugt. Ich habe ihn in weiten Teilen nur quer lesen können. Der Text liest sich häufig wie ein Auszug aus Reden von Politikern. Allerdings von Politikern, die reden können. Denen ihr Anliegen wirklich am Herzen liegt. – Nichtsdestotrotz, das ist harter Stoff für jemanden, der einen Roman erwartet.
In meinen Augen haben wir hier keinen Roman vorliegen, sondern eher eine Art Manifest. Eine Darstellung einer sterbenden Gesellschaftsform (Kapitalismus) und dem Versuch aus den Ruinen etwas Neues zu schaffen. – Nun, das mag gelingen. Ich teile in vielen Bereichen die Sorgen und Nöte des Autors, kann nachvollziehen, dass in unserem westlichen System vieles im Argen liegt.
Allerdings scheint er mir dann doch an manchen Punkten die Keule herausgeholt und einen Rundumschlag gemacht zu haben. So nach dem Motto: und was ich sonst noch so sagen wollte, das und das und das stört mich auch.
Das tut dem Text insgesamt nicht gut. Er liest sich nicht flüssig, zumindest hatte ich damit meine Probleme.
Einen durchgehenden (spannenden) Handlungsfaden konnte ich nicht erkennen. Das mag der Tatsache geschuldet sein, dass ich häufig nur quer gelesen habe, aber die Handlung hat mich einfach nicht gefesselt. Das war mehr ein Aneinanderreihen von Begebenheiten. Manche Situationen (z. B. das Treffen mit dem russischen Oligarchen oder das Treffen mit einem der Superreichen, der auf der Todesliste steht) lasen sich für mich wie die bei Sozialpädagogen so beliebte Einstiegsrunde bei der Vorstellung im Stuhlkreis: Ich bin der und der und mache das und das… Das thrillt nicht wirklich, sondern hat bei mir nur quälende Langeweile hervorgerufen. Tut mir wirklich leid, ich möchte dem Autor nicht zu nahe treten, aber als Roman taugt auch dieser dritte Teil in meinen Augen nichts.
Der Inhalt, so wie ich ihn wahrgenommen habe, ist kurz erzählt: Unser westlich kapitalistisches System kollabiert. Die Gründe sind vielfältig, lassen sich aber im Grundsatz auf die Habgier einiger weniger Menschen zurückführen. Die indigenen Völker zeigen sich aufgeschlossen den neuen alten Ideen gegenüber und schaffen es (vielleicht) eine neue Gesellschaftsordnung aufzubauen.
Nun, auch damit habe ich so mein Problem. In meinen Augen ist der westlich kapitalistisch geprägte Mensch nicht wirklich schlecht und der indigene nicht von sich aus gut. Das ist mir einfach zu platt und, ganz ehrlich, es war mir an vielen Stellen einfach zu viel des Guten. Immer wieder die weisen Sprüche der Indianer oder der australischen Aborigenies (bewusst mit Genies geschrieben) vorgekaut zu bekommen. Das langweilt. Das ist gut gemeint, aber es hat mich mal vor vierzig Jahren beeindruckt, jetzt nicht mehr. Das ist m. E. einfach nur platt, denn würden wir diesem Weg kompromisslos folgen, dann würden wir auch wieder so leben, wie einfache Stammesgemeinschaften das getan haben: Von der Hand in den Mund. Da fehlt mir etwas, vielleicht habe ich es auch einfach nicht verstanden.
Warum habe ich trotzdem (wenn auch nur quer) weiter gelesen?
Weil das Thema an sich wichtig ist. Weil es wichtig ist, sich mit den Ideen, die Fleck hier transportiert, auseinanderzusetzen. Weil viel von dem, was er beschreibt, tatsächlich kommen könnte. Weil viel ggf. umsetzbar ist und auch sinnvoll wäre, umgesetzt zu werden. Parlaments-, Geld-, Boden-, Steuerreform, alles Dinge, die sich wirklich lohnen diskutiert zu werden.
Allerdings teile ich mit dem Autor auch nicht alle Ansätze. Ich glaube, dass tatsächlich bei wirklich reichen Mitmenschen (ich meine hier Multimilliardäre) ein Umdenken stattfindet. Zumindest habe ich dies bei zwei mir persönlich bekannten festgestellt, die einen ganz erheblichen Teil ihres Vermögens in eine gemeinnützige Stiftung eingebracht haben, die als Zweck die Völkerverständigung hat. Insofern glaube ich, dass unsere Gesellschaft durchaus wandelbar ist und zwar nicht in dem Sinne, von dem der Autor ausgeht.
Das hört sich jetzt recht merkwürdig an, aber ich würde dem Anliegen des Buches 5 von 5 möglichen Sternen geben, dann aber 4 Sterne für die mangelnde Umsetzung abziehen. Ich wage zu prophezeien, dass sich das Buch nicht als Kassenschlager entwickeln wird (leider) und insoweit die Ideen, die hier aufgeworfen wurden im Sande verlaufen werden.

 

Wertung-1-Stern

Alle drei Bücher sind im Paket nur bei p.machinery zum Preis von 24,90 € zu beziehen.