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Interview mit Anja Kümmel

Anja, du hast bis dato ein sehr bewegtes Leben. Erzähl uns doch zuerst von deinem Studium in Los Angeles, Madrid und Hamburg. Welche Stadt war am schönsten für dich? Und was sind die Aufgaben einer Gender-Expertin?

Die Zeit in L.A. war sehr intensiv und sicher die prägendste – es ist wohl kein Zufall, dass sie in meinen ersten drei Romanen eine große Rolle spielt (und nun auch wieder in „V“!). Ich habe dort Gender Studies und Spanisch studiert und mein letztes Semester in Madrid verbracht. Danach habe ich einen Master in „Gender und Arbeit“ an der Universität Hamburg gemacht.

Als „Gender-Expertin“ würde ich mich auf keinen Fall bezeichnen. Wir wachsen alle in einer zweigeschlechtlichen Welt auf – nur beschäftigen sich wahrscheinlich diejenigen, die in irgendeiner Weise aus heteronormativen Strukturen herausfallen, früher und intensiver mit dem Thema.

Das Studium hat mir geholfen, die gesellschaftlichen und historischen Zusammenhänge klarer zu sehen und formulieren zu können. Dabei finde ich es besonders wichtig, unterschiedliche Formen von Diskriminierungen intersektional zu denken, d. h. wie z.B. Rassismus, Klassismus, Sexismus und Homophobie zusammenspielen können.

Als meine „Aufgabe“ im Alltag und beim Schreiben verstehe ich es, nicht nur gängige Geschlechterrollenklischees und Biologismen in Frage zu stellen, sondern immer wieder auch die eigene Position zu überdenken und Privilegien zu hinterfragen. Kunst, Literatur, Film und Theater, aber auch philosophische Konzepte und wissenschaftliche Theorien „gegen den Strich“ zu lesen, umzudeuten und widerständige Potentiale herauszufiltern.

 

Du hast auch das Glück gehabt mehrere Stipendien zu bekommen. Berichte mal darüber! Kann man sich in so einem Rahmen wirklich besser auf die Arbeit konzentrieren?

Arbeitsstipendien sind so ziemlich das Beste, was einem als Autor_in passieren kann! Sie geben einem die Möglichkeit, sich voll und ganz auf eigene Projekte zu konzentrieren.
Ich rezensiere zwar gerne, müsste aber ungefähr drei Bücher pro Tag lesen, um davon leben zu können. Und das ist selbst bei meinem Tempo nicht zu schaffen.

Bei Aufenthaltsstipendien gibt im Prinzip zwei Möglichkeiten: Entweder, ich werde vor lauter Langeweile unglaublich kreativ und schreibe viel mehr als sonst,  oder aber ich werde depressiv und produziere gar nichts mehr. Um mal ein Beispiel zu nennen: Im Herbst 2012 war ich drei Monate in einem Burgturm bei Heidelberg „gefangen“. Da war nur Wald drum herum und sonst nichts. In den ersten Wochen klopfte hartnäckig die Depression an, und ich fühlte mich wie gelähmt. Dann konnte ich das Ruder aber doch noch irgendwie rumreißen, und große Teile von „V“ sind dort entstanden.

 

Vor kurzem ist dein SF-Roman „V oder die vierte Wand“ erschienen. Es geht um Zeitverschiebungen, einen Kontrollstaat, verschiedene Sehnsüchte und den berüchtigten Londoner V-Club. Wir wollen mehr wissen!

In „V“ geht es um zwei aus der Zeit Gefallene, die in einem leicht verschobenen London des Jahres 1980 aufeinandertreffen. Die eine Hauptfigur ist ein junger Mexikaner namens Mesca, der sich im Jahr 1980 auf den Weg nach London macht, um seine verlorene Liebe wiederzufinden, zunächst aber in einem futuristisch-dystopischen London voller Drohnen und Überwachungstechnologie landet. Die andere Hauptfigur ist Fenna, die in der nahen Zukunft in Island lebt und einen Job als Auftragskillerin angeboten bekommt, der sie nach London führt. Sie allerdings unternimmt eine umgekehrte Zeitreise und landet im Jahr 1980. Außerdem gibt es da noch eine mysteriöse Figur namens E., die als Sehnsuchtsmotiv für beide eine zentrale Rolle spielt, sowie einen durchgeknallten Graffiti-Künstler im Hasenkostüm.

Der V-Club basiert auf dem legendären Blitz-Club in Covent Garden, der um 1979 zum Gravitationspunkt der New Romantics wurde. Ohne es zu ahnen, habe ich damit auch Steve Strange und David Bowie ein kleines Denkmal gesetzt.

 

Arbeitsstipendien sind so ziemlich das Beste, was einem als Autor_in passieren kann!

 

Bei der Recherche zum V-Club, den es tatsächlich gibt, bin ich wohl in eine Zeitverschiebung geraten: „Page cannot be found“. Wahrscheinlicher Grund: die URL-Endung .london! Auch im Roman geht es um typisch Orwell’sche Probleme der Online-Community. Wie sehr fühlst du dich selbst überwacht?

Ich sehe den Trend hin zum permanenten Online-Sein nicht so sehr als „Orwellsch’sches Problem“, denn das würde ja eine repressive Kontrollinstanz voraussetzen. Als eine solche wird zwar die AllSec (eine private Sicherheitsfirma) anfangs suggeriert, diese Annahme stellt sich jedoch im Lauf der Geschichte als nicht ganz zutreffend heraus.

Maßgeblicher ist glaube ich – um mal Jacques Lacan zu paraphrasieren – unsere Abhängigkeit vom Blick des „Großen Anderen“, durch den wir uns unserer Existenz versichern. Oder, wie es E. an einer Stelle ausdrückt: „Überwachung ist dann wohl das, was durch unsere Art der Kommunikation überhaupt erst entsteht.“

Da ich mich von Smartphones und den meisten Social-Media-Plattformen weitgehend fernhalte, hält es sich bei mir persönlich mit dem Gefühl des Überwachtwerdens (noch) in Grenzen. Ich bin mir allerdings nicht sicher, wie lange eine soziale Teilhabe ohne permanentes digitales Präsentieren, Teilen und Kommunizieren überhaupt noch möglich sein wird – womit wir im „V“-Szenario angekommen wären.

 

Die „vierte Wand“ macht es den Akteuren eines Stückes (eines literarischen Textes?) unmöglich, mit den Zuschauern (Lesern) zu kommunizieren, ähnlich wie die imaginäre Wand zwischen den Autobahnspuren. Ja, ist denn auch die Zeit bloß eine imaginäre Wand?

Das ist ein interessantes Bild. Tatsächlich basiert „V“ auf dem Prinzip der Gleichzeitigkeit – es gibt keine klare Trennung zwischen Früher, Jetzt und Später. Ähnlich wie im menschlichen Hirn, wo sich Erinnertes, aktuelles Erleben und in die Zukunft Projiziertes beständig vermischen.

Die unsichtbare „vierte Wand“ spielt allerdings vor allem in anderen Zusammenhängen eine entscheidende Rolle im Roman: Es geht nämlich ganz wesentlich darum, was passiert, wenn ein Objekt, das wir unbeobachtet beobachten (siehe z. B. Hitchcocks „Fenster zum Hof“) oder ein Objekt der Begierde, das wir unerreichbar wähnen, plötzlich zurückschaut, mit uns in Interaktion tritt. Zerbricht dann die Projektion? Oder die Wirklichkeit?

In „V“ sind die Momente, in denen die „vierte Wand“ zerbricht, immer auch diejenigen, an denen ein Wechsel der Realitätsebene stattfindet.

 

„Überwachung ist dann wohl das, was durch unsere Art der Kommunikation überhaupt erst entsteht.“

 

Eine der Hauptfiguren aus „V“ heißt Mesca und kommt aus Mexiko. Da kommen natürlich Konnotationen von Mescalin und diversen psychedelischen Pflanzen auf. War das beabsichtigt?

„Ich hab da diesen Riss in der Zeit“, sagt Mesca an einer Stelle zu Fenna. Es wird suggeriert, dass die Flashbacks und Visionen, die Mesca hat und die ihn immer wieder in ein anderes Raum-Zeit-Kontinuum transportieren, mit seinem früheren exzessiven Drogenkonsum zu tun haben könnten. Tatsächlich hat er in L. A. seinen Lebensunterhalt mit Dealen verdient – zunächst mit Mescalin (woher auch sein Spitzname rührt), später mit Kokain. Vielleicht hat er aber auch tatsächlich eine spezielle Gabe, die ihn durch die Zeit reisen lässt – das wird letztendlich offen gelassen.

 

Du warst bestimmt selbst schon mehrmals in London. Inwieweit hast du persönliche Erlebnisse in den Roman einfließen lassen?

Ich habe im Sommer 2012 einen Monat in London verbracht, um zu recherchieren. Es war während der Olympischen Spiele, und tatsächlich flogen überall Kameradrohnen herum – das Orwell’sche Szenario war also quasi bereits Wirklichkeit geworden. Ich war in Soho und Covent Garden unterwegs, im Financial District, auf der Isle of Dogs. Aber auch in noch kaum entwickelten Gegenden des East End und den Brachflächen der Docklands, die heute noch an Ballards trostlose Dystopien der 70er erinnern. Außerdem habe ich mit Stadtplanern, Immobilienmaklern, Museumskuratoren und Blitz-Club-Veteranen gesprochen. All das ist mit ins Buch eingeflossen.

 

Wie stehst du zum Thema Zeitreisen? Hältst du so etwas für möglich?

Wie schon gesagt: Wir reisen alle permanent durch die Zeit – so funktioniert unser Gehirn! Oder, um mal mit Christa Wolf zu sprechen: „Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen.“ Genauso offen und prinzipiell zugänglich, denke ich, ist auch die Zukunft.

 

Welche Rolle spielt die digitale Welt, die virtuelle Realität, in deinem Werk? Gibt es Vorbilder in der klassischen SF-Literatur?

In „Träume Digitaler Schläfer“ spielt die virtuelle Realität eine große Rolle – wie der Titel ja schon verrät. Vorbilder sind hier ganz klar Klassiker wie Philip K. Dick oder William Gibson.
Beim Schreiben von „V“ haben mich dann allerdings andere Arten von Parallelwelten mehr interessiert, wie sie etwa in David Lynchs „Lost Highway“ oder „Mullholland Drive“ zum Tragen kommen. Mich fasziniert die schiere Kraft psychischer Bewältigungsstrategien – egal, wie verdreht sie sein mögen – und wie unser Hirn in der Lage ist, völlig neue Welten zu kreieren, in die unter Umständen auch andere Menschen, Orte und sogar die Zeit mit hineingezogen werden können.

 

Wenn du eine Zeitreise machen würdest – wie viele Jahre in der Zukunft müsstest du landen, damit die in „V“ beschriebene Welt irgendwo auf der Welt real würde?

Genau so wie in „V“ beschrieben wird dieses fiktive Szenario sicherlich nie Realität werden. Beim Schreiben habe ich etwa 20 bis 40 Jahre in die Zukunft gedacht, aber bewusst auf konkrete Zeitangaben verzichtet. Bestimmte Aspekte wie das permanente Online-Sein und die fortschreitende freiwillige Selbstausleuchtung erleben wir ja jetzt schon. Auch weitere Wirtschaftskrisen, wachsende Paranoia angesichts äußerer wie innerer Bedrohungen, verstärkte Sicherheitsbestrebungen und eine Umverteilung politischer Machtverhältnisse halte ich in der nahen Zukunft für wahrscheinlich. Bis allen Menschen qua Geburt ein Mikrochip eingepflanzt wird, werden allerdings vermutlich noch ein paar Jahrzehnte vergehen.

 

Kommen wir zurück in die Vergangenheit … 2013 wurdest du Vierte beim DSFP (mit „Träume digitaler Schläfer“). Hat dich das der SF-Szene irgendwie näher gebracht? Hast du neue Kontakte knüpfen können?

Die Nominierung war natürlich toll – aber ehrlich gesagt habe ich dadurch keine großen Veränderungen bemerkt. Was vielleicht auch daran lag, dass das Buch zu der Zeit bereits  vergriffen war – eine etwas absurde Situation. Ich hatte gehofft, „Träume Digitaler Schläfer“ noch einmal neu auflegen zu können, aber leider hat sich bis heute kein Verlag dafür gefunden, weder im SF-Bereich noch sonst wo. Einen positiven Effekt hatte die Nominierung allerdings: CulturBooks hat das Buch immerhin als Ebook wieder erhältlich gemacht!

 

… in die Gegenwart: Wie beurteilst du die deutschsprachige Sciencefiction(-Szene)? Wo ist sie ausbaufähig? Gibt es evtl. LieblingsautorInnen?

Ich bin mir gar nicht sicher, wer alles zur „Szene“ gehört und wer nicht … Und das ist ja vielleicht gar nicht schlecht. Ich würde mir insgesamt mehr Offenheit und Durchlässigkeit wünschen. Und damit sind v. a. auch literarische Verlage gemeint: Nicht  alles, was SF- oder phantastische Elemente enthält, ist gleich seichte Genre-Unterhaltungsliteratur. Da muss noch ein Umdenken stattfinden!

Hier mal ein paar Beispiele toller SF-Bücher der letzten Jahre:

Roman Ehrlich: Das kalte Jahr
Leif Randt: Schimmernder Dunst über Coby County, Planet Magnon
Angelika Meier: Heimlich, heimlich mich vergiss
Juan S. Guse: Lärm und Wälder
Und natürlich so ziemlich alles von Dietmar Dath.

 

… und wieder in die Zukunft: Wirst du der SF treu bleiben? Was sind deine nächsten Projekte?

Ich hoffe, das ist jetzt keine allzu große Enttäuschung – aber auf ein bestimmtes Genre oder bestimmte Themen wollte ich mich noch nie festlegen. Tatsächlich beschäftigt sich mein aktuelles Buchprojekt mit der Geschichte meiner Familie, verwoben mit der Geschichte Berlins. Zentrale Themen sind: Stadt als Erinnerungstopographie, Familiengedächtnis und Mythenbildung, Vergessen und Verdrängung.
Das soll jetzt aber nicht heißen, dass es darin ausschließlich um Vergangenes geht!
„Vielleicht war selten in einer Zukunftsvision so viel Vergangenheit und so wenig Zukunft vorhanden wie in diesem Roman“, las ich letztens in einer Rezension zu „V“. Das fand ich sehr interessant.
Ich könnte mir also vorstellen, dass letztendlich in meinem nächsten Buch viel mehr Zukunft stecken wird, als ich jetzt ahne.