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Rezension: „Unsterblich“ von Jens Lubbadeh

Unsterblich von Jens Lubbadeh

Ein SF-Roman über digitales Leben nach dem Tod – und das in einem Großverlag, mit Marlene Dietrich auf dem Cover. Sagen wir mal so: Heyne hat schon Bücher rausgebracht, die weniger neugierig gemacht haben.

Benjamin Kari geht dem Verschwinden des „Ewigen“ von Marlene Dietrich nach. Die „Ewigen“ sind die holografischen Abbilder Verstorbener. Die ganze Technik dahinter stammt von einem Monopolisten namens „Infinity“. Es gibt „Ewige“ von Berühmtheiten, aber auch von der Oma, der tragisch verstorbenen Ehefrau oder (posthum) von einem selbst. Dazu zeichnet Infinity mit „Lebenstrackern“ alles auf, was ein Mensch erlebt, um später damit die Simulation zu programmieren, die als ewiges holografisches Abbild durch die Gegend läuft – allerdings leicht modifiziert. Ich will hier nicht zu viel vorweg nehmen, aber eines sei gesagt: Man darf hier keine akkurate, realistische Darstellung einer möglichen digitalen Zukunft erwarten. Zwar gibt es auch in der Realität Bestrebungen, mehr als nur die Erinnerung an Verstorbene digital aufzubewahren, aber was Lubbadeh in seinem Roman erfindet, ist eine ganz andere Nummer. Er muss dafür einen Riesenaufwand an Technik postulieren: Billionen Nanodrohnen, Chips im Kopf um die Hologramme „einzublenden“, Lebenstracker im Handgelenk, und so weiter. Woher die nötige Energie kommt, wie die immensen Datenmengen übertragen und verarbeitet werden – geschenkt. Spätestens gegen Ende wird klar, dass die Daten sogar sehr leicht zu beschädigen sind. Der Rezensent, selbst IT-Berater, kann da nicht aus seiner Haut: Er sieht sich die ganze Zeit in einem Meetingraum bei Infinity verzweifelt erklären, dass es zwar echt cool ist, Rechenzentren an pittoresken Orten aufzustellen, dass echte IT-Sicherheit aber doch ein bisschen anders funktioniert.

Sehr überzeugend beschreibt der Autor hingegen, wie die Ewigen von Berühmtheiten im täglichen Leben wichtige Positionen einnehmen: Man glaubt sofort, dass die Wähler einen Ewigen von Helmut Schmidt jedem zeitgenössischen Politiker vorziehen würden. Die Masse schaut ja auch lieber den x-ten Aufguss von Enterprise und Spiderman – oder eben den neuen Film mit Marlene Dietrich. Hier nutzt Lubbadeh die Gelegenheit für popkulturelle Anleihen, die SF-Leser immer gerne goutieren.

Nach und nach entwickelt der Roman eine spannende Thrillerhandlung. Er bleibt fast die ganze Zeit in der Perspektive des Ben Kari, der Kapitel für Kapitel tiefer in eine Verschwörung hineingezogen wird und schließlich zum Gejagten wird. Dabei kommen natürlich diverse Schusswaffen zum Einsatz, und die Projektile treffen durchaus auch mal.  Es fließt eine Menge Blut – bis man sich am Schluss fragen muss, ob die dem Tode nahe und schon leicht verwirrte Hauptfigur mit seiner letzten Handlung nicht eine globale Katastrophe auslöst…

Auch wenn hier zweifellos ein ideenreicher und spannender Roman vorliegt: Eine tiefere Auseinandersetzung mit dem Thema „digitaler Tod“ bleibt der Autor schuldig. Die „Ewigen“, um die es eigentlich zu gehen scheinen, treten so gut wie nie selbst auf. Am Schluss gibt es noch eine dermaßen phantastische Wendung, dass einem das „Hä!?“ glatt im Halse stecken bleibt. Hier nähert sich der Roman fast schon gefährlich dem Bloß-nichts-hinterfragen-Niveau typischer amerikanischer Blockbuster. Es bleibt aber unter dem Strich eine spannende, flott erzählte Geschichte mit vielen interessanten Einfällen. Das ergibt eine 3-Sterne-Wertung – den vierten Stern erhält hier der Großverlag für den Mut, einem SF-Roman eines recht unbekannten, ideenreichen, deutschen Autors eine Chance zu geben, der noch dazu nicht im fernen Weltraum spielt. Wollen wir hoffen, dass die Verkaufzahlen diesen Mut belohnen – eine Leseempfehlung sprechen wir allemal aus.

Aktuell gibt es im SF-Netzwerk eine Leserunde zum Roman (Link folgt, da das SFN derzeit nicht verfügbar ist).

Das Buch selbst gibt es im Buchladen eures Vertrauens.

Unterhaltung: 

Anspruch: 

Originalität: