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Rezension: „Junktown“ von Matthias Oden

Junktown von Matthias Oden

Mit „Junktown“ legt Matthias Oden im Heyne Verlag seinen ersten Roman vor.

Die „Konsumrevolution“ hat vor vielen Jahren das alte System weggespült. Jetzt sind Drogen nicht nur legal, sondern der Rausch ist Pflicht. Regelmäßig müssen die Bürger Blutproben abgeben, und wer bei zu wenig Drogenkonsum erwischt wird, wandert in eine „Sozialhygiene“-Einrichtung oder gleich in den „Recyclinghof“. Wer praktisch dauernd auf einem Trip ist, kann natürlich nicht besonders gut arbeiten, deshalb übernehmen Maschinen die unangenehmen Pflichten. Zum Beispiel Produktion von Nachwuchs: um den kümmern sich riesige, intelligente Maschinen namens Brutmutter. Und eine davon wird zu Beginn der Handlung tot aufgefunden. Offenbar ermordet. Inspektor Solomon Cain, ein erfahrener Polizist der Gemapo (Geheime Maschinenpolizei) und gealterter Held der Revolution, übernimmt die Ermittlungen. Er kommt schnell dahinter, dass es hier um viel mehr geht als um einen Mord aus Leidenschaft. Als das Rauschsicherheitshauptamt auf den Plan tritt, geraten die Dinge außer Kontrolle.

Der Autor legt mit seinem Debütroman eine erfindungsreiche Dystopie vor, die – schon durch die der DDR und dem Drittem Reich entlehnten Begriffe ersichtlich – keinen Zweifel daran aufkommen lässt, wie die Rollen von Gut und Böse verteilt sind. Man fragt sich unweigerlich, wie ein System, in dem der Rausch ein erzwungener (Dauer-)Zustand ist („Alle Macht den Drogen!“), wenn man nicht gerade einen ABS (Abstinenzberechtigungsschein) besitzt, überhaupt wirtschaftlich und verwaltungstechnisch funktionieren kann. Der Autor zeichnet kein vollständiges Bild der Gesellschaft. Vielmehr bedient er sich punktuell verschiedenster Gestaltungselemente, die sich zu einem Gesamtbild fügen. So entstammen die verwendeten uralten Telefone, der mental angeknackste Inspektor und die später auftretende femme fatale eindeutig dem film noir. Die (kurze) Liebesgeschichte hat mich allerdings nicht besonders überzeugt. Moderne Technik gibt es so gut wie gar nicht; entweder gab es nach der Revolution also eine Rückentwicklung oder die Handlung spielt in einer (alternativen) Vergangenheit (eine Jahreszahl wird nicht genannt). Da die Handlung bis zum Ende auf die Perspektive der Hauptfigur beschränkt bleibt, bleibt sehr vieles offen, und als Resultat wirkt die Welt nicht immer völlig authentisch. Gleichzeitig bezieht der Roman seine Spannung zum einen aus dem Kriminalfall (dessen Entwicklung voller Wendungen ist, die man durchaus erahnen kann) und zum anderen aus der Frage danach, wie diese seltsame Gesellschaftsform des Konsumismus eigentlich entstanden ist. Das wird am Schluss tatsächlich aufgeklärt – aber erstens nur in wenigen Sätzen, und zweitens handelt es sich um Informationen, über die der Protagonist die ganze Zeit verfügt, aber nicht mit dem Leser teilt. Letztlich sind alle Entwicklungsschritte der Handlung so konsequent wie düster – bis zum Ende. Man sollte von diesem Buch weder Fröhlichkeit noch ein Happy End erwarten.

Unter dem Strich ist „Junktown“ eine lesenswerte Dystopie mit viel Erfindungsreichtum – und ohne jede Hoffnung.

Unterhaltung:

Anspruch:

Originalität: