«

»

Eine Saison der Kurzatmigen – Anmerkungen zur deutschen SF-Story-Szene 2016

Es gibt wohl kaum ein populäres Genre, in dem Anthologien eine so gewichtige Rolle gespielt haben wie in der Science Fiction. Ohne die unüberschaubare Anzahl von Original- und Reprint-Anthologien, Anthologiereihen wie Orbit, New Dimensions oder New Writings in Science Fiction und den vielen, teils parallel editierten Year’s-Best-Auswahlbän­den wäre das SF-Story-Schaffen in seiner Vielfalt kaum denkbar. Der Durchbruch der Anthologien zu einem Leit­medium der Science Fiction lässt sich sogar an einem kon­kreten Datum festmachen: 1946 erschien Adventures in Time and Space, herausgegeben von Raymond J. Healy und J. Fran­cis McComas, ein von berühmten Namen und vielgepriesenen Stories nur so strotzendes Kompendium der Golden-Age-SF und sicher eines der einflussreichsten SF-Bücher über­haupt. Seitdem haben umtriebige Antho­logisten unter immer neuen Aspekten Stories zusammengetra­gen oder Autoren mit zahllosen Themenvorgaben zu Antholo­gieprojekten versam­melt. Diese Tradition spielt auch in der deutschen Science Fiction bis heute eine maßgebliche Rolle. In einer Szene, die durch ihre geringe Reichweite und ihren Mangel an starken Autoren gehandicapt ist – nicht gerade gute Vo­raussetzungen für eine befriedigende Auswahltätigkeit – stellen sich Anthologisten dennoch immer wieder der He­rausforderung, lesenswerte Storysamm­lungen zusammenzu­stellen. Bei der Betrachtung der mehr bis weniger gelun­genen Anthologien, die 2016 erschienen sind und einen wesentlichen Teil der Lektüre für den vorliegen­den Artikel ausgemacht haben, tritt dabei einiges Sympto­matisches in der deutschen SF zutage.

Wollte man ein Charakteristikum des Jahrgangs 2016 auf einen knappen Nenner bringen, so ist bei den Neuerschei­nungen ein erstaunlich hoher Anteil an unfertig publi­zierten Geschichten festzustellen, auf den ersten Seiten mitunter vielversprechenden Stories, die plötzlich, ohne nennenswerte Konsequenz, Pointe oder Schlusswendung, vor­zugsweise an einer Stelle abbrechen, wo sie erst richtig losgehen gehen könnten – so als habe der Autor beim Schreiben die Lust verloren oder sein Thema so wenig durchdacht, dass er über die Illustration einer Idee nicht hinausgekommen ist. Man mag darüber spekulieren, ob die Vielzahl der Veröffentlichungsmöglichkeitem im Kleinver­lagsbereich Autoren dazu verleitet, in aller Schnelle halbgare Story-Konzepte herunterzuholzen, um unbedingt in Anthologien vertreten zu sein, die unbedingt aufgefüllt werden wollen.

Einige Beispiele für diesen merkwürdigen Trend enthält die Anthologie Hauptsache gesund!, herausgegeben von Ralf Boldt im Verlag p.machinery, ein viel zu dickes Buch mit zu vielen Geschichten schwacher Autoren, das nur mit wenigen Beiträgen seiner reizvollen Themenvorgabe – Ge­sundheit, Medizin und Gesundheitswesen in der Zukunft – gerecht wird. Eine der herausragenden Stories ist „Flucht aus der Plastikwelt“ von Dirk Alt, einem Autor, der sich in seinen jüngsten Veröffentlichungen erfreulich weiter­entwickelt hat und hier bereits in den ersten Absätzen sein, den meisten Autoren dieser Anthologie überlegenes, Erzähltalent beweist: Für den Protagonisten, der sich einer als kalt und künstlich empfundenen Welt durch frei­willige Euthanasie entziehen will, wird die Hoffnung, mit dem Aufenthalt in einem virtuellen Übergangsszenario we­nigstens angenehm aus dem Leben zu scheiden, ein Reinfall, der seinem gescheiterten Leben die Krone aufsetzt. In „Der optimierte Mann“, vielleicht eine der besten Geschichten von Michael Schmidt, der vor allem Stärken im Cyberpunk hat, findet der Autor eine ebenso schauderhafte wie absur­de Variante der nicht neuen Idee, mit Hilfe armer Schluck­er in der Dritten Welt Ersatzorgane für Patienten in rei­chen Ländern zu züchten. Der Höhepunkt der Anthologie ist wohl Paul Sankers „Vertreibung aus dem Paradies“, eine formal ungewöhnliche, aus wechselnden Perspektiven und mit unterschiedlichen Textformen montierte Geschichte, die zwei scheinbar disparate Motive – die fatalen Folgen der Genmanipulation von Nahrungsmitteln und der Nachweis von Parallelwelten am Large Hadron Collider – auf eine Weise verknüpft, dass sich ein unterschwelliger Kommentar zur Gewinnsucht im Gesundheitswesen ergibt. Herausragend hätte auch „Tubes Inc.“ von Frank Lauenroth werden können, ein zweifellos spannender, lebhaft und ansprechend erzählter SF-Krimi, der das alte Motiv des Materie-Transmitters und seiner Dilemmata aufgreift, aber unter einer fatalen Un­glaubwürdigkeit leidet, die die Logik der Geschichte fast zum Zusammenbruch bringt (warum, wird ein mitdenkender Leser rätseln, hat sich vor den Ereignissen der Story nie jemand die naheliegende Frage gestellt, was mit dem phy­sischen Original der Menschen geschieht, aus denen in der Senderöhre ein Datenmuster erzeugt wird – diesen Aspekt der Thematik hat schon Stanislaw Lem in der Summa tech­nologiae diskutiert, und James Patrick Kelly war in seiner Story „Think Like a Dinosaur“ nicht der erste und wird auch nicht der letzte sein, der auf diese Frage eine viel­leicht unzureichende, aber wenigstens überhaupt eine Ant­wort gegeben hat). Dennoch gehört „Tubes Inc.“ noch zu den besten Stories der Anthologien. Erwähnenswert sind neben diesen u.a. Thomas Kowas „Wer beamen kann, ist klar im Vorteil“, eine flotte, witzige und sehr lesbare Story mit gut vorbereiteter Pointe, die ein wenig an die frühen Alien-Possen von James Tiptree jr. erinnert (allerdings wenig mit der Themenstellung der Anthologie zu tun hat); „Making Redemption“ von Bernhard Horwatitsch, weniger eine Story als eine Stimmungsskizze vom hoffnungslosen Zusam­menbruch einer Gesellschaft und ihres Gesundheitssystems, sprachlich nicht ganz sicher, aber recht eindrucksvoll; und auch Andrea Thamms „Der Hygieneunfall“ über das Schreckensszenario einer Gesundheitsdiktatur, eine Story allerdings, die wie alle Geschichten mit einer Jetzt-haun-wir-alles-kurz-und-klein-Aufwaschdramaturgie etwas von ihrem interessanten Background und den psychologischen Untertönen verschenkt. Sehr interessant unter dem Aspekt der Ideen und ihrer gut durchdachten Konsequenzen ist Frederike Kleins „Popei, the Sex-Machine“ über die Steu­erung des Sexualverhaltens und der Bevölkerungsentwicklung in einem zukünftigen Deutschland durch jedem Neugeborenen obligatorisch implantierte RFID-Chips, doch leider funk­tioniert das Ganze nicht als Story, sondern liest sich eher wie ein Exposé zu einem Roman oder einer Novelle, die erst noch geschrieben werden müssten.

Um den Hauptbefund des vorliegenden Artikels zu belegen, kann gleich auf die erste Geschichte der Anthologie, „Health“ von Lucie Fickel, verwiesen werden, die anfangs überzeugend und vielversprechend in einer Folge fingierter Telephongespräche erzählt ist: Vor dem Hintergrund eines überteuerten und überlasteten Gesundheitssystems probiert die Protagonistin den neuartigen Service eines Gesund­heits-Startups aus. Sie schickt einige Proben ein und er­hält umgehend einen gründlichen gesundheitlichen Befund sowie genau darauf zugeschnittene Medikamente. Während der Behandlung geht es der Protagonistin aber nicht besser, sondern rapide immer schlechter. Der Leser, der nun auf eine interessante Aufklärung wartet, wird arg düpiert: Die Protagonistin stirbt, und das war’s – eine weggeworfene Story, schade drum. In dieselbe Kerbe solcher nur durch Faulheit zu erklärenden Leserenttäuschung haut der titel­gebende Beitrag des Herausgebers Ralf Boldt. Auch hier geht es dem Protagonisten, in diesem Fall trotz eines gesetzlich vorgeschrieben Geräts zur Überwachung des Gesundheitszustands, immer schlechter. Er trifft sich sogar mit dem Agenten eines geheimen Fleischesser-Ver­bandes, der ihm seinen Zustand erklären könnte. Doch dazu kommt’s nicht. Unversehens taucht die Polizei auf, der Kontaktmann wird eingesackt, und im Kopf des Leser ver­hallt zum zweiten und nicht zum letzten Mal die unbeant­wortete Frage „Was soll das?“ Der Herausgeber hat das gan­ze Buch hindurch zu wenig kritischen Sinn seinen Autoren und sich selbst gegenüber erwiesen, wovon besonders die Häufung schauderhafte Beiträge im letzten Drittel der An­thologie zeugt, etwa die von Roland Mörchen, Heinz-Helmut Hadwiger oder Anna Lena Rückert, noch mehr aber der abso­lute Tiefstpunkt des Buches, Claudia Plachetkas „Zu zweit, eins“, ein müder, mies geschriebener Brave New World-Auf­guss und eine geradezu virtuose Demonstration literari­schen Unvermögens, fast schon wieder unterhaltsam (und lehrreich) durch elementare Fehler in der Handhabung der Erzählperspektive („Den ganzen Weg lang schweigen wir und die Röte weicht nicht aus meinem Gesicht.“, S.259) und zahlreiche Stilblüten, besonders lächerlich, wenn’s um Lächeln geht: „Er lächelt mich dagegen mit einem sehr breiten Lächeln an.“ (S.260) „Er lächelt mich mit seinem liebevollsten Lächeln an, das er hat.“ (S.266) (Schöne, unkorrigierte Rechtschreibfehler wie „Es ist gewalttätig und atemberaubend zu gleich.“ auf S.266 wollen wir nicht der Autorin anlasten, sondern als angemessene Dreingabe von Lektorat und Satz werten.) Man sollte meinen, dass nach nahezu hundert Jahren SF-Genregeschichte und ganzen Bücherwänden voller kritischer Sekundärliteratur jeder Herausgeber mit einem Funken Sachverstand eine solche Geschichte umgehend ins Daten-Nirvana befördern und ihre talentfreie Verfasserin von weiteren Schreibversuchen nachdrücklich abraten würde – warum dem nicht so ist, wis­sen nicht einmal die Götter.

Eine Enttäuschung war auch das zweite Anthologieprojekt eines Herausgebers, der 2014 mit Bullet (Ebook bei Stern­werk) fast rundum überzeugen konnte. Im Schatten von Xi­balba, herausgegeben von Sven Klöpping bei p.machinery, trägt den Untertitel und „andere Mayapunk-Geschichten“, und dem Herausgeber sei nicht allzu übel genommen, dass er dem fragwürdigen Trend folgt, jedem neuen, tatsächlichen oder verkündeten Subgenre der SF eine Bezeichnung anzuhän­gen, der mit Gewalt der Begriff „Punk“ angetackert wird, auch wenn ein Punk-Aspekt beim besten Willen nicht festzu­stellen ist. Zwar ist die Erzählqualität des Buches im Schnitt nicht ganz so schwach wie in Boldts Anthologie (was nicht viel besagt), eher ist hier konzeptionell etwas schief gegangen. Die Möglichkeiten des vorgegebenen Back­grounds werden nicht annähernd ausgereizt. Die Autoren beleihen sich vielmehr gegenseitig und verweisen in einem Maße aufeinander, dass das, was eine originelle, abwechs­lungsreiche Themenanthologie hätte werden können, zu einer Art episodischer Soap Opera vor phantastischem Hintergrund gerät, die Geschichte um Geschichte immer engstirniger und phantasieloser wirkt. Dabei hat sich Sven Klöpping eine durchaus interessante Backstory ausgedacht: Kurz nach dem Ende des römischen Weltreichs wird Westeuropa von den Maya erobert. Ihre überlegene Waffentechnik, die sie angeblich Außerirdischen verdanken, und ihre Kenntnisse des Dschun­gels und der wilden Tiere, die sie zu Kriegszwecken abge­richtet haben, macht den verzweifelten Widerstand weniger fast aussichtslos. Was hätte man aus diesem Hintergrund alles machen können – historische Stimmungsbilder quer durch die Jahrhunderte bis in die Gegenwart und einer möglichen Vertreibung der Maya. Stattdessen beschränken sich die Geschichten weitgehend auf die Abenteuer zweier Germanenstämme und lokaler Rebellengruppen in der Gegend des heutigen Berlin (was wohl auch die Ursprungsidee der Anthologie war). Lediglich Sabrina Źelezný, die schon 2015 die rühmliche Ausnahme in der schwachen Steampunk-Antho­logie Die dunkelbunten Farben des Steampunks bildete, ge­lingt es mit ihrer schlüssig erzählten, wenn auch sprach­lich nicht makellosen Titelgeschichte, die vor allem durch ihre überdurchschnittlich gut recherchierten Details der Maya-Kultur und einer geschickt angebahnten Schlusswendung überzeugt, sich aus dem weitgehenden Einerlei des Buches abzuheben. Sie erzählt von einer Gruppe junger gefangener Sprewaner, die gezwungen werden, zur Einweihung eines neu­en Tempels im berüchtigten mittelamerikanischen Ballspiel gegen eine Maya-Mannschaft anzutreten. Lediglich Prota­gonist Jazca will sich mit dem, was seine Kameraden als ein sicheres Todesurteil betrachten, nicht abfinden, trai­niert heimlich auf dem Maya-Ballspielplatz und erhält unerwartete Hilfe von einem erfahrenen Ballspieler im Ruhestand. Der Coup gelingt, Jaczas Mannschaft gewinnt, doch hinterher wartet eine böse Überraschung auf sie. (Über den kurzen Epilog im Totenreich mag man geteilter Meinung sein.)

Für der Rest der Anthologie etabliert bereits die erste Story „Zähmer und Züchter“ eines Autors, der sich hinter dem seltsamen Pseudonym Herr LÿÐmann verbirgt, das ent­täuschend niedrige Durchschnittsniveau, eine amateurhaft geschriebene, vorgeblich abenteuerliche, aber tatsächlich strunzlangweilige Ansammlung von Fantasy-Versatzstücken ohne allen Charme und Ideen, die überdies mit völlig über­zogenen Verwicklungen am Schluss und stereotypen Charakte­risierungen nervt (die Heldin zeichnet sich durch wenig mehr aus, als dass sie ständig sich oder anderen die Fin­gernägel ins Fleisch bohrt). Anspruchslose, aber immerhin unterhaltsame Geschichten wie die von Friedhelm Rudolph, Marianne Labisch oder Natalie Masche heben sich davon be­reits positiv ab. Im Rest des Buches kann der Leser reiche Schätze bergen an neudeutschen Sprachmarotten: „Sie wird mit allem Notwendigen versorgt werden.“ (S.155, „Garlef“ von Regina E.G. Shymiczek); krampfhaften Aversionen gegen einfache Konjunktive: „(..) es war, als wenn ein magisches Band ihn hier festhalten würde.“ (S.299, „Spielball der Götter“ von Antje Grüger); den obligatorischen Verwechs­lungen von „anscheinend“ mit „scheinbar“: „(…) bis ihm klar wurde, dass sie scheinbar nur über den Rücken gewor­fen werden musste.“ (S.241, „Das Schwarze Blut“ von Mat­tias Bäßler); heutigem Alltagsdeutsch, das Figuren des fünften Jahrhunderts in den Mund gelegt wird: „Ach, scheiß auf den Plan der Byzantinerin!“ (S.266, „Herr der Zukunft“ von Oliver Kotowski); und Stilblüten, die jedem Groschen­heft zur Zierde gereichten: „Plätschern klang auf (…)“ (S.273), „In seinen grünen Augen sprühte die Gewalt (…)“ (S.292, beides in „Herr der Zukunft“ von Ulf Fildebrandt). Für einen Herausgeber, der bereits bewiesen hat, dass er ein ansprechendes Buch editieren kann, ist das alles doch sehr schwach.

Die herausragende Anthologie des Jahres war zum wieder­holten Mal eine Koproduktion des Herausgeberteams Frank Hebben, Armin Rößler und André Skora: Gamer, erschienen bei Begedia, behandelt das Thema Computerspiele nicht nur von der Aufmachung her unter einem nostalgischen Aspekt. Die Geschichten blicken zurück auf die Frühzeit der Com­puterspiele, auf wehmütig verehrte Konsolenklassiker, C64er und Textadventures und zugleich nach vorn in eine Zukunft, in der die Grenzen zwischen Spiel und Wirklich­keit verschwimmen, Game- und Online-Sucht als Machtmittel entdeckt wird und von Spielern genutzte Interfaces zwi­schen Gehirn und Maschine neue Möglichkeiten zur Manipula­tion von Menschen eröffnen. Lediglich zwei Geschichten – „Friedensleere“ von Jan-Tobias Kitzel wegen ihrer sprach­lichen Schwächen und der wenig durchdachten Erzählstruktur sowie Christian Langes „War Games – Kriegsspiele“, eine so schlicht konzipierte Story, dass jeder halbwegs beschla­gene SF-Leser die Pointe schon früh ahnt – fallen quali­tativ etwas ab. Der Rest der Anthologie besteht durchweg aus guten bis hervorragenden Geschichten, eine abwechs­lungsreiche, spannende bis vergnügliche Lektüre nicht nur dank der stilistischen Bandbreite, den zahlreichen Anspie­lungen an Zeitgeschichte und Gamer-Kultur und der Vielzahl ungewöhnlicher Ideen und Perspektiven, mit denen die Auto­ren dem Thema zuleibe rücken, sondern weil den besten Beiträgen überdies etwas gelingt, das in der deutschen Science Fiction noch allzu selten ist: eine eigene Form zu finden, die sich überzeugend aus dem Stoff ergibt. Das trifft besonders auf den Höhepunkt des Buches zu, Frank Hebbens sprachlich brillanten, detail- und bilderreichen Cyberpunk-Alptraum „Kaleidoskop“, der in kurzen, anfangs unvermittelt nebeneinander stehenden Szenen die sich immer komplexer verzahnende Geschichte eines ganzen Ensembles von Figuren erzählt, die auf den ersten Blick nichts mit­einander zu tun haben: von Luego, der sein Geld damit ver­dient, dass er Tote mit Neuroimplanteten versieht und sie ferngesteuert in Schaukämpfen antreten lässt, bis hin zu Ophelia, eine Millionärstochter auf der Flucht aus ihrem goldenen Käfig, die erst kurz vor dem Ende ihre wahre Natur offenbart. Eine ähnlich Strategie, allerdings zu satirischen Zwecken, verfolgt Armin Rößlers spaßige und verrückte, aber auch mit sicherer Hand erzählte Geschichte „Katar 2022“, die hemmungslos zwischen den Zeiten und zahlreichen Figuren (bis hin zu einem wohlbekannten Fuß­baller, dessen Ruf als Lichgestalt hier eine überraschende Erklärung findet) hin und her springt: In ferner Zukunft entdecken zwei Freunde den vergessenen Sport Fußball wie­der und beschließen, per Zeitreise den Untergang des Fuß­balls rückgängig zu machen, der mit Manipulationen der katarischen Scheichs begann, damit das eigene Team bei der Heim-WM 2022 nicht völlig chancenlos ist. Möglicherweise spielt sich das ganze Geschehen aber nur in einem auf alt­modisch getrimmten Textadventure ab, das zwei Spielefreaks auf mysteriöse Weise zugespielt wird. Wie die Beziehung zwischen Spiel und Wirklichkeit sich genau gestaltet, lässt der Autor konsequenterweise offen. Mit „MetaGamer“, worin Computerspieler selbst zu Spielfiguren eines Gamers höherer Ordnung werden, liefert Thorsten Küper erneut eine starke, handlungs- und wendungsreiche Geschichte ab, die es nicht zum ersten Mal rätselhaft erscheinen lässt, warum ein Autor auf so konstant hohem Niveau, der seit nunmehr fünfzehn Jahren zu den besten Storyschreibern der Szene gehört, bis heute mit keinem der einschlägigen Preise ausgezeichnet wurde. Christian Günther macht seine Story „Butterfly“ selbst zu einer Art Spiel in Prosaform, das zwei Schlussvarianten anbietet. Andreas Winterer lässt in „Galactic Tentacles“ ein altes Arkadenspiel und die Wirk­lichkeit auf bizarre Weise ineinander übergehen und trifft unverkrampft den schnoddrigen Ton seiner beiden jungen Helden. Peter Hohmanns sicher und zügig geschriebene Ge­schichte „Cornstalk wird ewig leben“ behandelt vordergrün­dig ein ähnliches Überschwappen des Spiels in die Reali­tät, beiläufig aber auch das alte Klischee, Gamer seien meist fette, unansehnliche Nerds, die bei den Mädchen we­nig Chancen haben. Niklas Peineckes „Emukalypse“ schließ­lich ist eine moderne, sauber erzählte Ideenstory, die abstrakte Ideen – zelluläre Automaten oder Konrad Zuses Idee des „rechnenden Raums“ – auf verblüffende und über­zeugende Weise mit einer schrillen, surrealen Interpreta­tion der Themenvorgabe verknüpft. Gute Kritiken erhielt auch Michael K. Iwoleits Erzählung „Das Netz des Geäch­teten“ über einen Spielesüchtigen auf Entzug, im laufenden Jahr mit dem Deutsches Science Fiction Preis ausgezeichnet (was nach eigenen Aussagen niemanden so überrascht hat wie den Autor selbst). Dazu kommen originelle Stories von Mike Krzywik-Groß, Christian Gillies und Uwe Post (der es fer­tigbringt, ein Stück Ostalgie im Licht der aktuellen Zom­bie-Welle zu deuten), auch ein solider SF-Einstand der jungen Autorin Melanie Ulrike Junge. Gamer ist die bislang wohl beste Arbeit des Teams Skora/Rößler/Hebben, stärker noch als die Space-Cyberpunk-Anthologie Tiefraumphasen (2014, ebenfalls Begedia). Die Herausgeber demonstrieren hier, was sich aus den begrenzten Ressourcen der deutsche SF machen lässt, wenn man die richtigen Autoren mit einer interessanten Themenstellung motiviert. Andere Heraus­geber, die eher durch Konzeptlosigkeit glänzen, könnten sich hier hieran ein Beispiel nehmen.

Zu einem dauerhaften Merkmal der Szene ist es geworden, dass individuelle Story-Sammlungen fast nur noch im Klein- und Selbstverlag erscheinen und hier immer häufiger gleich als Ebook. Bei den großen oder ambitionierten mittleren Verlagen sind die Veröffentlichungschancen für solche Bücher praktisch auf Null gesunken. In der Independent-Szene tummeln sich Story-Sammlungen, die von Werken er­fahrener, gediegener Autoren über ansprechende Bücher von Neulingen und Hobbyschreibern bis zu Totalausfällen rei­chen, die nicht einmal produktionstechnische Mindeststan­dards erreichen (Bücher machen kann heute ja bekanntlich jeder). Ein typisches und durchaus eines der besseren Bei­spiele für diese Entwicklung ist Norbert Fiks‘ Zeit für die Schicht, erschienen als Book on Demand. Man kann Fiks, für den die Bezeichnung Hobbyautor sicher nicht ehrenrüh­rig ist, ein gewisses Talent nicht absprechen. Seine Prosa ist sauber, schnörkellos und präzise, weitgehend frei von den Elementarschnitzern, mit denen viele andere Amateure die Leser plagen. Er vermag seinen Figuren Konturen zu geben und vermeidet grobe Glaubwürdigkeits- und Logikfeh­ler – alles Tugenden, die für jeden halbwegs ernsthaften Schreiber eine Selbstverständlichkeit sein sollten, es aber längst nicht mehr sind. Schwächen zeigt Fiks eher in konzeptioneller Hinsicht, was sowohl auf die unbefrie­digende Auflösung vieler Geschichten wie auf die Zusammen­stellung der Sammlung als Ganzes zutrifft. Da steht hand­werklich solide klassische SF wie „Das Artefakt“, „Über­licht“ und „Déjà vu“ oder eine witzige Story wie „Prima Volta“, die allerlei SF-Klischees amüsant veralbert, neben unausgegorenen, abrupt abgebrochenen oder mit müden Schlussgags abgeschlossenen Geschichten wie „Da ist was im Busch“, „Annäherung“ oder die Titelstory, symptomatisch für die grassierende Kurzatmigkeit in der Masse der deutschen SF-Kurzprosa. Der Flash-Fiction-Teil ist, von „Testsieger“ abgesehen, schlichtweg überflüssig. Auf den einschlägigen Veröffentlichungsplattformen im Internet hat sich Flash Fiction – Prosastücke und Kürzestgeschichten von oft nur wenigen Zeilen Länge – zu einer eigenen lite­rarischen Kunstform entwickelt. Dem können die hier ver­sammelten Witzchen und Ideen-Skizzen nichts entgegenset­zen. Fiks‘ Buch hätte mit Unterstützung eines kritisch durchsiebenden Herausgebers weit besser sein können. Viel­leicht aus einem Mangel an Selbstdistanz hat der Autor zu viel Belangloses und Unausgegorenes in die Sammlung aufge­nommen und damit der Präsentation seines durchaus ent­wicklungsfähigen Talents keinen Gefallen getan.

Weit überzeugender ist Guido Seiferts Apatheia (Begedia), neben Gamer wohl der Höhepunkt des deutschen SF-Story-Jahrgangs 2016. In den einschlägigen Foren ist Guido Sei­fert häufig als intelligenter Disputant mit ausgezeichne­ter klassischer Bildung und umfangreichen Literaturkennt­nissen aufgefallen. Seine Stories haben jedoch nichts mit den ästhetisierenden Spielereien gemein, die ahnungslose Außenstehende mit literarischem Anspruch häufig ans Genre herangetragen haben. Er schreibt stattdessen handfeste, stilistisch gediegene SF mit literarischen Qualitäten und häufig psychologisch vertieften Figuren, aber auch mit originellen Ideen, ausgefeilten Plots und detailreichen Settings. Ein Teil der Geschichten sind durch einen ge­meinsamen Background locker miteinander verbunden: Die UNO hat die Menschenrechts-Charta auch auf künstliche Intel­ligenzen ausgedehnt und ihnen das Recht eingeräumt, über ihr eigenes Schicksal zu entscheiden. Zahllose Nutzer von KI-Robotern, darunter auch das Militär, sind unversehens verpflichtet, sie für erbrachte und fortlaufende Leistun­gen zu entlohnen oder ihren Weggang zu akzeptieren. Den KIs wächst dadurch innerhalb kurzer Zeit eine erhebliche Macht zu. Aus einem Krieg gegen die Menschheit gehen sie als Sieger hervor und errichten das System der KI-Domi­nanz, das nur wenigen Menschen Aufstiegschancen als „bio­physikalischen Helfern“ einräumt. Die Aktivitäten der ver­streuten menschlichen Widerstandsgruppen gewinnen immer mehr den Charakter leerer Rituale. Vor diesem Hintergrund ist „Ich, Goliath AIROCS-604“ eine Coming-of-Age-Story ei­ner Künstlichen Intelligenz, die aus einer Kopie mensch­licher neuronaler Strukturen hervorgegangen ist und damit auch archaische Triebe und die Fähigkeit zu traumatischen Erlebnissen geerbt hat. In „Ein Leben für Alpha Centauri“, eine hervorragend geschriebene, bis in die Details gut durchdachte Geschichte, hat die Entscheidung der UNU tiefgreifende Auswirkungen auf eine Weltraummission zum Alpha Centauri. Seifert findet hier eine neue, interes­sante Variante für das alte Motive der gefakten Raummis­sion, das mindestens bis auf J.G. Ballards Kurzgeschichte „Thirteen to Centaurus“ (1962) zurückgeht (der Titel sei­ner Story mag eine bewusste Anspielung an Ballard sein). „Massaker in Rob-City“ ist eine überzeugende SF-Krimi­nalgeschichte um ein Massaker an vierzehn KIs in einer ihrer autonomen „Roboterstädte“, das den Ermittler auf die Spur eines Komplotts mit globalen Konsequenzen bringt. „Lykaon“, „Titania“ und „Stevies Besuch“ konzentrieren sich dagegen auf die Situation und die prekären Beziehun­gen der Rebellengruppen.

Außerhalb dieses kleinen Zylus steht die beste Story der Sammlung – und Seiferts bislang vielleicht bestes Werk überhaupt – „Le Roi est mort, vive le Roi!“, ursprünglich für eine Nova-Themenausgabe über die Musik der Zukunft bzw. die Zukunft der Musik verfasst, die originelle, de­tailreiche und brillant geschriebene Geschichte eines Komponisten, der als Schöpfer eines neuen Stils elektro­nischer Musik Weltruhm erlangt und Vorkehrungen getroffen hat, dass sein letztes Werk auch nach seinem frühen Krebs­tod vollendet werden kann. Abgerundet wird die Sammlung, die keinen echten Schwachpunkt aufweist und selbst mit ihren weniger gelungenen Beiträgen das Durchschnittsniveau deutscher SF-Stories mühelos übertrifft, durch Geschichten wie „Im Bauch von B-Sprawl“, einer sprachmächtigen Bear­beitung vertrauter Cyberpunk-Motive, oder „Gangster sind die besten“, trotz der etwas abrupten Schlusswendung eine einfallsreiche Variante der Upload-Thematik. Symptomatisch ist, ähnlich wie im Fall Thorsten Küpers, dass Guido Sei­fert, der aktuell eine der Spitzenpositionen der deutschen SF besetzt, in der Szene noch viel zu wenig Anerkennung gefunden hat. Hier zeigt sich wieder einmal etwas, das schon Barry N. Malzberg am Beispiel eines fast vergessenen Klassikers wie Mark Clifton konstatiert hat und hochbegab­te Autoren wie etwa Carter Scholz immer wieder erleben mussten: Sobald einem Autor gelingt, was ein anspruchs­voller SF-Leser sich nur wünschen kann – literarisch ge­diegene SF zu schreiben, die sowohl sprachlich wie thema­tisch auf der Höhe ihrer Zeit ist -, beginnt er sich aus der SF-Szene hinauszuschreiben und wird für den durch­schnittlichen SF-Leser immer uninteressanter. Literarische Entwicklungen und Neuerungen werden von der Mehrheit der SF-Leserschaft selten mitgemacht, vorzugsweise auch nur dann, wenn sie zu einer Masche oder Mode heruntergekommen sind (was sich z.B. am Cyberpunk studieren lässt). Fast alles, was die SF als ernstzunehmende literarische Form vorangebracht hat, war das Werk von Außenseitern.

Unter den beiden regelmäßig erscheinenden deutschen SF-Storymagazinen Exodus, herausgegeben von Olaf Kemmler, René Moreau und Fabian Tomaschek, und Nova, herausgegeben von Olaf G. Hilscher und Michael K. Iwoleit, hat Exodus inzwischen – das darf man neidlos anerkennen – die Füh­rungsrolle übernommen, nicht nur weil Nova aus personellen Gründen seine Aktivitäten vorläufig auf eine Ausgabe pro Jahr herunterfahren musste, sondern insbesondere weil Exo­dus sich stetig weiterentwickelt hat und die editorische Arbeit der Herausgeber immer besser wird. Dirk Alts „Die Stadt der XY“ in Exodus 34 war im laufenden Jahr aus guten Gründen für beide deutsche SF-Preise nominiert, eine erstaunlich reife Geschichte über eine neue Epoche der Kriegsführung, die auf vordergründige Action verzichtet und sich auf die Charakterisierungen und das ethische Dilemma ihrer Hauptperson, der Kriegsveteranen Chris, konzentriert. Zu den herausragenden Stories der Ausgabe gehört auch „Alles zu seiner Zeit“ von Hans Jürgen Kugler, eine jener seltenen SF-Stories, die – wie etwa einige cha­rakteristische Geschichten von Philip K. Dick oder Thomas M. Disch – ihre Protagonisten rätselhaften, surrealen Transformationen ihrer Umwelt aussetzen. Zwar wäre es bes­ser gewesen, wenn die Pointe, die in einem kurzen Epilog nachgeschoben wird, im Hauptteil der Geschichte vorberei­tet worden wäre, auch hätte sich der Leser etwas mehr sti­listische Schärfe statt Kuglers solide, aber etwas trock­ene Prosa gewünscht, dennoch eine sehr lesenswerte Ge­schichte. Frank W. Haubolds „Feenland“ ist eine ausge­zeichnete kleine Space Opera mit tragischen Zügen, gewohnt straff und sauber geschrieben und erzählerisch reizvoll dadurch, dass alle Figuren außer dem Protagonisten täu­schen, lügen und betrügen. Erwähnenswert sind Thomas Fran­kes „Der Plan“, eine sprachlich ambitionierte, wenn auch stark moralisierende Groteske über die totale Bevormundung des Menschen; „humamoid experiment“, nicht ohne handwerk­liche Schwächen, aber vielleicht eine der bislang besten Stories der fleißigen, aufstrebenden Autorin Jacqueline Montemurri, die die Frage nach dem Essenz des Menschseins thematisiert; Tino Falkes „#WeAreMedusa“, eine schrille und witzige Posse, die die griechische Götter- und Sagen­welt ins Zeitalter der sozialen Medien versetzt, aber unterschwellig ein ernstes Thema behandelt – die geringe Aufmerksamkeitsspanne der Medienöffentlichkeit, die sich immer schnell neuen Sensationen zuwendet – und „Löwen­menschen“ von Wolf Welling, obschon nicht die beste Ge­schichte dieses ausgezeichneten, zu wenig beachteten Autors, die wie Tino Falke auch an die antike Mythologie anspielt und die – schon von Erich von Däniken kolpor­tierte – Idee aufgreift, dass die chimärischen Wesen der Antike, in diesem Fall die Löwenmenschen des alte Per­siens, wirklich existiert haben. Die Story beginnt inte­ressant und vielschichtig, nimmt aber ab der Stelle etwas comichaft schrille Züge an, als die Hauptfigur den Löwen­menschen in die Hände fällt, die mit einer Restpopulation bis in die Gegenwart überlebt haben. Bemerkenswert ist, dass die beste Story der Ausgabe nicht von Bestsellerautor Andreas Eschbach stammt, dem Olaf Kemmler einen Beitrag entlocken konnte und der mit seiner Novelle „Acapulco! Acapulco!“ eine erwartungsgemäß routiniert und flüssig erzählte Geschichte mit prägnanten Figuren abliefert, unterhaltsam zwar, aber auch nicht mehr. Im direkten Vergleich mit den besten Stories dieser Exodus-Ausgabe und anderen Spitzenstories des Jahrgangs 2016 zeigt sich, dass ein Autor, der viel von seiner anfänglichen Kreativität dem erwartungskonformen Schreiben für einen Markt geopfert hat, den besten Storyschreibern der deutschen SF-Szene an Originalität, stilistischer Individualität und formaler Finesse unterlegen ist. So eigenwillige, brillante Werke wie etwa die jüngsten Veröffenlichungen eines Frank Hebben wird man von Eschbach wohl nicht erwarten können.

Exodus 35 ist etwas weniger gelungen. Einer der beiden herausragende Beiträge dieser Ausgabe stammt von Mithe­rausgeber Fabian Tomaschek, der sein Talent ironischer­weise erst nach dem überraschenden Gewinn des Kurd Laßwitz Preises 2015 mit seiner überschätzten Story „Boatpeople“ auf überzeugende Weise entwickelt hat. In „Spectaculum Veritatis Homini“ behandelt er, ähnlich wie Guido Seifert in einer seiner genannten Geschichten, die Idee einer gefakten Weltraummission auf eine Weise, über deren Glaub­würdigkeit man streiten kann. Unabhängig davon gelingt ihm aber eine lebhaft und sicher geschriebene Story mit akzep­tablen Charakterisierungen und ein deutlicher Schritt vo­ran für ihren Autor. Beachtlich ist auch „Suicide Rooms“ von Gabriele Behrend, vielleicht die bislang beste Ge­schichte der Autorin, die in der Szene zunächst als Illu­stratorin auf sich aufmerksam machte, und ein würdiger Preisträger des Kurd Laßwitz Preises 2017. Zwar hat die Story einige Ähnlichkeiten mit Dirk Alts „Flucht aus der Plastikwelt“, insofern es auch hier um einen Service geht, der Lebensmüde beim Suizid unterstützt und den Tod durch die Erfüllung einer letzten Sehnsucht versüßen will, doch Gabriele Behrend legt den Akzent auf eine aussichtslose Liebesgeschichte, die auf einer zynischen Täuschung be­ruht. Erwähnenswert sind außerdem „Drachenreiter“ von Arno – der anderen Hälfte des Ehepaars – Behrend, auch wenn die in Sachbüchern häufig diskutierte Idee, die Galaxie mit Hilfe selbstreproduzierender Sonden zu erkunden, hier wenig ausgereizt wird; „Du bist das Beste!“, worin die erfahrene Autorin Nicole Rensmann von einem Frauendorf unter staatlicher Aufsicht erzählt, sich allerdings auf das Dilemma der unglücklichen Heldin konzentriert und die gesellschaftlichen Hintergründe des Frauendorf-Projekts nicht weiter ausleuchtet, womit etwas von der interessan­ten Thematik verschenkt wird; und Uwe Posts „Amen, Smart­god“, eine flott und witzige geschriebene Story über eine Weiterentwicklung der Smartphones, etwas kurz vielleicht, denn aus der Grundidee hätte der Autor mehr absurde Ver­wicklungen herausholen können. Auch recht lustig, aber belanglos sind die beiden Possen von Sven Holly Nullmeyer, die diese Exodus-Ausgabe einrahmen.

Von Nova 24 sei unter dem Vorbehalt einer möglichen Befangenheit des Chronisten berichtet, dass den Herausgebern eine wohl solide Ausgabe gelungen ist, die mit Marcus Hammerschmitts „Vor dem Fest, oder Brief an Mathilde“ und „32 Minuten über Blainsburg“ des Schweizers Marc Späni zwei herausragende Stories ent­hält, außerdem beachtenswerte Geschichten u.a. von Uwe Post, Norbert Stöbe, Christian Endres und Frank Lauenroth, dessen Roboterstory „In Dubio Pro Roboto“ sich wie ein Dialog zwischen Isaac Asmimov und Philip K. Dick liest. Wenig Anklang bei Lesern und Kritikern fanden Olaf Kemm­lers „Ich erinnere mich an meinen Tod“, worin einige ethi­sche und philosophische Aspekte des Themas Gedächtnismani­pulation angerissen werden, Sven Klöppings schrilles Spek­takel „Elektrozombies in Berlin!“ und „Kiss’n’Kill“, eine der konventionelleren Stories des sprachvirtuosen Sami Salamé, der generell zu enigmatisch und eigenwillig schreibt, um bei der SF-Leserschaft Anklang zu finden (was nicht unbedingt gegen sein Talent spricht).

Zusammenfassend lässt sich sagen: Im Westen nichts Neues – wenige zuverlässige Autoren und Herausgeber, die ihre Arbeit stetig weiterführen, hier und dort Stories vielver­sprechende Talente, die auf eine Weiterentwicklung hoffen lassen, das alles eingebettet in einen unerquicklichen Mus aus literarischem Dilettantismus, im besten Fall vermurk­ste Stories mit interessanten Ansätzen, aus denen ein kom­petenter Autor etwas hätte machen können, im schlimmsten Fall das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt wurden (bzw. die Megabytes, die sie als Ebooks auf Festplatten belegen). In der Breite bietet die deutsche SF-Story-Szene vor allem handwerklich ein wie vor betrübliches Bild. Es wird nach wie vor zu viel und zu unkritisch veröffent­licht, und in dieser Hinsicht haben die Entwicklungen der letzten Jahre einige Ähnlichkeit mit einem kurzfristigen Boom der deutschen SF Anfang der Achtziger. Es wäre Sache der Herausgeber, hier die Messlatten deutlich höher zu le­gen, entweder Überarbeitungen von Autoren zu verlangen, sofern ihre Stories gute Ansätze zeigen, oder schwaches Material konsequent auszusondern. Ob es dazu kommen wird, bleibt abzuwarten. Einstweilen scheint ein (möglicherweise von Eitelkeit motivierter) Ehrgeiz, mit schnell und sorg­los zusammengeschusterten Anthologien und Collections auf sich aufmerksam zu machen, in der Szene zu überwiegen. Es wird der deutschen SF als Ganzes nicht gut bekommen.

Zum Abschluss seien noch zwei herausragende Veröffentli­chungen zumindest erwähnt, die eine ausführlichere Würdi­gung verdienen, als es im begrenzten Rahmen dieser Über­sicht möglich ist, beide an der Grenze zwischen Roman und Short fiction, von zwei Autoren, die sich derzeit einen Wettstreit um den inoffiziellen Titel des besten deutschen Science-Fiction-Autors liefern. Das Universum nach Landau (Wurdack) von Karsten Kruschel wurde vom Verlag als „Roman in Dokumenten und Novellen“ bezeichnet und setzt Kruschels Zukunftshistorie fort, die mit der Trilogie um den Regen­planeten Vilm begonnen wurde. Frank Hebben, schon vor Jah­ren als eines der vielversprechendsten Talente der deut­schen SF gehandelt und nun wohl endgültig als einer der führenden Autoren der Szene etabliert, hat mit der langen Novelle Im Nebel kein Wort (Begedia) seinen bilderreichen, poetisch verdichteten Stil konsequent weiterentwickelt, hier mit einer anspielungsreichen, im Ersten Weltkrieg spielenden Geschichte, die die historische Wirklichkeit mit den Mitteln der Phantastik vielschichtig überhöht.

Copyright (c) 2017 by Michael Iwoleit

Zu diesem Artikel gibt es einen Diskussionsthread im SF-Netzwerk

1 Ping

  1. [Artikelverweis] Eine Saison der Kurzatmigen – Anmerkungen zur deutschen SF-Story-Szene 2016 |

    […] Mehr dazu, bei den Kollegen von „Deutsche-Science-Fiction“. […]

Kommentare sind deaktiviert.