Axel Kruse

Informationen zum Autor

Name: Axel Kruse
Angemeldet seit: 31. Mai 2016

Aktuelle Beiträge

  1. Rezension: “Neanderthal” von Jens Lubbadeh — 18. März 2018
  2. Interview: Jens Lubbadeh — 18. März 2018
  3. Rezension: “Das Erwachen” von Andreas Brandhorst — 14. November 2017
  4. Interview: Andreas Brandhorst — 14. November 2017
  5. Rezension: “Walpar Tonnraffir und die Ursuppe mit extra Chili” von Uwe Post — 5. August 2017

Liste der Autorenbeiträge

Rezension: “Neanderthal” von Jens Lubbadeh

Diktatur der Fürsorge

Haben Sie Kinder? Wenn ja, dann kennen Sie das: Gehen Sie mit Ihren Kleinen auf den Spielplatz, Fahrrad mit Stützrädern im Gepäck. Lassen Sie die Kleinen dort fahren, aber bitte schön immer mit Helm, die Verletzungsgefahr ist sonst zu groß. Wagen Sie es nicht, den Helm (evtl. auf Bitten oder Quengeln) der Kinder abzusetzen, die soziale Kontrolle funktioniert! Die Eltern der anderen werden über Sie tuscheln oder Sie gar darauf hinweisen, dass es doch gefährlich ist, so ohne …

Nun, meine Kinder fuhren immer ohne Helm, wie auch ich selbst das tue. Die Gefahr (auf dem Kinderspielplatz!!!) ist doch nun wirklich äußerst gering, die Fallhöhe sowieso und die Stützräder tun ihres dazu … Viel sinnvoller wäre es da doch, dass die Erwachsenen unisono beim Spazierengehen, ja sogar in der Wohnung einen Schutzhelm tragen sollten, die Fallhöhe und Wahrscheinlichkeit einer Verletzung ist deutlich höher, als in dem oben beschriebenen Beispiel. Zumindest sollten die Kleinen aber doch bei ihren ersten Gehversuchen einen solchen tragen, auch da ist Wahrscheinlichkeit und Fallhöhe zumindest gleich der, die in dem oben beschriebenen Szenario geschildert wurde.

Nun, seltsamerweise werden diese Schutzmaßnahmen komplett abgelehnt – noch!

Warum habe ich diesen Einstieg gewählt?

Nun, weil Jens Lubbadeh uns in eine Welt entführt, die sich aus der unseren entwickelt hat. Sie liegt gerade mal ein paar Jahrzehnte in der Zukunft. In einer Zukunft, in der es zum guten Ton gehört, sich gegen alle möglichen Risiken abzusichern, in der Zuschläge zur Krankenversicherung kassiert werden, wenn man das nicht tut. In einer Zukunft, in der fast jedes ungeborene Kind einer Genanalyse unterzogen wird. In einer Zukunft, in der die Designer für jede (oder eben nur fast jede) Krankheit, die durch Gene verursacht werden könnte, eine Antwort haben. Schädliche Gene müssen aus dem Genpool ausgemerzt werden. Sie verursachen Krankheiten und schädigen somit die Gesellschaft genauso, wie Rauchen, Alkohol trinken, die Einnahme sonstiger Drogen und eben das ungeschützte Fahrradfahren schon der Allerkleinsten (der Einschub ist von mir, ich gestatte dem Autor gerne, das bei einer zweiten Auflage seines Werkes mit einzubauen). Schadhaft ist jedes Gen, das im Verdacht steht, eine Krankheit auslösen zu können und sei es auch nur die 10%ige Wahrscheinlichkeit an Heuschnupfen zu erkranken. Für Vieles werden die 1-2% Neandertalergene verantwortlich gemacht, die jeder Europäer und Asiate noch heute in sich trägt. Im späteren Verlauf der Handlung treten dann plötzlich neue Volkskrankheiten auf, von denen vermutet wird, dass sie Folge der Genhygiene sein könnten.

Daneben ist die soziale Kontrolle immens. Sich in der Öffentlichkeit ohne Fitnesstracker zu bewegen ist für die Karriere auf gar keinen Fall förderlich. Lubbadeh schildert uns hier eine Gesellschaft, deren Entwicklung wir im Hier und Heute bereits in den Anfängen (s. o.) miterleben können.

Und bevor jetzt eben diese Gesellschaft einen Shitstorm über mich hereinbrechen lässt: Selbstredend ist es vernünftig nicht zu Rauchen und keine anderen Drogen zu konsumieren und es ist auch vernünftig, beim Radfahren einen Helm zu tragen (als Radrennfahrer laufe ich ansonsten Gefahr, mich ernsthaft zu verletzen), aber man sollte doch das Risiko abwägen und dann erst eine Entscheidung treffen und nicht pauschalieren.

Und da sind wir wieder bei Lubbadeh, er zieht hier zu Felde gegen jegliche Art der Pauschalierung, der Verallgemeinerung und zeigt uns anschaulich, welche Strömungen sich da in der Gesellschaft auftun.

Das alles verpackt er in einer Science-Thriller-Umgebung (früher hätte man Science Fiction dazu gesagt).

Der Roman beginnt damit, dass Polizisten eine Leiche zu untersuchen haben, eine Leiche, die Absonderlichkeiten aufweist. Ein Behinderter? So was gibt es noch?! Ja, aber selten, sehr selten, weil eben die Genhygiene eigentlich alles abfedert.

Zweifel schleichen sich ein, als auf seinem Smart(phone) eine Datei entdeckt wird, die zu einem Massengrab im Neandertal führt. Ein Massengrab, in dem sich merkwürdige Knochen befinden. Die hinzugezogenen Experten (einer davon gehörlos, sprich behindert!) bestätigen: Neandertaler. Und das ausgerechnet an dem Fundort, der wohl weltweit zu den am besten archäologisch dokumentierten Stätten gehört. In der Folge stellt sich heraus, dass die Knochen gar nicht so alt sind, wie sie sein sollten. Nicht einmal 100 Jahre ist es her, dass man sie im Boden verscharrte. Die C14 Methode ist ungenau, bei solchen Zeitabschnitten.

Nun geht es Schlag auf Schlag, Spannung kommt auf. Protagonisten verschwinden und werden durch andere ersetzt. Es gibt eine Rückblende in die Urzeit, die uns mit der Frage konfrontiert, warum die Neandertaler, unsere Vettern, denn nun wirklich ausgestorben sind. Hat der Homo Sapiens sie ermordet? Der erste Genozid? Haben unsere Vorfahren sie gar als Eiweißquelle benutzt, sie gegessen?

Nun, in den Protagonisten liegt eine gewisse Schwäche des Romans. Nicht unbedingt in der Charakterisierung, sondern eher darin, dass gut eingeführte Personen (der Kommissar beispielsweise) an Stellen aus dem Spiel genommen werden, an denen es unnötig war, das zu tun. Er hätte einen würdigeren Abgang verdient gehabt.

Was mich ebenfalls gestört hat, war die Darstellung der Antagonisten. Die kamen für mich nicht wirklich glaubhaft rüber. Abgrundtief böse, mit nicht dem Mainstream entsprechenden sexuellen Neigungen, das war für mich zu viel des Guten (ähm, Bösen). Da bevorzuge ich Gegenspieler, deren Motive für mich als Leser nachvollziehbar sind und bleiben (aber deshalb lese ich ja auch keine Horrorromane).

Sei es drum, das Buch ist ein eindrucksvolles Plädoyer für die Vielfalt jeglicher Art begonnen im Kleinsten Baustein, in unseren Genen. Ein Thema, das mir aus dem Herzen spricht.

Und wer wissen will, warum nun die Neandertaler ausgestorben sind, der muss sich bis fast zur letzten Seite gedulden. Auch das eine eindrucksvolle Lösung des Rätsels und wenn man mich fragt, durchaus eine wahrscheinliche.

Lubbadeh hat sich in meiner Wahrnehmung mit diesem Roman sehr gesteigert. Habe ich für seinen Erstling noch drei Sterne vergeben (das war auch nicht schlecht!), vergebe ich hier vier.

Passend zum Roman gibt es auch ein Interview mit dem Autor auf unserer Seite.

Unterhaltung:

Anspruch:

Originalität:

Interview: Jens Lubbadeh

Jens Lubbadeh (Credit: Christina Körte/Random House)

dsf: Hallo Jens. Zuallererst möchte ich mich für deine Bereitschaft bedanken, mir für ein Interview zur Verfügung zu stehen.

Wer ist Jens Lubbadeh? Gibst du uns einen kleinen Überblick über deine Vita? Hast du Kinder?

Lubbadeh: Hallo, ich freue mich auch über das Interview. Ich lebe seit knapp 20 Jahren in Hamburg (trotz des Wetters), bin 44 Jahre alt und arbeite seit vielen Jahren hauptberuflich als Wissenschaftsjournalist. Kinder habe ich noch keine.

dsf: Wählen wir einen etwas ungewöhnlichen Einstieg: Wie hältst du es mit dem Helm beim Radfahren?

Lubbadeh: Ich denke, wir sollten den Lesern kurz diesen Einstieg erklären: „Neanderthal“ spielt in einem zukünftigen Deutschland, das von Gesundheit und Selbstoptimierung besessen ist. Niemand will mehr ein Risiko eingehen, vor allem nicht beim eigenen Nachwuchs. Ungeborene Kinder werden auf Krankheiten gescannt und genetisch optimiert, lebende Kinder überbehütet. Das haben wir ja jetzt schon: Helikoptereltern, die ihre Kinder im SUV bis vor die Schultür fahren, ihnen die Ranzen in die Klasse tragen und ihre Kinder permanent per Smartphone überwachen. Mit dem Fahrradhelm spielst du auf eben genau diese Nullrisiko-Mentalität an. Nun aber zu deiner Frage: Ich weiß, dass es vernünftig wäre, einen zu tragen, vor allem, weil ich viel Rad fahre. Aber ich gestehe: Ich trage keinen Helm. Das hat zwei Gründe: Erstens ist es in Hamburg oft kalt und regnerisch und man kann Helme schlecht mit Mützen kombinieren. Die sind mir schlicht zu kalt. Und zweitens: Fahrradhelme sind hässlich und unpraktisch im Anketten.

dsf: Erzählst du uns etwas über deinen Werdegang? Ich meine, du bist mir in der SF erstmalig aufgefallen, als du deinen Roman “Unsterblich” veröffentlicht hast. Wie bist du zur SF gekommen?

Lubbadeh: Ich bin in Rom geboren – mein Vater war Diplomat und meine Eltern sind daher viel gereist. Aufgewachsen bin ich aber im beschaulichen Städtchen Gießen, in Hessen. Ich habe dann im noch beschaulicheren Tübingen Biologie studiert und bin dann nach Hamburg gezogen, weil ich Journalist werden wollte.

Sci-Fi habe ich schon immer geliebt und viel gelesen und gesehen, das ging schon im Kindesalter los. Sehr zum Verdruss meiner Mutter 😉

dsf: Warum gerade SF? Ich meine, es gibt immense andere Literaturströmungen. Den Mainstream beispielsweise. Was hebt für dich die SF von den anderen Strömungen ab?

Lubbadeh: Ich sehe das etwas anders. Scifi ist nach meinem Empfinden sehr im Mainstream verankert und das ist auch gut so. Das Problem ist nur, dass sie vor allem in Deutschland von den Wächtern der Hochliteratur nicht akzeptiert wird, was ich sehr ärgerlich finde, weil sie so wichtig ist – Qualität und Schrott gibt es in jeder Literaturgattung, da sollte man nicht so tun, als sei das ein gattungsimmanentes Problem. „1984“ ist ein Klassiker der Weltliteratur, ein Schlüsselroman des 20. Jahrhunderts „The Circle“ von Dave Eggers war ein Welterfolg und ist in meinen Augen der wichtigste Scifi-Roman der letzten Zeit, das 1984 unserer Zeit sozusagen. Und Hollywood plündert seit Jahren das opulente Werk von Philip K. Dick für große Produktionen. Mehr Mainstream geht doch nicht.

Warum nicht Scifi? Ich liebe Gedankenexperimente, stelle mir oft Was-wäre-wenn-Fragen, liebe es, fantasievoll über die Zukunft der Welt und der Menschheit nachzudenken.

dsf: Auf Spiegel online ist vor einiger Zeit (Herbst 2017) ein Artikel erschienen, in dem gesagt wird, dass es heutzutage Eskapismus sei, SF nicht zu lesen. Begründet wird das damit, dass dies die einzige Literaturgattung ist, die sich mit den Problemen der Zukunft befasst, bevor sie entstanden sind. Wie siehst du das? Ist es wirklich die Extrapolation oder werden nicht vielmehr häufig unsere Probleme der Jetztzeit lediglich verfremdet dargestellt?

Lubbadeh: Das sehe ich genauso. Indem Science-Fiction mögliche Zukunftsszenarien extrapoliert, schärft sie unseren Blick für die Gegenwart, zwingt uns zum Nachdenken und Diskutieren über den Status Quo und macht uns bewusst, dass wir die Zukunft machen und nicht die Zukunft gemacht wird. Wir haben es in der Hand, wo wir als Gesellschaft hinsteuern und ob wir dorthin steuern wollen.

Manchmal werden Probleme der Jetztzeit tatsächlich in der Scifi verfremdet dargestellt. Das finde ich aber in Ordnung, es kann ja helfen, Berührungsängste und Tabus zu überwinden, insbesondere in unfreieren Gesellschaften kann die Scifi da ein wichtiges Medium sein.

dsf: Wie läuft denn dein Arbeitstag ab? Haben wir uns das so vorzustellen, dass du regelmäßige Stundeneinteilungen am Tag hast? Gönnst du dir ein freies Wochenende?

Lubbadeh: Ich bin freiberuflicher Journalist. Wenn ich kein Buch schreibe, dann recherchiere und schreibe ich Artikel zu Themen aus Wissenschaft, Technik und Medizin für Magazine, Zeitungen und Online-Portale. Das ist auch meine Haupt-Ideenquelle für meine Romane.

Wenn ich ein Buch schreibe, mache ich nichts anderes nebenher. Ich orientiere mich da an der Arbeitsweise von Stephen King und setze mir ein Tagessoll von etwa 1000 bis 2000 Wörtern. Wenn ich das geschafft habe, ist Feierabend. Ich brauche diese Disziplin. Würde ich jeden Tag darauf warten, dass die Muse mich küsst, würde ich Jahre für ein Buch brauchen – und überhaupt immer wieder aus der Konzentration kommen und jede Gelegenheit zur Prokrastination nutzen. Aber natürlich gibt es solche und solche Tage. Manchmal schafft man mehr. Manchmal schafft man weniger. Wichtig ist, dass man gütig ist mit sich.

Ich gönne mir freie Wochenenden, aber es ist tatsächlich schwierig, am Montag wieder in diese Konzentration und in diese Schreibstimmung zu kommen. Ein Plot wird ja immer komplexer, man muss den Überblick behalten über die Handlung, die Figuren, im Kopf behalten, wer gerade wo in seiner Entwicklung steht. Nach einer Auszeit, und sei es nur das Wochenende, muss man sich da jedesmal wieder reinarbeiten und vor allem reinfühlen.

dsf: Wie lange sitzt du durchschnittlich an der Recherche/Planung eines Buches? Und wie viel Zeit benötigst du im Vergleich dazu dann mit dem Niederschreiben?

Lubbadeh: Die Recherchen mache ich meistens schon im Zuge meiner journalistischen Arbeit. Für das Schreiben meiner beiden letzten Bücher habe ich jeweils etwa sechs Monate gebraucht. Aber die Entwicklung des Exposés, des Plots, die Nachbearbeitung, Lektorat, Korrekturen brauchen auch viel Zeit. Vielleicht noch einmal zwei Monate.

dsf: Kannst du dir deine Projekte frei wählen? Oder musst du, wie Verschwörungstheoretiker in der Szene gerne kolportieren, „Auftragsarbeiten“ für den Verlag erledigen?

Lubbadeh: Ja, kann ich. Aber natürlich spreche ich mit meiner Agentin und meinem Lektor über die Ideen und Exposés. Dabei kommen oft noch gute Ideen mit rein.

Aufträge hatte ich noch nicht, weiß aber, dass es das gibt. Ich finde das aber nicht verwerflich. Wenn mich das Thema reizen würde – warum nicht?

dsf: Wie projektierst du deine Romane? Ich meine, es gibt ja so viele verschiedene Herangehensweisen an das Schreiben eines Buches. Manche Autoren machen sich einen ausführlichen Szenenplan, andere fangen einfach an und schreiben drauflos. Wie machst du das?

Lubbadeh: Bei „Unsterblich“ hatte ich mich an Stephen King orientiert, der die Position vertritt, die Geschichte über die Figuren entwickeln zu lassen. Ich hatte anfangs nur einen groben Plan. Dann habe ich aber ziemlich schnell gemerkt, dass das wirklich schwierig ist. Für einen erfahrenen Autoren wie King mag das funktionieren, für einen Neuling ist es schwer, sich ganz ohne Karte in der Wildnis zurechtzufinden. Ich habe dann angefangen, einen Szenenplan zu machen, mir aber trotzdem noch die Flexibilität vorbehalten, jederzeit Änderungen vorzunehmen, falls sich irgendwas nicht stimmig anfühlte. Bei „Neanderthal“ bin ich gleich so vorgegangen, aber noch viel mehr Augenmerk auf die Figuren gelegt. Ich denke, jeder Autor muss herausfinden, was für ihn am besten funktioniert.

dsf: Gibt es wirklich die Verlagsvorgaben, was die Seitenzahlen (Stichwort Ziegelstein) eines Romans angeht oder ist das ein modernes Märchen?

Lubbadeh: Habe ich so nicht erlebt. In der Kalkulation des Umfangs war ich völlig frei.

dsf: Gibt es auch Kurzgeschichten aus deiner Feder?

Lubbadeh: Noch nicht, aber ich würde gerne welche schreiben. Ich habe ständig neue Ideen, bei manchen bin ich aber nicht sicher, ob sie für ein Buch tragen würden – die könnte man in einer Kurzgeschichte ausprobieren.

dsf: Was macht Jens Lubbadeh in seiner Freizeit? Liest er auch andere Autoren? Falls ja, welche? Und in welchem Umfang? Ich meine damit, es gibt Menschen, mich eingeschlossen, die lesen pro Woche mindestens ein Buch, wie sieht das bei dir aus?

Lubbadeh: Ich bin ein sehr neugieriger Mensch, interessiere mich für so ziemlich alles… außer vielleicht Formel 1 und Aktien. Ich reise gerne, liebe Wandern und Radfahren, bin gerne in der Natur, aber ich mag auch die Stadt und entdecke einfach gerne Neues. Klar lese ich viel, ich mag Dave Eggers, Khaled Hosseini, Paul Auster, William Gibson, Stephen King, T.C. Boyle, um spontan mal ein paar zu nennen. Mein Problem ist: Ich muss beruflich sehr viel lesen, Artikel, wissenschaftliche Veröffentlichungen. Daher brauche ich abends oft einfach einen Medienwechsel und lese nicht so viel wie ich eigentlich gerne würde.

dsf: Kommen wir zu deinem neuesten Werk: Neanderthal. Du kennst meine Rezension. Ich habe da als Manko die Charakterisierung deiner Bösewichte genannt. Was hat dich dazu bewogen, z. B. Eva-Marie Mercure so darzustellen?

Lubbadeh: Es freut mich, dass dir das Buch so gut gefallen hat! Ich wollte einen weiblichen Bösewicht, Mercure sollte aber auch menschliche, schwache Seiten haben. Sie ist Epileptikerin, ihre Krankheit versteckt sie, weil sie sich im gesundheitsoptimierten Deutschland keine Blöße geben will. Im Laufe des Buchs entwickelt sie sich, sie wird selbst zum Opfer und wechselt am Ende die Seiten.

dsf: Warum hast du den Kommissar so sang und klanglos aus der Handlung genommen? Ich hätte mir gewünscht mehr über ihn und vor allem seinen Umgang mit der Gesellschaft zu erfahren.

Lubbadeh: Das hat sich einfach so entwickelt. Nach und nach haben sich Max Stiller und Sarah Weiss als die wahren Hauptfiguren herausgeschält.

dsf: Bist du eigentlich schon einmal auf einer Con (Science Fiction Convention) in Erscheinung getreten? Ich habe dich nicht wahrgenommen. Evtl. als unauffälliger Besucher?

Lubbadeh: Nein, ich war nie Teil der Szene und empfinde mich selbst auch nicht als Scifi-Nerd. Wie ich schon sagte, sehe ich die Science-Fiction als wichtigen Teil unserer Kultur und finde, dass sie omnipräsent ist.

dsf: Viele Menschen begegnen mir mit der These: Wenn ich mal viel Zeit habe, so als Rentner, dann schreibe ich auch ein Buch. Ideen habe ich ja genug. Ich entgegne dann immer: Die Zeit ist nicht der Faktor. Andere Menschen haben auch Hobbies, die sie täglich bedienen, die Zeit kann man auch in ein Buchprojekt stecken. Ich muss vielmehr etwas zu erzählen haben. Was würdest du einem angehenden Autor raten, wie sollte er vorgehen?

Lubbadeh: Mich hat Stephen Kings Buch „On Writing“ sehr inspiriert und motiviert. Ich würde jedem angehenden Autor raten, es zu lesen (auch wenn er Kings Romane nicht mag). Sein autobiographisches Buch darüber, wie er schreibt und wie er das Schreiben sieht und empfindet, ist sehr hilfreich und gültig für alle Autoren.

King sagt: “You got to talk the talk and walk the walk”. Irgendwann einmal ein Buch schreiben zu wollen ist das Eine. Es zu tun, das andere. Ein Buch zu schreiben, ist viel Arbeit und erfordert viel Disziplin und Durchhaltevermögen. Vielleicht ist dafür nicht jeder gemacht. Aber tatsächlich sehe ich es auch so, dass man als Autor die Motivation in sich verspüren muss, etwas zu erzählen zu haben. Ein Buch nur aus Selbstzweck zu schreiben, halte ich für reine Egobefriedigung.

dsf: Wie weit ist dein Vorlauf? Wie viele Bücher sind bereits fertig, wenn eines erscheint? Schreibst du an einem weiteren Buch?

Lubbadeh: Ich habe bereits eine konkrete Idee für das dritte Buch. Und eigentlich auch schon Ideen für Buch 4 und 5. Ich habe noch viel vor….

dsf: Kannst/darfst du uns einen Ausblick geben, was wir in naher Zukunft aus deiner Feder zu erwarten haben?

Lubbadeh: Ich finde die Kombination Journalist/Schriftsteller sehr spannend und in beiden Richtungen sehr befruchtend. Als Journalist bin ich am Puls der Gegenwart, der Schriftsteller in mir macht sich Gedanken darüber, wie diese Aktualität sich in die nahe Zukunft übersetzen könnte. Umgekehrt hat das belletristische Schreiben mein journalistisches Schreiben bereichert. Ich schaue mehr auf die Geschichte, auf Dramaturgie und die Personen. Wenn weiterhin alles gut läuft, wird es von mir hoffentlich noch viele weitere Wissenschafts-Scifi-Thriller geben. Aber ich bin offen für alles. Vielleicht habe ich ja mal Lust, einen Horror-Roman zu schreiben? Oder ein Theaterstück? Wer weiß….

dsf: Ich vergleiche das Schreiben eines Buches gerne mit der Zeugung und Geburt eines Kindes. Der Beginn ist wunderschön, zum Ende hin wird es immer beschwerlicher und der Schluss ist häufig Schmerz pur. Dann kommt die plötzliche Erleichterung und der Autor fällt in ein Loch. Kannst du dich in dieser Beschreibung wiederfinden?

Lubbadeh: Ich habe noch kein Kind gezeugt, kann diese Analogie also nicht überprüfen. Ich starte gerne in eine neue Geschichte. Der Schreibprozess selbst hat viele Höhen und Tiefen, jeder Tag ist anders. An jedem Morgen beginnt der Kampf gegen das weiße Blatt Papier, gegen die Angst in einem, die fragt: Oh Gott, was soll ich jetzt tun? Wie geht’s jetzt weiter? Oder gar: Kann ich das überhaupt? An anderen Tagen flutscht es wie von selbst und abends bin ich voller Euphorie und befriedigt, etwas Gutes geschafft zu haben.

Prinzipiell ist der Moment, wenn man das Manuskript zuende geschrieben hat, ein sehr schöner, ich verspüre dann tiefe Befriedigung und Stolz. Also würde ich für mich sagen: Der Anfang ist schön, die Mitte eine Achterbahnfahrt und das Ende fühlt sich wieder gut an. Eigentlich wie das Leben selbst, oder?

dsf: Wie gut bist du in der Szene vernetzt? Ich meine, ist Jens Lubbadeh eher ein Einzelkämpfer oder gibt es da Zusammenkünfte mit anderen Autoren, quasi ein Austausch/Brainstorming?

Lubbadeh: Ich stehe in Kontakt mit anderen Autoren, meine Literaturagentur macht jedes Jahr ein Sommerfest, da lernt man viele Kollegen kennen. Auf der Buchmesse habe ich außerdem andere Autoren vom Heyne-Verlag kennengelernt. Das ist ein sehr nettes Miteinander und der Austausch total fruchtbar. Autoren sind eine nette Spezies, finde ich.

dsf: Gibt es Zeiten, in denen du eine Schreibblockade hast? Ich kenne zum Beispiel Situationen, in denen ich zwar weiß, wie die Geschichte weitergehen soll, ich aber einfach nicht die Worte finde, dies zu schreiben. Nun ist das bei mir unspektakulär, ich kann den Text dann einfach mal Wochen oder Monate liegen lassen. Wie gehst du mit solchen Situationen um?

Lubbadeh: Eine richtige, wochenlange Blockade hatte ich noch nicht. Aber es gibt Tage, wo einfach kaum was rauskommt. Ich zwinge mich dann dennoch zum Schreiben. Was hilft, ist, morgens vor der Arbeit die sogenannten Morgenseiten zu schreiben – einfach wahllos drei Seiten zu füllen, mit irgendwas, mit allem, was einem in den Sinn kommt. Das entleert den Geist von Müll und Banalem und macht die Synapsen warm für den eigentlichen Schreibprozess.

dsf: Könntest du dir auch Projekte mit anderen Autoren vorstellen? Ich stelle mir das schwierig bis unmöglich vor, will ich doch immer meine Ideen umsetzen und nicht die der anderen. In der Szene gibt es aber genügend Beispiele. Angefangen vom Schreiben nach Exposé bis hin zu echten Kooperationen zwischen zwei oder mehr Autoren. Wie siehst du so ein Projekt?

Lubbadeh: Ja, kann ich mir vorstellen. Aber die Chemie muss stimmen und die Herangehensweise und die Schreibstile müssen einigermaßen kompatibel sein. Der Leser sollte nicht das Gefühl haben, dass das Buch stilistisch auseinanderfällt.

dsf: In der Literatur gibt es genügend Beispiele, dass das Alterswerk eines Autors nicht mehr die Qualität hat, die der Autor auf dem Höhepunkt seines Schaffens hatte. Stellvertretend seien hier nur Karl May, Robert Heinlein oder Isaac Asimov erwähnt. Hast du vor einer solchen Entwicklung Angst? Ich hoffe darauf, dass man mich darauf hinweist, wenn es so weit ist. Wie siehst du das?

Lubbadeh: Also, ich habe ja gerade erst als Schriftsteller begonnen. Über sowas kann man sich Gedanken machen, wenn man viele Jahre im Geschäft ist und einiges geschafft hat.

dsf: Wie siehst du überhaupt dein Schaffen? Gibt es da Personen deines Vertrauens, die dir ehrlich ihre Meinung sagen? Oder gibt es da kein Korrektiv?

Lubbadeh: Klar, die gibt es. Freunden und Kollegen gebe ich Sachen zu lesen, schon während des Schreibprozesses. Dennoch haben die einen Bias, weil diese Leute dir persönlich wohlgesonnen sind und sich womöglich mit Kritikpunkten zurückhalten. Am besten wäre es, Fremden vorab das Manuskript zu zeigen. Ich suche noch nach geeigneten Personen.

dsf: Wenn ich einen Text fertiggestellt habe, bin ich in der Sekunde des Abschlusses euphorisch. Endlich geschafft …, und überzeugt davon, etwas absolut geniales verfasst zu haben. In der Sekunde danach kommt dann immer der Absturz, die Selbstzweifel. Ich überlege dann, ob das Werk überhaupt jemals das Licht der Öffentlichkeit erreichen darf, weil ich mir urplötzlich aller Schwächen bewusst werde (ob berechtigt oder nicht sei mal dahingestellt). Kennst du solche Zustände auch und falls ja, wie meisterst du sie?

Lubbadeh:. Im Moment des Abschlusses bin ich auch euphorisch. Für genial halte ich mich nicht, aber in der Regel bin ich sehr stolz auf mein Schaffen. Die Selbstzweifel habe ich natürlich auch, die sind immer wieder da, mal mehr, mal weniger. Ich denke, als Autor muss man das aushalten lernen, das gehört dazu. Und wenn du den Schritt in die Öffentlichkeit machst, muss dir klar sein, dass es immer Leute geben wird, die es nicht mögen werden, was du geschrieben hast. If you can’t stand the heat, get out of the kitchen. Sonst macht man sich nur kaputt.

Mein Vorteil ist: Von meiner journalistischen Arbeit her bin ich Kritik und Öffentlichkeit gewohnt. Aber klar, ein Roman ist nochmal was anderes als ein Artikel, er ist persönlicher, in ihn sind mehr Arbeit und Herzblut geflossen, da ist man verletzlicher.

dsf: Die SF-Literatur scheint sich im Niedergang zu befinden. In anderen Medien (Film, Computerspiel) ist eher das Gegenteil der Fall. Warum ist das deiner Meinung nach so? Ist es überhaupt so?

Lubbadeh: Die SF-Literatur befindet sich nicht im Niedergang. Das Problem, was ich sehe: Ihre Akzeptanz ist in Deutschland leider gering. In den USA ist das anders.

dsf: Es gibt mehrere deutsche SF-Literaturpreise, die in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit ein Schattendasein frönen. Gibt es deiner Meinung nach Möglichkeiten, das zu ändern?

Lubbadeh: Am liebsten hätte ich es, wenn es solche Genre-Preise gar nicht nötig hätte. Es sollte Literaturpreise geben und die sollten nicht nach dem jetzigen Klassensystem nur vermeintlicher Hochliteratur verbehalten sein, sondern jeglicher Literatur.

dsf: In diesem Zusammenhang: Dein aktuelles Buch „Neanderthal“ wird als Thriller und nicht als SF angeboten. Ist es wirklich in der Literatur „verkaufsschädigend“, wenn auf einem Buch das Label SF erscheint? In anderen Medien (Film/Computerspiel) scheint mir das eher ein Gütesiegel zu sein.

Lubbadeh:  Verkaufsschädigend würde ich nicht sagen, ich denke, das ist eher eine Vertriebsentscheidung des Verlags, für welche Leserschichten das Buch passen könnte. „Neanderthal“ ist ein Mix aus Science-Fiction, Thriller, Krimi und richtet sich nicht nur an Science-Fiction-Liebhaber. Das können auch Thriller- und Krimi-Freunde gut lesen, daher steht wohl Thriller drauf.

dsf: Lieber Jens, ich möchte mich an dieser Stelle recht herzlich für das Interview bedanken.

Zu diesem Artikel gibt es einen Diskussionsthread im SF-Netzwerk.

Rezension: “Das Erwachen” von Andreas Brandhorst

Ein hoffnungsloser Romantiker …

… dieser Andreas Brandhorst!
Ein tolles Buch, das er uns hier vorlegt. Das Erwachen einer Maschinenintelligenz, nicht einer KI, einer künstlichen Intelligenz, ist sein Thema. Die alte Theorie von dem erwachenden Bewusstsein einer Maschine, wenn denn nur genügend (analog zum menschlichen Gehirn) Verknüpfungen vorhanden sind. Dies ist zwingende Folge, glaubt man der auch von namhaften Wissenschaftlern vertretenen Theorie.
Das ganze verpackt der Autor in eine spannende Thrillerhandlung. Ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen. Lediglich durch so profane Dinge, wie z. B. meine erzwungenermaßen notwendige Arbeit, musste ich die Lektüre unterbrechen.
Vor einiger Zeit hatte ich die Möglichkeit Andreas Brandhorst persönlich kennenzulernen. Ich habe ihn als bescheidenen und eher schlicht auftretenden Menschen in Erinnerung. Ganz ähnlich tritt hier sein Hauptprotagonist, Axel Krohn, in Erscheinung. Ein Protagonist, dem alles eher widerfährt, als dass er tatsächlich selbst die Handlung bestimmt und lenkt. Eine Art der Darstellung, der Erzählung einer Geschichte, wie ich sie persönlich sehr mag. Hätten wir uns früher kennen gelernt (der Autor und ich) so hätte ich fast vermuten können, das die Namensgebung …, aber so ist es ein netter Zufall.
Die Erzählung kommt daher wie eine Geschichte, die (fast) jedermann passieren könnte. Nun ja, nur fast.
Am Ende zeigt sich der Autor als hoffnungsloser Romantiker. Anders als bei D. F. Jones Colossus (kennt den überhaupt noch jemand?) zeigt er uns am Ende dann doch ein Happy End.
Was mir nach der Lektüre am meisten Angst und Sorge bereitet ist demnach nicht das Erwachen der Maschinenintelligenz, sondern die Vorstufe, in der wir uns befinden. Die zahlreichen KI, die derzeit entwickelt werden. Die die menschliche Arbeitswelt über den Haufen werfen werden, die zu unglaublichen Verwerfungen im Arbeitsmarkt weltweit führen werden. Zu einer noch nie gekannten Arbeitslosigkeit. Die vor allem aber auch zur Kriegsführung eingesetzt werden können, wie uns der Autor anschaulich zeigt. Zu einer Art Krieg in der kein Schuss fällt, keine Atombombe oder chemische/biologische Waffen zum Einsatz kommen und trotzdem alles am Boden liegt.
Das ist leider eine realistische Bedrohung, die nicht wegzudiskutieren ist.
Hut ab, vor der Erzählkunst, das Buch kommt spannend daher und verbirgt zwischen den Zeilen viel aktuelle Gesellschaftskritik. Da spielte sich in meinem Schädel ein großes Kopfkino ab.
Vielen Dank dafür, Andreas!

Unterhaltung:

Anspruch:

Originalität:

Interview: Andreas Brandhorst

Foto Copyright Lutz Weil

Andreas Brandhorst muss man sicher nicht vorstellen. Als einer der wenigen deutschen Autoren, der SF-Romane in großen Verlagen veröffentlicht, hat er in den letzten Jahren zig Preise abgeräumt, zuletzt auch den Kurd-Laßwitz-Preis für den besten Roman des Jahres 2016 (“Omni”). Klare Sache, dass er auch deutsche-science-fiction.de exklusiv Rede und Antwort steht.

Weiterlesen »

Rezension: “Walpar Tonnraffir und die Ursuppe mit extra Chili” von Uwe Post

Man muss ihn mögen, den Walpar Tonnraffir. Und den Post natürlich auch.
Wie schafft man es, so viel Unfug zwischen zwei Buchdeckel zu pressen? Ich kann das nicht. Da stimmt jeder Satz. In jedem einzelnen Absatz sitzt der Schalk. Manchmal urkomisch, manchmal zwingt es den Leser nur zu einem müden Grinsen. Aber, wie schafft man es 189 Seiten lang solche Satzkonstruktionen von Unfug hinzubekomen?
Hut ab, Uwe. Das hat meines Erachtens nur einer vor dir geschafft, und das war Douglas Adams.

Das Buch wird die Leserschaft spalten, das ist mal sicher. Da wird es auf der einen Seite die Fraktion derer geben, die es, wie ich, in den Himmel oben. Auf der anderen Seite wird es die Fraktion geben, die damit absolut nichts anfangen kann. In der Mitte, das wage ich vorherzusagen, wird sich kaum jemand bewegen.

Ach ja, da ist ja noch was: Die Handlung.
Die ist abstrus.
Unser Held Walpar (benannt nach einer Nebenfigur aus der 30. Staffel von Games of Thrones (oder so ähnlich, ich hab jetzt nicht nachgeschlagen, ob es die 30. war)) trifft einen Außerirdischen. Letzterer soll seine Gene der Ursuppe eines Planeten spenden, damit dort in Millionen von Jahren Leben entstehen kann. Allerdings soll der Spendervorgang so ablaufen, wie in dem Alienfilm Prometheus ganz am Anfang dargestellt. – Nun, der Außerirdische hat was dagegen und Walpar hilft ihm. Mit im Team ist da noch die Ex-Schwiegermutter von Walpar und dann wird alles so verworren, dass ich die Handlung nicht mehr wiedergeben kann. Aber das war auch beim Anhalter so. Und darauf komt es mir in diesem vorliegenden Fall auch gar nicht an.
Hier bekommt jeder sein Fett weg und das stellenweise so subtil, dass man genau hinschauen muss.
Also, Hut ab vor der Leistung!

Unterhaltung:

Anspruch:

Originalität:

Rezension: “Babylon” von Thomas Thiemeyer

Babylon

“Babylon” von Thomas Thiemeyer ist für den diesjährigen Kurd-Laßwitz-Preis in der Kategorie bester Roman nominiert.

Das Buch ist nicht schlecht. Hebt sich deutlich von dem Trash ab, von dem so viel heutzutage produziert wird. Aber es ist leider vorhersehbar, was passiert. Es ist konstruiert, klar, das ist jedes Buch, aber hier ist es überdeutlich. Ich hatte es befürchtet.

Nun, warum habe ich es gelesen? Warum habe ich die drei Vorgängerromane gelesen?

Die Antwort auf die zweite Frage ist einfach: Mir wurde Babylon als überragendes Science Fiction Buch empfohlen. Da es sich um den vierten Teil handelt, habe ich zuerst die ersten drei gelesen. Alle nicht schlecht, aber eben auch nicht überragend. Und nun dies. Der Grund für die Lektüre der ersten drei. So gesehen hat es mich sehr enttäuscht.

Aber bleiben wir fair.

Der Autor beleuchtet einen Krisenherd unserer Zeit: Kleinasien mit allem, was dazu gehört. Dabei versucht er durchaus jede handelnde Figur zu durchleuchten, versucht, dem Leser deren Motive nahezubringen. Das gelingt teilweise recht gut, teilweise bleiben die Figuren eindimensional. Das mag daran liegen, dass es einfach zu viele sind. Klar benötige ich Nebendarsteller in einer Handlung, das war schon in Star Trek so. Wenn ich aber jedem Nebendarsteller das Recht einräume, sehr viel zur Handlung beizutragen, dann benötige ich viel mehr, sehr viel mehr, Platz, als dieser Roman hergibt.

Die Story ist schnell erzählt. Da wird ein Tempel entdeckt, im uralten Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris. Ein Turm, in die Tiefe gebaut und nicht in die Höhe. Ist es der alte Turm zu Babel? Unsere Protagonisten und so manche andere Nebenfigur (z. B. IS Schergen) machen sich auf den Weg, finden nebenbei in Griechenland den uralten Schlüssel, der benötigt wird, um das Portal zu öffnen. Man dringt ein, metzelt sich gegenseitig nieder, bis lediglich eine Handvoll Protagonisten übrig bleiben und dann kommt die Esoterik… zu Hauf!

Ein wesentlicher Kritikpunkt ist das hochbegabte Kind. Einerseits bezweifle ich, dass es Kinder in dieser Ausprägung gibt und ich habe insoweit Erfahrung damit, dass eines meiner Kinder ebenfalls hochbegabt ist. Da fehlt Tiefe, da fehlt die Aggression auf das Leben auf die Welt, da fehlt so viel! Das ist leider nicht realistisch geschildert, das erinnert eher an Wesley Crusher! – Der hat auch nur genervt. Ein wenig ist die Figur sicher der Tatsache geschuldet, dass der Roman jugendliche Leser ansprechen soll, aber mögen die sich mit Wesley Crusher identifizieren?

Und der Science-Fiction-Aspekt?

So gut wie nicht vorhanden. Leider. Ganz am Ende kommt dann kurz ein Außerirdischer vor, so man ihn so nennen mag. Und eine direkte Verbindung zum ersten Band. Das war es dann. Ansonsten ein stinknormaler Thriller mit einem ganzen Haufen Esoterik.

Das Buch ist etwas für Leser, die nicht an Überraschungen während des Lesens interessiert sind, die es sich gemütlich machen möchten und der Handlung folgen, so, wie wenn man auf einer geradlinig gebauten Autobahn stundenlang fährt und am Horizont sieht, was auf einen zukommt.


Außerdem wird der SF-Aspekt dann auch noch von zu viel Fantasy und Esoterik überlagert. – Schade.

 

Rezension: “Transport 3 – Todeszone” von Phillip P. Peterson

Der Mann mit dem Pseudonym, von dem man nicht weiß, ob es einen angloamerikanischen oder einen norddeutschen Namen suggerieren soll, legt den dritten Teil der “Transport”-Reihe vor.

Die unfreiwilligen Siedler auf New California müssen sich damit abfinden, dass die Erde sie wiedergefunden hat. Das geschah bereits auf den letzten Seiten des zweiten Bandes. Hier wird nun klar, wie sie es geschafft haben: Der Transporter auf der Venus ist genutzt worden. Russell und sein Team hatten diesen nicht zerstört, weil sie davon ausgingen, dass er für die Erdenmenschen ohnehin unerreichbar war – ein Trugschluss.

Nun, die Kolonie auf New California wird unterdrückt. Soldaten oder vielmehr Söldner im Dienst der Erde, die selber auf einer one-way-Mission sind, gehen recht brutal vor. Als wäre das alleine nicht schon schlimm genug stellt sich heraus, dass irgendjemand damit begonnen hat, das Transporternetz in der Galaxis zu zerstören. Bald ist klar, dass nur noch wenig Zeit vergehen wird, bis auch der Transporter auf New California und wenig später dann der auf der Venus diesem Phänomen zum Opfer fallen wird.

Nun, Russell wäre nicht Russell, wenn ihm dazu nicht etwas einfiele. Was, wird an dieser Stelle selbstredend nicht erwähnt.

Das Buch ist spannend geschrieben, die einzelnen Figuren und deren zwischenmenschliche Beziehungen flechten sich gut in den allgemeinen Kontext ein. Ein gelungener Mix! Ich habe das 323 Seiten starke Werk an drei Abenden verschlungen.

Einen Kritikpunkt habe ich dennoch und der wirkt in meinen Augen recht schwer: Der Pathos. Immer wieder haben wir hier die (etwas übertriebene) Freiheitsliebe der Kolonisten auf der einen und die unbedingte Befehlstreue der irdischen Söldner auf der anderen Seite. Hm, so handeln m. E. normale Menschen nicht. Ob das in Ausnahmesituationen (und in denen befinden sich nunmal alle handelnden Personen in dem Roman) so sein mag, kann ich logischerweise nicht beurteilen, aber vorstellen mag ich es mir nicht. Wenn ich an meinen Wehrdienst bei der Bundeswehr zurückdenke (gut, das ist lange her, Anfang der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts), dann erinnere ich, dass uns Rekruten von der ersten Stunde an eingebleut wurde, das Befehle zu hinterfragen und ggf. auch abzulehnen sind, wenn sie zu weit gehen. Nun, vielleicht ist das wirklichkeitsfremd, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ich einen Befehl befolge, der mich und viele andere mit Sicherheit durch mein eigenes Handeln umbringen wird, wo doch eine ungefährliche Alternative vorhanden ist und sogar vorgeschlagen wird.

OK, das ist der Dramaturgie geschuldet, aber vorstellen kann ich es mir trotzdem nicht.

Und dann ist da noch der Pathos der Aufopferung! Sorry, aber das stieß mir ganz übel auf. Da wundern wir uns über die Selbstmordattentäter, reden davon, dass das nur mithilfe von Gehirnwäsche möglich ist und bedienen das Klischee stets und ständig in der Literatur. Da hätte es auch andere Lösungen gegeben, als Autor hat man es in der Hand.

Grundsätzlich ein spannendes Buch ohne Logikbrüche. Wegen der vorgenannten Punkte dennoch einen Punkt Abzug. Demnach vier von fünf möglichen.

Rezension: “Vektor” von Jo Koren

Das Buch hat mich von der ersten Seite an gepackt!
Warum?
Nun, zuallererst ist es in der Ich-Perrspektive geschrieben. Ich mag diese Form sehr gern, weil sie den Autor beschränkt. Er kann nicht allwissend agieren, seine Sicht der Dinge ist eine ganz persönliche, das tut dem Werk gut. Es baut Spannung auf, es zieht den Leser in den Text. Es entsteht eine Art Lagerfeueratmosphäre. Da erzählt jemand aus seinen höchstpersönlichen Erfahrungen.

Alpha Novak ist Ärztin, wie auch die Autorin, die hier unter Pseudonym auftritt (keine Angst, ich lüfte das Geheimnis nicht). Sie befindet sich auf einer Raumstation, die um den Mars kreist. Hierher kommen die Prospektoren mit ihren Raumschiffen, die den Asteroidengürtel ausbeuten. Hier behandelt sie die kleinen und großen Wehwehchen ihrer Patienten.
Eines Tages entdeckt sie ein defektes Implantat bei einem ihrer Patienten. Ein Virus scheint sich dort eingenistet zu haben. Sie unternimmt alles, um diesen Computervirus einzudämmen. Implantate tragen viele in dieser Zeit. Sie sorgen dafür, dass besser, präziser gearbeitet werden kann, helfen gegen Krankheiten, wie z. B. Parkinson. Es wimmelt demnach von potentiell Infizierten auf der Station. Sie selbst gehört auch dazu. Eine Nebenhandlung zeigt uns, dass die Menschenaffen, ebenfalls durch Implantatversorgung, uns (fast) auf Augenhöhe begegnen. Ihr engster Mitarbeiter ist einer davon.
Dann spielt irgendwann die Raumstation verrückt. Die künstliche Schwerkraft verstärkt sich temporär dramatisch. – Hier habe ich einen Kritikpunkt. Diese Verstärkung der Schwerkraft, hervorgerufen durch die Fliehkraft des großen Rades, kam mir zu plötzlich. M. E. müsste das langsamer vonstatten gehen. Aber, ich bin kein Ingenieur, da darf ich eigentlich gar nicht mitreden.
Letztendlich kommt es zum Showdown und alles ist nicht ganz so, wie ich es erwartet hatte.
Prima gemacht, finde ich einfach toll.

Ganz am Ende gibt es dann noch ein paar Rezepte hinsichtlich der im Text erwähnten Backwaren. Auch die hören sich interessant an, muss ich mal backen. – Aber vor allem, vor Kit verstecken, sonst hat man selbst nichts davon.

Rezension: “Blumen vom Mars 2, Unter Göttern” von Gabriele Nolte

 Schade, ich hatte mehr erwartet. Der erste Band gefiel mir sehr gut. Der zweite fällt ab.
Warum?
Nun, einerseits empfand ich keine Spannung oder nur sehr wenig. Es waren mir zu viele handelnde Personen vorhanden und vor allem ging mir die Esoterik auf die Nerven. Das hört sich jetzt hart an, aber wenn ich gegen Religion eingestellt bin (bin ich auch) und vor allem gegen religiöse Eiferer jeglicher Couleur (das muss ich der Autorin hoch anrechnen, sie geht hier wirklich mit jeder existierenden großen Religion hart ins Gericht), dann muss ich nicht eine Ersatzreligion anbieten, die sich außerdem noch eines zentralen Themas der christlichen bedient (bei ihr fahren die “Götter” auch gen Himmel, auch wenn sie das als nächste Evolutionsstufe des Menschen beschreibt). Schade, kommen wir denn nicht wirklich ohne Religion besser zurecht?
Allerdings, und das sehen wir in den heutigen Tagen nur zu deutlich, brauchen wir ja noch nicht einmal eine Religion, um Populisten nach vorne zu bringen.
Nun, gefallen hat mir durchaus der Stil, in dem die Autorin schreibt. Auffällig war allerdings auch, dass sich hier im zweiten Band doch recht viele Rechtschreibfehler zeigten. Auch waren häufiger Wortwiederholungen zu finden. (Vgl. einfach mal meine vorherigen drei Sätze, zweimal „allerdings“, das sollte auffallen, wenn man den Text auch nur ein zweites Mal liest) Hier hätte es geholfen, wenn ein Lektor sich des Bandes einmal angenommen hätte. Grundsätzlich ist das Werk jedoch auch in dieser Hinsicht noch eine Perle, verglichen mit den meisten anderen selbstverlegten Büchern, auf die man heutzutage so trifft.
Somit verbleiben in meiner Wertung 3 von möglichen 5 Sternen.

Wertung-3-Sterne

Rezension: EXODUS 35

exodus35Das EXODUS-Team hat mit Ausgabe 35 (Oktober 2016) mal wieder ein sehens- und lesenswertes Magazin auf die Beine gestellt. Es enthält eine Fülle von Stories unterschiedlichster Art:

  1. Sven Holly Nullmeyer – Mein geliebtes Kometenschweifchen

Da habe ich leider keinen Zugang gefunden, deshalb enthalte ich mich jeder Wertung.

  1. Arno Behrend – Drachenreiter

Klasse Story, aber das Ende kommt zu plötzlich und ist ein wenig zu melodramatisch. Könnte zu einer Novelle ausgearbeitet werden.

  1. Nicole Rensmann – Du bist das Beste!

Melodramatische Geschichte, die mich als Pflegevater stark emotional berührt hat.

  1. Fabian Tomaschek – Spectaculum Veritatis Homini

Toll, aus der Seele geschrieben. Wir müssen uns mal kennenlernen!

 

  1. Uwe Post – Amen, Smartgod

Nette Story über virtuelle Computergötter. Klasse umgesetzt! Bei der Gelegenheit: Ich habe einen Heidenrespekt vor Menschen, die an etwas glauben, was es nicht gibt!

  1. Frank Neugebauer – Das grüne und das rosa Medaillon

Solide erzählte Geschichte, die mich zwischendurch fesselte, nachdem ich Schwierigkeiten hatte hineinzufinden. Zum Ende hin wurde sie dann aber doch zu banal.

  1. R. B. Bonteque – New Mars Mayflower

Spannende Geschichte… was würden wir wirklich machen, wenn wir einen fremden Planeten besiedeln würden? Sind wir dann die Invasoren?

  1. Gabriele Behrend – Suicide Rooms

Stimmungsvoll, irgendwie poppte in meinen Gedanken immer wieder das Bild Edward G. Robinsons aus Soylent Green hoch. – Und dann zeigt sich noch die wahre Seele der Frau! Beeindruckend – und das alles ohne Raumschiffe! (Das versteht nur Gabi)

  1. Sven Holly Nullmeyer – Liebes Sternengefunkel

Nette Geschichte und irgendwie kommt mir der geschilderte Supermarkt der Zukunft gar nicht so weit hergeholt vor.
Alles in allem eine runde Ausgabe, die es lohnt gelesen zu werden. Absolute Empfehlung, die 12,90 sind gut angelegt.

 

Weitere Infos und Bestellmöglichkeit: exodusmagazin.de

 

 

Ältere Beiträge «