Axel Kruse

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Name: Axel Kruse
Angemeldet seit: 31. Mai 2016

Aktuelle Beiträge

  1. Rezension: “NSA” von Andreas Eschbach — 27. Dezember 2018
  2. Interview: Andreas Eschbach — 27. Dezember 2018
  3. Rezension: “Die Krone der Sterne” (Teil 1+2) von Kai Meyer — 3. Dezember 2018
  4. Interview mit Kai Meyer — 3. Dezember 2018
  5. Rezension: “Neanderthal” von Jens Lubbadeh — 18. März 2018

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Rezension: “NSA” von Andreas Eschbach

Mal ein ganz anderer Eschbach. Gleich vorweg, er gefällt!

Wir befinden uns in einer Parallelwelt, ein typisches Science Fiction Setting, auch wenn es auf dem Roman nicht draufsteht. Eschbach geht auch mit keinem Wort auf eben diese Parallelwelt ein. Für ihn, seine handelnden Protagonisten und den Leser ist es die reale Welt und es gibt keine Möglichkeit, wie etwa bei P.K. Dick, zwischen einzelnen Welten hin und her zu wechseln. Es ist die Welt und damit basta.

Und was für eine Welt.

Wir befinden uns in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Wir erleben die Geschichte (die Historie) aus der Sicht zweier Protagonisten mit. Erfreulich, dass Eschbach nur zwei Handlungsstränge führt, die sich zudem recht schnell kreuzen. In meiner Wahrnehmung leiden viele der neueren Werke anderer Autoren unter der zunehmenden Inflation an handelnden Personen.

Hier haben wir eine fast lineare Schilderung der Geschehnisse und das tut dem Roman sehr gut.

Auf der einen Seite finden wir Helene, eine junge Frau, die dem Beruf der „Programmstrickerin“ nachgeht. Faszinierend, wie Eschbach uns Lesern klarmacht, dass Programmieren Frauenarbeit ist, weil es doch so ähnlich wie Stricken sei und das ist doch seit jeher Frauenarbeit. Für Männer ist diese Art der Arbeit verpönt, sie setzen lieber auf dem fertigen Produkt auf und analysieren dann das Ergebnis. Helene ist die Identitätsfigur des Romans, der Leser fühlt mit ihr mit und kann sich gut in sie hineinversetzen.

Auf der anderen Seite haben wir Eugen Lettke, ein Unsympath, wie er im Buche steht und doch in seinen Handlungsweisen logishc und nachvollziehbar. Er ist nur auf seinen Vorteil bedacht und bedient sich der Macht, die er in Händen hält, regelmäßig um für sich selbst das Beste herauszuholen.

Beide Protagonisten hat es als Angestellte in das NSA, das Nationale Sicherheitsamt, verschlagen. Das NSA, diese Behörde, die noch aus den Zeiten der Republik stammt und nun um das Überleben unter der neuen Regierung kämpfen muss, seine Wirksamkeit unter Beweis stellen muss, um der gefürchteten Zerschlagung zu entgehen.

Nun, diese Wirksamkeit wird eindrücklich dargestellt.

Das NSA hat Zugriff auf alle „Datensilos“ auf deutschem Boden, teilweise ist man auch dazu in der Lage sich in ebensolche Datensammlungen weltweit einzuhacken. Man muss ja lediglich die „Parole“ (herrlich diese Wortschöpfungen!) herausfinden, mit der diese Daten geschützt sind. Ein Kinderspiel für die Mitarbeiter des NSA.

Durch die Datenspuren, die jeder im „Weltnetz“ hinterlässt, durch die gespeicherten Daten der mobilen Telephone, durch die Standortbestimmungen eben dieser, lässt sich letztlich fast alles analysieren. Man muss lediglich die einzelnen Daten aus den unterschiedlichsten Tabellen zusammenführen, schon hat man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit das Ergebnis, nach dem man sucht.

Eschbach zeigt uns in seinem Roman auf, was denn geschehen würde, würde die heutige Technologie von einem totalitären Regime missbraucht und zur Überwachung eingesetzt. Orwell? Orwell ist Kinderkram dagegen!

Eschbach geht sogar so weit, dass er die Möglichkeiten, die mit eben dieser Technologie einhergehen, als viel wichtiger einschätzt, als moderne Waffensysteme. Diese kann man sich schließlich problemlos beschaffen, indem man die Sicherheitssysteme des Gegners hackt.

Wir haben hier ein sehr eindrucksvolles und nachdenklich machendes Werk vor uns, dass uns vor allem auch aufzeigt, wie aussichtslos es ist, sich gegen ein solches System zu wenden, ist man erst einmal in ihm gefangen.

Beide Protagonisten müssen im Laufe der Handlung erkennen, dass sie nur Rädchen im Getriebe sind, müssen mit der Realität leben, dass, auch wenn sie zwischenzeitlich die Technik für ihre eigenen Belange eingesetzt haben, letztendlich nur kapitulieren können – jeder auf seine Art.

Mein Fazit lautet daher: Wir sollten tatsächlich überlegen, ob dieser Roman von Eschbach nicht als Schullektüre empfohlen werden sollte!

Wertung:

Unterhaltung:

Anspruch:

Originalität:

Interview: Andreas Eschbach

dsf: Hallo Andreas. Zuallererst möchte ich mich für deine Bereitschaft bedanken, mir für ein Interview zur Verfügung zu stehen. Wer ist Andreas Eschbach? Gibst du uns einen kleinen Überblick über deine Vita? Hast du Kinder?

Eschbach: Ich habe einen Sohn, der inzwischen 35 ist und Diplom-Informatiker. Ich selber bin 1959 geboren, was bekanntlich ein hervorragender Jahrgang ist, allerdings vor allem dann, wenn man ein Sekt ist. Aufgewachsen bin ich in der Nähe von Ulm, auf dem flachen Land, wo so wenig los war, dass ich mich selber beschäftigen musste, und die interessanteste Beschäftigung, die ich gefunden habe, war, auf der Schreibmaschine meines Vaters Geschichten zu schreiben. Da das überhand nahm, wurde ich ermahnt, einen ordentlichen Beruf zu erlernen, weil man vom Schreiben ja bekanntlich nicht leben kann, und diesen Rat habe ich zu befolgen versucht, indem ich in Stuttgart Luft- und Raumfahrttechnik studiert habe, oder besser gesagt, mich mit diesem Studium gequält habe, bis ich es – schon nach 24 Semestern – eingesehen und es abgebrochen habe, um stattdessen als Softwareentwickler zu arbeiten, was mir wesentlich besser von der Hand ging. Wahrscheinlich, weil es auch was mit Schreiben zu tun hat. Ja, und irgendwann konnte ich dann erstaunlicherweise doch vom Schreiben leben, und hier sind wir nun.

Dsf: Wählen wir einen etwas ungewöhnlichen Einstieg: Wie hältst du es mit dem Helm beim Radfahren?

Eschbach: Isch ‘abe gar kein Fahrrad … Demzufolge auch keinen Helm dafür. Aber im Auto, da schnalle ich mich immer an!

Dsf: Erzählst du uns etwas über deinen Werdegang? Ich meine, du bist mir in der SF erstmalig aufgefallen, als du deinen Roman “Das Jesus Video” veröffentlicht hast. Wie bist du zur SF gekommen?

Eschbach: Das verliert sich im Dunkel der Geschichte. Irgendwie haben mich Bücher, auf deren Umschlägen Raumschiffe, Aliens oder fremde Planeten abgebildet waren, schon immer mehr interessiert als andere. Als ich ins Gymnasium kam, lernte ich einen Typen aus der Parallelklasse kennen, der später mein bester Freund werden sollte, der hat mir ein “Perry Rhodan”-Heft gegeben, und ab da war’s um mich geschehen.

Dsf: Warum gerade SF? Ich meine, es gibt immense andere Literaturströmungen. Den Mainstream beispielsweise. Was hebt für dich die SF von den anderen Strömungen ab?

Eschbach: ‘Abheben’ ist ein gutes Stichwort in diesem Zusammenhang. Ich meine, ich hab nichts gegen andere Literaturrichtungen. Ich lese querbeet, alles, was mir interessant erscheint, auch mal Thomas Mann, auch mal Kafka, auch mal einen Liebesroman oder einen historischen Schinken, und Thriller sowieso gerne, vorausgesetzt, sie sind psychopathenfrei – aber nur, wenn ich einen SF-Roman aufschlage, spüre ich, wie meine Phantasie abhebt. Die anderen Genres fahren in die unterschiedlichsten, mitunter durchaus nicht uninteressanten Richtungen, aber nur die SF fliegt.

Dsf: Auf Spiegel online ist vor einiger Zeit (Herbst 2017) ein Artikel erschienen, in dem gesagt wird, dass es heutzutage Eskapismus sei, SF NICHT zu lesen. Begründet wird das damit, dass dies die einzige Literaturgattung ist, die sich mit den Problemen der Zukunft befasst, bevor sie entstanden sind. Wie siehst du das? Ist es wirklich die Extrapolation oder werden nicht vielmehr häufig unsere Probleme der Jetztzeit lediglich verfremdet dargestellt?

Eschbach: Es gibt beides – die Extrapolation, also Entwicklungen, die man in der Gegenwart wahrnimmt, weitergedacht, aber auch das simple Verpflanzen allgemein menschlicher Probleme in eine ausgedachte, ferne Zukunft. Beides kann man gut oder schlecht machen, und beides hat etwas für sich, wenn es gut gemacht ist. Auch eine gewöhnliche Romanze auf den Mars zu verpflanzen kann ein erhellender Verfremdungseffekt sein. Wenn man es gut macht, wie gesagt.

Dsf: Wie läuft denn dein Arbeitstag ab? Haben wir uns das so vorzustellen, dass du regelmäßige Stundeneinteilungen am Tag hast? Gönnst du dir ein freies Wochenende?

Eschbach: Ein freies Wochenende? Frei wovon? Von meiner Lieblingsbeschäftigung? Das wäre ziemlich widersinnig, oder? Nein, mein Arbeitstag … ach was, mein normaler Tag sieht so aus, dass ich nach dem Frühstück an den Computer gehe und vor mich hin schreibe, bis sich irgendetwas ergibt, das mich zwingt, wieder aufzustehen und etwas anderes zu tun. Zu Mittag zu essen zum Beispiel.

Dsf: Wie lange sitzt du durchschnittlich an der Recherche/Planung eines Buches? Und wie viel Zeit benötigst du im Vergleich dazu dann mit dem Niederschreiben?

Eschbach: Das ist schwer zu sagen, weil ein großer Teil der Recherche und der Planung nebenher verläuft, während ich an anderen Büchern arbeite. Viel der Planung und der Recherche ist eigentlich ein Teil des Auswahlprozesses, zu entscheiden, welchem Roman ich das nächste Jahr meines Lebens widme.

Dsf: Kannst du dir deine Projekte frei wählen? Oder musst du, wie Verschwörungstheoretiker in der Szene gerne kolportieren, „Auftragsarbeiten“ für den Verlag erledigen?

Eschbach: Nichts gegen Verschwörungstheoretiker – was wären Phantastikautoren ohne deren Vorarbeiten? –, aber tatsächlich kann ich meine Projekte frei wählen. Im Vertrag steht sogar als Arbeitstitel meist nur “N.N.”, und was ich schreibe, erfährt der Verlag oft erst, wenn ich das Manuskript abgebe. Na gut, manchmal auch ein bisschen eher, weil ich manchmal zu spät dran bin und das Marketing schon anlaufen muss.

Dsf: Wie projektierst du deine Romane? Ich meine, es gibt ja so viele verschiedene Herangehensweisen an das Schreiben eines Buches. Manche Autoren machen sich einen ausführlichen Szenenplan, andere fangen einfach an und schreiben drauflos. Wie machst du das?

Eschbach: Ich liege irgendwo dazwischen. Ich mache mir einen nicht ganz so ausführlichen Szenenplan, und wenn ich dann anfange zu schreiben, muss ich ihn alle paar Kapitel ändern, weil die Geschichte anders verläuft als geplant.

Dsf: Gibt es wirklich die Verlagsvorgaben, was die Seitenzahlen (Stichwort Ziegelstein) eines Romans angeht oder ist das ein modernes Märchen?

Eschbach: Das ist kein Märchen, solche Vorgaben gibt es. Tatsächlich ist das die einzige Vorgabe, die in meinen Verträgen steht. Oder, wie ich es gern formuliere: Ich kann über alles schreiben, Hauptsache, ich schreibe über 600 Seiten. Was jetzt in meinem Fall nicht wirklich ein Problem ist.

Dsf: Wird es auch mal wieder Kurzgeschichten aus deiner Feder geben? Mich faszinieren vor allem Kurzgeschichten. Ich erinnere mich an ein Buch von dir, das ausschließlich aus Kurzgeschichten bestand, ein Feuerwerk der Ideen!

Eschbach: Ja, es entstehen schon ab und zu wieder Kurzgeschichten, schon weil ich ab und zu beauftragt werde, welche zu schreiben. Aber wie man am Umfang meiner Romane sehen kann, ist die kurze Form nicht so mein Zuhause. Zudem sind Kurzgeschichten schwer zu veröffentlichen, werden ungern gelesen, ungern verlegt und erreichen nur wenige Leser. Es wird also noch eine Weile dauern, bis es für einen zweiten Kurzgeschichtenband reicht, fürchte ich.

Dsf: Was macht Andreas Eschbach in seiner Freizeit? Liest er auch andere Autoren? Falls ja, welche? Und in welchem Umfang? Ich meine damit, es gibt Menschen, mich eingeschlossen, die lesen pro Woche mindestens ein Buch, wie sieht das bei dir aus?

Eschbach: Ein Buch pro Woche kommt hin. Wir haben keinen Fernsehapparat, das heißt, abends wird in der Regel gelesen. Und natürlich lese ich auch andere Autoren, was denn auch sonst? Wobei mich die Frage, welche denn, immer etwas in Verlegenheit bringt – soll ich mein Bücherregal entlanggehen und die Autorennamen abschreiben? Oder mich auf die beschränken, die mehr als einen halben Meter darin einnehmen? Stephen King gehört dazu, aber der schreibt halt auch dicke Klopper. Man kann, glaube ich, diagnostizieren, dass ich mit Vorliebe amerikanische und englische Autoren lese. Aber nicht nur – Georges Simenon zum Beispiel ist ein wichtiger Einfluss, und der war Belgier. Ab und zu muss es auch ein Murakami sein. Ich mag diese scheinbar einfache Sprache, zu der die beiden gelangen. “Lüterarisch” vor sich hin schwurbelnde Texte dagegen lassen mich kalt. Wenn ein Buch in Rezensionen als “wortmächtig” oder dergleichen gelobt wird, dann weiß ich schon, es wird mir vermutlich nicht gefallen.

Dsf: Kommen wir zu deinem neuesten Werk: NSA. Du kennst meine Rezension. Was hat dich dazu bewogen dieses Thema zu wählen? Ich meine, es ist ja durchaus eine politische Aussage damit verbunden. Ich sehe mit Schrecken die Erstarkung im rechten Spektrum des politischen Systems und mir graut davor, dass es nicht mehr wirklich unwahrscheinlich erscheint, dass der Innenminister nach der nächsten Bundestagswahl von der AfD gestellt wird. Da könnten durchaus von dir im Roman beschriebene Mechanismen eingesetzt werden.

Eschbach: Dass man sich das mittlerweile durchaus vorstellen kann, war durchaus ein Antrieb, diesen Roman zu schreiben. Wobei ich mich da gar nicht auf eine Himmelsrichtung festlegen würde – ob mich ein Hitler ins KZ oder ein Stalin in den Gulag schickt, macht keinen großen Unterschied, und überdies kann man sich heutzutage ja auch religiösen Extremismus an der Macht viel zu gut vorstellen. Was Extremismus jedweder Art in Kombination mit Computertechnologie bedeutet: das ist das eigentliche Thema meines Romans – nicht das Dritte Reich an sich.

Dsf: Du hast ganz bewusst darauf verzichtet, den Roman mit einem positiven Ausblick zu beenden. Bist du der Meinung, dass, wenn die vorhandene Technologie in die Hände eines totalitären Regimes fällt, eine Rebellion ausgeschlossen ist?

Eschbach: Da wir es vorhin von modernen Märchen hatten: Dass die sozialen Medien Revolutionen auslösen, böse Regierungen stürzen und die Welt besser machen, ist so eins. Würde es in einem mit technischer Überwachung in heutigem Maßstab ausgerüsteten Dritten Reich auch einen Widerstand geben, der sich technischer Mittel bedient? Ja, wahrscheinlich – und wahrscheinlich würde er gerade deswegen jeweils schnell entdeckt und ausgemerzt, denn so ein Widerstand muss sich ja erst einmal finden und formen und zusammentun, und bis er so weit wäre, etwas Wirksames zu unternehmen, hätte er schon viel zu viele Spuren hinterlassen. Und was wäre denn überhaupt wirksam? Reines Aufdecken, das wissen wir seit Edward Snowdens Stunt, bewirkt ungefähr so viel wie die Flugblattaktionen der “Weißen Rose”, nämlich nichts – außer der Entstehung von Helden vielleicht, und auch das erst, wenn ihre Seite gewonnen hat. Also müsste es schon Cyberterrorismus sein, Attacken auf die digitale Infrastruktur selbst. Dass eine Gruppe junger Rebellen das hinbekommt, während der Staat, den sie bekämpfen, siegt und siegt, halte ich für Wunschdenken.
Eine Rebellion würde erst Erfolg haben, wenn die Machtstrukturen in ausreichendem Maße erodiert sind. Das ist in einer Diktatur nur eine Frage der Zeit, aber es würde in jenem anderen Geschichtsverlauf, der uns in der Realität erspart geblieben ist, wahrscheinlich erst ungefähr heute passieren. Was ein ganz anderer Roman wäre – den vielleicht jemand anders gerade schreibt.

Dsf: Viele Menschen begegnen mir mit der These: Wenn ich mal viel Zeit habe, so als Rentner, dann schreibe ich auch ein Buch. Ideen habe ich ja genug. Ich entgegne dann immer: Die Zeit ist nicht der Faktor. Andere Menschen haben auch Hobbies, die sie täglich bedienen, die Zeit kann man auch in ein Buchprojekt stecken. Ich muss vielmehr etwas zu erzählen haben. Was würdest du einem angehenden Autor raten, wie sollte er vorgehen?

Eschbach: Also, jedenfalls nicht warten, bis man Rentner ist. Die Rentner, die ich kenne, die haben nämlich alle keine Zeit …
Und natürlich ist die Zeit, die angeblich fehlt – aber fürs Fernsehen, Zeitungslesen und dergleichen dann doch da ist – nicht der entscheidende Punkt, sondern Entschlossenheit. Wenn du wirklich entschlossen bist, ein Buch zu schreiben – wer sollte dich daran hindern? Niemand kann dich daran hindern, außer du selbst. Und das ist, was man tut, wenn man sich die Ausrede glaubt, man habe keine Zeit. Tatsächlich hat jeder Mensch genau gleich viel Zeit, nämlich 24 Stunden pro Tag. Einzig die Anzahl der Tage, die uns gegeben sind, ist nicht gleich verteilt. Weswegen es Blödsinn ist, das mit dem Buch vor sich her zu schieben, wenn es einem wirklich wichtig ist.
Den meisten ist es allerdings in Wirklichkeit nicht so wichtig, wie sie denken. Und es muss ja nun auch wirklich nicht jeder ein Buch schreiben.

Dsf: Wie weit ist dein Vorlauf? Wie viele Bücher sind bereits fertig, wenn eines erscheint? Schreibst du an einem weiteren Buch?

Eschbach: Klar. Ich bin meistens mitten im nächsten Buch, wenn eines erscheint und ich damit auf Lesereise gehe. Außerdem habe ich immer ein paar Romanprojekte auf kleiner Flamme vor sich hin köcheln, die ich vielleicht irgendwann realisiere und für die ich nebenher Ideen sammle und ein bisschen recherchiere.

Dsf: Kannst/darfst du uns einen Ausblick geben, was wir in naher Zukunft aus deiner Feder zu erwarten haben?

Eschbach: Nun, nach “NSA” und dem “Perry Rhodan”-Roman schreibe ich, wenig überraschend, am dritten Band meiner Meermädchen-Serie, auf den schon viele warten. Was danach kommt, weiß ich im Moment selber noch nicht. Wahrscheinlich wieder was ganz anderes …

Dsf: Ich vergleiche das Schreiben eines Buches gerne mit der Zeugung und Geburt eines Kindes. Der Beginn ist wunderschön, zum Ende hin wird es immer beschwerlicher und der Schluss ist häufig Schmerz pur. Dann kommt die plötzliche Erleichterung und der Autor fällt in ein Loch. Kannst du dich in dieser Beschreibung wiederfinden?

Eschbach: Nein, nicht im mindesten. Es gibt gute und weniger gute Tage, und mindestens einmal pro Roman verflucht man sich dafür, sich ausgerechnet diese Idee vorgenommen zu haben, aber alles in allem ist das eigentliche Schreiben der angenehme Teil. Danach wird’s dann lästig – das Lektorat dauert gefühlt ewig; wenn die Fahnen kommen, kann man den Text schon nicht mehr sehen; was sich zum Glück gelegt hat, bis das Buch erscheint und man sich bei nasskaltem Herbstwetter der Eisenbahn anvertrauen muss, um damit auf Lesereise zu gehen.

Dsf: Wie gut bist du in der Szene vernetzt? Ich meine, ist Andreas Eschbach eher ein Einzelkämpfer oder gibt es da Zusammenkünfte mit anderen Autoren, quasi ein Austausch/Brainstorming?

Eschbach: Ich stehe zwar durchaus mit etlichen Autorinnen und Autoren in Kontakt, die ich über die Seminare in Wolfenbüttel kennengelernt habe oder weil sie dieselben Verlage haben oder dieselben Literaturfestivals besuchen, aber was das Schreiben anbelangt, bin ich eindeutig Einzelkämpfer.

Dsf: Gibt es Zeiten, in denen du eine Schreibblockade hast? Ich kenne zum Beispiel Situationen, in denen ich zwar weiß, wie die Geschichte weitergehen soll, ich aber einfach nicht die Worte finde, dies zu schreiben. Nun ist das bei mir unspektakulär, ich kann den Text dann einfach mal Wochen oder Monate liegen lassen. Wie gehst du mit solchen Situationen um?

Eschbach: Ich halte nichts von dem Begriff ‘Schreibblockade’. So etwas gibt es nicht, so wenig wie ‘Fahrblockade’ bei Busfahrern oder ‘Kochblockade’ bei Köchen. Was es gibt, ist, dass man nicht weiß, wie es weitergehen soll, oder dass man keine Lust hat, oder irgendein anderer Grund, warum es eben nicht weitergeht. Aber es hat keinen Sinn, das nicht als das zu benennen, was es ist. Der Arzt sagt auch nicht, ‘Sie haben eine Gesundheitsblockade’, sondern er sagt: ‘Sie haben eine Mandelentzündung’ oder was auch immer. Nur, wenn man es klar benennt, kann man etwas Wirksames dagegen unternehmen. Wenn man nicht weiß, wie es weitergehen soll, dann hilft es vielleicht, erst mal einen langen, einsamen Spaziergang zu machen. Oder sich das Exposé oder die Outline nochmal in Ruhe vorzunehmen und mit Möglichkeiten zu spielen. Oder mit jemandem darüber zu diskutieren. Da entwickelt jeder so seine Methoden, die für ihn funktionieren. Wenn man die Worte nicht findet, kann man Cluster malen, oder nachlesen, wie andere Autoren so ähnliche Situation geschildert haben, oder im Wörterbuch blättern, oder erst mal ein Gedicht schreiben – oder die betreffende Stelle erst mal auslassen und eine Szene zu schreiben, die erst weiter hinten kommt. Manchmal stellt sich dabei heraus, dass die ‘schwierige’ Szene ohnehin entbehrlich war.
Und wenn man keine Lust hat, kann man auch mal ein paar Tage blau machen. Die Lust am Schreiben kommt schon von selber wieder.

Dsf: Könntest du dir auch Projekte mit anderen Autoren vorstellen? Ich stelle mir das schwierig bis unmöglich vor, will ich doch immer meine Ideen umsetzen und nicht die der anderen. In der Szene gibt es aber genügend Beispiele. Angefangen vom Schreiben nach Exposé bis hin zu echten Kooperationen zwischen zwei oder mehr Autoren. Wie siehst du so ein Projekt?

Eschbach: Ich bewundere es, wenn Leute das hinkriegen, denn ich könnte das nicht. Ich hab’s ein paarmal versucht, aber meistens bedeutete so ein Versuch das Ende einer wunderbaren Freundschaft.

Dsf: In der Literatur gibt es genügend Beispiele, dass das Alterswerk eines Autors nicht mehr die Qualität hat, die der Autor auf dem Höhepunkt seines Schaffens hatte. Stellvertretend seien hier nur Karl May, Robert Heinlein oder Isaac Asimov erwähnt. Hast du vor einer solchen Entwicklung Angst? Ich persönlich hoffe darauf, dass man mich darauf hinweist, wenn es so weit ist. Wie siehst du das?

Eschbach: Das gibt es, aber es gibt auch Autoren, die mit dem Alter immer besser werden, wie guter Wein. Ich glaube gar nicht, dass literarische Qualität zwangsläufig etwas mit dem Alter zu tun hat. Die Ursachen für Aufs und Abs in der Qualität des Schreibens würde ich eher anderswo suchen, in äußeren Lebensumständen vielleicht, die die Einstellung zum Schreiben verändern.

Dsf: Wie siehst du überhaupt dein Schaffen? Gibt es da Personen deines Vertrauens, die dir ehrlich ihre Meinung sagen? Oder gibt es da kein Korrektiv?

Eschbach: Meine Frau ist da völlig erbarmungslos, und da an ihr eine Lektorin verloren gegangen ist, auch sehr spezifisch.

Dsf: Wenn ich einen Text fertiggestellt habe, bin ich in der Sekunde des Abschlusses euphorisch. Endlich geschafft …, und überzeugt davon, etwas absolut Geniales verfasst zu haben. In der Sekunde danach kommt dann immer der Absturz, die Selbstzweifel. Ich überlege dann, ob das Werk überhaupt jemals das Licht der Öffentlichkeit erreichen darf, weil ich mir urplötzlich aller Schwächen bewusst werde (ob berechtigt oder nicht sei mal dahingestellt). Kennst du solche Zustände auch und falls ja, wie meisterst du sie?

Eschbach: Ich habe ja das Glück, im Lauf meines Lebens doch so viel Zuspruch zu dem, was ich schreibe, erfahren zu haben, dass ich nicht mehr grundsätzlich an meiner Befähigung dazu zweifle. Hinzu kommt, dass es so etwas wie den perfekten Roman ohnehin nicht gibt; er darf also seine Schwächen haben, solange ich alles tue, ihn so gut zu machen, wie ich es nur irgend hinkriege.

Dsf: Die SF-Literatur scheint sich im Niedergang zu befinden. In anderen Medien (Film, Computerspiel) ist eher das Gegenteil der Fall. Warum ist das deiner Meinung nach so? Ist es überhaupt so?

Eschbach: Seit ich denken kann, höre ich, dass die Benzinpreise steigen und es mit der SF-Literatur abwärts geht. Aber der Benzinpreis liegt immer noch nicht bei tausend Euro pro Liter, und SF gibt es auch immer noch, also sollten wir uns vielleicht erst dann Sorgen machen, wenn nicht mehr über den Niedergang der SF geklagt wird.

Dsf: Es gibt mehrere deutsche SF-Literaturpreise, die in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit ein Schattendasein frönen. Gibt es deiner Meinung nach Möglichkeiten, das zu ändern?

Eschbach: Keine Ahnung. Mein Eindruck ist, dass sich die Öffentlichkeit um Literaturpreise generell so gut wie überhaupt nicht kümmert. Die meisten Leute wissen gerade mal, dass es den Nobelpreis für Literatur gibt, aber schon nicht mehr, wer ihn zuletzt gewonnen hat.

Dsf: In diesem Zusammenhang: Dein aktuelles Buch „NSA“ wird als Roman und nicht als SF angeboten. Ist es wirklich in der Literatur „verkaufsschädigend“, wenn auf einem Buch das Label SF erscheint? In anderen Medien (Film/Computerspiel) scheint mir das eher ein Gütesiegel zu sein.

Eschbach: Das täuscht: Auch Filme wie “Star Wars” werden ja nicht als “Science-Fiction-Filme” beworben, sondern eben einfach als “Filme”, “Blockbuster” oder dergleichen. Der Begriff “Science Fiction” ist der Verkäuflichkeit tatsächlich nicht zuträglich, außer, man richtet sich spezifisch an ausgesprochene SF-Fans.

Dsf: Ich habe dich eingangs gefragt, wie du es mit dem Helm beim Radfahren hältst. Hintergrund für diese Frage ist, dass ich der Meinung bin, dass wir in unserer Gesellschaft mittlerweile eine Art Diktatur der Fürsorge erfahren. Eine Art der Diktatur, die sich auch durchaus der Überwachungstechnologie bedienen könnte. Wie siehst du diese Art der Entwicklung?

Eschbach: Ja, da geht in der Tat eine seltsame Infantilisierung vor sich. Auch wenn man zum Beispiel mit dem Zug unterwegs ist und an jedem verdammten Bahnhof, an dem er hält, gemahnt wird, man solle nichts im Zug vergessen: Ein erwachsener Mensch denkt an so etwas von selber, der braucht keine Deutsche-Bahn-Mami, die ihn daran erinnert. Was kommt als Nächstes? Werden wir ermahnt, den Mantel zuzumachen, wenn wir aussteigen, weil es draußen kalt ist? Werden Betreuer eingestellt, die uns die Nase putzen? Man darf gespannt sein.*

Dsf: Lieber Andreas, ich möchte mich an dieser Stelle recht herzlich für das Interview bedanken.

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*Wir sind gespannt, ob jemand eine Geschichte darüber schreibt. Kurzgeschichten können gerne bei uns eingereicht werden!

Rezension: “Die Krone der Sterne” (Teil 1+2) von Kai Meyer

Kai Meyer ist der Science Fiction Gemeinde bislang nur als Fantasy-Schriftsteller, und dort als äußerst erfolgreicher, untergekommen. Nun hat er den zweiten Band seiner Science Fiction Reihe Die Krone der Sterne vorgelegt.

Um es gleich mal vorweg zu sagen: Viele SF-Puristen sprechen den Büchern die Zugehörigkeit zum Genre ab, das ist falsch. Sind wir bereit Star Wars und/oder den Wüstenplaneten zur Science Fiction zu rechnen, dann ist auch die Krone der Sterne pure SF.

Wie komme ich auf Star Wars und den Wüstenplaneten?

Nun, ich unterstelle Kai Meyer, dass er beides gelesen/gesehen hat. Ganz offensichtlich hat er sich hier an Versatzstücken bedient.
Was vor ihm bereits genug andere getan haben, man kann das Rad halt schwer neu erfinden.
Man findet den Jedi und die Bene Gesserit, man findet die Barone und Familien, die die Welt des Wüstenplaneten (und damit meine ich ausschließlich den ersten Teil) so grandios gemacht haben. Man findet eine Droge (Schnupftabak!), die einem der Protagonisten eine gewisse Bewusstseinserweiterung bringt, man findet, nein, kein Laserschwert, aber einen besonderen Blaster … ich könnte noch weiter machen.

Worum geht es?

Nun es gibt ein riesiges Sternenreich. Das hört sich erstmal grandios an, aber es ist tatsächlich nur das Überbleibsel eines viel, sehr viel größeren Reiches. Dieses ursprüngliche Reich ist in einem gewaltigen Krieg untergegangen. Einem Krieg gegen den Maschinenherrscher. Dieser Krieg, obwohl er verdammt lange her ist, so lange, dass man sich seiner eigentlich gar nicht mehr richtig erinnert, wirkt nach. Das jetzige Sternenreich wird beherrscht von einer Welt namens Tiamande, die sich in den Außenbezirken, einem äußeren Spiralarm der Galaxis, befindet. Von dort aus geht ein kegelförmiges Herrschaftsgebiet weiter nach draußen. In der Nähe zu Tiamande befindet sich das Kernreich, weiter draußen die Marken und am weitesten entfernt die äußeren Baronien. Ganz weit draußen ist ein schwarzes Loch mit dem Katarakt, einem Sternenschweif, der vermutlich nach und nach in eben dieses schwarze Loch gezogen wird.

Auf Tiamande herrscht die Gottkaiserin (Wüstenplanet, ick hör dir trapsen!). Wer das ist, wird bis zum Ende des zweiten Bandes nicht so richtig klar. Auf jeden Fall benötigt sie in regelmäßigen Abständen Nachschub in Form einer Prinzessin aus den Marken/Baronien. Denn, da diese so nahe am Katarakt liegen, scheinen in den dort lebenden Menschen gewisse Veränderungen hervorgerufen zu werden, die eben jene Gottkaiserin benötigt. Etwas nebulös, das Ganze.

Unsere Protagonistin, zumindest eine derselben, ist eben eine jener Prinzessinnen, die dafür auserkoren wurde, nach Tiamande überführt zu werden. Da niemand so recht weiß, was dort mit den jungen Frauen geschieht, keiner je eine hat zurückkommen sehen, hat unsere Prinzessin nicht so recht Lust dazu.

Sie wird gegen ihren Willen von ihrer Familie gezwungen. Von einer Leibwache begleitet, wird sie den Hexen, einem Orden der Gottkaiserin, übergeben. Die Leibwache wird sofort gemeuchelt, denn an der besteht ja kein Interesse. Unsere Protagonistin kann fliehen, sie ist sich der Unterstützung des letzten Waffenmeisters sicher. Die Waffenmeister, die ursprünglich an Seite der Hexen gegen den Maschinenherrscher kämpften, die dann aber den Hexen zu mächtig wurden/waren, so dass diese (die Hexen) die Waffenmeister „entsorgten“.

Etwas verworren, aber durchaus spannend geschildert. Man erhält lediglich immer ein paar kleine Versatzstücke der Historie präsentiert, kann sich das oben gesagte aber nach und nach zusammenreimen.

So weit also das Grundsetting. Daran schließt sich eine wilde Verfolgungsjagd an. Immer wieder muss man fliehen, ab und an gerät einer oder mehrere der Protagonisten in Gefangenschaft oder steht kurz davor.

Im zweiten Teil geht es hauptsächlich um das Schicksal des Planeten Noa. Es handelt sich hier um eine Welt, die ausschließlich von Piraten, Räubern und Mördern bewohnt ist. Ein nettes Bild, Kai Meyer macht hier jedoch einen Fehler (der in solchen Schilderungen immer wieder gerne gemacht wird) indem er versäumt aufzuzeigen, wie denn die Wirtschaft auf einem solchen Planeten funktionieren kann. Wo wird denn Nahrung für die dort lebende Bevölkerung produziert? Um nur eine Frage zu stellen, die sich mir aufdrängte. Nur von Raubzügen kann sicherlich eine Schiffscrew leben, niemals jedoch eine ganze Planetenbevölkerung. Egal, es ging dem Autor darum, ein buntes Bild zu schaffen, das ist ihm gelungen. Ich hatte eine Art Tortuga im All vor Augen, als ich es las.

Wir erleben eine Fülle an Emotionen, die Protagonisten scheuen nicht vor Verrat an den eigenen Leuten zurück, sie erwägen eine Allianz mit den immer noch vorhandenen Maschinen einzugehen. Kurz, es ist spannend.
Es kommt allerdings alles etwas plump daher. Kein Tiefgang, ein Buch für mal so eben zwischendurch. Man wird von Kapitel zu Kapitel in Action geworfen. Und dann auch noch mit einem Cliffhanger. Von Anfang an konzipiert, eine Fortsetzung zu erhalten.

Nun, Kai Meyer kann schreiben, das ist offensichtlich. Der Leser wird gefesselt, giert nach der Fortsetzung.

Ich auch?

Erstaunlicherweise ja.

Ich hatte nach der Lektüre des ersten Bandes eigentlich beschlossen, der Serie nicht weiter zu folgen, sah ich doch nicht wirklich einen Handlungsstrang, der danach gierte aufgelöst zu werden.

Nun, dann lag das erste Buch da und es dauerte, bis das zweite auf den Markt kam Anscheinend war es exakt die richtige Zeitspanne, die zwischen den Büchern lag. Ich hatte auf einmal wieder Lust auf das Thema und wurde nicht enttäuscht. Es hat Spaß gemacht, den zweiten Teil zu lesen.

Zum aktuellen Interview mit Kai Meyer

Unterhaltung:

Anspruch:

Originalität:

Interview mit Kai Meyer

dsf: Hallo Kai. Zuallererst möchte ich mich für deine Bereitschaft bedanken, mir für ein Interview zur Verfügung zu stehen.

Meyer: Sehr gerne.

dsf: Wählen wir einen etwas ungewöhnlichen Einstieg: Wie hältst du es mit dem Helm beim Radfahren?

Meyer: Mein Fahrrad staubt seit über zehn Jahren unbenutzt in der Garage vor sich hin. Der einzige Helm in Sachen Fortbewegungsmittel, den ich mal besessen habe, war als Kind einer für Rollschuhe – damals hießen die Disco Roller –, und den habe ich nie aufgesetzt. Ich hab ihn bei irgendeinem Preisausschreiben gewonnen, und damals gab es wenig Uncooleres als Rollschuhfahren mit Helm.

dsf: Erzählst du uns etwas über deinen Werdegang? Ich meine, du bist mir in der SF erstmalig aufgefallen, als du deinen Roman des Zyklus Krone der Sterne (Link zur Rezension von Teil 1+2) veröffentlicht hast. Davor gab es von dir „nur“ Fantasy. Wie bist du zur SF gekommen, warum auf einmal SF?

Meyer: Das ganze Schubladendenken in der Szene hilft ja niemandem, deshalb nenne ich das, was ich schreibe, ganz pauschal Phantastik. Fantasy wird immer schnell mit High Fantasy in der Tolkien-Tradition verwechselt – die habe ich nie geschrieben. Sehr viele meiner Bücher sind phantastische Romane vor historischem Hintergrund. Dann gibt es diverse Bücher von mir, die wohl am ehesten Horror sind (auch wenn die Verlage es nie aufs Cover geschrieben haben). Und ich schätze „Hex“, Ende der Neunziger, war sogar SF.

dsf: Warum gerade SF? Ich meine, es gibt immense andere Literaturströmungen. Den Mainstream beispielsweise. Was hebt für dich die SF von den anderen Strömungen ab? Ist deines Erachtens tatsächlich derzeit ein neuer Hype bei der SF-Literatur zu erwarten oder haben wir hier nur ein Strohfeuer?

Meyer: Mir geht es in allem, was ich schreibe, um den Sense of Wonder. Den hat ja nicht die SF für sich allein gepachtet, gerade in der Fantasy gehört er zum Inventar. Man könnte ihn auch etwas anthropologischer „das Numinose“ nennen, und dann sind wir nur noch einen Schritt vom Religiösen entfernt. Nun könnte man diskutieren, welche Genrespielart eher ein Religionsersatz ist, SF oder Fantasy.

Was den Hype angeht – der ist schon wieder vorbei. Die Verlage haben es drei, vier Jahre lang versucht, aber es hat doch kaum etwas so gut funktioniert wie die Fantasy noch vor einigen Jahren. Die einzigen SF-Romane, die sehr erfolgreich waren, waren jene, die sich aus irgendwelchen Gründen in den Mainstream verirrt haben, etwa „Der Marsianer“. Der Rest bleibt letztlich Nische.

dsf: Auf Spiegel online ist vor einiger Zeit (Herbst 2017) ein Artikel erschienen, in dem gesagt wird, dass es heutzutage Eskapismus sei, SF NICHT zu lesen. Begründet wird das damit, dass dies die einzige Literaturgattung ist, die sich mit den Problemen der Zukunft befasst, bevor sie entstanden sind. Wie siehst du das? Ist es wirklich die Extrapolation oder werden nicht vielmehr häufig unsere Probleme der Jetztzeit lediglich verfremdet dargestellt?

Meyer: Ich lese nicht genug SF, in der es in erster Linie um die Vorhersage künftiger Probleme gibt, um mir darüber ein Urteil erlauben zu können. In den Siebzigern gab es ja eine Menge Dystopien, und ich fand die schon damals sehr freudlos und trist. Mich hat es sehr überrascht, als Dystopien vor einigen Jahren wieder ein so großes Thema wurden – wobei wir uns da nichts vormachen sollten: In den erfolgreichen modernen Varianten ging es um Liebesgeschichten vor einem dystopischen Hintergrund. „Hunger Games“ & Co. benutzen ja eigentlich eher historische Versatzstücke, die sie in eine wenig realistische Zukunft verlegen.

dsf: Kannst du deine Projekte frei wählen? Oder musst du, wie Verschwörungstheoretiker in der Szene gerne kolportieren, „Auftragsarbeiten“ für den Verlag erledigen?

Meyer: Behauptet das jemand ernsthaft über meine Bücher? Ich habe rund sechzig Romane geschrieben, und nicht ein einziges davon war eine Auftragsarbeit. Im Gegenteil: Den Verlagen wäre es oft viel lieber gewesen, wenn ich einfach wieder das gemacht hätte, was beim letzten Mal gut funktioniert hat. Nicht zwangsläufig Fortsetzungen, sondern dieselbe Art von Geschichte. Wer sich die Mühe macht und sich meine Bücher mal genau anschaut – Rückseitentexte lesen reicht –, wird merken, dass das albern ist.

„Die Krone der Sterne“ war keineswegs eine sichere Sache, was offenbar der eine oder andere wegen des „Star-Wars“-Revivals vermutet, sondern ein enormes Risiko. Und es ist eher nach hinten losgegangen, trotz – für SF ­– ordentlichen Verkaufszahlen. Ich erkläre das mal genauer: Ich habe „Die Krone der Sterne“ ja parallel zu meiner Reihe „Die Seiten der Welt“ geschrieben und veröffentlicht, im Frühjahr die eine Serie, im Herbst die andere. Der erste Band von „Die Seiten der Welt“ hat sich sechsstellig verkauft, der erste Band von „Die Krone der Sterne“ gerade mal knapp fünfstellig. Die großen Buchhandlungen bestellen aber ihre Neuerscheinungen nach Warenwirtschaftssystem, das heißt, automatisch nach ihrer Verkaufszahl meiner letzten Veröffentlichung. Entsprechend bestellen sie dann einen neuen Band von „Die Seiten der Welt“ nicht etwa basierend auf dem Vorgängerband, sondern basierend auf „Die Krone der Sterne“. Was dazu führte, dass der jeweils neue „Seiten“-Roman in radikal kleinerer Stückzahl auf den Tischen lag, als es dem Verkauf der ersten Teile angemessen gewesen wäre. Und was weniger ausliegt, wird weniger verkauft. Das führt zu einem unguten Kreislauf, den ich bei den letzten paar Büchern zu spüren bekommen habe.

Und natürlich wusste ich vorher, dass SF sich nie so gut verkaufen wird wie „Die Seiten der Welt“, und ich habe „Die Krone der Sterne“ trotzdem geschrieben – einzig und allein, weil ich so große Lust auf eine klassische Space Opera hatte. Vom reinen Karrierestandpunkt aus betrachtet, war das ein Fehler. Trotzdem tut es mir kein bisschen leid. Die Geschichte ist jetzt da draußen, viele Leute mögen sie, und ich habe mir das Subgenre quasi von der Seele geschrieben.

dsf: Wie projektierst du deine Romane? Ich meine, es gibt ja so viele verschiedene Herangehensweisen an das Schreiben eines Buches. Manche Autoren machen sich einen ausführlichen Szenenplan, andere fangen einfach an und schreiben drauflos. Wie machst du das?

Meyer: Ich plane sehr detailliert. In der Regel sitze ich drei, vier Monate an der Recherche und der Konzeption. Danach habe ich ein 40- bis 50seitiges Expose des gesamten Romans, mit jeder einzelnen Szene und einem möglichen Finale. Manchmal ändert sich aber vor allem das Ende noch einmal beim Schreiben.

dsf: Wird es auch mal Kurzgeschichten aus deiner Feder geben? Mich faszinieren vor allem Kurzgeschichten.

Meyer: Es gibt ein paar, vier oder fünf. In erster Linie ist es eine Zeitfrage. Ich sage fast alle Anthologie-Anfragen ab, weil ich eigentlich immer mitten in einem Roman stecke.

dsf: Kommen wir zu deinem neuesten SF Werk: Krone der Sterne, Hexenmacht. Du kennst meine Rezension. Was hat dich dazu bewogen dieses Thema zu wählen? Habe ich recht damit, dass du Star Wars und den Wüstenplaneten kennst? Kann es sein, dass du sie in deiner Jugend konsumiert und tatsächlich von ihnen beeindruckt wurdest?

Meyer: „Star Wars“ kennt jeder, oder? „Der Wüstenplanet“ mag ich als Film, fand den ersten Roman eher langweilig (vielleicht, weil ich den Film schon kannte) und die Fortsetzungen mehr als zäh. Bis zur dritten bin ich gekommen, dann hab ich aufgegeben. „Star Wars“ ist natürlich ein Einfluss, aber eher so, wie jeder Western von früheren Western beeinflusst wird: Man lässt die Cowboys nicht plötzlich auf Kamelen reiten und mit Steinschleudern schießen, nur weil Pferde und Pistolen schon mal anderswo benutzt wurden. Ich habe immer sehr gern Leigh Brackett gelesen, mit Abstrichen Edward Hamilton, C.L. Moore und andere Autoren aus der frühen Space-Opera- oder Planetary-Romance-Schule. Ich habe z.B. eine recht anständige Sammlung von Originalausgaben des Pulp-Magazins „Planet Stories“ im Regal stehen. Letztlich hatten sie alle einen größeren Einfluss auf den Ton der Geschichte als George Lucas. Was ich wollte, war diese Begeisterung des 10- oder 12jährigen in mir wieder heraufbeschwören, der Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger für jedes „Star-Wars“-Rip-off ins Kino gegangen ist. Ich kaufe mir heute noch jede Neuveröffentlichung von „Star Crash“ und hätte gern „Der große Krieg der Planeten“ auf Blu-Ray – nicht weil das gute Filme wären, sondern weil ich einfach an ihnen hänge wie an alten Stofftieren. Mit zwölf hätte ich den Sense of Wonder nicht benennen können, aber ich wusste schon sehr genau, was etwa der Vorspann von „Kampfstern Galactica“ bei mir bewirkt. Oder das erste Auftauchen der Draconia in „Buck Rogers“. Genau da wollte ich mit „Die Krone der Sterne“ hin. Ob die Bewahrer der reinen SF-Lehre mir das nun glauben oder nicht: Die Reihe war für mich ein reines Vanity-Projekt, das ich mir leisten konnte, weil „Die Seiten der Welt“ so erfolgreich war.

Und noch zum „Wüstenplaneten“: Das Hexen-Matriarchat in „Die Krone der Sterne“ kommt nicht von Frank Herbert, sondern direkt aus dem Vanga-Zyklus der „Mythor“-Serie. Als Teeanger war ich fanatischer „Mythor“-Fan und bin es immer noch.

dsf: Bei unserem gemeinsamen Frühstück im Hotel in Leipzig fragte ich dich, ob du planst in einer der zu erwartenden Fortsetzungen Tiamande als die alte, unsere, Erde darzustellen. Du verneintest das. Für dich, sagtest du damals, gibt es keinen Zusammenhang zwischen deinem Universum und unserem aktuellen. Was wiederum ein Anklang an Star Wars wäre, da werden wir ja bereits im Vorspann darauf hingewiesen, das wir uns ganz woanders befinden. Warum keine Nähe zur Realität? Ist das deiner bisherigen schriftstellerischen Tätigkeit als Fatasyautor geschuldet?

Meyer: Was wäre denn realistisch daran, wenn in meiner völlig phantastischen Space Opera mit einem Mal die Erde auftaucht? Es würde die Geschichte kein bisschen näher an unsere Wirklichkeit bringen – Hexen bleiben Hexen und Schwarze Löcher sind keine Götzen –, sondern würde lediglich der Glaubwürdigkeit meines eigenen Kosmos schaden. Ähnlich wie ein Anachronismus im historischen Roman.

Meine Fantasy hingegen spielt fast durchweg auf der Erde in einem fest definierten historischen Kontext – es gibt bei mir keine Fantasyländer à la Mittelerde. Deshalb gibt es da auch keinen Zusammenhang zur fehlenden Erde in „Die Krone der Sterne“.

dsf: Wie weit ist dein Vorlauf? Wie viele Bücher sind bereits fertig, wenn eines erscheint?

Meyer: Manchmal ist eines schon ganz knapp fertig, meistens schreibe ich aber noch am nächsten.

dsf: Kannst/darfst du uns einen Ausblick geben, was wir in naher Zukunft aus deiner Feder zu erwarten haben?

Meyer: Im Frühjahr erscheint erst einmal „Die Krone der Sterne – Maschinengötter“, der dritte und vorerst letzte Band der Reihe. Möglich, dass ich später noch einmal dorthin zurückkehre, weil ich die Hauptfiguren so mag. Mal abwarten. Gerade ganz frisch erschienen ist der fünfte und letzte Bibliomantik-Band, also das zweite Prequel zu „Die Seiten der Welt“, außerdem bei Splitter der Horrorcomic „Das Fleisch der Vielen“, den ich sehr, sehr mag.

dsf: Ich vergleiche das Schreiben eines Buches gerne mit der Zeugung und Geburt eines Kindes. Der Beginn ist wunderschön, zum Ende hin wird es immer beschwerlicher und der Schluss ist häufig Schmerz pur. Dann kommt die plötzliche Erleichterung und der Autor fällt in ein Loch. Kannst du dich in dieser Beschreibung wiederfinden?

Meyer: Nur bedingt. Ich falle nicht in Löcher. Ich bin erleichtert, wenn ein Buch fertig ist, und freue mich auf das nächste.

dsf: In der Literatur gibt es genügend Beispiele, dass das Alterswerk eines Autors nicht mehr die Qualität hat, die der Autor auf dem Höhepunkt seines Schaffens hatte. Stellvertretend seien hier nur Karl May, Robert Heinlein oder Isaac Asimov erwähnt. Hast du vor einer solchen Entwicklung Angst? Ich persönlich hoffe darauf, dass man mich darauf hinweist, wenn es so weit ist. Wie siehst du das?

Meyer: Aufgrund der Masse von Hinweisen, die wir alle mittlerweile in Form von Online-Rezensionen bekommen, dürfte es schwierig werden, den einen Hinweis herauszufiltern, den wir ernst genug nehmen, um dann zu sagen: „Das war’s also, ich kann das nicht mehr.“ Wir alle werden trotzdem weitermachen, weil es eben das ist, was wir tun. Autoren gehen nicht in Rente. Sie haben allerhöchstens keine Lust mehr, und das ist ja dann auch eine ehrenwerte Selbsterkenntnis. Aber so lange man schreiben will, soll man eben schreiben. Ich sehe mich selbst immer noch in der Phase, in der ich mit jedem Buch dazulerne, und so lange das so bleibt, werde ich ganz sicher nicht aufhören.

dsf: Wenn ich einen Text fertiggestellt habe, bin ich in der Sekunde des Abschlusses euphorisch. Endlich geschafft …, und überzeugt davon, etwas absolut geniales verfasst zu haben. In der Sekunde danach kommt dann immer der Absturz, die Selbstzweifel. Ich überlege dann, ob das Werk überhaupt jemals das Licht der Öffentlichkeit erreichen darf, weil ich mir urplötzlich aller Schwächen bewusst werde (ob berechtigt oder nicht sei mal dahingestellt). Kennst du solche Zustände auch und falls ja, wie meisterst du sie?

Meyer: Selbstzweifel kennt jeder Autor. Ich hab sie vor einem Roman, mittendrin und danach. Grundsätzlich weiß ich aber: Ich kann das. Manches besser als anderes, aber ich weiß, dass ich mich am Ende immer noch durch jede schwierige Passage geschlagen habe und letztlich – manchmal mit dem Abstand von ein paar Monaten oder Jahren – etwas Ordentliches zustande gebracht habe. Selbstzweifel sind bei mir also schon Teil der Routine geworden, sie machen mir schlechte Laune, treiben mich aber nicht zur Verzweiflung.

dsf: Ich habe dich Eingangs gefragt, wie du es mit dem Helm beim Radfahren hältst. Hintergrund für diese Frage ist, dass ich der Meinung bin, dass wir in unserer Gesellschaft mittlerweile eine Art Diktatur der Fürsorge erfahren. Eine Art der Diktatur, der sich auch durchaus einmal ein Autor widmen könnte. Es ist ja nicht nur der Helm beim Radfahren (der ja durchaus sinnvoll ist, aber eben nicht bei jeder Gelegenheit und schon gar nicht bei kleinen Kindern auf dem Spielplatz, die noch mit Stützrädern fahren. Wer das als sinnvoll erachtet, müsste den Kleinen auch beim Laufen einen Helm aufsetzen) , wir haben z. B. auch die DSGVO, die in eine ähnliche Richtung zeigt. Wie siehst du diese Art der Entwicklung?

Meyer: Eine Diktatur ist etwas vollkommen anderes, deshalb würde ich den Begriff in diesem Kontext vehement ablehnen. Davon abgesehen bin ich durchaus der Meinung, dass erwachsene Menschen selbst in der Lage sein sollten, Risiken für ihre Gesundheit abzuschätzen. Wer viel im Großstadtverkehr mit dem Fahrrad unterwegs ist, mag einen Helm ganz sinnvoll finden, ob mit oder ohne Gesetz. Jemand, der auf dem Feldweg von einem Dorf zum nächsten fährt, hält ihn vielleicht für überflüssig. Ein wenig gesunder Menschenverstand würde auch den Gesetzgebern häufiger ganz gut tun. Andererseits: Wenn sich heute weniger Leute beim Fahrradfahren den Schädel einschlagen als früher, gibt es nur wenige gute Argumente gegen die Helmpflicht. Oder gegen jede andere Pflicht, die die Leute am Leben hält.

dsf: Lieber Kai, ich möchte mich an dieser Stelle recht herzlich für das Interview bedanken.

Homepage von Kai Meyer

Rezension: “Neanderthal” von Jens Lubbadeh

Diktatur der Fürsorge

Haben Sie Kinder? Wenn ja, dann kennen Sie das: Gehen Sie mit Ihren Kleinen auf den Spielplatz, Fahrrad mit Stützrädern im Gepäck. Lassen Sie die Kleinen dort fahren, aber bitte schön immer mit Helm, die Verletzungsgefahr ist sonst zu groß. Wagen Sie es nicht, den Helm (evtl. auf Bitten oder Quengeln) der Kinder abzusetzen, die soziale Kontrolle funktioniert! Die Eltern der anderen werden über Sie tuscheln oder Sie gar darauf hinweisen, dass es doch gefährlich ist, so ohne …

Nun, meine Kinder fuhren immer ohne Helm, wie auch ich selbst das tue. Die Gefahr (auf dem Kinderspielplatz!!!) ist doch nun wirklich äußerst gering, die Fallhöhe sowieso und die Stützräder tun ihres dazu … Viel sinnvoller wäre es da doch, dass die Erwachsenen unisono beim Spazierengehen, ja sogar in der Wohnung einen Schutzhelm tragen sollten, die Fallhöhe und Wahrscheinlichkeit einer Verletzung ist deutlich höher, als in dem oben beschriebenen Beispiel. Zumindest sollten die Kleinen aber doch bei ihren ersten Gehversuchen einen solchen tragen, auch da ist Wahrscheinlichkeit und Fallhöhe zumindest gleich der, die in dem oben beschriebenen Szenario geschildert wurde.

Nun, seltsamerweise werden diese Schutzmaßnahmen komplett abgelehnt – noch!

Warum habe ich diesen Einstieg gewählt?

Nun, weil Jens Lubbadeh uns in eine Welt entführt, die sich aus der unseren entwickelt hat. Sie liegt gerade mal ein paar Jahrzehnte in der Zukunft. In einer Zukunft, in der es zum guten Ton gehört, sich gegen alle möglichen Risiken abzusichern, in der Zuschläge zur Krankenversicherung kassiert werden, wenn man das nicht tut. In einer Zukunft, in der fast jedes ungeborene Kind einer Genanalyse unterzogen wird. In einer Zukunft, in der die Designer für jede (oder eben nur fast jede) Krankheit, die durch Gene verursacht werden könnte, eine Antwort haben. Schädliche Gene müssen aus dem Genpool ausgemerzt werden. Sie verursachen Krankheiten und schädigen somit die Gesellschaft genauso, wie Rauchen, Alkohol trinken, die Einnahme sonstiger Drogen und eben das ungeschützte Fahrradfahren schon der Allerkleinsten (der Einschub ist von mir, ich gestatte dem Autor gerne, das bei einer zweiten Auflage seines Werkes mit einzubauen). Schadhaft ist jedes Gen, das im Verdacht steht, eine Krankheit auslösen zu können und sei es auch nur die 10%ige Wahrscheinlichkeit an Heuschnupfen zu erkranken. Für Vieles werden die 1-2% Neandertalergene verantwortlich gemacht, die jeder Europäer und Asiate noch heute in sich trägt. Im späteren Verlauf der Handlung treten dann plötzlich neue Volkskrankheiten auf, von denen vermutet wird, dass sie Folge der Genhygiene sein könnten.

Daneben ist die soziale Kontrolle immens. Sich in der Öffentlichkeit ohne Fitnesstracker zu bewegen ist für die Karriere auf gar keinen Fall förderlich. Lubbadeh schildert uns hier eine Gesellschaft, deren Entwicklung wir im Hier und Heute bereits in den Anfängen (s. o.) miterleben können.

Und bevor jetzt eben diese Gesellschaft einen Shitstorm über mich hereinbrechen lässt: Selbstredend ist es vernünftig nicht zu Rauchen und keine anderen Drogen zu konsumieren und es ist auch vernünftig, beim Radfahren einen Helm zu tragen (als Radrennfahrer laufe ich ansonsten Gefahr, mich ernsthaft zu verletzen), aber man sollte doch das Risiko abwägen und dann erst eine Entscheidung treffen und nicht pauschalieren.

Und da sind wir wieder bei Lubbadeh, er zieht hier zu Felde gegen jegliche Art der Pauschalierung, der Verallgemeinerung und zeigt uns anschaulich, welche Strömungen sich da in der Gesellschaft auftun.

Das alles verpackt er in einer Science-Thriller-Umgebung (früher hätte man Science Fiction dazu gesagt).

Der Roman beginnt damit, dass Polizisten eine Leiche zu untersuchen haben, eine Leiche, die Absonderlichkeiten aufweist. Ein Behinderter? So was gibt es noch?! Ja, aber selten, sehr selten, weil eben die Genhygiene eigentlich alles abfedert.

Zweifel schleichen sich ein, als auf seinem Smart(phone) eine Datei entdeckt wird, die zu einem Massengrab im Neandertal führt. Ein Massengrab, in dem sich merkwürdige Knochen befinden. Die hinzugezogenen Experten (einer davon gehörlos, sprich behindert!) bestätigen: Neandertaler. Und das ausgerechnet an dem Fundort, der wohl weltweit zu den am besten archäologisch dokumentierten Stätten gehört. In der Folge stellt sich heraus, dass die Knochen gar nicht so alt sind, wie sie sein sollten. Nicht einmal 100 Jahre ist es her, dass man sie im Boden verscharrte. Die C14 Methode ist ungenau, bei solchen Zeitabschnitten.

Nun geht es Schlag auf Schlag, Spannung kommt auf. Protagonisten verschwinden und werden durch andere ersetzt. Es gibt eine Rückblende in die Urzeit, die uns mit der Frage konfrontiert, warum die Neandertaler, unsere Vettern, denn nun wirklich ausgestorben sind. Hat der Homo Sapiens sie ermordet? Der erste Genozid? Haben unsere Vorfahren sie gar als Eiweißquelle benutzt, sie gegessen?

Nun, in den Protagonisten liegt eine gewisse Schwäche des Romans. Nicht unbedingt in der Charakterisierung, sondern eher darin, dass gut eingeführte Personen (der Kommissar beispielsweise) an Stellen aus dem Spiel genommen werden, an denen es unnötig war, das zu tun. Er hätte einen würdigeren Abgang verdient gehabt.

Was mich ebenfalls gestört hat, war die Darstellung der Antagonisten. Die kamen für mich nicht wirklich glaubhaft rüber. Abgrundtief böse, mit nicht dem Mainstream entsprechenden sexuellen Neigungen, das war für mich zu viel des Guten (ähm, Bösen). Da bevorzuge ich Gegenspieler, deren Motive für mich als Leser nachvollziehbar sind und bleiben (aber deshalb lese ich ja auch keine Horrorromane).

Sei es drum, das Buch ist ein eindrucksvolles Plädoyer für die Vielfalt jeglicher Art begonnen im Kleinsten Baustein, in unseren Genen. Ein Thema, das mir aus dem Herzen spricht.

Und wer wissen will, warum nun die Neandertaler ausgestorben sind, der muss sich bis fast zur letzten Seite gedulden. Auch das eine eindrucksvolle Lösung des Rätsels und wenn man mich fragt, durchaus eine wahrscheinliche.

Lubbadeh hat sich in meiner Wahrnehmung mit diesem Roman sehr gesteigert. Habe ich für seinen Erstling noch drei Sterne vergeben (das war auch nicht schlecht!), vergebe ich hier vier.

Passend zum Roman gibt es auch ein Interview mit dem Autor auf unserer Seite.

Unterhaltung:

Anspruch:

Originalität:

Interview: Jens Lubbadeh

Jens Lubbadeh (Credit: Christina Körte/Random House)

dsf: Hallo Jens. Zuallererst möchte ich mich für deine Bereitschaft bedanken, mir für ein Interview zur Verfügung zu stehen.

Wer ist Jens Lubbadeh? Gibst du uns einen kleinen Überblick über deine Vita? Hast du Kinder?

Lubbadeh: Hallo, ich freue mich auch über das Interview. Ich lebe seit knapp 20 Jahren in Hamburg (trotz des Wetters), bin 44 Jahre alt und arbeite seit vielen Jahren hauptberuflich als Wissenschaftsjournalist. Kinder habe ich noch keine.

dsf: Wählen wir einen etwas ungewöhnlichen Einstieg: Wie hältst du es mit dem Helm beim Radfahren?

Lubbadeh: Ich denke, wir sollten den Lesern kurz diesen Einstieg erklären: „Neanderthal“ spielt in einem zukünftigen Deutschland, das von Gesundheit und Selbstoptimierung besessen ist. Niemand will mehr ein Risiko eingehen, vor allem nicht beim eigenen Nachwuchs. Ungeborene Kinder werden auf Krankheiten gescannt und genetisch optimiert, lebende Kinder überbehütet. Das haben wir ja jetzt schon: Helikoptereltern, die ihre Kinder im SUV bis vor die Schultür fahren, ihnen die Ranzen in die Klasse tragen und ihre Kinder permanent per Smartphone überwachen. Mit dem Fahrradhelm spielst du auf eben genau diese Nullrisiko-Mentalität an. Nun aber zu deiner Frage: Ich weiß, dass es vernünftig wäre, einen zu tragen, vor allem, weil ich viel Rad fahre. Aber ich gestehe: Ich trage keinen Helm. Das hat zwei Gründe: Erstens ist es in Hamburg oft kalt und regnerisch und man kann Helme schlecht mit Mützen kombinieren. Die sind mir schlicht zu kalt. Und zweitens: Fahrradhelme sind hässlich und unpraktisch im Anketten.

dsf: Erzählst du uns etwas über deinen Werdegang? Ich meine, du bist mir in der SF erstmalig aufgefallen, als du deinen Roman “Unsterblich” veröffentlicht hast. Wie bist du zur SF gekommen?

Lubbadeh: Ich bin in Rom geboren – mein Vater war Diplomat und meine Eltern sind daher viel gereist. Aufgewachsen bin ich aber im beschaulichen Städtchen Gießen, in Hessen. Ich habe dann im noch beschaulicheren Tübingen Biologie studiert und bin dann nach Hamburg gezogen, weil ich Journalist werden wollte.

Sci-Fi habe ich schon immer geliebt und viel gelesen und gesehen, das ging schon im Kindesalter los. Sehr zum Verdruss meiner Mutter 😉

dsf: Warum gerade SF? Ich meine, es gibt immense andere Literaturströmungen. Den Mainstream beispielsweise. Was hebt für dich die SF von den anderen Strömungen ab?

Lubbadeh: Ich sehe das etwas anders. Scifi ist nach meinem Empfinden sehr im Mainstream verankert und das ist auch gut so. Das Problem ist nur, dass sie vor allem in Deutschland von den Wächtern der Hochliteratur nicht akzeptiert wird, was ich sehr ärgerlich finde, weil sie so wichtig ist – Qualität und Schrott gibt es in jeder Literaturgattung, da sollte man nicht so tun, als sei das ein gattungsimmanentes Problem. „1984“ ist ein Klassiker der Weltliteratur, ein Schlüsselroman des 20. Jahrhunderts „The Circle“ von Dave Eggers war ein Welterfolg und ist in meinen Augen der wichtigste Scifi-Roman der letzten Zeit, das 1984 unserer Zeit sozusagen. Und Hollywood plündert seit Jahren das opulente Werk von Philip K. Dick für große Produktionen. Mehr Mainstream geht doch nicht.

Warum nicht Scifi? Ich liebe Gedankenexperimente, stelle mir oft Was-wäre-wenn-Fragen, liebe es, fantasievoll über die Zukunft der Welt und der Menschheit nachzudenken.

dsf: Auf Spiegel online ist vor einiger Zeit (Herbst 2017) ein Artikel erschienen, in dem gesagt wird, dass es heutzutage Eskapismus sei, SF nicht zu lesen. Begründet wird das damit, dass dies die einzige Literaturgattung ist, die sich mit den Problemen der Zukunft befasst, bevor sie entstanden sind. Wie siehst du das? Ist es wirklich die Extrapolation oder werden nicht vielmehr häufig unsere Probleme der Jetztzeit lediglich verfremdet dargestellt?

Lubbadeh: Das sehe ich genauso. Indem Science-Fiction mögliche Zukunftsszenarien extrapoliert, schärft sie unseren Blick für die Gegenwart, zwingt uns zum Nachdenken und Diskutieren über den Status Quo und macht uns bewusst, dass wir die Zukunft machen und nicht die Zukunft gemacht wird. Wir haben es in der Hand, wo wir als Gesellschaft hinsteuern und ob wir dorthin steuern wollen.

Manchmal werden Probleme der Jetztzeit tatsächlich in der Scifi verfremdet dargestellt. Das finde ich aber in Ordnung, es kann ja helfen, Berührungsängste und Tabus zu überwinden, insbesondere in unfreieren Gesellschaften kann die Scifi da ein wichtiges Medium sein.

dsf: Wie läuft denn dein Arbeitstag ab? Haben wir uns das so vorzustellen, dass du regelmäßige Stundeneinteilungen am Tag hast? Gönnst du dir ein freies Wochenende?

Lubbadeh: Ich bin freiberuflicher Journalist. Wenn ich kein Buch schreibe, dann recherchiere und schreibe ich Artikel zu Themen aus Wissenschaft, Technik und Medizin für Magazine, Zeitungen und Online-Portale. Das ist auch meine Haupt-Ideenquelle für meine Romane.

Wenn ich ein Buch schreibe, mache ich nichts anderes nebenher. Ich orientiere mich da an der Arbeitsweise von Stephen King und setze mir ein Tagessoll von etwa 1000 bis 2000 Wörtern. Wenn ich das geschafft habe, ist Feierabend. Ich brauche diese Disziplin. Würde ich jeden Tag darauf warten, dass die Muse mich küsst, würde ich Jahre für ein Buch brauchen – und überhaupt immer wieder aus der Konzentration kommen und jede Gelegenheit zur Prokrastination nutzen. Aber natürlich gibt es solche und solche Tage. Manchmal schafft man mehr. Manchmal schafft man weniger. Wichtig ist, dass man gütig ist mit sich.

Ich gönne mir freie Wochenenden, aber es ist tatsächlich schwierig, am Montag wieder in diese Konzentration und in diese Schreibstimmung zu kommen. Ein Plot wird ja immer komplexer, man muss den Überblick behalten über die Handlung, die Figuren, im Kopf behalten, wer gerade wo in seiner Entwicklung steht. Nach einer Auszeit, und sei es nur das Wochenende, muss man sich da jedesmal wieder reinarbeiten und vor allem reinfühlen.

dsf: Wie lange sitzt du durchschnittlich an der Recherche/Planung eines Buches? Und wie viel Zeit benötigst du im Vergleich dazu dann mit dem Niederschreiben?

Lubbadeh: Die Recherchen mache ich meistens schon im Zuge meiner journalistischen Arbeit. Für das Schreiben meiner beiden letzten Bücher habe ich jeweils etwa sechs Monate gebraucht. Aber die Entwicklung des Exposés, des Plots, die Nachbearbeitung, Lektorat, Korrekturen brauchen auch viel Zeit. Vielleicht noch einmal zwei Monate.

dsf: Kannst du dir deine Projekte frei wählen? Oder musst du, wie Verschwörungstheoretiker in der Szene gerne kolportieren, „Auftragsarbeiten“ für den Verlag erledigen?

Lubbadeh: Ja, kann ich. Aber natürlich spreche ich mit meiner Agentin und meinem Lektor über die Ideen und Exposés. Dabei kommen oft noch gute Ideen mit rein.

Aufträge hatte ich noch nicht, weiß aber, dass es das gibt. Ich finde das aber nicht verwerflich. Wenn mich das Thema reizen würde – warum nicht?

dsf: Wie projektierst du deine Romane? Ich meine, es gibt ja so viele verschiedene Herangehensweisen an das Schreiben eines Buches. Manche Autoren machen sich einen ausführlichen Szenenplan, andere fangen einfach an und schreiben drauflos. Wie machst du das?

Lubbadeh: Bei „Unsterblich“ hatte ich mich an Stephen King orientiert, der die Position vertritt, die Geschichte über die Figuren entwickeln zu lassen. Ich hatte anfangs nur einen groben Plan. Dann habe ich aber ziemlich schnell gemerkt, dass das wirklich schwierig ist. Für einen erfahrenen Autoren wie King mag das funktionieren, für einen Neuling ist es schwer, sich ganz ohne Karte in der Wildnis zurechtzufinden. Ich habe dann angefangen, einen Szenenplan zu machen, mir aber trotzdem noch die Flexibilität vorbehalten, jederzeit Änderungen vorzunehmen, falls sich irgendwas nicht stimmig anfühlte. Bei „Neanderthal“ bin ich gleich so vorgegangen, aber noch viel mehr Augenmerk auf die Figuren gelegt. Ich denke, jeder Autor muss herausfinden, was für ihn am besten funktioniert.

dsf: Gibt es wirklich die Verlagsvorgaben, was die Seitenzahlen (Stichwort Ziegelstein) eines Romans angeht oder ist das ein modernes Märchen?

Lubbadeh: Habe ich so nicht erlebt. In der Kalkulation des Umfangs war ich völlig frei.

dsf: Gibt es auch Kurzgeschichten aus deiner Feder?

Lubbadeh: Noch nicht, aber ich würde gerne welche schreiben. Ich habe ständig neue Ideen, bei manchen bin ich aber nicht sicher, ob sie für ein Buch tragen würden – die könnte man in einer Kurzgeschichte ausprobieren.

dsf: Was macht Jens Lubbadeh in seiner Freizeit? Liest er auch andere Autoren? Falls ja, welche? Und in welchem Umfang? Ich meine damit, es gibt Menschen, mich eingeschlossen, die lesen pro Woche mindestens ein Buch, wie sieht das bei dir aus?

Lubbadeh: Ich bin ein sehr neugieriger Mensch, interessiere mich für so ziemlich alles… außer vielleicht Formel 1 und Aktien. Ich reise gerne, liebe Wandern und Radfahren, bin gerne in der Natur, aber ich mag auch die Stadt und entdecke einfach gerne Neues. Klar lese ich viel, ich mag Dave Eggers, Khaled Hosseini, Paul Auster, William Gibson, Stephen King, T.C. Boyle, um spontan mal ein paar zu nennen. Mein Problem ist: Ich muss beruflich sehr viel lesen, Artikel, wissenschaftliche Veröffentlichungen. Daher brauche ich abends oft einfach einen Medienwechsel und lese nicht so viel wie ich eigentlich gerne würde.

dsf: Kommen wir zu deinem neuesten Werk: Neanderthal. Du kennst meine Rezension. Ich habe da als Manko die Charakterisierung deiner Bösewichte genannt. Was hat dich dazu bewogen, z. B. Eva-Marie Mercure so darzustellen?

Lubbadeh: Es freut mich, dass dir das Buch so gut gefallen hat! Ich wollte einen weiblichen Bösewicht, Mercure sollte aber auch menschliche, schwache Seiten haben. Sie ist Epileptikerin, ihre Krankheit versteckt sie, weil sie sich im gesundheitsoptimierten Deutschland keine Blöße geben will. Im Laufe des Buchs entwickelt sie sich, sie wird selbst zum Opfer und wechselt am Ende die Seiten.

dsf: Warum hast du den Kommissar so sang und klanglos aus der Handlung genommen? Ich hätte mir gewünscht mehr über ihn und vor allem seinen Umgang mit der Gesellschaft zu erfahren.

Lubbadeh: Das hat sich einfach so entwickelt. Nach und nach haben sich Max Stiller und Sarah Weiss als die wahren Hauptfiguren herausgeschält.

dsf: Bist du eigentlich schon einmal auf einer Con (Science Fiction Convention) in Erscheinung getreten? Ich habe dich nicht wahrgenommen. Evtl. als unauffälliger Besucher?

Lubbadeh: Nein, ich war nie Teil der Szene und empfinde mich selbst auch nicht als Scifi-Nerd. Wie ich schon sagte, sehe ich die Science-Fiction als wichtigen Teil unserer Kultur und finde, dass sie omnipräsent ist.

dsf: Viele Menschen begegnen mir mit der These: Wenn ich mal viel Zeit habe, so als Rentner, dann schreibe ich auch ein Buch. Ideen habe ich ja genug. Ich entgegne dann immer: Die Zeit ist nicht der Faktor. Andere Menschen haben auch Hobbies, die sie täglich bedienen, die Zeit kann man auch in ein Buchprojekt stecken. Ich muss vielmehr etwas zu erzählen haben. Was würdest du einem angehenden Autor raten, wie sollte er vorgehen?

Lubbadeh: Mich hat Stephen Kings Buch „On Writing“ sehr inspiriert und motiviert. Ich würde jedem angehenden Autor raten, es zu lesen (auch wenn er Kings Romane nicht mag). Sein autobiographisches Buch darüber, wie er schreibt und wie er das Schreiben sieht und empfindet, ist sehr hilfreich und gültig für alle Autoren.

King sagt: “You got to talk the talk and walk the walk”. Irgendwann einmal ein Buch schreiben zu wollen ist das Eine. Es zu tun, das andere. Ein Buch zu schreiben, ist viel Arbeit und erfordert viel Disziplin und Durchhaltevermögen. Vielleicht ist dafür nicht jeder gemacht. Aber tatsächlich sehe ich es auch so, dass man als Autor die Motivation in sich verspüren muss, etwas zu erzählen zu haben. Ein Buch nur aus Selbstzweck zu schreiben, halte ich für reine Egobefriedigung.

dsf: Wie weit ist dein Vorlauf? Wie viele Bücher sind bereits fertig, wenn eines erscheint? Schreibst du an einem weiteren Buch?

Lubbadeh: Ich habe bereits eine konkrete Idee für das dritte Buch. Und eigentlich auch schon Ideen für Buch 4 und 5. Ich habe noch viel vor….

dsf: Kannst/darfst du uns einen Ausblick geben, was wir in naher Zukunft aus deiner Feder zu erwarten haben?

Lubbadeh: Ich finde die Kombination Journalist/Schriftsteller sehr spannend und in beiden Richtungen sehr befruchtend. Als Journalist bin ich am Puls der Gegenwart, der Schriftsteller in mir macht sich Gedanken darüber, wie diese Aktualität sich in die nahe Zukunft übersetzen könnte. Umgekehrt hat das belletristische Schreiben mein journalistisches Schreiben bereichert. Ich schaue mehr auf die Geschichte, auf Dramaturgie und die Personen. Wenn weiterhin alles gut läuft, wird es von mir hoffentlich noch viele weitere Wissenschafts-Scifi-Thriller geben. Aber ich bin offen für alles. Vielleicht habe ich ja mal Lust, einen Horror-Roman zu schreiben? Oder ein Theaterstück? Wer weiß….

dsf: Ich vergleiche das Schreiben eines Buches gerne mit der Zeugung und Geburt eines Kindes. Der Beginn ist wunderschön, zum Ende hin wird es immer beschwerlicher und der Schluss ist häufig Schmerz pur. Dann kommt die plötzliche Erleichterung und der Autor fällt in ein Loch. Kannst du dich in dieser Beschreibung wiederfinden?

Lubbadeh: Ich habe noch kein Kind gezeugt, kann diese Analogie also nicht überprüfen. Ich starte gerne in eine neue Geschichte. Der Schreibprozess selbst hat viele Höhen und Tiefen, jeder Tag ist anders. An jedem Morgen beginnt der Kampf gegen das weiße Blatt Papier, gegen die Angst in einem, die fragt: Oh Gott, was soll ich jetzt tun? Wie geht’s jetzt weiter? Oder gar: Kann ich das überhaupt? An anderen Tagen flutscht es wie von selbst und abends bin ich voller Euphorie und befriedigt, etwas Gutes geschafft zu haben.

Prinzipiell ist der Moment, wenn man das Manuskript zuende geschrieben hat, ein sehr schöner, ich verspüre dann tiefe Befriedigung und Stolz. Also würde ich für mich sagen: Der Anfang ist schön, die Mitte eine Achterbahnfahrt und das Ende fühlt sich wieder gut an. Eigentlich wie das Leben selbst, oder?

dsf: Wie gut bist du in der Szene vernetzt? Ich meine, ist Jens Lubbadeh eher ein Einzelkämpfer oder gibt es da Zusammenkünfte mit anderen Autoren, quasi ein Austausch/Brainstorming?

Lubbadeh: Ich stehe in Kontakt mit anderen Autoren, meine Literaturagentur macht jedes Jahr ein Sommerfest, da lernt man viele Kollegen kennen. Auf der Buchmesse habe ich außerdem andere Autoren vom Heyne-Verlag kennengelernt. Das ist ein sehr nettes Miteinander und der Austausch total fruchtbar. Autoren sind eine nette Spezies, finde ich.

dsf: Gibt es Zeiten, in denen du eine Schreibblockade hast? Ich kenne zum Beispiel Situationen, in denen ich zwar weiß, wie die Geschichte weitergehen soll, ich aber einfach nicht die Worte finde, dies zu schreiben. Nun ist das bei mir unspektakulär, ich kann den Text dann einfach mal Wochen oder Monate liegen lassen. Wie gehst du mit solchen Situationen um?

Lubbadeh: Eine richtige, wochenlange Blockade hatte ich noch nicht. Aber es gibt Tage, wo einfach kaum was rauskommt. Ich zwinge mich dann dennoch zum Schreiben. Was hilft, ist, morgens vor der Arbeit die sogenannten Morgenseiten zu schreiben – einfach wahllos drei Seiten zu füllen, mit irgendwas, mit allem, was einem in den Sinn kommt. Das entleert den Geist von Müll und Banalem und macht die Synapsen warm für den eigentlichen Schreibprozess.

dsf: Könntest du dir auch Projekte mit anderen Autoren vorstellen? Ich stelle mir das schwierig bis unmöglich vor, will ich doch immer meine Ideen umsetzen und nicht die der anderen. In der Szene gibt es aber genügend Beispiele. Angefangen vom Schreiben nach Exposé bis hin zu echten Kooperationen zwischen zwei oder mehr Autoren. Wie siehst du so ein Projekt?

Lubbadeh: Ja, kann ich mir vorstellen. Aber die Chemie muss stimmen und die Herangehensweise und die Schreibstile müssen einigermaßen kompatibel sein. Der Leser sollte nicht das Gefühl haben, dass das Buch stilistisch auseinanderfällt.

dsf: In der Literatur gibt es genügend Beispiele, dass das Alterswerk eines Autors nicht mehr die Qualität hat, die der Autor auf dem Höhepunkt seines Schaffens hatte. Stellvertretend seien hier nur Karl May, Robert Heinlein oder Isaac Asimov erwähnt. Hast du vor einer solchen Entwicklung Angst? Ich hoffe darauf, dass man mich darauf hinweist, wenn es so weit ist. Wie siehst du das?

Lubbadeh: Also, ich habe ja gerade erst als Schriftsteller begonnen. Über sowas kann man sich Gedanken machen, wenn man viele Jahre im Geschäft ist und einiges geschafft hat.

dsf: Wie siehst du überhaupt dein Schaffen? Gibt es da Personen deines Vertrauens, die dir ehrlich ihre Meinung sagen? Oder gibt es da kein Korrektiv?

Lubbadeh: Klar, die gibt es. Freunden und Kollegen gebe ich Sachen zu lesen, schon während des Schreibprozesses. Dennoch haben die einen Bias, weil diese Leute dir persönlich wohlgesonnen sind und sich womöglich mit Kritikpunkten zurückhalten. Am besten wäre es, Fremden vorab das Manuskript zu zeigen. Ich suche noch nach geeigneten Personen.

dsf: Wenn ich einen Text fertiggestellt habe, bin ich in der Sekunde des Abschlusses euphorisch. Endlich geschafft …, und überzeugt davon, etwas absolut geniales verfasst zu haben. In der Sekunde danach kommt dann immer der Absturz, die Selbstzweifel. Ich überlege dann, ob das Werk überhaupt jemals das Licht der Öffentlichkeit erreichen darf, weil ich mir urplötzlich aller Schwächen bewusst werde (ob berechtigt oder nicht sei mal dahingestellt). Kennst du solche Zustände auch und falls ja, wie meisterst du sie?

Lubbadeh:. Im Moment des Abschlusses bin ich auch euphorisch. Für genial halte ich mich nicht, aber in der Regel bin ich sehr stolz auf mein Schaffen. Die Selbstzweifel habe ich natürlich auch, die sind immer wieder da, mal mehr, mal weniger. Ich denke, als Autor muss man das aushalten lernen, das gehört dazu. Und wenn du den Schritt in die Öffentlichkeit machst, muss dir klar sein, dass es immer Leute geben wird, die es nicht mögen werden, was du geschrieben hast. If you can’t stand the heat, get out of the kitchen. Sonst macht man sich nur kaputt.

Mein Vorteil ist: Von meiner journalistischen Arbeit her bin ich Kritik und Öffentlichkeit gewohnt. Aber klar, ein Roman ist nochmal was anderes als ein Artikel, er ist persönlicher, in ihn sind mehr Arbeit und Herzblut geflossen, da ist man verletzlicher.

dsf: Die SF-Literatur scheint sich im Niedergang zu befinden. In anderen Medien (Film, Computerspiel) ist eher das Gegenteil der Fall. Warum ist das deiner Meinung nach so? Ist es überhaupt so?

Lubbadeh: Die SF-Literatur befindet sich nicht im Niedergang. Das Problem, was ich sehe: Ihre Akzeptanz ist in Deutschland leider gering. In den USA ist das anders.

dsf: Es gibt mehrere deutsche SF-Literaturpreise, die in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit ein Schattendasein frönen. Gibt es deiner Meinung nach Möglichkeiten, das zu ändern?

Lubbadeh: Am liebsten hätte ich es, wenn es solche Genre-Preise gar nicht nötig hätte. Es sollte Literaturpreise geben und die sollten nicht nach dem jetzigen Klassensystem nur vermeintlicher Hochliteratur verbehalten sein, sondern jeglicher Literatur.

dsf: In diesem Zusammenhang: Dein aktuelles Buch „Neanderthal“ wird als Thriller und nicht als SF angeboten. Ist es wirklich in der Literatur „verkaufsschädigend“, wenn auf einem Buch das Label SF erscheint? In anderen Medien (Film/Computerspiel) scheint mir das eher ein Gütesiegel zu sein.

Lubbadeh:  Verkaufsschädigend würde ich nicht sagen, ich denke, das ist eher eine Vertriebsentscheidung des Verlags, für welche Leserschichten das Buch passen könnte. „Neanderthal“ ist ein Mix aus Science-Fiction, Thriller, Krimi und richtet sich nicht nur an Science-Fiction-Liebhaber. Das können auch Thriller- und Krimi-Freunde gut lesen, daher steht wohl Thriller drauf.

dsf: Lieber Jens, ich möchte mich an dieser Stelle recht herzlich für das Interview bedanken.

Zu diesem Artikel gibt es einen Diskussionsthread im SF-Netzwerk.

Rezension: “Das Erwachen” von Andreas Brandhorst

Ein hoffnungsloser Romantiker …

… dieser Andreas Brandhorst!
Ein tolles Buch, das er uns hier vorlegt. Das Erwachen einer Maschinenintelligenz, nicht einer KI, einer künstlichen Intelligenz, ist sein Thema. Die alte Theorie von dem erwachenden Bewusstsein einer Maschine, wenn denn nur genügend (analog zum menschlichen Gehirn) Verknüpfungen vorhanden sind. Dies ist zwingende Folge, glaubt man der auch von namhaften Wissenschaftlern vertretenen Theorie.
Das ganze verpackt der Autor in eine spannende Thrillerhandlung. Ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen. Lediglich durch so profane Dinge, wie z. B. meine erzwungenermaßen notwendige Arbeit, musste ich die Lektüre unterbrechen.
Vor einiger Zeit hatte ich die Möglichkeit Andreas Brandhorst persönlich kennenzulernen. Ich habe ihn als bescheidenen und eher schlicht auftretenden Menschen in Erinnerung. Ganz ähnlich tritt hier sein Hauptprotagonist, Axel Krohn, in Erscheinung. Ein Protagonist, dem alles eher widerfährt, als dass er tatsächlich selbst die Handlung bestimmt und lenkt. Eine Art der Darstellung, der Erzählung einer Geschichte, wie ich sie persönlich sehr mag. Hätten wir uns früher kennen gelernt (der Autor und ich) so hätte ich fast vermuten können, das die Namensgebung …, aber so ist es ein netter Zufall.
Die Erzählung kommt daher wie eine Geschichte, die (fast) jedermann passieren könnte. Nun ja, nur fast.
Am Ende zeigt sich der Autor als hoffnungsloser Romantiker. Anders als bei D. F. Jones Colossus (kennt den überhaupt noch jemand?) zeigt er uns am Ende dann doch ein Happy End.
Was mir nach der Lektüre am meisten Angst und Sorge bereitet ist demnach nicht das Erwachen der Maschinenintelligenz, sondern die Vorstufe, in der wir uns befinden. Die zahlreichen KI, die derzeit entwickelt werden. Die die menschliche Arbeitswelt über den Haufen werfen werden, die zu unglaublichen Verwerfungen im Arbeitsmarkt weltweit führen werden. Zu einer noch nie gekannten Arbeitslosigkeit. Die vor allem aber auch zur Kriegsführung eingesetzt werden können, wie uns der Autor anschaulich zeigt. Zu einer Art Krieg in der kein Schuss fällt, keine Atombombe oder chemische/biologische Waffen zum Einsatz kommen und trotzdem alles am Boden liegt.
Das ist leider eine realistische Bedrohung, die nicht wegzudiskutieren ist.
Hut ab, vor der Erzählkunst, das Buch kommt spannend daher und verbirgt zwischen den Zeilen viel aktuelle Gesellschaftskritik. Da spielte sich in meinem Schädel ein großes Kopfkino ab.
Vielen Dank dafür, Andreas!

Unterhaltung:

Anspruch:

Originalität:

Interview: Andreas Brandhorst

Foto Copyright Lutz Weil

Andreas Brandhorst muss man sicher nicht vorstellen. Als einer der wenigen deutschen Autoren, der SF-Romane in großen Verlagen veröffentlicht, hat er in den letzten Jahren zig Preise abgeräumt, zuletzt auch den Kurd-Laßwitz-Preis für den besten Roman des Jahres 2016 (“Omni”). Klare Sache, dass er auch deutsche-science-fiction.de exklusiv Rede und Antwort steht.

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Rezension: “Walpar Tonnraffir und die Ursuppe mit extra Chili” von Uwe Post

Man muss ihn mögen, den Walpar Tonnraffir. Und den Post natürlich auch.
Wie schafft man es, so viel Unfug zwischen zwei Buchdeckel zu pressen? Ich kann das nicht. Da stimmt jeder Satz. In jedem einzelnen Absatz sitzt der Schalk. Manchmal urkomisch, manchmal zwingt es den Leser nur zu einem müden Grinsen. Aber, wie schafft man es 189 Seiten lang solche Satzkonstruktionen von Unfug hinzubekomen?
Hut ab, Uwe. Das hat meines Erachtens nur einer vor dir geschafft, und das war Douglas Adams.

Das Buch wird die Leserschaft spalten, das ist mal sicher. Da wird es auf der einen Seite die Fraktion derer geben, die es, wie ich, in den Himmel oben. Auf der anderen Seite wird es die Fraktion geben, die damit absolut nichts anfangen kann. In der Mitte, das wage ich vorherzusagen, wird sich kaum jemand bewegen.

Ach ja, da ist ja noch was: Die Handlung.
Die ist abstrus.
Unser Held Walpar (benannt nach einer Nebenfigur aus der 30. Staffel von Games of Thrones (oder so ähnlich, ich hab jetzt nicht nachgeschlagen, ob es die 30. war)) trifft einen Außerirdischen. Letzterer soll seine Gene der Ursuppe eines Planeten spenden, damit dort in Millionen von Jahren Leben entstehen kann. Allerdings soll der Spendervorgang so ablaufen, wie in dem Alienfilm Prometheus ganz am Anfang dargestellt. – Nun, der Außerirdische hat was dagegen und Walpar hilft ihm. Mit im Team ist da noch die Ex-Schwiegermutter von Walpar und dann wird alles so verworren, dass ich die Handlung nicht mehr wiedergeben kann. Aber das war auch beim Anhalter so. Und darauf komt es mir in diesem vorliegenden Fall auch gar nicht an.
Hier bekommt jeder sein Fett weg und das stellenweise so subtil, dass man genau hinschauen muss.
Also, Hut ab vor der Leistung!

Unterhaltung:

Anspruch:

Originalität:

Rezension: “Babylon” von Thomas Thiemeyer

Babylon

“Babylon” von Thomas Thiemeyer ist für den diesjährigen Kurd-Laßwitz-Preis in der Kategorie bester Roman nominiert.

Das Buch ist nicht schlecht. Hebt sich deutlich von dem Trash ab, von dem so viel heutzutage produziert wird. Aber es ist leider vorhersehbar, was passiert. Es ist konstruiert, klar, das ist jedes Buch, aber hier ist es überdeutlich. Ich hatte es befürchtet.

Nun, warum habe ich es gelesen? Warum habe ich die drei Vorgängerromane gelesen?

Die Antwort auf die zweite Frage ist einfach: Mir wurde Babylon als überragendes Science Fiction Buch empfohlen. Da es sich um den vierten Teil handelt, habe ich zuerst die ersten drei gelesen. Alle nicht schlecht, aber eben auch nicht überragend. Und nun dies. Der Grund für die Lektüre der ersten drei. So gesehen hat es mich sehr enttäuscht.

Aber bleiben wir fair.

Der Autor beleuchtet einen Krisenherd unserer Zeit: Kleinasien mit allem, was dazu gehört. Dabei versucht er durchaus jede handelnde Figur zu durchleuchten, versucht, dem Leser deren Motive nahezubringen. Das gelingt teilweise recht gut, teilweise bleiben die Figuren eindimensional. Das mag daran liegen, dass es einfach zu viele sind. Klar benötige ich Nebendarsteller in einer Handlung, das war schon in Star Trek so. Wenn ich aber jedem Nebendarsteller das Recht einräume, sehr viel zur Handlung beizutragen, dann benötige ich viel mehr, sehr viel mehr, Platz, als dieser Roman hergibt.

Die Story ist schnell erzählt. Da wird ein Tempel entdeckt, im uralten Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris. Ein Turm, in die Tiefe gebaut und nicht in die Höhe. Ist es der alte Turm zu Babel? Unsere Protagonisten und so manche andere Nebenfigur (z. B. IS Schergen) machen sich auf den Weg, finden nebenbei in Griechenland den uralten Schlüssel, der benötigt wird, um das Portal zu öffnen. Man dringt ein, metzelt sich gegenseitig nieder, bis lediglich eine Handvoll Protagonisten übrig bleiben und dann kommt die Esoterik… zu Hauf!

Ein wesentlicher Kritikpunkt ist das hochbegabte Kind. Einerseits bezweifle ich, dass es Kinder in dieser Ausprägung gibt und ich habe insoweit Erfahrung damit, dass eines meiner Kinder ebenfalls hochbegabt ist. Da fehlt Tiefe, da fehlt die Aggression auf das Leben auf die Welt, da fehlt so viel! Das ist leider nicht realistisch geschildert, das erinnert eher an Wesley Crusher! – Der hat auch nur genervt. Ein wenig ist die Figur sicher der Tatsache geschuldet, dass der Roman jugendliche Leser ansprechen soll, aber mögen die sich mit Wesley Crusher identifizieren?

Und der Science-Fiction-Aspekt?

So gut wie nicht vorhanden. Leider. Ganz am Ende kommt dann kurz ein Außerirdischer vor, so man ihn so nennen mag. Und eine direkte Verbindung zum ersten Band. Das war es dann. Ansonsten ein stinknormaler Thriller mit einem ganzen Haufen Esoterik.

Das Buch ist etwas für Leser, die nicht an Überraschungen während des Lesens interessiert sind, die es sich gemütlich machen möchten und der Handlung folgen, so, wie wenn man auf einer geradlinig gebauten Autobahn stundenlang fährt und am Horizont sieht, was auf einen zukommt.


Außerdem wird der SF-Aspekt dann auch noch von zu viel Fantasy und Esoterik überlagert. – Schade.

 

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