Category: Rezensionen

Rezension: “Land unter” von Dieter Rieken

Erst Klimawandel samt Hitze und Leugnung durch die amtierende Regierung, ansteigender Meeresspiegel – und dann auch noch ein Sprengstoffanschlag auf die norddeutschen Deiche mit verheerenden Folgen: Die Figuren in Dieter Riekens Debutroman leben keinesfalls in einer paradiesischen Zukunft. Sondern in Hausbooten oder oberen Geschossen von Hochhäusern, die auf Norderney (bzw. darüber) so gerade noch aus dem Wasser ragen. Was wie eine Dystopie klingt, wirkt beim Lesen überraschend heimelig. Dabei liegt der Anschlag von 2055 während der Handlung erst fünf Jahre zurück. Man hat sich anscheinend mit der Situation arrangiert.

Rieken nimmt sich viel Zeit, um zahlreiche Figuren einzuführen – alle mit Eigenheiten, Ecken und Kanten. Sechs Hauptfiguren gibt es – die alle ausführlich zu charakterisieren, nimmt einen großen Teil der knapp 250 Buchseiten ein. Nah an den Figuren zu sein, macht diese lebendig, aber dafür mangelt es an Fortgang der Geschichte, an Konflikten, Drama, Spannung.

Ehrlich gesagt: Es ist ein Einerseits-Andererseits-Buch.

Denn einerseits wirken die Figuren durch die ausführliche Einführung authentisch, andererseits kommt dadurch die Handlung nicht so recht in Schwung. Da die Hintergründe des Anschlags frühzeitig erzählt werden, kommt keine »Whodunnit«-Spannung auf.

Einerseits werden viele Themen angesprochen, so auch Fremdenfeindlichkeit, andererseits bleibt es dann oft bei einer Erwähnung in einer Art Episode. Weder sind die Figuren in unmittelbarer Gefahr noch begeben sie sich aktiv in ein Abenteuer – sie schlittern im Grunde zufällig in die Sache rein, und das auch noch durch einen übernatürlichen Effekt im “passenden” Moment.

Die Verwicklungen und das Beziehungsgeflecht, das schließlich in der zweiten Hälfte des Buchs nach und nach enthüllt wird, ist einerseits wirklich erstaunlich, schlau konstruiert und vermag zu überraschen – andererseits bewegt sich die Geschichte dabei oft am Rande der Glaubwürdigkeit oder, je nach individueller Leseerfahrung, jenseits davon.

Insgesamt ist der Roman dank seiner Kürze und Nähe zu Land und Figuren durchaus lesenswert, aber die Geschichte an sich wird sicher nicht jeden Leser gleichermaßen überzeugen oder fesseln.

Unterhaltung:
Anspruch:
Ideenreichtum:

Rezension: “Influence” von Christian Linker

Eines schönen Tages in nicht allzu ferner Zukunft bringt ein Hackerangriff das ganze Internet zum Zusammenbruch – und mittelbar fast weltweit die gesamte davon abhängige Infrastruktur. Das kann kein Zufall sein, sagt sich der Protagonist des Romans “Influence” von Christian Linker, denn er hat gerade in der Hosentasche einen USB-Stick mit Geheiminformationen, den er in Köln an einen anonymen, anarchischen Blogger übergeben soll …

Heutzutage muss die Science Fiction gar nicht weit in die Zukunft schauen, um nach dramatischen Geschichten zu suchen. Viele Was-wäre-wenn-Fragen, die sich heute stellen, sind in der SF unbestellte Äcker. Zumindest für den genannten Fall hat Christian Linker spannende Ideen ausgesät – und, um im Bild zu bleiben, einen lesenswerten Thriller geerntet.

Linker bleibt immer nah an seinen Figuren, nur selten lässt das Tempo nach. Freilich wird nicht jeder Leser alle Reaktionen der deutschen Bevölkerung auf den Internet-Ausfall für wahrscheinlich halten, aber gegen ein bisschen Spekulation und Fiktion gibt es ja nichts einzuwenden. Unter dem Strich wirkt die Handlung jedenfalls schlüssiger als typische Popcorn-Movies made in Hollywood.

Eingebettet in eine spannende Geschichte bietet Linker viel Stoff zum Nachdenken über die Gegenwart, speziell über Influencer und andere Internet-Phänomene. Er gönnt sich auch den einen oder anderen genüsslichen, satirischen Seitenhieb. Der Roman bietet einen ordentlichen Unterhaltungswert – und, das darf ich ohne groß zu spoilern verraten, eine der sonderbarsten Sexszenen, die mir seit geraumer Zeit untergekommen sind.

Einzig vorwerfen möchte man dem Roman das Ende: Das ist nicht nur offen, es ist einfach gar keines – im Grunde hört die Geschichte in der Mitte einfach auf. Womöglich ist die Fortsetzung aber bereits im Entstehen begriffen. Wir halten die Augen danach auf.

Unterhaltung: Anspruch: Originalität:

Rezension: “K.I. – Wer das Schicksal programmiert” von Christian J. Meier

Ein ziemlich erfolgreicher Roman des recht neuen Imprints POLARISE kreuzte neulich unseren Weg. Das ist nicht zuletzt deswegen eine genaue Betrachtung wert, weil laut unbestätigter Gerüchte die bisher noch nicht allzu erfolgreiche Reihe “Heise Welten” demnächst vom Hinstorff-Verlag zu POLARISE wechselt. Schauen wir also mal, woran sich die folgenden Heise-Welten-Romane werden messen lassen müssen.

In “K.I. – Wer das Schicksal programmiert”, das in der nahen Zukunft spielt, geht es im Grunde um eine digitale Assistentin namens Rhea, deren überwältigende Fähigkeiten dem Tech-Konzern Gaia dazu verholfen haben, alle Googles und Facebooks dieser Welt auszubooten. Klar, dass das wirklich grandiose technische Fähigkeiten erfordert – so grandios, dass sie heute wohl jeder KI-Experte mit dem Attribut “fiktiv” versehen würde. Aber “fiktiv” bzw. “fiction” ist ja Teil des Namens unseres Lieblingsgenres, also sollte uns das nicht weiter stören.

Zur Handlung: Im Zentrum der Geschichte steht eine deutsche Ärztin, die überraschenden Todesfällen auf ihrer Krebsstation auf der Spur ist. Dazu muss man wissen, dass Diagnose und Medikation vollständig in den Händen von Gaia liegen, die über die notwendigen medizinischen Daten verfügt, um – so die Hoffnung – mittels ihrer Algorithmen stets jedem Patienten den lebensrettenden Medikamentecocktail zu verabreichen. Dass dabei Leute sterben, die eigentlich gute Überlebenschancen gehabt hätten, weist die Ärztin mittels einer KI namens Laplace nach, deren Schöpfer – ein fähiger Programmierer – ungefähr zur gleichen Zeit unter Mordverdacht gerät.

Das sind die Startkoordinaten für einen Thriller, in dem die Protagonisten ins Visier von Gaia geraten und keinen anderen Weg sehen, als ihrerseits zum Angriff überzugehen. Es entwickelt sich eine rasante Geschichte mit allen typischen Zutaten eines IT-Thrillers. Nebenbei können wir noch die Entwicklungen in China verfolgen, wo das Sozialpunktesystem des “Wegs” das gesamte Leben bestimmt.

Erfreulicherweise ist die Erzählgeschwindigkeit von Anfang an hoch, Langeweile kommt zu keinem Zeitpunkt auf. Sprache und Stil sind in Ordnung. Ein paar Plotholes gibt es, aber die ist heutzutage jeder Konsument von Kinofilmen oder Serien gewohnt. Etwas schwerer dürfte zumindest für anspruchsvolle Leser ins Gewicht fallen, dass keine Figuren mehr Eigenschaften besitzt als für die Handlung unbedingt notwendig.

Auch wenn das Nahzukunfts-Setting es nahelegt: Allzu realistisch sind einige den auftretenden KIs angedichtete Fähigkeiten nicht. Bis man sich beispielsweise mit einer Stimme aus der Cloud so unterhalten kann wie mit einem Menschen, werden noch viel, viel mehr Jahre vergehen. Ganz zu schweigen von kreativen künstlichen Intelligenzen, die eigenständige Ideen entwickeln. Einige Aspekte von Deep Learning und der zugehörigen Datensammelwut von Konzernen aber sollten uns als Leser zu Denken geben: Letztlich überlassen wir die Macht ja immer vertrauensvoll Menschen, die hinter einer Technik stehen, nicht der Technik selbst; und die Menschen sind die, die Technik zum Guten oder Schlechten einsetzen können, was auch immer sie oder wir darunter verstehen.

Mit seinem Debütroman legt Christian J. Meier einen temporeichen KI-Thriller vor, der sich vor angloamerikanischen Vorbildern nicht zu verstecken braucht.

Unterhaltung:

Anspruch:

Originalität:

Rezension: “Hell Fever” von Peter Schattschneider

In der Reihe “Heise Online Welten” ist beim Hinstorff-Verlag der Roman “Hell Fever – Höllische Spiele” von Peter Schattschneider erschienen.

Der Held der Geschichte, im wirklichen Leben ein Gymnasiallehrer, wird in der nahen Zukunft in einen Kriminalfall verwickelt, dem ein Freund von ihm zum Opfer fiel. Dabei fällt ihm ein Helm in die Hände, der den Zugang zu einem verdammt realistisch wirkenden Online-Spiel ermöglicht.

An dem Spiel und dem Helm sind Personen interessiert, die wenig Skrupel kennen. Unser Held muss also gleichzeitig versuchen, den Mord aufzuklären, darf sich nicht von den schlimmen Jungs erwischen lassen und verfällt zudem den Reizen des Computerspiels – und einer Mathe-Nachhilfeschülerin.

Auffällig am Roman sind die zahlreichen wissenschaftlichen Exkurse, auf die der universell gebildete Autor den Leser mitnimmt. Mal geht es um Dantes “Göttliche Komödie”, mal um Philosophie, mal um Quantenphysik. Im Nachwort erfahren wir, dass das größtenteils auf realen Erkenntnissen basiert und nur hier und da etwas dazugesponnen wurde.

Weder das Gaming-Thema noch die Thriller-Elemente (oder die Pointe am Schluss) sind im Genre neu. Auch die vorangestellte “Trigger-Warnung” bezieht sich nicht darauf – sondern auf die für Romane eher seltene Wahl eines pädophilen (oder zumindest juvenophilen) Protagonisten. Wohlgemerkt gibt es keine Pornografie im Buch. Aber als Leser nehmen wir unmittelbar an den Versuchen des Protagonisten teil, seine Neigung zu kontrollieren – und erleben auch, wie das misslingt. Ziemlich schnell kommt die Frage auf, ob denn in einem virtuellen Spiel erlaubt ist, was in der Wirklichkeit aus verdammt guten Gründen strikt verboten ist. Wer sich auf solche Themen nicht einlassen möchte, ist bei diesem Buch definitiv falsch.

Eine Beurteilung ist dementsprechend schwierig. Einerseits ist der Roman flüssig geschrieben, die Handlung ist wendungsreich und spannend, die Figuren stimmig und mit Tiefe versehen. Den philosophischen Abschweifungen kann man mit entsprechender Vorbildung folgen, sie sind aber auch so kurz, dass man sie querlesen kann. Das Virtual-Gaming-Thema ist weder neu noch restlos überzeugend dargeboten. Der Schluss (der hier nicht verraten wird) vermag sicher nicht jeden Leser zu befriedigen. Die Neigung des Protagonisten ist mindestens gewöhnungsbedürftig, seine Handlungsweise dementsprechend oft schwer nachzuvollziehen. Ergo ist der Roman ganz sicher in erster Linie dies: Geschmackssache.

Unterhaltung:

Anspruch:

Originalität:

Das Buch gibt es auf Papier und als E-Book überall, wo es Bücher gibt. Weitere Infos und Leseprobe beim Verlag.

Rezension: “Userland” von Uwe Hermann

Im Jahr 2069 gibt es die SPHÄRE, eine virtuelle Kopie von Berlin, in das man wechseln kann, wenn einem das echte nicht mehr gefällt – allerdings endgültig. Auf diese Weise wird die Ehefrau des Protagonisten Lloyd vor dem ansonsten sicheren Tod gerettet. Er selbst ist im Sicherheitsteam der Firma beschäftigt, die die SPHÄRE betreibt. Als der Sitz des Unternehmens überfallen wird, fällt der Verdacht auf Lloyd, und ihm bleibt nichts anderes übrig, als auf eigene Faust nach den echten Tätern zu suchen.

Nach “Versuchsreihe 13” legt Uwe Hermann einen weiteren Thriller vor, der in einer deutschen Großstadt spielt. Auch im Jahr 2069 ist das heutige Berlin noch gut wiedererkennbar, so dass der Roman eine Portion Lokalkolorit auf der Haben-Seite verbuchen kann.

Die rasante und wendungsreiche Handlung nimmt den Leser mit auf eine Achterbahnfahrt durch das echte und das virtuelle Berlin. Gegen Ende muss man ob der vielen Figuren und gewisser Komplikationen aufpassen, dass man den Faden nicht verliert.

“Userland” ist ein abwechslungsreicher, filmreifer, futuristischer Thriller – nicht mehr und nicht weniger.

Unterhaltung:

Anspruch:

Originalität:

Atlantis Verlag, 240 Seiten, 12,90, auch als E-Book und Hardcover erhältlich

Rezension: “Die letzte Crew des Wandersterns” von Hans-Arthur Marsiske

Wir hatten ja kürzlich über den Start der neuen SF-Buchreihen von c’t, heise online und dem Hinstorff-Verlag berichtet.

Inzwischen liegt der erste Roman aus der Serie “heise online Welten” vor und kommt in den Genuß einer Rezension: “Die letzte Crew des Wandersterns” von Hans-Arthur Marsiske.

Im Mittelpunkt des Romans steht die titelgebende Crew der ISS, die den Auftrag hat, die Raumstation “abzuwickeln”, d.h. letzte Experimente durchzuführen und sie dann kontrolliert zum Absturz zu bringen, weil sich die beteiligten Regierungen nicht mehr auf eine gemeinsame Weiterfinanzierung einigen konnten.

Auch wenn das Ende dann nicht ganz planmäßig kommt (und stark an “Gravity” erinnert), ist somit die Handlung nahezu vollständig zusammengefasst. Tatsächlich handelt es sich um einen Kurzroman von knapp 200 Seiten, der seinen Fokus nicht auf eine klassische Abenteuerhandlung legt. Vielmehr nimmt sich der Autor viel Zeit, seinen Figuren auf der ISS (und auf der Erde) Leben einzuhauchen. In Rückblenden und in Gesprächen auf der Raumstation lässt er die Figuren ausführlich über verschiedene Themen diskutieren, die dem Autor offensichtlich am Herzen liegen. Dabei entpuppt sich der Roman letztlich als Hard SF, also wissenschaftlich weitestgehend korrekte SF, die in der aus der sokratischen Philisophie bekannten Dialogform eine ganze Palette politischer, gesellschaftlicher, ethischer aber auch naturwissenschaftlicher Fragen aufwirft und diskutiert. Dabei geht der Autor erfreulicherweise über Stammtisch- oder Binsenweisheiten weit hinaus und bringt Aspekte auf den Tisch, die den Rezensenten bisweilen dazu brachten, neugierig gewisse Dinge in der Wikipedia nachzuschlagen. Hervorzuheben ist, dass die durchaus spannenden Themen von den fiktiven Figuren nicht ausufernd diskutiert werden, aber auch über reines “Buzzword-dropping” weit hinausgehen. So wird die Erzählung weder langweilig noch zu einem anstrengenden, wissenschaftlichen Vortrag. Der Autor bringt am Ende sogar das Kunststück fertig, die meisten Aspekte der zunächst scheinbar zusammenhanglosen Themenfäden zu bündeln.

Mein Urteil: Ein beachtliches Werk für Leser, die gerne mitdenken – und ein vielversprechender Auftakt einer neuen, anspruchsvollen aber trotzdem gut “verdaulichen” SF-Reihe.

Das Buch ist im Hinstorff-Verlag erschienen und als Paperback sowie E-Book überall erhältlich.

Unterhaltung:
Anspruch:
Originalität:

Rezension: “Die Reinsten” von Thore D. Hansen

Nach einer globalen Katastrophe – Atomkrieg, Seuchen, Klimawandel – haben die überlebenden Menschen die Macht über die Welt an eine gewaltige KI namens Askit abgegeben, die daraufhin über mehrere Generationen hinweg die Reste der alten Zivilisation recycelt und den Menschen in einigen großen, geschützten Refugien Sicherheit und Überleben bietet. Die Elite bilden die “Reinsten”, die dank Cyber-Implantat ständig mit Askit verbunden sind, gescannt und mit Punktzahlen bewertet werden. Die “Reinsten” sind Wissenschaftler, die gemeinsam mit Askit an der Wiederherstellung der Welt arbeiten. Allerdings beantwortet Askit, anders als sein Name suggeriert, keineswegs alle Fragen der Menschen, sondern scheint einen eigenen, undurchschaubaren Plan zu verfolgen. Als eine der Reinsten, Eve, aus “Paradise” (!) und damit dem Einflussbereich von Askit flieht, trifft sie weit weg auf von Askit geduldete Kolonisten, die der postapokalyptischen Welt auf ihre eigene Weise Lebensraum abgerungen haben. Dort werden nach und nach Geheimnisse der Vergangenheit gelüftet, aus denen sich dramatische Zukunftsfragen ergeben.

Der soweit durchaus reizvolle Ansatz hat in der Romanumsetzung leider gleich mehrere Probleme. Das größte davon ist Askit. Die undurchschaubare KI ist nichts anderes als ein gigantischer deus ex machina. Zu keinem Zeitpunkt haben die menschlichen Figuren irgendeine Chance, die genauen Pläne von Askit zu erkennen, Gründe für seine Handlungen nachzuvollziehen oder gar Einfluss auf es (Askit ist sächlichen Geschlechts) zu nehmen. Die “Reinsten”, die an sich Wissenschaftler sein sollen, handeln zumindest nach heutigen Maßstäben nicht wie solche. Sie reden viel und viel aneinander vorbei, sie reisen umher, debattieren über vage Vermutungen, ohne Tiefgang, ohne Erkenntnisgewinn. Erst nach einem Drittel des Romans kommt die Handlung richtig in Gang. Den zu diesem Zeitpunkt “Verstoßenen” (laut Klappentext; in Wirklichkeit läuft Eve aus eigenem Antrieb vor Askit weg) bleibt nichts anderes übrig, als wild über Askits Entstehung, Aufbau und Absichten zu spekulieren. Dabei wird auf plausible Argumentationsketten weitgehend verzichtet, stattdessen wird “vertrau mir bitte” gesagt oder ein ernsthaftes Gesicht aufgesetzt. Wilde Vermutungen werden teils mehrfach wiederholt, überprüfen kann sie niemand, da sich Askit jeglicher Frage nach Belieben entziehen kann (oder sie mit wenig hilfreichem Geschwurbel beantwortet) und anscheinend auch alle Wissensdatenbanken der Welt kontrolliert. Keiner der Wissenschaftler kommt auf die Idee, mal nach Beweisen für seine Vermutungen zu suchen, oder andere Figuren, die irgendwelche Behauptungen aufstellen, nach stichhaltigen Beweisen für ihre Thesen zu fragen. Als dann die zunehmend weinerliche, in Extremsituationen auch mal in Ohnmacht fallende Protagonistin (die eigentlich durch Genmanipulation emotional optimiert sein soll) auch noch anfängt, einen stattlichen, kernigen Kolonisten anzuschmachten, ist der Rezensent geneigt, das Buch in die Ecke zu pfeffern. Zum Glück vermeidet es der Roman so gerade noch, in eine banale Liebesgeschichte abzugleiten.

Auffällig ist, dass die Figuren sehr viel nonverbal kommunizieren, während sie kaum einen längeren Gedankengang nachvollziehbar in Worte fassen können, ohne mittendrin das Thema zu wechseln. Ersatzweise werden Fäuste geballt, tief geseufzt, besorgt gefragt, die Augen aufgerissen, oder Figuren richten sich nach dem vagen Gefühl, ihr Gegenüber verfolge irgendeinen Plan (den sie selbst definitiv nicht haben). Da der größte Teil des Textes aus Dialogen (verbal und nonverbal) besteht, ist es bisweilen schwierig, Beweggründe der Figuren nachzuvollziehen, sich mit ihnen zu identifizieren. Das alles untergräbt nachhaltig die Glaubwürdigkeit der ganzen Weltkonstruktion.

Keinesfalls geht das Buch als Wissenschaftsthriller durch. Für einen Thriller ist es schlicht nicht spannend genug, und wissenschaftlich bleibt es arg oberflächlich. Wenn von Quantencomputern, Viren, Kryptologie oder Hydroponik die Rede ist, dann klingt das eher nach ein paar aus einschlägigen Artikeln zusammengeklaubten Begriffen als nach einem konsistenten, durchdachten Weltentwurf. Als solcher taugt das Buch einfach nicht: Wir bewegen uns fast nur in wenigen recht abgeschlossenen Milieus und erfahren wenig bis nichts über das Sozial- oder Wirtschaftssystem, über Leben oder Schicksal von Durchschnittsmenschen, über Medien oder Kultur, über Farben, Gebräuche, Gerüche, Kleidung, Ernährung. Die restliche Bevölkerung wird wenn überhaupt als diffuse Menschenansammlung beschrieben, die der einen oder anderen Ansprache lauscht. Das vermag kein besonders großes Leseinteresse auszulösen.

Mehr noch: Das Buch enthält so viele Fehler (Tippfehler, falsche Präpositionen, Bezugsfehler, Wortwiederholungen), dass man zwischendurch irritiert nachschaut, ob wirklich “Golkonda” auf dem Cover steht, und man nicht irgendein unterdurchschnittliches Selfpublisher-Werk vor sich hat.

Fraglos sind Klimawandel und ethische Fragen nach Verursachern und geeigneten Auswegen von großer Bedeutung für die SF. Aber diese auf eine so wirre, abgehobene, humorlose Art zu verhandeln wie in diesem Roman, ist wohl kaum der optimale Ansatz.

Unterhaltung:
Anspruch:
Originalität:

Rezension: !Time Machine Ausgabe 2

Nach der ersten Ausgabe des SF-Fan-Magazins “!Time Machine”, die mit wenigen, dafür ausführlich beackerten Themen überzeugen konnte, waren wir natürlich gespannt auf die um den Jahreswechsel herum erschienene zweite Ausgabe.

Ausgabe 2 des erneut sehr ordentlich aufgemachten Magazins bringt im Wesentlichen vier umfangreiche Artikel, denen man den Umfang der Recherche und die Liebhaberei des jeweiligen Autors unbedingt anmerkt.

So berichtet Udo Klotz auf nicht weniger als 18 Seiten (davon 2 Seiten Literaturliste) quasi enzyklopädisch über Romane, die den Mond auf die eine oder andere Weise zum Thema haben. Dabei kommen sowohl Werke aus lange vergessenen Zeiten zu Ehren wie auch neuere Werke. Klotz schafft es, durch einen lockeren Tonfall keine Langeweile aufkommen zu lassen.

Michael-Lother Höfler berichtet auf knapp 10 Seiten über die Serie “Mark Brandis”. Auch wenn die Tatsache, dass die Neuauflage immerhin im gleichen Verlag erschienen ist, ein klein wenig befremden mag, ist ein ausführlicher Bericht über diese prägende und teils auch zeitlose deutsche SF-Serie natürlich mehr als berechtigt.

Nicht weniger als 16 weitere Seiten nimmt eine Betrachtung der Relationen zwischen Religion und SF ein, geschrieben von Hans Frey. Dem Artikel kann man einerseits eine erfrischende, auf den Punkt kommende Religionskritik zugute halten, vorausgesetzt, man ist wie der Autor Atheist. Andererseits könnte man die Betrachtung als einseitig oder zumindest als “stark von persönlichen Standpunkten gefärbt” bezeichnen. Sachlichkeit darf man jedenfalls nur begrenzt erwarten. Da passt es ins Bild, dass der Artikel dem (O-Ton) “bedeutendsten Religionsroman”, nämlich “Valis” von Philip K. Dick, allein knapp drei Seiten gönnt, obwohl (oder weil?) dieses anspruchsvolle Werk für größere Publikumsschichten wohl eher schwer zugänglich ist. Nicht wirklich nachvollziehbar erscheint es dem Leser letztlich, dass der Autor offenbar keinen einzigen SF-Roman, der jünger als das Jahr 1998 ist, für erwähnenswert hält. Ohne einen Nachweis erbringen zu können (oder zu wollen), halte ich es für sehr unwahrscheinlich, dass in den letzten 20 Jahren kein erwähnenswerter SF-Roman mit Bezug zur Religion erschienen ist.

Überhaupt kann man den Machern von !Time Machine ganz sicher nicht vorhalten, sich zu sehr mit der Gegenwart oder jüngeren Zukunft zu beschäftigen. Auch der letzte Artikel (“Science Fiction History” von Hardy Kettlitz) handelt von den Jahren 1918, 1943, 1968 und 1993.

Auch die diesmaligen “SF-Perlen”, also Besprechungen besonders hervorzuhebender, aber wenig bekannter starker Romane, sind schon vor längerer Zeit erschienen. Immerhin wird eine Graphic Novel und ein Spielfilm thematisiert. Das sind aber Ausnahmen. Ansonsten kann man sagen, dass zumindest in dieser Ausgabe die SF der letzten 20 Jahre so gut wie nicht vorkommt.

So bleibt trotz wirklich sehr gut recherchierter und hoch interessanter Inhalte der Eindruck übrig, mit !Time Machine (Unterzeile: “Das Science Fiction Fan-Zine”) ein Magazin von älteren SF-Lesern für ältere SF-Leser vor sich zu haben. Das mag auch so beabsichtigt sein, aber dann darf man sich eben auch nicht darüber wundern, wenn das SF-Fandom “ausstirbt”.

!Time Machine ist für 4,90 im Verlagsshop erhältlich.

Rezension: “Serverland” von Josefine Rieks

In ein paar Jahren wird es ein weltweites Referendum geben, das beschließen wird, das Internet stillzulegen.

Wenige Jahrzehnte später beginnt die Erzählung von Josefine Rieks. Ein junger Mann sammelt alte Laptops auf Schrottplätzen und sucht nach Hinterlassenschaft des digitalen Zeitalters. Er findet zusammen mit anderen jungen Leuten eine stillgelegte Serverfarm von Youtube und stößt auf seltsam faszinierende Videos.

Wer hier auf einen spannenden Thriller hofft, ist an der falschen Adresse. Der Roman ist eine undramatische, bisweilen ermüdende Beobachtung eines Haufens junger Leute eines Zeitalters, das wir uns kaum vorstellen können. Wohlgemerkt handelt es sich nicht um eine postapokalyptische Dystopie wie “Junktown” oder “Noware”. Unabhängig davon, ob ein weltweites Internet-Abschalt-Referendum überhaupt vorstellbar ist: Sich vorzustellen, wie “unvorbelastete” Leute in der Zukunft auf eine Auswahl Youtube-Videos reagieren (von 9/11 über eine Ansprache von Steve Jobs bis Robbie Williams’ berüchtigtes “Rock DJ”), ist ein bemerkenswertes Konzept. So sorgt zum Beispiel der typische menschliche Fehler, sich eher an positive Dinge zu erinnern, negative aber zu verdrängen, dafür, dass mit keinem Wort erwähnt wird, warum es beim Referendum eine Mehrheit für die Abschaltung gab. Kaum ein Wort über Fake News, Wahlmanipulationen, Datenleaks, Sicherheitslöcher. Die zumeist bemerkenswert naiven jungen Leute, die in die Youtube-Serverfarm eindringen, schauen sich die Videos an, unterhalten sich ein bisschen darüber, feiern Partys, trinken dabei jede Menge Bier und rauchen eine Zigarette nach der anderen und fahren dann einkaufen für die nächste Party. Es ist mehr als auffällig, dass der Protagonist meistens auf andere Personen reagiert, indem er einfach weggeht. Letztlich ist das ein Abbild heutiger typischer Internet-Nutzer: Sie schauen sich irgendwelche Videos an, finden sie cool, reden aneinander vorbei und gehen nicht aufeinander ein. Es mangelt an gemeinsamen Zielen, an Empathie, ja sogar an Sex (angesichts des Alters der Figuren vielleicht etwas überraschend).

Betrachtet man den Roman aus der richtigen Perspektive, bietet er eine Menge Denkanstöße. Da er flüssig geschrieben ist und nicht allzu lang, ist er daher durchaus empfehlenswert.

“Serverland” ist bei Hanser erschienen.

Unterhaltung:
Anspruch:
Originalität:

Rezension: “Wie ich Jesus Star Wars zeigte” von Joachim Sohn

Normalerweise sind Zeitreisegeschichten ja nicht mein Ding, schon gar nicht die recht abgegriffene Sorte “Zeitreise zu Jesus”. Aber der Titel verspricht zumindest eine etwas … andere Herangehensweise.

Gleich zu Anfang nordet der Autor den Leser auf das Thema ein: Der Ich-Erzähler diskutiert mit seinem Freund über Unzulänglichkeiten der neueren Star Wars-Filme. Ein beliebtes Thema unter Fans – für andere Leser vielleicht etwas schwierig nachvollziehbar.

Dann beginnt die Zeitreise (übrigens zeitgemäß per App): Die Absicht des Protagonisten ist es, Jesus zum Jediismus zu bekehren, damit das Christentum zu ersetzen und letztlich zu beweisen, dass Religion inhaltlich weitgehend austauschbar ist.

Offensichtlich hat der Autor hier eine gehörige Portion Religionskritik und Humanismus eingearbeitet (deshalb auch der Verlag – Alibri verlegt sonst Werke von Skeptikern wie Deschner oder Schmidt-Salomon). Gerade in den späteren Diskussionen zwischen Protagonist und Jesus kommen hier zahlreiche Aspekte zur Sprache, die man in SF-Romanen eher selten findet.

Gleichzeitig ist der Roman ein flüssig zu lesendes Abenteuer, das in den historischen Szenen durch farbige Inszenierung und saubere Recherche zu gefallen weiß. Neben teils überraschenden Wendungen gibt es durchschaubare Entwicklungen (wie der Schluss oder eine Romanze), die nur wenige Leser vom Stuhl hauen werden.

Die Hauptfigur handelt alles in allem nicht immer besonders durchdacht, wirkt auf mich überheblich und unsympathisch. Dem Stil hätte etwas Augenzwinkern gut getan, denn viele Stellen sind dermaßen unglaubwürdig, dass man sie nicht ernst nehmen kann, aber allzu viel Humor findet man eben auch nicht.

Ärgerlicherweise hat der Verlag beim Korrektorat furchtbar geschlampt, so dass man fast auf jeder Seite einen Fehler findet. Man gelobt allerdings Besserung für die nächste Auflage.

Das Lesen ist sicher keine Zeitverschwendung, denn das Buch schafft es, dem alten Thema “Zeitreise zu Jesus” neue Aspekte abzugewinnen.

Mit 15 Euro für 220 Seiten in recht großer Schrift ist das Taschenbuch nicht ganz billig, ein E-Book ist derzeit nicht erhältlich.

Weitere Infos beim Verlag

Unterhaltung:

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Originalität: