Category: Rezensionen

Rezension: “Salzgras & Lavendel” von Gabriele Behrend

Douglas Hewitt ist in der Verwaltung von Acodis Inc. als “Datenarchäologe” tätig. Kaynee Simmons arbeitet im “Zenith”, einem Traumazentrum außerhalb der Stadt. Douglas ist im Ghetto unter “Wilden” geboren, die sich kein Implantat und “Persönlichkeitsset” leisten können. Nachdem er zur Waise wurde, erhielt er im Heim zumindest ein “Basisset”, das ihm ein sozialverträgliches Verhalten ermöglichen sollte. Kaynee dagegen hat ihr “Socket” gleich nach der Geburt implantiert bekommen und switcht nach Bedarf und Situation zwischen den vielen “Abspaltungen” ihrer künstlich erzeugten multiplen Persönlichkeit hin und her.

Die beiden leben im Zeitalter der “Effizienzdiversität”. Die in der Regel postnatal eingesetzten Implantate haben eine Gesellschaft hervorgebracht, die auf Effizienz getrimmt ist. Die Technik, die aus der Gamer-Szene hervorging, führte nicht nur zu einer Leistungssteigerung jedes Einzelnen, sondern ermöglicht es der großen Mehrheit auch, auf alle nur denkbaren Situation angemessen zu reagieren. So “kommen alle viel besser miteinander aus”, findet Kaynee.

Doch der äußere Schein trügt. Douglas zum Beispiel führt ein einsames und eintöniges Leben. Er wird von Ängsten und Zweifeln geplagt, die ihn bis in seine Träume verfolgen. Und dann begeht er – scheinbar aus heiterem Himmel – einen Mord. Um der Haft zu entgehen, bleibt ihm nur der Ausweg, sich ebenfalls eine multiple Persönlichkeit implantieren zu lassen. Im “Zenith” trifft er auf Kaynee, die seine “Patin” wird – ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, als ihre Hardware Fehler aufweist und sie die Kontrolle über sich verliert.

“Salzgras & Lavendel” spielt an einem unbestimmten Ort in der Zukunft, an dem “alles seinen ruhigen Gang” geht, während die Welt ringsum “an allen Ecken und Enden brennt”. Die Autorin streut nur wenige Hinweise auf klimatische Veränderungen und auf den technischen Fortschritt ein. Sie konzentriert sich auf die Frage, wie eine Gesellschaft aussähe, in der technische “Aufspaltungen” der Persönlichkeit – “neuronale Cluster” genannt – die Regel sind. Indem man Katy, Keira, Kandy, Kassy und Kaynees andere “Splits” in Aktion erlebt, hat man bereits nach wenigen Seiten einen lebhaften Eindruck davon, wie die Menschen im Alltag damit umgehen.

Am Beispiel von Douglas zeigt Gabriele Behrend, dass diese Technik für Menschen mit schweren Traumata ein Segen sein kann. Auf der anderen Seite stellt das Buch kritische Fragen: Was bedeutet es für eine Gesellschaft, wenn eine solche Technik zur Norm wird, sie sich aber nicht jeder leisten kann? Wenn der öffentliche Frieden gefördert wird, aber niemand mehr eingreift, um Verbrechen zu verhindern? Was passiert, wenn die Technik versagt oder Fehler in ihrer Anwendung passieren? Wie würde der Staat reagieren, wenn ein Dogma ins Wanken gerät? Was die multiplen Persönlichkeiten betrifft, läuft der Roman auf die Frage hinaus, ob eine Separation – wie Kaynees “geordnetes Haus” – oder die Fusion der einzelnen Ich-Aspekte die richtige Antwort ist, um ein glückliches Leben zu führen.

Das alles packt die Autorin in eine Geschichte, die weder trocken noch langweilig ist. Dafür sorgen unter anderem die Nebenfiguren: der Techniker Sanders Mayerhoff, der neben seiner Arbeit im “Zenith” geheime Experimente durchführt und eifersüchtig auf Douglas ist; und Claire Paulson, die Leiterin des Traumazentrums, die als Spezialistin für “adulte Diversität” gilt – und die am bittersüßen Ende des Romans auf ganz unerwartete Weise zu Douglas’ Retterin wird.

Hier und da ist der Autorin beim Schreiben die Fantasie durchgegangen. Ein Meeting aller Ich-Aspekte im eigenen Kopf? Und im Kopf einer anderen Person? Das sind großartige Szenen, die noch dazu perfekt in die Dramaturgie passen. Sie erscheinen jedoch übertrieben.

In Stil und Sprache ragt das Buch deutlich aus der Masse der Science-Fiction-Literatur heraus. Die Verwendung des Präsens schafft eine große Nähe zu den Protagonisten. Mit einfachen Mitteln gelingt es der Autorin jederzeit, den Leser durch die vielen Ich-Aspekte der Figuren zu lotsen, so dass man immer genau weiß, mit welchem man es gerade zu tun hat.

Für die zentrale Frage des Buchs – Separation oder Fusion? – findet Gabriele Behrend starke Bilder. Eine eindeutige Antwort sucht man vergebens. Wahrscheinlich, weil es keine gibt.

Unterhaltung:
Anspruch:
Ideenreichtum:

Rezension: “Unter den Sternen von Tha” von Heribert Kurth

Knapp 500.000 Jahre in der Zukunft: Unser Heimatuniversum ist erforscht und besiedelt, außer uns gibt es darin kein intelligentes Leben. Eine rätselhafte fremde Rasse, die aus einem Nachbaruniversum stammen muss, beauftragt den Navigator Ttrebi H*tr damit, die Geschichte der Menschheit zu protokollieren. Um den Auftrag abzuschließen, erhält er das Privileg, ein Jahr auf dem streng geschützten Planeten Tha zu verbringen. Dort gelangt er – unter dem Einfluss der Blüten einer heimischen Pflanze – zu ganz neuen Erkenntnissen über die Zusammenhänge zwischen den Entdeckungen und Erfindungen der menschlichen Rasse und ihren (möglichen) religiösen Voraussetzungen.

Das Debüt von Heribert Kurth lässt sich in keine bekannte Schublade packen. Wer Action oder gar Space Opera erwartet, wird mit Sicherheit maßlos enttäuscht. Das Buch ist ein Protokoll, noch dazu ein Fragment, das nicht weniger als knapp 500 Jahrtausende umfasst. Der Protagonist Ttrebi H*tr nimmt den “geneigten Leser” fest an die Hand und führt ihn durch eine weitgehend chronologische Auflistung der wichtigsten Ereignisse. Das Spektrum reicht von kurzen Einträgen bis zu mehrseitigen Abhandlungen: vom Fund seltener Erden auf dem Mars über die Entdeckung der “Parallelkörper” in der “Terunalzone” bis zum Bau “dunkler Energiekollektoren” und “Sekundärlichtrezeptoren” – wissenschaftliche Erkenntnisse und technische Entwicklungen, die nicht nur überlichtschnelles Reisen ermöglichen, sondern der Menschheit sogar Blicke in die Vergangenheit erlauben.

Ein “Protokoll” ist die denkbar unattraktivste Form, eine spannende Geschichte zu präsentieren. Es ist der blühenden Phantasie des Autors zu verdanken, dass diese “Zukunftsgeschichte der Menschheit” stets unterhaltsam bleibt. Aufgelockert wird sie zudem von Ttrebi H*trs persönlichen, oft philosophischen Reflexionen. Er weiß den Leser auf die Folter zu spannen, indem er wichtige Ereignisse und Erkenntnisse erst später, an passender Stelle berichtet. So wird zum Beispiel nach und nach immer mehr über seine Auftraggeber bekannt. Und es wird eine rote Linie deutlich, nämlich dass alle intelligenten Rassen von der Neugier getrieben immer neue Grenzen überschreiten, um Antworten auf die grundlegenden Fragen zu erhalten: nach dem Ursprung ihrer Schöpfung und dem Sinn ihrer Existenz. (Die Antworten, die das Buch selbst gibt, kann man mögen oder auch nicht.)

Der Stil und die Sprache dieser “Niederschrift” sind so außergewöhnlich wie ihr Thema. Der Leser ist mit opulenten Satzgebilden, einer sehr gewählten Ausdrucksweise und vielen Übertreibungen und Superlativen konfrontiert. Diesen Stil, der ein wenig an längst vergangene Zeiten erinnert, mag nicht jeder als “passend” empfinden. Aber wer weiß schon, wie sich unsere Nachkommen im Jahr 500000 ausdrücken werden.

Unterhaltung:
Anspruch:

Ideenreichtum:

Rezension: “Im nächsten Leben wird alles besser” von Hans Rath

Ein Mann erwacht. Jedoch nicht am folgenden Tag, sondern 25 Jahre später, als alter Mann. Weder kann er sich an seinen Assistenten Gustav erinnern, noch daran, was mit seiner Ehe passiert ist, noch an seine eigenen Handlungen, Gefühle und Gedanken.

Mühsam beginnt er damit, diese ihm fremde Zukunftswelt zu erkunden und seine Erinnerungen wiederzufinden.

Hans Rath schafft hier eine grundsätzlich interessante Ausgangslage, indem er die zukünftige Welt durch die Augen eines Mannes erklärt, für den alles neu und unbekannt ist. Als zweite Ebene arbeitet der Roman mit Rückblenden. Man erfährt viel über das alte Leben des Ich-Erzählers: Seine Freunde, wie er seine Frau kennenlernte und natürlich über ihn, den pessimistischen Schwarzseher.

Die gefällige, schnörkellose Sprache und die geschickte Konstruktion beider Ebenen machen den Roman zu einem gut lesbaren Werk für alle, die wenig oder keine Erfahrung mit SF haben.

Routinierten SF-Fans werden dagegen die meisten Ideen vertraut sein, für sie gibt es wenig Neues zu entdecken. Wer zuvor Hillenbrand oder Suarez gelesen und die Matrix-Filme gesehen hat, langweilt sich schnell, viele Stellen sind dann vorhersehbar, die philosophischen Überlegungen bekannt und der Schluss unbefriedigend.

Dass der Schluss durchaus offen lässt, ob alles so ist, wie es scheint, funktioniert mäßig gut. Vor allem aber ärgert man sich darüber, dass man sich vorher über einige Dinge geärgert hat, die natürlich vom Schluss her betrachtet logisch sind, den Lesegenuss zwischendurch aber sehr schmälern.

Da der Autor selbst Philosoph ist, muss man darüber hinwegsehen, dass Szenen teilweise dafür benutzt werden, Überlegungen zur Zukunft und dem menschlichen Sein zu transportieren. Das wirkt an mehr als einer Stelle eher wie ein Essay denn wie eine Diskussion unter echten Menschen – die Wortgefechte passen etwas zu flüssig ineinander. So wirkt dann auch die Wandlung von Arnold vom dauermeckernden Besserwisser zum tiefenphilosophisch-geläuterten Weltversteher konstruiert, vor allem wichtig, um Botschaften des Autors zu transportieren.

Dafür entschädigen die gut gezeichneten Figuren und deren realistische Biografien. Der Roman ließt sich zügig genug, um ihn nicht abzubrechen.

Wer gerne philosophische Romane liest und wenig Erfahrung mit SF hat, wird gut unterhalten.

Unterhaltung:
Anspruch:
Ideenreichtum:

Rezension: “Land unter” von Dieter Rieken

Erst Klimawandel samt Hitze und Leugnung durch die amtierende Regierung, ansteigender Meeresspiegel – und dann auch noch ein Sprengstoffanschlag auf die norddeutschen Deiche mit verheerenden Folgen: Die Figuren in Dieter Riekens Debutroman leben keinesfalls in einer paradiesischen Zukunft. Sondern in Hausbooten oder oberen Geschossen von Hochhäusern, die auf Norderney (bzw. darüber) so gerade noch aus dem Wasser ragen. Was wie eine Dystopie klingt, wirkt beim Lesen überraschend heimelig. Dabei liegt der Anschlag von 2055 während der Handlung erst fünf Jahre zurück. Man hat sich anscheinend mit der Situation arrangiert.

Rieken nimmt sich viel Zeit, um zahlreiche Figuren einzuführen – alle mit Eigenheiten, Ecken und Kanten. Sechs Hauptfiguren gibt es – die alle ausführlich zu charakterisieren, nimmt einen großen Teil der knapp 250 Buchseiten ein. Nah an den Figuren zu sein, macht diese lebendig, aber dafür mangelt es an Fortgang der Geschichte, an Konflikten, Drama, Spannung.

Ehrlich gesagt: Es ist ein Einerseits-Andererseits-Buch.

Denn einerseits wirken die Figuren durch die ausführliche Einführung authentisch, andererseits kommt dadurch die Handlung nicht so recht in Schwung. Da die Hintergründe des Anschlags frühzeitig erzählt werden, kommt keine »Whodunnit«-Spannung auf.

Einerseits werden viele Themen angesprochen, so auch Fremdenfeindlichkeit, andererseits bleibt es dann oft bei einer Erwähnung in einer Art Episode. Weder sind die Figuren in unmittelbarer Gefahr noch begeben sie sich aktiv in ein Abenteuer – sie schlittern im Grunde zufällig in die Sache rein, und das auch noch durch einen übernatürlichen Effekt im “passenden” Moment.

Die Verwicklungen und das Beziehungsgeflecht, das schließlich in der zweiten Hälfte des Buchs nach und nach enthüllt wird, ist einerseits wirklich erstaunlich, schlau konstruiert und vermag zu überraschen – andererseits bewegt sich die Geschichte dabei oft am Rande der Glaubwürdigkeit oder, je nach individueller Leseerfahrung, jenseits davon.

Insgesamt ist der Roman dank seiner Kürze und Nähe zu Land und Figuren durchaus lesenswert, aber die Geschichte an sich wird sicher nicht jeden Leser gleichermaßen überzeugen oder fesseln.

Unterhaltung:
Anspruch:
Ideenreichtum:

Rezension: “Influence” von Christian Linker

Eines schönen Tages in nicht allzu ferner Zukunft bringt ein Hackerangriff das ganze Internet zum Zusammenbruch – und mittelbar fast weltweit die gesamte davon abhängige Infrastruktur. Das kann kein Zufall sein, sagt sich der Protagonist des Romans “Influence” von Christian Linker, denn er hat gerade in der Hosentasche einen USB-Stick mit Geheiminformationen, den er in Köln an einen anonymen, anarchischen Blogger übergeben soll …

Heutzutage muss die Science Fiction gar nicht weit in die Zukunft schauen, um nach dramatischen Geschichten zu suchen. Viele Was-wäre-wenn-Fragen, die sich heute stellen, sind in der SF unbestellte Äcker. Zumindest für den genannten Fall hat Christian Linker spannende Ideen ausgesät – und, um im Bild zu bleiben, einen lesenswerten Thriller geerntet.

Linker bleibt immer nah an seinen Figuren, nur selten lässt das Tempo nach. Freilich wird nicht jeder Leser alle Reaktionen der deutschen Bevölkerung auf den Internet-Ausfall für wahrscheinlich halten, aber gegen ein bisschen Spekulation und Fiktion gibt es ja nichts einzuwenden. Unter dem Strich wirkt die Handlung jedenfalls schlüssiger als typische Popcorn-Movies made in Hollywood.

Eingebettet in eine spannende Geschichte bietet Linker viel Stoff zum Nachdenken über die Gegenwart, speziell über Influencer und andere Internet-Phänomene. Er gönnt sich auch den einen oder anderen genüsslichen, satirischen Seitenhieb. Der Roman bietet einen ordentlichen Unterhaltungswert – und, das darf ich ohne groß zu spoilern verraten, eine der sonderbarsten Sexszenen, die mir seit geraumer Zeit untergekommen sind.

Einzig vorwerfen möchte man dem Roman das Ende: Das ist nicht nur offen, es ist einfach gar keines – im Grunde hört die Geschichte in der Mitte einfach auf. Womöglich ist die Fortsetzung aber bereits im Entstehen begriffen. Wir halten die Augen danach auf.

Unterhaltung: Anspruch: Originalität:

Rezension: “K.I. – Wer das Schicksal programmiert” von Christian J. Meier

Ein ziemlich erfolgreicher Roman des recht neuen Imprints POLARISE kreuzte neulich unseren Weg. Das ist nicht zuletzt deswegen eine genaue Betrachtung wert, weil laut unbestätigter Gerüchte die bisher noch nicht allzu erfolgreiche Reihe “Heise Welten” demnächst vom Hinstorff-Verlag zu POLARISE wechselt. Schauen wir also mal, woran sich die folgenden Heise-Welten-Romane werden messen lassen müssen.

In “K.I. – Wer das Schicksal programmiert”, das in der nahen Zukunft spielt, geht es im Grunde um eine digitale Assistentin namens Rhea, deren überwältigende Fähigkeiten dem Tech-Konzern Gaia dazu verholfen haben, alle Googles und Facebooks dieser Welt auszubooten. Klar, dass das wirklich grandiose technische Fähigkeiten erfordert – so grandios, dass sie heute wohl jeder KI-Experte mit dem Attribut “fiktiv” versehen würde. Aber “fiktiv” bzw. “fiction” ist ja Teil des Namens unseres Lieblingsgenres, also sollte uns das nicht weiter stören.

Zur Handlung: Im Zentrum der Geschichte steht eine deutsche Ärztin, die überraschenden Todesfällen auf ihrer Krebsstation auf der Spur ist. Dazu muss man wissen, dass Diagnose und Medikation vollständig in den Händen von Gaia liegen, die über die notwendigen medizinischen Daten verfügt, um – so die Hoffnung – mittels ihrer Algorithmen stets jedem Patienten den lebensrettenden Medikamentecocktail zu verabreichen. Dass dabei Leute sterben, die eigentlich gute Überlebenschancen gehabt hätten, weist die Ärztin mittels einer KI namens Laplace nach, deren Schöpfer – ein fähiger Programmierer – ungefähr zur gleichen Zeit unter Mordverdacht gerät.

Das sind die Startkoordinaten für einen Thriller, in dem die Protagonisten ins Visier von Gaia geraten und keinen anderen Weg sehen, als ihrerseits zum Angriff überzugehen. Es entwickelt sich eine rasante Geschichte mit allen typischen Zutaten eines IT-Thrillers. Nebenbei können wir noch die Entwicklungen in China verfolgen, wo das Sozialpunktesystem des “Wegs” das gesamte Leben bestimmt.

Erfreulicherweise ist die Erzählgeschwindigkeit von Anfang an hoch, Langeweile kommt zu keinem Zeitpunkt auf. Sprache und Stil sind in Ordnung. Ein paar Plotholes gibt es, aber die ist heutzutage jeder Konsument von Kinofilmen oder Serien gewohnt. Etwas schwerer dürfte zumindest für anspruchsvolle Leser ins Gewicht fallen, dass keine Figuren mehr Eigenschaften besitzt als für die Handlung unbedingt notwendig.

Auch wenn das Nahzukunfts-Setting es nahelegt: Allzu realistisch sind einige den auftretenden KIs angedichtete Fähigkeiten nicht. Bis man sich beispielsweise mit einer Stimme aus der Cloud so unterhalten kann wie mit einem Menschen, werden noch viel, viel mehr Jahre vergehen. Ganz zu schweigen von kreativen künstlichen Intelligenzen, die eigenständige Ideen entwickeln. Einige Aspekte von Deep Learning und der zugehörigen Datensammelwut von Konzernen aber sollten uns als Leser zu Denken geben: Letztlich überlassen wir die Macht ja immer vertrauensvoll Menschen, die hinter einer Technik stehen, nicht der Technik selbst; und die Menschen sind die, die Technik zum Guten oder Schlechten einsetzen können, was auch immer sie oder wir darunter verstehen.

Mit seinem Debütroman legt Christian J. Meier einen temporeichen KI-Thriller vor, der sich vor angloamerikanischen Vorbildern nicht zu verstecken braucht.

Unterhaltung:

Anspruch:

Originalität:

Rezension: “Hell Fever” von Peter Schattschneider

In der Reihe “Heise Online Welten” ist beim Hinstorff-Verlag der Roman “Hell Fever – Höllische Spiele” von Peter Schattschneider erschienen.

Der Held der Geschichte, im wirklichen Leben ein Gymnasiallehrer, wird in der nahen Zukunft in einen Kriminalfall verwickelt, dem ein Freund von ihm zum Opfer fiel. Dabei fällt ihm ein Helm in die Hände, der den Zugang zu einem verdammt realistisch wirkenden Online-Spiel ermöglicht.

An dem Spiel und dem Helm sind Personen interessiert, die wenig Skrupel kennen. Unser Held muss also gleichzeitig versuchen, den Mord aufzuklären, darf sich nicht von den schlimmen Jungs erwischen lassen und verfällt zudem den Reizen des Computerspiels – und einer Mathe-Nachhilfeschülerin.

Auffällig am Roman sind die zahlreichen wissenschaftlichen Exkurse, auf die der universell gebildete Autor den Leser mitnimmt. Mal geht es um Dantes “Göttliche Komödie”, mal um Philosophie, mal um Quantenphysik. Im Nachwort erfahren wir, dass das größtenteils auf realen Erkenntnissen basiert und nur hier und da etwas dazugesponnen wurde.

Weder das Gaming-Thema noch die Thriller-Elemente (oder die Pointe am Schluss) sind im Genre neu. Auch die vorangestellte “Trigger-Warnung” bezieht sich nicht darauf – sondern auf die für Romane eher seltene Wahl eines pädophilen (oder zumindest juvenophilen) Protagonisten. Wohlgemerkt gibt es keine Pornografie im Buch. Aber als Leser nehmen wir unmittelbar an den Versuchen des Protagonisten teil, seine Neigung zu kontrollieren – und erleben auch, wie das misslingt. Ziemlich schnell kommt die Frage auf, ob denn in einem virtuellen Spiel erlaubt ist, was in der Wirklichkeit aus verdammt guten Gründen strikt verboten ist. Wer sich auf solche Themen nicht einlassen möchte, ist bei diesem Buch definitiv falsch.

Eine Beurteilung ist dementsprechend schwierig. Einerseits ist der Roman flüssig geschrieben, die Handlung ist wendungsreich und spannend, die Figuren stimmig und mit Tiefe versehen. Den philosophischen Abschweifungen kann man mit entsprechender Vorbildung folgen, sie sind aber auch so kurz, dass man sie querlesen kann. Das Virtual-Gaming-Thema ist weder neu noch restlos überzeugend dargeboten. Der Schluss (der hier nicht verraten wird) vermag sicher nicht jeden Leser zu befriedigen. Die Neigung des Protagonisten ist mindestens gewöhnungsbedürftig, seine Handlungsweise dementsprechend oft schwer nachzuvollziehen. Ergo ist der Roman ganz sicher in erster Linie dies: Geschmackssache.

Unterhaltung:

Anspruch:

Originalität:

Das Buch gibt es auf Papier und als E-Book überall, wo es Bücher gibt. Weitere Infos und Leseprobe beim Verlag.

Rezension: “Userland” von Uwe Hermann

Im Jahr 2069 gibt es die SPHÄRE, eine virtuelle Kopie von Berlin, in das man wechseln kann, wenn einem das echte nicht mehr gefällt – allerdings endgültig. Auf diese Weise wird die Ehefrau des Protagonisten Lloyd vor dem ansonsten sicheren Tod gerettet. Er selbst ist im Sicherheitsteam der Firma beschäftigt, die die SPHÄRE betreibt. Als der Sitz des Unternehmens überfallen wird, fällt der Verdacht auf Lloyd, und ihm bleibt nichts anderes übrig, als auf eigene Faust nach den echten Tätern zu suchen.

Nach “Versuchsreihe 13” legt Uwe Hermann einen weiteren Thriller vor, der in einer deutschen Großstadt spielt. Auch im Jahr 2069 ist das heutige Berlin noch gut wiedererkennbar, so dass der Roman eine Portion Lokalkolorit auf der Haben-Seite verbuchen kann.

Die rasante und wendungsreiche Handlung nimmt den Leser mit auf eine Achterbahnfahrt durch das echte und das virtuelle Berlin. Gegen Ende muss man ob der vielen Figuren und gewisser Komplikationen aufpassen, dass man den Faden nicht verliert.

“Userland” ist ein abwechslungsreicher, filmreifer, futuristischer Thriller – nicht mehr und nicht weniger.

Unterhaltung:

Anspruch:

Originalität:

Atlantis Verlag, 240 Seiten, 12,90, auch als E-Book und Hardcover erhältlich

Rezension: “Die letzte Crew des Wandersterns” von Hans-Arthur Marsiske

Wir hatten ja kürzlich über den Start der neuen SF-Buchreihen von c’t, heise online und dem Hinstorff-Verlag berichtet.

Inzwischen liegt der erste Roman aus der Serie “heise online Welten” vor und kommt in den Genuß einer Rezension: “Die letzte Crew des Wandersterns” von Hans-Arthur Marsiske.

Im Mittelpunkt des Romans steht die titelgebende Crew der ISS, die den Auftrag hat, die Raumstation “abzuwickeln”, d.h. letzte Experimente durchzuführen und sie dann kontrolliert zum Absturz zu bringen, weil sich die beteiligten Regierungen nicht mehr auf eine gemeinsame Weiterfinanzierung einigen konnten.

Auch wenn das Ende dann nicht ganz planmäßig kommt (und stark an “Gravity” erinnert), ist somit die Handlung nahezu vollständig zusammengefasst. Tatsächlich handelt es sich um einen Kurzroman von knapp 200 Seiten, der seinen Fokus nicht auf eine klassische Abenteuerhandlung legt. Vielmehr nimmt sich der Autor viel Zeit, seinen Figuren auf der ISS (und auf der Erde) Leben einzuhauchen. In Rückblenden und in Gesprächen auf der Raumstation lässt er die Figuren ausführlich über verschiedene Themen diskutieren, die dem Autor offensichtlich am Herzen liegen. Dabei entpuppt sich der Roman letztlich als Hard SF, also wissenschaftlich weitestgehend korrekte SF, die in der aus der sokratischen Philisophie bekannten Dialogform eine ganze Palette politischer, gesellschaftlicher, ethischer aber auch naturwissenschaftlicher Fragen aufwirft und diskutiert. Dabei geht der Autor erfreulicherweise über Stammtisch- oder Binsenweisheiten weit hinaus und bringt Aspekte auf den Tisch, die den Rezensenten bisweilen dazu brachten, neugierig gewisse Dinge in der Wikipedia nachzuschlagen. Hervorzuheben ist, dass die durchaus spannenden Themen von den fiktiven Figuren nicht ausufernd diskutiert werden, aber auch über reines “Buzzword-dropping” weit hinausgehen. So wird die Erzählung weder langweilig noch zu einem anstrengenden, wissenschaftlichen Vortrag. Der Autor bringt am Ende sogar das Kunststück fertig, die meisten Aspekte der zunächst scheinbar zusammenhanglosen Themenfäden zu bündeln.

Mein Urteil: Ein beachtliches Werk für Leser, die gerne mitdenken – und ein vielversprechender Auftakt einer neuen, anspruchsvollen aber trotzdem gut “verdaulichen” SF-Reihe.

Das Buch ist im Hinstorff-Verlag erschienen und als Paperback sowie E-Book überall erhältlich.

Unterhaltung:
Anspruch:
Originalität:

Rezension: “Die Reinsten” von Thore D. Hansen

Nach einer globalen Katastrophe – Atomkrieg, Seuchen, Klimawandel – haben die überlebenden Menschen die Macht über die Welt an eine gewaltige KI namens Askit abgegeben, die daraufhin über mehrere Generationen hinweg die Reste der alten Zivilisation recycelt und den Menschen in einigen großen, geschützten Refugien Sicherheit und Überleben bietet. Die Elite bilden die “Reinsten”, die dank Cyber-Implantat ständig mit Askit verbunden sind, gescannt und mit Punktzahlen bewertet werden. Die “Reinsten” sind Wissenschaftler, die gemeinsam mit Askit an der Wiederherstellung der Welt arbeiten. Allerdings beantwortet Askit, anders als sein Name suggeriert, keineswegs alle Fragen der Menschen, sondern scheint einen eigenen, undurchschaubaren Plan zu verfolgen. Als eine der Reinsten, Eve, aus “Paradise” (!) und damit dem Einflussbereich von Askit flieht, trifft sie weit weg auf von Askit geduldete Kolonisten, die der postapokalyptischen Welt auf ihre eigene Weise Lebensraum abgerungen haben. Dort werden nach und nach Geheimnisse der Vergangenheit gelüftet, aus denen sich dramatische Zukunftsfragen ergeben.

Der soweit durchaus reizvolle Ansatz hat in der Romanumsetzung leider gleich mehrere Probleme. Das größte davon ist Askit. Die undurchschaubare KI ist nichts anderes als ein gigantischer deus ex machina. Zu keinem Zeitpunkt haben die menschlichen Figuren irgendeine Chance, die genauen Pläne von Askit zu erkennen, Gründe für seine Handlungen nachzuvollziehen oder gar Einfluss auf es (Askit ist sächlichen Geschlechts) zu nehmen. Die “Reinsten”, die an sich Wissenschaftler sein sollen, handeln zumindest nach heutigen Maßstäben nicht wie solche. Sie reden viel und viel aneinander vorbei, sie reisen umher, debattieren über vage Vermutungen, ohne Tiefgang, ohne Erkenntnisgewinn. Erst nach einem Drittel des Romans kommt die Handlung richtig in Gang. Den zu diesem Zeitpunkt “Verstoßenen” (laut Klappentext; in Wirklichkeit läuft Eve aus eigenem Antrieb vor Askit weg) bleibt nichts anderes übrig, als wild über Askits Entstehung, Aufbau und Absichten zu spekulieren. Dabei wird auf plausible Argumentationsketten weitgehend verzichtet, stattdessen wird “vertrau mir bitte” gesagt oder ein ernsthaftes Gesicht aufgesetzt. Wilde Vermutungen werden teils mehrfach wiederholt, überprüfen kann sie niemand, da sich Askit jeglicher Frage nach Belieben entziehen kann (oder sie mit wenig hilfreichem Geschwurbel beantwortet) und anscheinend auch alle Wissensdatenbanken der Welt kontrolliert. Keiner der Wissenschaftler kommt auf die Idee, mal nach Beweisen für seine Vermutungen zu suchen, oder andere Figuren, die irgendwelche Behauptungen aufstellen, nach stichhaltigen Beweisen für ihre Thesen zu fragen. Als dann die zunehmend weinerliche, in Extremsituationen auch mal in Ohnmacht fallende Protagonistin (die eigentlich durch Genmanipulation emotional optimiert sein soll) auch noch anfängt, einen stattlichen, kernigen Kolonisten anzuschmachten, ist der Rezensent geneigt, das Buch in die Ecke zu pfeffern. Zum Glück vermeidet es der Roman so gerade noch, in eine banale Liebesgeschichte abzugleiten.

Auffällig ist, dass die Figuren sehr viel nonverbal kommunizieren, während sie kaum einen längeren Gedankengang nachvollziehbar in Worte fassen können, ohne mittendrin das Thema zu wechseln. Ersatzweise werden Fäuste geballt, tief geseufzt, besorgt gefragt, die Augen aufgerissen, oder Figuren richten sich nach dem vagen Gefühl, ihr Gegenüber verfolge irgendeinen Plan (den sie selbst definitiv nicht haben). Da der größte Teil des Textes aus Dialogen (verbal und nonverbal) besteht, ist es bisweilen schwierig, Beweggründe der Figuren nachzuvollziehen, sich mit ihnen zu identifizieren. Das alles untergräbt nachhaltig die Glaubwürdigkeit der ganzen Weltkonstruktion.

Keinesfalls geht das Buch als Wissenschaftsthriller durch. Für einen Thriller ist es schlicht nicht spannend genug, und wissenschaftlich bleibt es arg oberflächlich. Wenn von Quantencomputern, Viren, Kryptologie oder Hydroponik die Rede ist, dann klingt das eher nach ein paar aus einschlägigen Artikeln zusammengeklaubten Begriffen als nach einem konsistenten, durchdachten Weltentwurf. Als solcher taugt das Buch einfach nicht: Wir bewegen uns fast nur in wenigen recht abgeschlossenen Milieus und erfahren wenig bis nichts über das Sozial- oder Wirtschaftssystem, über Leben oder Schicksal von Durchschnittsmenschen, über Medien oder Kultur, über Farben, Gebräuche, Gerüche, Kleidung, Ernährung. Die restliche Bevölkerung wird wenn überhaupt als diffuse Menschenansammlung beschrieben, die der einen oder anderen Ansprache lauscht. Das vermag kein besonders großes Leseinteresse auszulösen.

Mehr noch: Das Buch enthält so viele Fehler (Tippfehler, falsche Präpositionen, Bezugsfehler, Wortwiederholungen), dass man zwischendurch irritiert nachschaut, ob wirklich “Golkonda” auf dem Cover steht, und man nicht irgendein unterdurchschnittliches Selfpublisher-Werk vor sich hat.

Fraglos sind Klimawandel und ethische Fragen nach Verursachern und geeigneten Auswegen von großer Bedeutung für die SF. Aber diese auf eine so wirre, abgehobene, humorlose Art zu verhandeln wie in diesem Roman, ist wohl kaum der optimale Ansatz.

Unterhaltung:
Anspruch:
Originalität: