Kategorienarchiv: Rezensionen

Rezension: “Serverland” von Josefine Rieks

In ein paar Jahren wird es ein weltweites Referendum geben, das beschließen wird, das Internet stillzulegen.

Wenige Jahrzehnte später beginnt die Erzählung von Josefine Rieks. Ein junger Mann sammelt alte Laptops auf Schrottplätzen und sucht nach Hinterlassenschaft des digitalen Zeitalters. Er findet zusammen mit anderen jungen Leuten eine stillgelegte Serverfarm von Youtube und stößt auf seltsam faszinierende Videos.

Wer hier auf einen spannenden Thriller hofft, ist an der falschen Adresse. Der Roman ist eine undramatische, bisweilen ermüdende Beobachtung eines Haufens junger Leute eines Zeitalters, das wir uns kaum vorstellen können. Wohlgemerkt handelt es sich nicht um eine postapokalyptische Dystopie wie “Junktown” oder “Noware”. Unabhängig davon, ob ein weltweites Internet-Abschalt-Referendum überhaupt vorstellbar ist: Sich vorzustellen, wie “unvorbelastete” Leute in der Zukunft auf eine Auswahl Youtube-Videos reagieren (von 9/11 über eine Ansprache von Steve Jobs bis Robbie Williams’ berüchtigtes “Rock DJ”), ist ein bemerkenswertes Konzept. So sorgt zum Beispiel der typische menschliche Fehler, sich eher an positive Dinge zu erinnern, negative aber zu verdrängen, dafür, dass mit keinem Wort erwähnt wird, warum es beim Referendum eine Mehrheit für die Abschaltung gab. Kaum ein Wort über Fake News, Wahlmanipulationen, Datenleaks, Sicherheitslöcher. Die zumeist bemerkenswert naiven jungen Leute, die in die Youtube-Serverfarm eindringen, schauen sich die Videos an, unterhalten sich ein bisschen darüber, feiern Partys, trinken dabei jede Menge Bier und rauchen eine Zigarette nach der anderen und fahren dann einkaufen für die nächste Party. Es ist mehr als auffällig, dass der Protagonist meistens auf andere Personen reagiert, indem er einfach weggeht. Letztlich ist das ein Abbild heutiger typischer Internet-Nutzer: Sie schauen sich irgendwelche Videos an, finden sie cool, reden aneinander vorbei und gehen nicht aufeinander ein. Es mangelt an gemeinsamen Zielen, an Empathie, ja sogar an Sex (angesichts des Alters der Figuren vielleicht etwas überraschend).

Betrachtet man den Roman aus der richtigen Perspektive, bietet er eine Menge Denkanstöße. Da er flüssig geschrieben ist und nicht allzu lang, ist er daher durchaus empfehlenswert.

“Serverland” ist bei Hanser erschienen.

Unterhaltung:
Anspruch:
Originalität:

Rezension: “Wie ich Jesus Star Wars zeigte” von Joachim Sohn

Normalerweise sind Zeitreisegeschichten ja nicht mein Ding, schon gar nicht die recht abgegriffene Sorte “Zeitreise zu Jesus”. Aber der Titel verspricht zumindest eine etwas … andere Herangehensweise.

Gleich zu Anfang nordet der Autor den Leser auf das Thema ein: Der Ich-Erzähler diskutiert mit seinem Freund über Unzulänglichkeiten der neueren Star Wars-Filme. Ein beliebtes Thema unter Fans – für andere Leser vielleicht etwas schwierig nachvollziehbar.

Dann beginnt die Zeitreise (übrigens zeitgemäß per App): Die Absicht des Protagonisten ist es, Jesus zum Jediismus zu bekehren, damit das Christentum zu ersetzen und letztlich zu beweisen, dass Religion inhaltlich weitgehend austauschbar ist.

Offensichtlich hat der Autor hier eine gehörige Portion Religionskritik und Humanismus eingearbeitet (deshalb auch der Verlag – Alibri verlegt sonst Werke von Skeptikern wie Deschner oder Schmidt-Salomon). Gerade in den späteren Diskussionen zwischen Protagonist und Jesus kommen hier zahlreiche Aspekte zur Sprache, die man in SF-Romanen eher selten findet.

Gleichzeitig ist der Roman ein flüssig zu lesendes Abenteuer, das in den historischen Szenen durch farbige Inszenierung und saubere Recherche zu gefallen weiß. Neben teils überraschenden Wendungen gibt es durchschaubare Entwicklungen (wie der Schluss oder eine Romanze), die nur wenige Leser vom Stuhl hauen werden.

Die Hauptfigur handelt alles in allem nicht immer besonders durchdacht, wirkt auf mich überheblich und unsympathisch. Dem Stil hätte etwas Augenzwinkern gut getan, denn viele Stellen sind dermaßen unglaubwürdig, dass man sie nicht ernst nehmen kann, aber allzu viel Humor findet man eben auch nicht.

Ärgerlicherweise hat der Verlag beim Korrektorat furchtbar geschlampt, so dass man fast auf jeder Seite einen Fehler findet. Man gelobt allerdings Besserung für die nächste Auflage.

Das Lesen ist sicher keine Zeitverschwendung, denn das Buch schafft es, dem alten Thema “Zeitreise zu Jesus” neue Aspekte abzugewinnen.

Mit 15 Euro für 220 Seiten in recht großer Schrift ist das Taschenbuch nicht ganz billig, ein E-Book ist derzeit nicht erhältlich.

Weitere Infos beim Verlag

Unterhaltung:

Anspruch:

Originalität:

Rezension: “NSA” von Andreas Eschbach

Mal ein ganz anderer Eschbach. Gleich vorweg, er gefällt!

Wir befinden uns in einer Parallelwelt, ein typisches Science Fiction Setting, auch wenn es auf dem Roman nicht draufsteht. Eschbach geht auch mit keinem Wort auf eben diese Parallelwelt ein. Für ihn, seine handelnden Protagonisten und den Leser ist es die reale Welt und es gibt keine Möglichkeit, wie etwa bei P.K. Dick, zwischen einzelnen Welten hin und her zu wechseln. Es ist die Welt und damit basta.

Und was für eine Welt.

Wir befinden uns in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Wir erleben die Geschichte (die Historie) aus der Sicht zweier Protagonisten mit. Erfreulich, dass Eschbach nur zwei Handlungsstränge führt, die sich zudem recht schnell kreuzen. In meiner Wahrnehmung leiden viele der neueren Werke anderer Autoren unter der zunehmenden Inflation an handelnden Personen.

Hier haben wir eine fast lineare Schilderung der Geschehnisse und das tut dem Roman sehr gut.

Auf der einen Seite finden wir Helene, eine junge Frau, die dem Beruf der „Programmstrickerin“ nachgeht. Faszinierend, wie Eschbach uns Lesern klarmacht, dass Programmieren Frauenarbeit ist, weil es doch so ähnlich wie Stricken sei und das ist doch seit jeher Frauenarbeit. Für Männer ist diese Art der Arbeit verpönt, sie setzen lieber auf dem fertigen Produkt auf und analysieren dann das Ergebnis. Helene ist die Identitätsfigur des Romans, der Leser fühlt mit ihr mit und kann sich gut in sie hineinversetzen.

Auf der anderen Seite haben wir Eugen Lettke, ein Unsympath, wie er im Buche steht und doch in seinen Handlungsweisen logishc und nachvollziehbar. Er ist nur auf seinen Vorteil bedacht und bedient sich der Macht, die er in Händen hält, regelmäßig um für sich selbst das Beste herauszuholen.

Beide Protagonisten hat es als Angestellte in das NSA, das Nationale Sicherheitsamt, verschlagen. Das NSA, diese Behörde, die noch aus den Zeiten der Republik stammt und nun um das Überleben unter der neuen Regierung kämpfen muss, seine Wirksamkeit unter Beweis stellen muss, um der gefürchteten Zerschlagung zu entgehen.

Nun, diese Wirksamkeit wird eindrücklich dargestellt.

Das NSA hat Zugriff auf alle „Datensilos“ auf deutschem Boden, teilweise ist man auch dazu in der Lage sich in ebensolche Datensammlungen weltweit einzuhacken. Man muss ja lediglich die „Parole“ (herrlich diese Wortschöpfungen!) herausfinden, mit der diese Daten geschützt sind. Ein Kinderspiel für die Mitarbeiter des NSA.

Durch die Datenspuren, die jeder im „Weltnetz“ hinterlässt, durch die gespeicherten Daten der mobilen Telephone, durch die Standortbestimmungen eben dieser, lässt sich letztlich fast alles analysieren. Man muss lediglich die einzelnen Daten aus den unterschiedlichsten Tabellen zusammenführen, schon hat man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit das Ergebnis, nach dem man sucht.

Eschbach zeigt uns in seinem Roman auf, was denn geschehen würde, würde die heutige Technologie von einem totalitären Regime missbraucht und zur Überwachung eingesetzt. Orwell? Orwell ist Kinderkram dagegen!

Eschbach geht sogar so weit, dass er die Möglichkeiten, die mit eben dieser Technologie einhergehen, als viel wichtiger einschätzt, als moderne Waffensysteme. Diese kann man sich schließlich problemlos beschaffen, indem man die Sicherheitssysteme des Gegners hackt.

Wir haben hier ein sehr eindrucksvolles und nachdenklich machendes Werk vor uns, dass uns vor allem auch aufzeigt, wie aussichtslos es ist, sich gegen ein solches System zu wenden, ist man erst einmal in ihm gefangen.

Beide Protagonisten müssen im Laufe der Handlung erkennen, dass sie nur Rädchen im Getriebe sind, müssen mit der Realität leben, dass, auch wenn sie zwischenzeitlich die Technik für ihre eigenen Belange eingesetzt haben, letztendlich nur kapitulieren können – jeder auf seine Art.

Mein Fazit lautet daher: Wir sollten tatsächlich überlegen, ob dieser Roman von Eschbach nicht als Schullektüre empfohlen werden sollte!

Wertung:

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Anspruch:

Originalität:

Rezension: “Die Krone der Sterne” (Teil 1+2) von Kai Meyer

Kai Meyer ist der Science Fiction Gemeinde bislang nur als Fantasy-Schriftsteller, und dort als äußerst erfolgreicher, untergekommen. Nun hat er den zweiten Band seiner Science Fiction Reihe Die Krone der Sterne vorgelegt.

Um es gleich mal vorweg zu sagen: Viele SF-Puristen sprechen den Büchern die Zugehörigkeit zum Genre ab, das ist falsch. Sind wir bereit Star Wars und/oder den Wüstenplaneten zur Science Fiction zu rechnen, dann ist auch die Krone der Sterne pure SF.

Wie komme ich auf Star Wars und den Wüstenplaneten?

Nun, ich unterstelle Kai Meyer, dass er beides gelesen/gesehen hat. Ganz offensichtlich hat er sich hier an Versatzstücken bedient.
Was vor ihm bereits genug andere getan haben, man kann das Rad halt schwer neu erfinden.
Man findet den Jedi und die Bene Gesserit, man findet die Barone und Familien, die die Welt des Wüstenplaneten (und damit meine ich ausschließlich den ersten Teil) so grandios gemacht haben. Man findet eine Droge (Schnupftabak!), die einem der Protagonisten eine gewisse Bewusstseinserweiterung bringt, man findet, nein, kein Laserschwert, aber einen besonderen Blaster … ich könnte noch weiter machen.

Worum geht es?

Nun es gibt ein riesiges Sternenreich. Das hört sich erstmal grandios an, aber es ist tatsächlich nur das Überbleibsel eines viel, sehr viel größeren Reiches. Dieses ursprüngliche Reich ist in einem gewaltigen Krieg untergegangen. Einem Krieg gegen den Maschinenherrscher. Dieser Krieg, obwohl er verdammt lange her ist, so lange, dass man sich seiner eigentlich gar nicht mehr richtig erinnert, wirkt nach. Das jetzige Sternenreich wird beherrscht von einer Welt namens Tiamande, die sich in den Außenbezirken, einem äußeren Spiralarm der Galaxis, befindet. Von dort aus geht ein kegelförmiges Herrschaftsgebiet weiter nach draußen. In der Nähe zu Tiamande befindet sich das Kernreich, weiter draußen die Marken und am weitesten entfernt die äußeren Baronien. Ganz weit draußen ist ein schwarzes Loch mit dem Katarakt, einem Sternenschweif, der vermutlich nach und nach in eben dieses schwarze Loch gezogen wird.

Auf Tiamande herrscht die Gottkaiserin (Wüstenplanet, ick hör dir trapsen!). Wer das ist, wird bis zum Ende des zweiten Bandes nicht so richtig klar. Auf jeden Fall benötigt sie in regelmäßigen Abständen Nachschub in Form einer Prinzessin aus den Marken/Baronien. Denn, da diese so nahe am Katarakt liegen, scheinen in den dort lebenden Menschen gewisse Veränderungen hervorgerufen zu werden, die eben jene Gottkaiserin benötigt. Etwas nebulös, das Ganze.

Unsere Protagonistin, zumindest eine derselben, ist eben eine jener Prinzessinnen, die dafür auserkoren wurde, nach Tiamande überführt zu werden. Da niemand so recht weiß, was dort mit den jungen Frauen geschieht, keiner je eine hat zurückkommen sehen, hat unsere Prinzessin nicht so recht Lust dazu.

Sie wird gegen ihren Willen von ihrer Familie gezwungen. Von einer Leibwache begleitet, wird sie den Hexen, einem Orden der Gottkaiserin, übergeben. Die Leibwache wird sofort gemeuchelt, denn an der besteht ja kein Interesse. Unsere Protagonistin kann fliehen, sie ist sich der Unterstützung des letzten Waffenmeisters sicher. Die Waffenmeister, die ursprünglich an Seite der Hexen gegen den Maschinenherrscher kämpften, die dann aber den Hexen zu mächtig wurden/waren, so dass diese (die Hexen) die Waffenmeister „entsorgten“.

Etwas verworren, aber durchaus spannend geschildert. Man erhält lediglich immer ein paar kleine Versatzstücke der Historie präsentiert, kann sich das oben gesagte aber nach und nach zusammenreimen.

So weit also das Grundsetting. Daran schließt sich eine wilde Verfolgungsjagd an. Immer wieder muss man fliehen, ab und an gerät einer oder mehrere der Protagonisten in Gefangenschaft oder steht kurz davor.

Im zweiten Teil geht es hauptsächlich um das Schicksal des Planeten Noa. Es handelt sich hier um eine Welt, die ausschließlich von Piraten, Räubern und Mördern bewohnt ist. Ein nettes Bild, Kai Meyer macht hier jedoch einen Fehler (der in solchen Schilderungen immer wieder gerne gemacht wird) indem er versäumt aufzuzeigen, wie denn die Wirtschaft auf einem solchen Planeten funktionieren kann. Wo wird denn Nahrung für die dort lebende Bevölkerung produziert? Um nur eine Frage zu stellen, die sich mir aufdrängte. Nur von Raubzügen kann sicherlich eine Schiffscrew leben, niemals jedoch eine ganze Planetenbevölkerung. Egal, es ging dem Autor darum, ein buntes Bild zu schaffen, das ist ihm gelungen. Ich hatte eine Art Tortuga im All vor Augen, als ich es las.

Wir erleben eine Fülle an Emotionen, die Protagonisten scheuen nicht vor Verrat an den eigenen Leuten zurück, sie erwägen eine Allianz mit den immer noch vorhandenen Maschinen einzugehen. Kurz, es ist spannend.
Es kommt allerdings alles etwas plump daher. Kein Tiefgang, ein Buch für mal so eben zwischendurch. Man wird von Kapitel zu Kapitel in Action geworfen. Und dann auch noch mit einem Cliffhanger. Von Anfang an konzipiert, eine Fortsetzung zu erhalten.

Nun, Kai Meyer kann schreiben, das ist offensichtlich. Der Leser wird gefesselt, giert nach der Fortsetzung.

Ich auch?

Erstaunlicherweise ja.

Ich hatte nach der Lektüre des ersten Bandes eigentlich beschlossen, der Serie nicht weiter zu folgen, sah ich doch nicht wirklich einen Handlungsstrang, der danach gierte aufgelöst zu werden.

Nun, dann lag das erste Buch da und es dauerte, bis das zweite auf den Markt kam Anscheinend war es exakt die richtige Zeitspanne, die zwischen den Büchern lag. Ich hatte auf einmal wieder Lust auf das Thema und wurde nicht enttäuscht. Es hat Spaß gemacht, den zweiten Teil zu lesen.

Zum aktuellen Interview mit Kai Meyer

Unterhaltung:

Anspruch:

Originalität:

Rezension: “Die Känguru-Apokryphen” von Marc-Uwe Kling

Marc-Uwe Kling gewann mit dem Roman “Qualityland” dieses Jahr den Deutschen Science Fiction Preis. Grund genug, sich das neueste Werk des Autors anzuschauen, auch wenn die Anekdoten aus seiner Känguru-WG nicht ins SF-Genre fallen, es sei denn, man unterstellt, dass das Känguru ein außerirdischer Besucher ist. Ganz unlogisch ist das nicht, oder gibt es auf der Erde etwa sprechende, kommunistische Kängurus? Eben.

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Rezension: “Shadowrun: Orks weinen nicht” von Jan-Tobias Kitzel

Mit dem zweiten Band der “neuen” Shadowrun-Romanserie legt Pegasus Press ein weiteres Newcomer-Werk vor. Zumindest ist Jan-Tobias Kitzel abgesehen von Kurzgeschichten und Romanen in Szeneverlagen noch nicht groß in Erscheinung getreten. Das, soviel sei vorweg gesagt, tut der Sache aber keinen Abbruch.

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Rezension: NOVA Magazin Ausgabe 25

Seit kurzem ist endlich die 25. Ausgabe von NOVA erhältlich. Auf die Verzögerungen soll hier nicht weiter eingegangen werden, aber da sich das Personalkarussel bei den Herausgebern nunmehr weiter dreht und künftig ein anderer Verlag das Magazin herausbringt, kann man auf Besserung hoffen.

NOVA 25 enthält im Vergleich zur Ausgabe 24 weniger Texte, dafür ist die Schriftart größer. Den Leser erwarten 13 Kurzgeschichten, 12 davon von deutschen Autoren, eine Übersetzung. Hinzu kommen ein Artikel und zwei Nachrufe. Die meisten Storys sind zudem illustriert.

Wie es sich für ein SF-Magazin gehört, decken die Storys ganz verschiedene Subgenres der SF ab, so dass keine Langeweile aufkommt – für jeden Geschmack ist etwas dabei. Im Folgenden besprechen wir nur einige in unseren Augen bemerkenswerte Geschichten.

In Dirk Alts Story “Die totale Obsoleszenz” geht es um die geplante Schließung des letzten Archivs mit historischen Aufzeichnungen der Menschheit. Leider können die verwahrten Datenträger nicht mehr gelesen werden, aber es besteht Hoffnung. Der Autor ist für seine anspruchsvollen, treffsicheren Geschichten bekannt und enttäuscht auch hier nicht.

“Baum Baum Baum” von Heidrun Jähnchen, die zuletzt für längere Zeit keine neuen Texte vorgelegt hatte, ist eine Geschichte um Kommunikationsprobleme mit Aliens und deren planetare Ökologie. Sie enthält (typisch für die Autorin) kreative Ideen (wie die lustige Pluralbildung) und hintergründigen Humor.

In “Intervention” von C.M.Dyrnberg wird eine Art Selbstjustiz auf einer Raumstation vorgestellt. Eine ideenreiche Geschichte, über die man inhaltlich aber durchaus diskutieren könnte.

In “Entkoppelt” führt Markus Hammerschmidt ein Gedankenexperiment durch: Wie fühlt sich jemand, der sich mehr oder weniger freiwillig von der vernetzten Alltagswelt abnabelt. Eine irgendwie schrullige, durchaus liebenswerte Episode.

Das Lachen im Hals stecken bleibt dem Leser in “Selfie mit Alien” von Altmeister Horst Pukallus, mehr sei dazu nicht verraten.

Das Highlight der Ausgabe ist “Enola in Ewigkeit” von Thomas Sieber. Diese Geschichte ist nicht nur sprachlich überaus gelungen, voll von abgründigem Witz und explodiert vor Ideenreichtum, sie ist außerdem gleichzeitig herrlich schräg, unendlich traurig, von epischer Breite, astrophysikalisch nach aktuellem Stand der Forschung korrekt und bietet auch noch viel Stoff zum Nachdenken, zum Beispiel über das erstaunlich “religiöse” Ende. Es würde uns wundern, wenn wir diese Geschichte nicht im nächsten Jahr auf den Nominierungslisten der einschlägigen Preise finden würden.

Naturgemäß kann nicht jede Geschichte ein Volltreffer sein. Warum ein Magazin, das den Begriff “neu” im Titel trägt, eine lahm inszenierte, beliebige Variante einer Zeitreisestory mit Jesus veröffentlicht (“Das Evangelium nach Erasmus” von Hans Lammersen), ist dem Rezensenten unverständlich.

Trotzdem kommt jeder Freund der modernen, durchaus experimentierfreudigen deutschen SF bei NOVA auf seine Kosten.

NOVA 25 gibt es derzeit nur im Verlagsshop.

 

Rezension: Shadowrun – “Iwans Weg” von David Grade

Der Pegasus-Spieleverlag versucht sich am Neustart einer Shadowrun-Rollenspiel-Romanserie – geschrieben von deutschen Autoren. Den Anfang macht mit David Grade ein bisher in der SF-Szene eher unbeschriebenes Blatt – daher sind wir auf das Ergebnis ganz besonders gespannt.

“Iwans Weg” spielt vollständig im Dortmund der “Sechsten Welt” anno 2077/78, also einer düsteren Cyberpunk-Zukunft mit Fantasy-Elementen. Die Titelfigur, alles andere als ein strahlender Held, gerät zwischen die Fronten eines gnadenlosen Kampfes: Letztlich sind es zwei Feenwesen, die ihre Konflikte statt in ihrer eigenen Welt in der Menschenwelt austragen, sich metamenschliche Handlanger suchen, und dabei auf keinerlei Kollateralschäden Rücksicht nehmen.

Der Roman ist hart, dreckig, blutig (aber nicht blutrünstig) und das genaue Gegenteil einer romantischen Zukunftsvision. Aber das ist eben Shadowrun.

Dass es sich um ein Rollenspiel-Universum handelt, fällt – im Gegensatz zu anderen Werken – dem Leser nicht negativ auf. Natürlich verwendet der Roman die üblichen Begriffe und Elemente wie Decks und Komms, Runs und Chummer (es gibt im Anhang ein Glossar und eine kurze Einführung in die Welt). Aber an keiner Stelle hat man das Gefühl, als hätte der Autor wie in einem Rollenspiel das Ergebnis eines Kampfes ausgewürfelt, oder trifft auf Verhältnisse, die nur Eingeweihte nachvollziehen können. Lediglich die kapitelweise wechselnde Figurenperspektive erinnert an ein Rollenspiel, das von mehreren Spielern getragen wird, aber das ist wegen der durchaus unterschiedlichen Handlungsträger sogar von Vorteil. Dabei sind Story und Handlungsweise der Figuren in sich plausibel, was man gar nicht genug betonen kann, wenn man sich anschaut, was für Aneinanderreihungen von Plot-Holes dem SF-Fan üblicherweise etwa in aktuellen SF-Filmen aufgetischt werden.

Es ist deutlich hervorzuheben, dass dieser Roman keinesfalls nur für Fans oder Kenner von Shadowrun zu empfehlen ist. Er geht inhaltlich weit über ein oder zwei Runs – also Abenteuermissionen – hinaus. Der Autor nimmt sich viel Zeit, um seinen Figuren, insbesondere Iwan, Tiefe zu verleihen. Die meisten schleppen üble persönliche Probleme mit sich herum, die durchaus relevant für die Handlung sind. Dabei versteht der Autor, wovon er redet, denn er arbeitet als Therapeut in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie, mit einem Schwerpunkt auf posttraumatischen Belastungsstörungen.

Wer einen temporeichen, dreckigen, coolen Cyberpunk-Roman mit Tiefgang und authentischem Ruhrpott-Lokalkolorit lesen möchte, ist hier genau richtig.

Den 344 Seiten starken Roman gibt es für €12,95 überall, wo es Bücher gibt. Infos beim Verlag.

Natürlich sind wir nach diesem gelungenen Neustart der Shadowrun-Romanserie sehr gespannt auf weitere Bände, die bereits angekündigt sind. Wir werden das Thema in naher Zukunft mit Interviews und weiteren Artikeln im Auge behalten.

Unterhaltung:

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Game-Test: “Surviving Mars”

Habt ihr auch den Eindruck, als wäre der erste bemannte Flug zum Mars das “nächste große Ding” der Menschheit? Seit dem Film “Der Marsianer” wirkt das gar nicht mehr so weit weg. Da wundert es nicht, wenn sich einer der großen Macher von Strategiespielen – Paradox Interactive – auf das Thema stürzt und ein Aufbauspiel herausbringt, das uns in die gar nicht so ferne Zukunft befördert, um den Mars tatsächlich zu besiedeln. Genau darum geht es in “Surviving Mars”. Weiterlesen »

Rezension: “Neanderthal” von Jens Lubbadeh

Diktatur der Fürsorge

Haben Sie Kinder? Wenn ja, dann kennen Sie das: Gehen Sie mit Ihren Kleinen auf den Spielplatz, Fahrrad mit Stützrädern im Gepäck. Lassen Sie die Kleinen dort fahren, aber bitte schön immer mit Helm, die Verletzungsgefahr ist sonst zu groß. Wagen Sie es nicht, den Helm (evtl. auf Bitten oder Quengeln) der Kinder abzusetzen, die soziale Kontrolle funktioniert! Die Eltern der anderen werden über Sie tuscheln oder Sie gar darauf hinweisen, dass es doch gefährlich ist, so ohne …

Nun, meine Kinder fuhren immer ohne Helm, wie auch ich selbst das tue. Die Gefahr (auf dem Kinderspielplatz!!!) ist doch nun wirklich äußerst gering, die Fallhöhe sowieso und die Stützräder tun ihres dazu … Viel sinnvoller wäre es da doch, dass die Erwachsenen unisono beim Spazierengehen, ja sogar in der Wohnung einen Schutzhelm tragen sollten, die Fallhöhe und Wahrscheinlichkeit einer Verletzung ist deutlich höher, als in dem oben beschriebenen Beispiel. Zumindest sollten die Kleinen aber doch bei ihren ersten Gehversuchen einen solchen tragen, auch da ist Wahrscheinlichkeit und Fallhöhe zumindest gleich der, die in dem oben beschriebenen Szenario geschildert wurde.

Nun, seltsamerweise werden diese Schutzmaßnahmen komplett abgelehnt – noch!

Warum habe ich diesen Einstieg gewählt?

Nun, weil Jens Lubbadeh uns in eine Welt entführt, die sich aus der unseren entwickelt hat. Sie liegt gerade mal ein paar Jahrzehnte in der Zukunft. In einer Zukunft, in der es zum guten Ton gehört, sich gegen alle möglichen Risiken abzusichern, in der Zuschläge zur Krankenversicherung kassiert werden, wenn man das nicht tut. In einer Zukunft, in der fast jedes ungeborene Kind einer Genanalyse unterzogen wird. In einer Zukunft, in der die Designer für jede (oder eben nur fast jede) Krankheit, die durch Gene verursacht werden könnte, eine Antwort haben. Schädliche Gene müssen aus dem Genpool ausgemerzt werden. Sie verursachen Krankheiten und schädigen somit die Gesellschaft genauso, wie Rauchen, Alkohol trinken, die Einnahme sonstiger Drogen und eben das ungeschützte Fahrradfahren schon der Allerkleinsten (der Einschub ist von mir, ich gestatte dem Autor gerne, das bei einer zweiten Auflage seines Werkes mit einzubauen). Schadhaft ist jedes Gen, das im Verdacht steht, eine Krankheit auslösen zu können und sei es auch nur die 10%ige Wahrscheinlichkeit an Heuschnupfen zu erkranken. Für Vieles werden die 1-2% Neandertalergene verantwortlich gemacht, die jeder Europäer und Asiate noch heute in sich trägt. Im späteren Verlauf der Handlung treten dann plötzlich neue Volkskrankheiten auf, von denen vermutet wird, dass sie Folge der Genhygiene sein könnten.

Daneben ist die soziale Kontrolle immens. Sich in der Öffentlichkeit ohne Fitnesstracker zu bewegen ist für die Karriere auf gar keinen Fall förderlich. Lubbadeh schildert uns hier eine Gesellschaft, deren Entwicklung wir im Hier und Heute bereits in den Anfängen (s. o.) miterleben können.

Und bevor jetzt eben diese Gesellschaft einen Shitstorm über mich hereinbrechen lässt: Selbstredend ist es vernünftig nicht zu Rauchen und keine anderen Drogen zu konsumieren und es ist auch vernünftig, beim Radfahren einen Helm zu tragen (als Radrennfahrer laufe ich ansonsten Gefahr, mich ernsthaft zu verletzen), aber man sollte doch das Risiko abwägen und dann erst eine Entscheidung treffen und nicht pauschalieren.

Und da sind wir wieder bei Lubbadeh, er zieht hier zu Felde gegen jegliche Art der Pauschalierung, der Verallgemeinerung und zeigt uns anschaulich, welche Strömungen sich da in der Gesellschaft auftun.

Das alles verpackt er in einer Science-Thriller-Umgebung (früher hätte man Science Fiction dazu gesagt).

Der Roman beginnt damit, dass Polizisten eine Leiche zu untersuchen haben, eine Leiche, die Absonderlichkeiten aufweist. Ein Behinderter? So was gibt es noch?! Ja, aber selten, sehr selten, weil eben die Genhygiene eigentlich alles abfedert.

Zweifel schleichen sich ein, als auf seinem Smart(phone) eine Datei entdeckt wird, die zu einem Massengrab im Neandertal führt. Ein Massengrab, in dem sich merkwürdige Knochen befinden. Die hinzugezogenen Experten (einer davon gehörlos, sprich behindert!) bestätigen: Neandertaler. Und das ausgerechnet an dem Fundort, der wohl weltweit zu den am besten archäologisch dokumentierten Stätten gehört. In der Folge stellt sich heraus, dass die Knochen gar nicht so alt sind, wie sie sein sollten. Nicht einmal 100 Jahre ist es her, dass man sie im Boden verscharrte. Die C14 Methode ist ungenau, bei solchen Zeitabschnitten.

Nun geht es Schlag auf Schlag, Spannung kommt auf. Protagonisten verschwinden und werden durch andere ersetzt. Es gibt eine Rückblende in die Urzeit, die uns mit der Frage konfrontiert, warum die Neandertaler, unsere Vettern, denn nun wirklich ausgestorben sind. Hat der Homo Sapiens sie ermordet? Der erste Genozid? Haben unsere Vorfahren sie gar als Eiweißquelle benutzt, sie gegessen?

Nun, in den Protagonisten liegt eine gewisse Schwäche des Romans. Nicht unbedingt in der Charakterisierung, sondern eher darin, dass gut eingeführte Personen (der Kommissar beispielsweise) an Stellen aus dem Spiel genommen werden, an denen es unnötig war, das zu tun. Er hätte einen würdigeren Abgang verdient gehabt.

Was mich ebenfalls gestört hat, war die Darstellung der Antagonisten. Die kamen für mich nicht wirklich glaubhaft rüber. Abgrundtief böse, mit nicht dem Mainstream entsprechenden sexuellen Neigungen, das war für mich zu viel des Guten (ähm, Bösen). Da bevorzuge ich Gegenspieler, deren Motive für mich als Leser nachvollziehbar sind und bleiben (aber deshalb lese ich ja auch keine Horrorromane).

Sei es drum, das Buch ist ein eindrucksvolles Plädoyer für die Vielfalt jeglicher Art begonnen im Kleinsten Baustein, in unseren Genen. Ein Thema, das mir aus dem Herzen spricht.

Und wer wissen will, warum nun die Neandertaler ausgestorben sind, der muss sich bis fast zur letzten Seite gedulden. Auch das eine eindrucksvolle Lösung des Rätsels und wenn man mich fragt, durchaus eine wahrscheinliche.

Lubbadeh hat sich in meiner Wahrnehmung mit diesem Roman sehr gesteigert. Habe ich für seinen Erstling noch drei Sterne vergeben (das war auch nicht schlecht!), vergebe ich hier vier.

Passend zum Roman gibt es auch ein Interview mit dem Autor auf unserer Seite.

Unterhaltung:

Anspruch:

Originalität:

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