«

»

Interview mit Annegret Hänsel

Volly Tanner trifft die Macherin der Ausstellung „Die Erfindung der Zukunft“ Annegret Hänsel: … wie sich utopisches Denken in der Gesellschaft entwickelt hat.

In Leipzig gibt es eine Ausstellung in einem Café, die sich mit der Entwicklung utopischen Denkens auseinandersetzt. Und dazu gibt es Kuchen. Kaffe und Bier. Wer hätte das gedacht? Tanner hakte ein und nach:

Volly Tanner: Guten Tag, Annegret Hänsel. Sie sind nicht nur Chefin im UNIKATUM Kindermuseum zu Leipzig, sondern auch gestaltend im Götz Museumscafé am selben Standort tätig. Hier haben Sie – besonders interessant für unsere Leserschaften – derzeit eine Ausstellung „Die Erfindung der Zukunft” für Kinder und Erwachsene im Angebot. Warum dies denn? Gibt es überhaupt noch ein tiefergehendes Interesse an der Zukunft? Das Heute ist doch schon kompliziert genug.

 

Annegret Hänsel: Oh, ich gehe davon aus, dass jeder Mensch brennend an der eigenen Zukunft interessiert war und ist. Vielleicht nur in der Befürchtung, es möge sich nichts ändern, da es ja prinzipiell auch schlechter werden könnte. Meist ist die Vorstellung von der Zukunft mit Wünschen verbunden, wie das eigene Leben glücklicher und erfüllender sein könnte. Wenn das viele tun und dieses Interesse über ihre Kinder, Freunde und Bekannten multiplizieren, geht es schon um die Zukunft der Gesellschaft. Dieses Interesse ist aber unterschiedlich gerichtet, auf faszinierende Technikträume, auf Fragen von Macht und Gesellschaft, auf unsere Umwelt, unser Überleben in der Welt oder auf Bewusstseinsentwicklung und intensivere zwischenmenschliche Beziehungen. Einmal in kurzen Schlaglichtern zusammenzustellen, wie sich dieses utopische Denken in der Geschichte entwickelt hat, ist das Anliegen der Ausstellung.

 

Volly Tanner: Sie zeigen unter anderem auf, dass Utopien und Dystopien eine lange Tradition haben, dass Menschen die Mittel der SF-Literatur auch nutzten, um zeitgeistbefangene Themen zu erörtern. Wie ist die Resonanz auf Ihre Ausstellung so im Allgemeinen?

 

Annegret Hänsel: Ich glaube, eine solche Ausstellung in einem Café ist etwas Neues. Wir nehmen wahr, dass Besucher erstaunt sind, so etwas vorzufinden und sie sich spielerisch damit befassen. Man „ackert” also nicht das Thema durch, sondern schmökert an irgendeiner Stelle los, trinkt dann einen Kaffee oder ein Bier, leiht sich vielleicht eine unserer „Mystery Boxen“ aus, deren Rätsel mit Blick auf die Ausstellungsthemen zu lösen sind … und schmökert dann weiter.

 

Volly Tanner: Wie und an wen richten Sie sich ganz speziell mit „Die Erfindung der Zukunft”?

 

Annegret Hänsel: An jedermann/-frau, an Jugendliche, an alle Interessierten. Ab welchem Alter sich Kinder dafür interessieren, ist individuell ganz verschieden. Daher haben wir die Ausstellung lieber im Museumscafé untergebracht und sie eintrittsfrei zugänglich gemacht. Im Kindermuseum erwarten die Besucher genauere Alters- bzw. Zielgruppenempfehlungen, um ihren Besuch zu planen.

 

Volly Tanner: Wissensvermittlung, philosophische Ansätze und Bereicherung des Denkens – und dazu Kaffee und Kuchen? Das finde ich gut. Da zeigt sich ja auch die Koexistenz von Technisiertem und Selbstgemachtem auf. Das Aufbrechen des Dogmatischen, Absoluten. Ein Kuchen und ein Lächeln, statt ein erhobener Zeigefinger. Kann dieser Ansatz nicht auch gesamtgesellschaftlich mehr bewirken?

 

Annegret Hänsel: Unbedingt. Mir persönlich wäre es auch lieber, gäbe es in jedem Museum die Möglichkeit, sich mit einem Kaffee mitten hineinzusetzen. So kommt man auch leichter ins Gespräch. Neben dem Kuchen und einem Schmunzeln brauche ich aber auch immer noch etwas, womit die Leute eigene Gedanken beisteuern und wiederum sehen können, wie andere denken. Daher haben wir zwei Votingstationen zu Zukunftsvisionen in der Ausstellung.

 

Volly Tanner: Sie betreiben Ihr Haus ehrenamtlich. Bei all der Arbeit? Wie kommt das?

 

Annegret Hänsel: Ja, ich leite das Kindermuseum ehrenamtlich. Es hatte 2010 als ganz kleines Nebenprojekt begonnen. Ich bin hauptberuflich Ausstellungsmacherin mit einer inzwischen 8-köpfigen Agentur, ich habe z. B. den Bärenburgspielplatz im Zoo Leipzig entworfen. Das Kindermuseum ist dann schnell gewachsen, wir hatten schon 2011 6.500 Besucher, obwohl wir nur 2.000 Flyer gedruckt und sporadisch verteilt hatten. Scheinbar hat es irgendeinen Nerv in der Stadt getroffen. Inzwischen sind wir bei 20.000 Besuchern jährlich und nun stellt sich das Problem, dass es für ein ehrenamtliches Tun einfach zu viel geworden ist.

 

Volly Tanner: Ansätze wie das UNIKATUM oder auch ihre Angebote an Schulen, Kinder und Gruppen müssten doch eigentlich, logischerweise, von der Gesellschaft, die ja gerade an ihrer Arbeit partizipiert, auch finanziell gesichert werden. Was spricht dem denn entgegen? Warum klappt das nicht?

 

Annegret Hänsel: Ich denke, es ist für alle Beteiligten eine Herausforderung, weil so eine Einrichtung wie unsere eigentlich nicht vorgesehen ist. Meines Wissens gibt es kein weiteres Kindermuseum dieser Art in den neuen Bundesländern, außer in Berlin. Daher stiftet es in der Förderlandschaft hier einige Verwirrung. Außerdem hat es ja auch eine lange Zeit irgendwie geklappt, alles noch grade so ehrenamtlich hinzubekommen. Der Gedanke „es wird schon irgendwie weitergehen“ ist daher naheliegend. Doch wenn im Herbst 2019 die jetzigen über Projektfördermittel vergüteten Stellen auslaufen, müsste alles wieder auf Ehrenamt umgestellt werden, das geht dann aber wirklich nicht mehr. Nun sind wir im Gespräch mit der Stadt, welche Perspektiven es für die nötige Weiterentwicklung geben kann.

 

Volly Tanner: Und Sie selber? Lesen Sie SF? Utopien? Dystopien? Philosophien? Erzählen Sie doch mal bitte.

 

Annegret Hänsel: Als Kind habe ich utopische Literatur verschlunge, Stanislaw Lem, George Orwell, Jules Verne,… Im Grund ist Robinson Crusoe ja auch SF-Literatur. Heute finde ich nicht mehr so viel, „Black out” ist ja gewissermaßen eine Dystopie. Toll fand ich „Der Schwarm” von Franz Schätzing. Aber auch außerhalb des Lesens: Ich liebe Zukunftsvisionen einfach, bin ständig Projektrealisierungen auf der Spur, stelle mir Entwicklungen vor.

 

Volly Tanner: Gesellschaftliche Veränderungen brauchen Menschen, die diese vordenken und formulieren. Wie sieht es denn da, Ihrer Meinung nach, derzeit aus? Gibt es positive Visionen. Wie sehen Sie das? Oder ist das Kind schon längst in den Brunnen gefallen, inklusive Berge von Plastikmüll darüber?

 

Annegret Hänsel: Es gibt immer Vordenker, engagierte Köpfe, Mutige, die sich auch auszusprechen trauen, was sie denken. Ein Problem ist allerdings, dass alles immer komplexer zu werden scheint und viele junge Menschen sich erst einmal weniger zutrauen. Das fängt bei Kindern an, wenn sie in Computerspielen in faszinierende digitale Welten eintauchen. Die scheinen schon so perfekt zu sein. Die Vorausssetzung für ein eigenes Mitgestalten der Welt ist ja, ein mögliches Projekt erst einmal zu überschauen, sich heranzuwagen. Wir wollen Kindern Mut machen, sich an der Umsetzung von Ideen, z. B. hier an unseren Ausstellungswelten zu beteiligen, zu merken, wie sie sich Schritt für Schritt als Mitgestalter sehen und selbst etwas umsetzen können, sich eben nicht zu Konsumenten reduzieren lassen.

 

Volly Tanner: Dann wünschen wir Ihnen natürlich immer ein volles Haus. Auch wenn dies noch mehr Arbeit bedeutet. Brauchen Sie vielleicht noch Hilfe? Dann wäre hier die richtige Stelle, um diese anzufragen.

 

Annegret Hänsel: Mitwirkende sind immer gesucht. Und natürlich freuen wir uns über Leute, die uns etwas spenden oder auch einfach Familienjahreskarten kaufen. Doch eine aktivere Mitwirkung wäre noch viel besser. Ich meine damit nicht nur, z. B als Ehrenamtler hier und da vielleicht zu helfen, sondern wir suchen auch noch mehr vor Ideen sprühende Leute, wünschen uns in allen Bereichen noch mehr Gehirnschmalz und bessere Lösungen, möchten z. B. Leute mit eigenen Workshops oder eigenen Projekten gern im Haus im Sinne von Untervermietungen sehen. Für das Museumscafé bedeutet das, das wir es im Sinne eines „Cafesharing” betreiben wollen, es teilen wollen mit Leuten, die ein bestimmtes eigenes Angebot haben. Wir suchen also Unternehmer, die bei uns in Café und Kindermuseum z. B. Sonntagsfrühstück für Familien machen würden. Im Café gibt es schon eine Mitmachküche, da können sich die Besucher selbst Eierkuchen backen. Hier können wir uns noch viel mehr vorstellen. Auch Interessenten für Abendveranstaltungen oder ein regelmäßiges Mittagsangebot im Café wäre toll. Wenn jemand also Di bis Fr immer von 11 bis 14 Uhr vegetarisches Essen anbieten möchte, würde das gut zu uns passen, dafür bräuchte derjenige dann kein eigenes Café rund um die Uhr offen zu halten. Herrlich wäre auch, wenn Pierre dienstags französisch kocht und Maria mittwochs italienisch. Da wäre ich dann selber Gast.

 

Volly Tanner: Danke für die Antworten.

 

 

 

——————–

UNIKATUM Kindermuseum gemeinnützige GmbH

 

Spielerisch die Welt begreifen interaktive Erlebnisausstellungen 

für Kinder und Erwachsene!

 

Aktuelle Ausstellungen: 

Das Königreich der Phantasie (im OG)

Ach du liebe Zeit! (im EG)

Die Erfindung der Zukunft“  (im Museumscafé Goetz)

Liebe Liebe (im EG)

 

Bürozeiten:  Di-Fr 10-15 Uhr

Museumscafé Goetz: Di-So 14-18 Uhr

Museumsöffnungszeiten:  Di-So 14-18 Uhr,

in den Ferien (Sachsen) und an Feiertagen: Di-Fr 10-18 Uhr,

Schließzeiten siehe Website

 

Zschochersche Str. 26, 04229 Leipzig

Aufgang A  (Büro / Postsendungen)

Tel. (0341) 3061986, Fax (0341) 3013866

www.kindermuseum-unikatum.de

 

 

Das UNIKATUM Kindermuseum wird überwiegend ehrenamtlich betrieben. 

Es erhielt  2014 den Familienfreundlichkeitspreis  der Stadt Leipzig 

und  2012/13 von der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen

den alle zwei Jahre verliehenen  Sächsischen Preis 

für Soziokulturelles Engagement.