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Story: “Lorem Ipsum” von Frank Hebben

Frank Hebben, 1975 in Neuss geboren. Neuromancer, Werbetexter, technischer Redakteur. Bekannt für seine oft düsteren, sprachlich geschliffenen Visionen. Er ist womöglich der Letzte, von dem man eine Weihnachtsgeschichte erwartet. Umso mehr freuen wir uns, hier als Dezember-Kurzgeschichte und Erstveröffentlichung sein neues Werk präsentieren zu können. Alles über Frank Hebben findet ihr auf schwarzfall.de.

Nachtrag: Diese Story gibt es auch zum Anhören, gelesen von Alex Bolte.

Hier ist: “Lorem ipsum”

Wenn die Erinnerung am stärksten ist, werden unsere eigenen Körper zu Geistern, die uns mit den Gesten unserer früheren Jahre verfolgen.

Stephen King: Wahn

Wenn wir in Bletchley verfälschte Daten bekommen haben, haben wir sie bis zu einem sauberen Code zurückverfolgt. So findest du den Fehler in dem Muster.

The Bletchley Circle

Willkommen zuhause.

Mercedes-Benz-Werbespot, 1990 (youtube)

Geschwindigkeit ist der Kick, den ich brauche, stärker als jeder Kaffee oder die klitzekleine, blaue Pille unter meiner Zunge: kilometerweit über den Dingen zu schweben, zu sehen, zu spüren, wie sich unter mir die Erde dreht – mit doppelter Schallgeschwindigkeit über die Kontinente zu gleiten für ein Treffen in einem Szenelokal in Berlin, in New York oder Tokyo, am anderen Ende der Welt, mit den alten oder neuen Geschäftsfreunden. Heute nach Johannesburg, zum ersten Mal. Ich verfolge, wie die Wolken vorbeidriften: riesige Bergketten aus Träumen und Schäumen; nippe am Becher; genieße die Reise im Ledersessel mit Massagefunktion, diese Annehmlichkeiten der ersten Klasse, fernab vom Pöbel, der gerade Weihnachtspunsch aus Eimern säuft oder so … Kann endlich entspannen.

Ich heiße Dirk Lindbaum. Bin 29 Jahre. Single. Freier Berater bei Globaltec. Und hungrig auf Erfolg! Ihr dürft mich gerne begleiten, auf geheimer Mission, beim Deal meines Lebens, sage ich zur Videodrohne, die fliegengroß ist, bevor ich, dramatische Pause, den Livestream abschalte …

Ich prüfe die Abozahlen. Heute ist der 24.12.2046: Heilig Abend, obwohl ich nichts davon spüre.

*

Kein Jetlag. Bin endlich im Hotel, nur eine Etage unterm Penthouse. Der Ausblick ist fantastisch! Die Hochhäuser moderner als gedacht; und weit hinten, als wäre dort das Meer, sehe ich Wellblechhütten in der Sonne glitzern: die Slums, für die ich schon eine Safari gebucht habe. Meine Taxifahrt war ein Kulturschock: schrille Musik, und dieser Geruch von fremdem Schweiß, Zigaretten, fremdem Essen.

Es war komisch.

*

Über einen Gastzugang kann ich mich ins Firmennetz einloggen … Im Kopf diese vertraute Computerstimme, dann eine Pixelfrau im Kostüm, die mich begrüßt und zur Online-Lounge begleitet, wo sich mein Avatar auf eine weiße Ledercouch setzt, so gefühlsecht wie ein Kondom, und wartet.

Sie kommt nicht. Verdammt.

Dabei mach ich das alles nur für sie. Für uns.

*

Bin supermüde, und habe Migräne: Mein Implantat drückt wie ein Tumor von innen gegen die Stirn: goldene Drähte und Synapsen, die mein Gehirn auspressen wie eine Orange.

Habe mir vom Hotel einen Benz mieten lassen. Hänge jetzt im Fahrstuhl … Die Türen öffnen sich, und ich laufe über die kostbaren Teppiche wie ein Ölscheich, ein Lächeln hier und da, bis der Pförtner mir behutsam den Schlüssel in die Hand legt. Seht ihr das auch? Sorry für die Lags. Das Network ist unter aller Sau!

*

Willkommen zuhause. Bequeme Ledersitze, die vertraut riechen. Ich stecke den Schlüssel ins Zündschloss, genieße diesen Anachronismus: kein Fingerabdruck, kein Eyescan, nur die ehrliche, echte Schaltung im zweiten, dritten, fünften Gang.

*

Habe mich verfahren; unten, im Schatten, zwischen den Wolkenkratzern, dessen Fassaden die Wolken spiegeln, fühle ich mich wie die Ratte im Glaslabyrinth.

Kurve herum …

Dann ein bewässerter Park; und Leute, echt, da steht ein geschmückter Tannenbaum! Ich kann mein Glück kaum fassen: Da ist der Freiraum, wo ich wieder Verbindung zum Netz kriege, und mein Navi spuckt gleich die Route aus – zum Restaurant.

*

Die Geschäftspartner erwarten mich, zwei Kerle in meinem Alter, dunkelhäutig, aber im Anzug mit Krawatte; sie schwitzen kaum, wobei mir die Suppe vom Gesicht tropft …

Ein Lächeln, ein Hello und How are you?, während wir die Hände schütteln, die ich unterm Tisch an meiner Hose abwische. Wirken zwielichtig. Fühle mich unwohl, recht fehl am Platz, trotz des ausgestopften Elchs an der Wand; und Ölgemälde von Bergen, von Ziegen, und überall Christbaumkugeln – dazu gute, deutsche Küche, obgleich, wie erwartet, nur Weißbier und Brezeln und Würstchen mit Sauerkraut auf der Speisekarte stehen. Lebkuchen als Dessert: Pfefferkuchenhaus! Immerhin, mein Weizen ist eiskalt. Ich lecke den Schaum von den Lippen, schmatze, sage dann:

Kommen wir zum Geschäft.

*

Heimlich von meiner Dohne gefilmt: Wie sie ein Pflaster vor mich hinlegen, waldgrün für Kinder, mit einem Gartenzwerg drauf. Was soll der Scheiß?, frage ich.

Beide deuten auf ihre Stirn, völlig synchron, seltsam; sie sitzen wie Zwillinge, mit brauner, mit bananengelber Krawatte, dass ich sie gerade so auseinanderhalten kann … Gesichtsmimikry? Affen! Sehen doch eh alle gleich aus.

Also gut, grinse ich, trinke aus, knalle das Glas auf den Tisch! Bin gespannt.

*

Es ist ein schmutziger Hack, der mein Implantat durchflutet: Ich sitze online im Büro, das zwischen Loft in Köln und Münchner Finanzamt wechselt: noch Backsteinwände, noch Klangwelten im Hintergrund, ein Morgenlicht scheint durch deckenhohe Fenster – wieder graues Resopal und ein Geruch von Turnhallenschweiß und Kaffee; aber darauf kommt es nicht an:

Ich tippe meinen Text auf der Schreibmaschine, dann auf dem Keyboard, auf einer Lichttastatur – oder denke die Worte nur: Lorem ipsum dolor sit amet … Bin ich wach oder träume ich? Macht es einen Unterschied?

*

Sie rütteln mich am Arm, sagen: Hello. You’re okay?

Bin tatsächlich eingeschlafen, Delta-Wellen oder so. Keine Ahnung.

Ich lächle. This was … interessant.

Dann vibriert mein Pad, das ich hektisch aus der Hosentasche ziehe: Neue Nachricht, öffne sie – und da steht, Wort für Wort, der Text, den ich eben gedacht und eingetippt habe: Lorem ipsum dolor …

Oh. Mein. Gott!

*

Stehe im Klo vorm Spiegel. Aus versteckten Boxen jodelt: Süßer die Glocken nie klingen. Die Videodrohne umschwirrt mich, eine echt ultrakrasse Filmsequenz: erst Facettenaugen, dann Fisheye. Ich fixiere meine Augen. Wisst ihr eigentlich, was das bedeutet? Arbeiten im Schlaf, Leute! Das wird die Welt verändern …

Ich werde Geschichte schreiben.

*

High von der Situation, von den Chancen, gehe ich zurück zum Tisch wie ein Model auf dem Laufsteg: mein breites Grinsen im Gesicht … Doch sie sind weg, haben nur ihre Visitenkarte mit dem Hashtag dagelassen:

#loremipsum

Schräg.

Ich trinke mein Weizen leer; zahle die Rechnung, superbillige Spesen. Dann am Mietwagen, der schon mit rotem Dreck verklebt ist – so laut alles, so grell!

Ich schließe auf, steige erschöpft ins Cockpit: Ruhe. Ist der Deal jetzt abgeschlossen? Soll ich den Vertrag schicken? Als plötzlich meine Hand verkrampft, ein Zucken am Augenlid, dann bin ich völlig gelähmt: Vor mir, wie Schatten auf der Leinwand, sehe ich die ganzen Schwarzen; zu Fuß, auf knatternden Rollern – oder in zerbeulten Rostlauben: bunter Lack aus Sprühdosen? Scheiße.

Wie lange dauert das

*

Auf den Knien, meine Kotze im Staub – ist das nächste, was ich weiß. Wische mir den Mund ab, blicke hoch: Slums. Wuchernde Verkabelungen von Strom und Daten: Die Technik ist alt, zum Ausschlachten aus Europa hergebracht, dann geklaut. Ich rieche Abwasser, Pisse. Die Müllhaufen vor ihren Wellblechhütten. Muss würgen … doch es bleibt unten. Meine Drohne umschwirrt mich, Schmeißfliege. Ich verscheuche sie. Stummschalten! Alle anderen Kontakte sind weg.

*

Wintersonne, aber heiß; ich fröstle, bin verschwitzt, während ich die nächste Straße suche: Links, rechts der Geruch von Pappe, die verschimmelt; von exotischen Gewürzen, vom Schnaps der Männer, die im Dunkeln sitzen. Es ist seltsam still, als würden sich die Leute dafür schämen, dass ich an ihnen vorbeilaufe, mit diesem Anzug, der teuren Krawatte von –

Oder sollte ich mich schämen?

Wo bin ich

*

Lorem ipsum dolor sit – ho, ho, ho! Weiter in Deutsch, aber mit Schwächen, wohl so ein kostenloser Universalübersetzer, dessen KI bewusst kastriert wurde: Ooops! Wie heißen du? Your Namen vergessen? Ganz normal. Runterkühlen. Wir haben deine Gehirnzonen verschlüsselt: Du kannst mit deinem Implantat auf alle Bereiche zugreifen, aber das Meiste ist gerade kaputt. Sorry. ¯\_()_/¯

Kannst du das rückgängig machen? Aber ja! Was wir wollen: Aktive Zugangsdaten zu Globaltec, nein, nicht den Gastzugang … Sonst grillen wir deinen Kopf.

Countdown läuft: 23:59:57

*

Der Text zittert vor meinen Augen, rote Zeilen, ich lese ihn nochmal und nochmal, dann das P.S: Unser Code ist in deinem Gehirn. Wir sind viele. Gehorche! Lorem ipsum dolor sit amet, consetetur sadipscing elitr, sed diam nonumy eirmod tempor invidunt ut labore et dolore magna aliquyam erat, sed diam voluptua. At vero eos et accusam et justo duo dolores et ea rebum.

Was

*

An der Ecke verbrennen sie Müll: Reifen, Plastik und Papier; ein süßlicher Gestank. Kaum Schatten, die Sonne im Zenit. An einer Wand aus Pressspan sinke ich erschöpft zusammen. Ich habe Durst, bin hungrig. Mein Zimmer, mein Hotel, doch ich weiß nicht mehr, wo.

Dann weine ich.

*

Schwarze Hand auf meiner Schulter: pfui, Spinne! Ich will sie abschütteln, doch der Mann lächelt: … okay?

Okay, stöhne ich.

*

Innen ist es kühl; von oben ein Licht, von einer Wasserflasche, die ins Wellblech eingesetzt ist wie ein Diamant: heller Raum, ich sehe die Kochnische, eine Wäscheleine – Betten. Es riecht erdig, nach Sandelholz. Er schiebt mir eine Schale mit Reis rüber, legt die Gabel hinein. Okay?, fragt er.

Ja, sage ich; esse.

*

Das Bier ist warm, ich trinke es trotzdem. Seine Frau wäscht sich die Haare, wringt sie aus, lächelt mich an; sitzt am Fenster. Die Kinder spielen draußen.

Hotel?, frage ich.

Du Deutsch?

Ja, sage ich. Vielen Dank.

*

Will ihm Geld oder ein Kaugummi geben, doch alles ist irgendwie weg. Ich trinke das Bier leer; er nickt mir zu. Gegenüber lebt auch eine Familie: Mutter und zwei Kinder; daneben ein Bordell, wie Hand in Hand: schäbige Matratzen, ein Skelett aus Schaumstoff und Federn; Kondompackungen, aufgerissen und leer, liegen überall verstreut. Mich schüttelt es.

Kungawo, sagt er.

Your name?

Er nickt.

Ich bin der …?

Aus der Holzkiste holt er technisches Gerät und hält es mir vor die Nase, lächelt.

Thanks, no, lehne ich ab.

*

Wir warten; ich weiß nicht, worauf – bis knatternd ein Dreisitzer vorfährt: Der Fahrer lacht uns zu, weiße Zähne, Grübchen; er sieht Kungawo ähnlich, aber älter, vielleicht sein Onkel oder so.

Die Drohne krabbelt hinter mein Ohr.

Wir steigen ein.

*

Protzige Säulen wie von Kolonialherren, auch die Treppe ist aus Marmor, die ich zur Deutschen Botschaft hochsteige.

Ich rieche Abgas hinter mir – vor mir ragt das Portal auf; ich winke einen Soldaten herbei, rede ihn an: Bitte! Ich bin doch Deutscher! Und er nickt; redet ins Schultermikrofon.

22:39:14

*

Neben mir sitzt Kungawo, lacht mir zu – nein, geträumt, der ist längst weg! Lufthansa, dritte Klasse. Smalltalk wabert wie Nebel, und ein Kind greint. Ich bestelle Tomatensaft mit Schuss. Leere das Glas. Über den Wolken ist die Welt so … Fühle mich elend. Kriege den Satz nicht zusammen.

*

Leute! Alle Probleme sind nur … Ich stehe vorm Spiegel, in der Toilettenkabine, und probe mein Lächeln. Die Drohne sitzt auf meiner Nase; ich grinse mich an:

Clown.

*

Zurück in Deutschland. Leise rieselt der Schnee… Ich schalte die Kommentare frei, und ein Strom aus Abfälligkeiten prasselt auf mich ein … Ja, war ziemlich dumm. Keine Ahnung. Weiß auch nicht. Kriege ich das hin? Wir schaffen das!

Nein, ich gebe keine Zugangsdaten raus.

Ja, ich habe was dazu gelernt.

Ach, ihr könnt mich alle mal!

Like, like, like, like, like //

*

09:39:14 Stehe zu lange an der Gepäckausgabe, wo die Koffer auf dem Band vorbeifließen wie Persönlichkeiten – aber:

Wer bin ich?

Ziehe einen teuren raus, bestimmt meiner; werde eines Besseren belehrt; gehe mit einem schäbigen, roten zum Taxi.

*

Zu hoch geflogen und megatief gefallen. Ist doch so. Scheiße auch. 07:29:12 – Die Ziffern brennen auf meiner Netzhaut. Was mache ich denn jetzt?

Geh sterben!

Voll der Looser …

Langweilig.

Ich schalte die Kommentare ab; scrolle durch den ganzen Zweig, ob vielleicht was Hilfreiches dabei ist, und will ihn schon löschen, da: Mein Papa kann dir helfen, der ist Hirncoder. Ehrenfeld. Eichenstraße 39. Unten im Keller. 500 Euro pro Eingriff. Voll sauber und legal. Schaut vorbei!

*

Graffitis, noch mehr Pisse. Sperrholzplatten. Besteht diese Welt denn nur aus Ghettos? Eure Armut kotzt mich an! Ich steige die Treppe zur Kellertür runter, klopfe.

Komm rein …

Unsicher trete ich ins Dämmerlicht: eine Garagenwerkstatt. Flimmernde Monitore, auf denen Skalen oder Nummern irgendwas anzeigen – und ein Zahnarztstuhl mit Leuchte drüber. Und technische Instrumente. Tiefstes Mittelalter! Ich will gerade abhauen, als eine tiefe Stimme sagt: Leg dich da hin.

Und, ich weiß auch nicht, wieso, aber ich folge dem Befehl, und Sekunden später habe ich einen Stecker im Ohr und ein Blitzlicht vor den Augen, das eisblau pulsiert.

Saubere Arbeit, sagt diese Stimme. Vom Kopf sehe ich nur einen Umriss: kahlrasiert. Die haben dich echt gefickt.

Was soll das heißen, heule ich auf, kann mich nicht länger beherrschen; meine Hände zittern. Bitte …

Er zieht das Licht weg, jetzt kann ich sein Gesicht sehen: Ein Schwarzer um die fünfzig; der mich ernst ansieht. Tja. Dein Kopf ist dicht wie ein Safe. Völlig verschlüsselt. Meinen Glückwunsch!

Was?, hake ich nach.

Deine Synapsen: blockiert; also wir müssen rausfinden, wann welche Zellen sich mit welchen Zellen verbunden haben, durch Ereignisse, Erfahrungen, Wissen – eine Prozedur, die ohne Vorlage echt lange dauert: Monate, wenn nicht Jahre. Wir brauchen eine Mindmap …

Eine was?

Hast du Backups gemacht?

Von mir?

Wem sonst?, fragt dieser Neger. Er muss breit grinsen: Du kleiner Rassist. Hast du das wirklich nötig? Erst jetzt sehe ich, dass er Latexhandschuhe, einen Kittel – und ein Pad trägt, drauftippt. Er kann mir ins Gehirn gucken!

Kann ich, sagt er. Nicht sehr viel los da oben drin.

Ich hebe den Kopf. Was kostet … das?

Ach. Mein Sohn ist dein größter Fan. Er liebt deinen Feed! Wie ein Verkehrsunfall, nur besser. Sagt er. Geht also aufs Haus … Du machst gerade Werbung für mich.

Cool, krächze ich. Äh? Meine Fliege auf dem Polster, erst Untersicht, dann eine Großaufnahme: Hallo, ihr Ärsche da draußen. Mein Name ist Peter Siebrasse; und ja, ich bin schwarz. Meine Familie lebt seit 1956 in Berlin. Wir sind genauso deutsch wir ihr: Klar? Kapiert? Als ob das wichtig wäre! Aber falls ihr ein Implantat braucht, natürlich legal und günstig: Message genügt. Er zwinkert der Drohne zu.

Cut!

*

Hm, okay, stöhne ich und verfolge, wie meine Abozahlen gerade krass in den Keller gehen. Ich steige vom Stuhl, richte mein Hemd und meine Krawatte sage: Danke.

Nicht dafür, sagt Peter, der flappend das Latex vom Arm zieht. Hast du ein Backup – oder nicht?

Vielleicht, antworte ich. Ja, möglich.

Je älter, desto besser … Besorg das! Und zwar schnell.

*

Sein Sohn, er heißt Christoph oder so, fängt mich an den Mülltonnen ab – und ich krakle ihm mein Autogramm auf den Unterarm, bevor ich wieder ins Taxi steige.

Wir lieben dich … ruft er mir nach, während ich das Fenster hochkurble. Wie alt ist diese Karre? Auf dem Fahrersitz hängt einer dieser Androiden, weiß wie der Schnee, aber dumm wie Brot. Zu Globaltec, sage ich. Und er nickt …

Scheiß Roboter!

*

Hören Sie doch zu, herrsche ich eine Empfangsdame an, die mich verwirrt anglotzt. Übergroße Hippsterbrille und ein Zopf. Aus versteckten Boxen dringt entspannte Musik: Hang Drums mit Flöten, die Single Bells spielen. Mann! Hören Sie doch zu! Ich habe hier gearbeitet, 2045, bis März, danach als freier Mitarbeiter. Und, wie Sie wissen, macht jeder Teamer beim Austritt einen Hirnscan von sich, um als virtuelle Arbeitskraft weiterhin für die Firma –

Ich wollen also?, fragt sie mich.

Mein gottverdammtes Alter Ego! Ich habe Rechte, verdammt.

*

Eine junge Frau nähert sich, aufrecht, professionell, aber irgendwie lasziver Gang: Sie ist schön – genau mein Typ. Hey du, lächle ich, während ich mich vor dem Schalter postiere.

Spar dir das, zischt sie. Dirk, ehrlich, du kannst hier nicht einfach aufkreuzen und rumheulen … Komm mit.

*

Echt? Wir waren zusammen?, hake ich nach. Kann es nicht fassen. Wow! Ich meine: WOW!

Größter Fehler ihres Lebens … Sie heißt Margarete und gibt sich kühl, distanziert: Ihr Kostüm ist nachtblau, und kein Ring am Finger. Ihre grünen Augen. Ihre Titten unter dem Stoff. Der Globaltec-Ausweis. Kennt ihr sie? Wisst ihr mehr als ich? Falls ihr was findet, schickt mir die Nacktfotos *g

Nur Sex im Kopf …

Traurig.

Newsflash: Alle Männer sind gleich!

*

Wir sitzen in der Lobby des Konzerns; durch Glaswände flutet das Licht ins Atrium. Echte Pflanzen: Palmen, Orchideen. Und ein gigantischer Weihnachtsbaum mit leeren Geschenken dran. Ein Springbrunnen plätschert. Gemurmel.

Ich bin voll am Arsch, greine ich, hebe die Hände. Könnt ihr mir bitte helfen?

Du bist toxisch, sagt Margarete. Ich bin hier, um dir zu sagen, dass du raus bist, gefeuert. Dein Gastzugang ist gesperrt.

Was Margarete!

Ja, tut mir leid. Sie glättet ihren Rock, steht auf. Und dann geht sie davon, bleibt noch kurz in diesen heiligen Hallen stehen, schwarzer Vogel, dreht sich zu mir um: Du bist so ein Arsch!

Aber …

Fick dich, Dirk! Das ist mein letzter Gefallen. Lass dich nie wieder blicken.

*

Mein Ego ist klein wie eine Münze: Ich lege die Disque ins Lesegerät, und sie dreht sich, schneller, und blinkt, während der Laser die Oberfläche abtastet und ich mein Datenkabel in Ohr stecke, bis es knirscht … warte … recht unangenehm … fluten Bilder meinen Geist …

*

Da ist sie, und da bin ich: Wie wir im Konferenzraum sitzen und uns verstohlene Blicke zuwerfen. Gemeinsam über Akten hocken, bis tief in die Nacht. Händchen halten, in diesem Park vor dem Glasgebäude, hinter einer Hecke. Wir sind Rebellen gegen die Firmenpolitik!

Liebst du mich?, fragt sie.

Möglich.

Sie klatscht in die Hände, elektrisches Knistern: Dann schalte diese Drohne ab!

*

Filmt sie uns gerade?

Möglich, sage ich grinsend.

Perversling, lacht sie, und zieht die Decke über den Kopf.

*

Ich, auf der Bühne, im Scheinwerferlicht: Heute habe ich sie alle geschlagen, mit weniger Schlaf und Mehrarbeit; mit mehr Drogen, mehr Druck, mehr Perfektion: Ich bin der Beste – verdammt, ja.

Karōshi, Hoschi!

*

Sie steht am Fenster; draußen fällt der Schnee. Ich verlasse dich, sagt sie.

Aber wieso?

Wieso, schreit sie mich an. Da fragst du noch? Du hast mich benutzt: Du hast mich Akten fälschen lassen, nur, um Matthias auszubooten. Schämst du dich nicht?

Ach, Matthias, ja? Dein neuer FreundIch wische die Tasse vom Tisch. Ihr habt doch was am Laufen!

*

Dann alles Gute, sagt Matthias, reicht mir nickend die Hand; schon graue Haare an den Schläfen, sehe ich, während ich einschlage – den Karton mit Habseligkeiten links unterm Arm.

Bin ja nicht weg, sage ich. Freier Berater und so.

Er lächelt mitleidig.

*

Und dann, als würde ich in die Tiefe fallen, bin ich plötzlich in meinem alten Büro und tippe die Zahlen ein … stundenlang, tagelang, eine Ewigkeit; ein Vorhölle aus Personalziffern mit Gehältern, die meins weit übersteigen: Ich will mehr sein! Höhersteigen, über dem ganzen Abschaum fliegen …

*

Geschwindigkeit ist der Kick, den ich brauche, stärker als jeder Kaffee oder die klitzekleine, blaue Pille unter meiner Zunge: kilometerweit über den Dingen zu schweben, zu sehen, zu spüren, wie sich unter mir die Erde dreht – Ich reiße das Kabel ab.

*

05:00:00 // Sorry. ¯\_()_/¯ Du bist zu langsam. Und wie eine Rasierklinge schneidet ein Schmerz meine Wirbelsäule entlang, dringt tiefer, lähmt mich, sodass ich auf dem Echtfell-Teppich meiner Wohnung zusammensacke, und schluchzend heule. Ich bin so jämmerlich. Eine Schande. Meine Mutter hatte recht. Obgleich sie mir Jahr für Jahr trotzdem ein Ping zu Weihnachten schickt …

Ich suche die Nummer raus.

*

Dirk?

Hallo, Mama.

Oh. So schön, dass du dich meldest. Ihre Stimme ist brüchig, hat immer noch diesen polnischen Akzent. Ätzend. Und ich höre den Vorwurf heraus …

Ja.

Kommst du nach Hause?

Ja, sage ich beklommen. Spüre die Enge der Mietskaserne. Diese Minderwertigkeit …

Ach, mein Lieber.

Das Kinderzimmer: Du hast doch nichts verändert?

Nein. Aber wieso –

Aufgelegt.

*

02:24:43. Mir steht der Schweiß auf der Stirn, obwohl die Schmerzen längst weg sind. Ich werfe dem Roboter einen Schein in den Rachen, und das Taxi fährt ab.

Sie öffnet die Tür … so alt geworden; irgendwie … verschrumpelt. Es tut mir leid, sage ich. Ich habe kein Geschenk.

Aber sie lächelt nur: Hallo Junge.

Es riecht nach Essen von gestern: Braten, und nach Pflaumen, nach Nelken und Kümmel – und diesem neuen Gewürz: Umami3. Ein Weihnachtsbaum als Hologramm dreht sich im Wohnzimmer; die Regale staubgewischt, die Katze längst defekt; es ist zu still, als ich die Treppe hochsteige … In meinem Zimmer, die 3D-Poster hängen noch, sind alt und verpixelt: von Bands, die ich einmal mochte, und von Mangas – suche ich mein erstes Backup und finde es auf den Boxen der Anlage: Es ist ein neongrüner Kasten, darin: die Disque, doppelt so groß wie die zweite.

Finde auch das Lesegerät, beklebt mit Stickern. Und mein altes Lichtkeyboard, so groß wie mein Arm. Nostalgie. Ich schüttle sie ab!

Schaue niemals zurück.

*

Kannst du nicht bleiben? Trauriger Blick.

Nein; muss los, Mutter. Sie hat Pfannkuchen für mich gemacht. Mit Äpfeln und Zimt. Aber ich komme dich besuchen … versprochen! Leere Versprechungen.

Sie seufzt.

*

02:24:43 // In der linken Tasche die kleine, rechts die große Disque, poltere ich gegen die Kellertür: Peter! Christoph! Keiner öffnet. Niemand da.

Alles vergebens.

Ich sacke auf die Stufen, will weinen, einfach in Selbstmitleid zerfließen, als mich die Drohne umsummt: Geht weg, seufze ich. Ich bin ein Witz.

*

Die große Disque ins Lesegerät, und sie dreht sich … warte … bis … Bilder … Spule vor … Ostern, Herbst … dann:

Durch die Augen eines Kindes, das ich bin, ist der Weihnachtsbaum riesig und ragt im Zimmer wie ein Berg auf, mit Lametta und Engeln und den vielen Lichtern. Fühle mich geborgen; denn wir sind da, feiern zusammen, als Familie … diese Wärme und –

Reiße das Kabel ab. Ich kann das nicht ertragen! Es regnet, natürlich. Wie sollte es anders sein? Vater starb an Krebs und mein Bruder auch, weil sie in dieser Fabrik verstrahlt wurden… Eine Erinnerung an Bleisärge:

Ich war Dreizehn, damals. Meine Mutter, krumm vom vielen Putzen, vom Kellnern in diesen miesen, kleinen Kneipen … Ich wollte mehr sein als das!

Sterbenskalt hier.

*

02:00:00 // Sorry. ¯\_()_/¯ Du bist zu langsam! Wir schalten dich jetzt live – Plötzlich ein Druck, ein Pochen im Kopf, und wie ferngesteuert stehe ich auf. Eisregen prasselt auf mich ein, während ich der Straße folge, an Pennern vorbei, an Huren und Leuchtreklame. Meine Schmeißfliege brummt am Ohr.

*

Woher diese Waffe? Eine Luger, Kaliber Neun … Aus einem Koffer? Einer Mülltonne? Ich marschiere durch die Drehtür; feuere einen Warnschuss ab: Oben zersplittert die Glasdecke, Scherben fallen. Mein Mund wird aufgerissen, und ich brülle: Zugangsdaten!

Bin jetzt am Schalter; setze der Empfangsdame die Mündung vor die Stirn: Zugangsdaten, wiederhole ich wie ein Roboter. Scheiß Roboter! Dann am Terminal, um einen kryptischen Code in die Befehlszeile zu hacken … Bin dabei abwesend, denke an Weihnachten: an Johannesburg und die Menschen, die mir geholfen haben; an Margarete, an meine Mutter. Alles fließt. Die Zeilen scrollen. Ich tippe und tippe und tippe.

Wachpersonal!

Etwas trifft mich an der Schulter, dann ein Knall und –

*

Na, wie geht‘s dir?, fragt eine vertraute Stimme.

Nicht so geil, stöhne ich und hebe den Blick. Mein Kopf tut weh. Ein Krankenzimmer, eine Gefängniszelle – Aber da sind bunte Ballons, und meine Actionfiguren, säuberlich aufgereiht; und da ist Mama, die mir zunickt, und Tata hält meine Hand, und auf dem Bildschirm an der Wand steht ein Gebet, das ich schwitzend zu lesen versuche, weil es nämlich wichtig ist:

Lorem ipsum dolor sit amet, consetetur sadipscing elitr, sed diam nonumy eirmod tempor invidunt ut labore et dolore magna aliquyam erat, sed diam voluptua. At vero eos et accusam et justo duo dolores et ea rebum. Stet …

*

Krass ausgeknipst! Voll die Leiche, Alter. Gehirn im Goldfischglas … ¯\_()_/¯

Hat der geheime Daten geklaut? Voll krass!

Lorem, lorem. Brimborium.

*hehe*

Scheiß Ende. Muss jetzt leider zocken^^.

Ich ruf jetzt meine Mama an.

Was zur Hölle ist ein Pfefferkuchenhaus?

Siebrasse! Siebrasse!

Crowdfunden, Leute?

k.

Ok.

*

In dieser Zwischenwelt: hinter Wellblech, mit rotem Staub auf den Schuhen; im Hotel, im Büro, im Kinderzimmer, sind die Menschen nicht schwarz oder weiß, sondern warm. Warme Hände. Fühlst du sie auch? Sie helfen dir. Vertraue ihnen. Und ihr schönes Lächeln … Ich denke an sie, an meine verlorene Liebe. Ich werde ein besserer Mensch sein. Versprochen. Bitte!

Alles riskiert, alles ist weg; jetzt nur die Stille, während ich im teerschwarzen Meer dieses Traums versinke, dann hochgerissen, zum Licht hinauf, und da: eine brennende Korona, eine blaue Sonne, die –

Na? Zurück von den Toten?, sagt Peter, berührt meine Stirn: Pfui, Spinne! Er schaut vom Pad auf. Hast du dich wirklich verändert? Ich hoffe, das wirst du. Schließlich ist Weihnachten … nicht wahr?

Klar, sage ich und lächle. Im rechten Ohr summt meine Drohne die erste Strophe.

Frohes dolore magna aliquyam erat Fest!

FIN.