Uwe Post

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SL-Machinima: “Confinement”

Ein Experiment der besonderen Art kann auf youtube besichtigt werden: SF-Autor Thorsten Küper hat sich mit anderen Künstlern zusammengetan, um in Second Life eine SF-Geschichte zu erzählen – und mit bewegten Bildern zu illustrieren. Falls jemand Second Life nicht (mehr) kennt: Dieser 3D-Avatarchat kommt Cyberpunk-Welten wie von William Gibson und anderen postuliert wohl näher als alles andere. User können eigene Welten erschaffen und darin gemeinsam agieren. Was liegt näher, als diese Technik – wenngleich grafisch nicht mehr ganz auf dem aktuellen Stand – zur Inszenierung eines SF-Filmes zu verwenden?

Genau das hat Thorsten Küper getan. Zusammen mit Barlok Barbosa (SL-Deckname), der die Kulissen erschuf, Seraph Nirvana an der Kamera, ihm selbst am Mikrofon und keinem geringeren als Michael K. Iwoleit an den Tasten des Synthesizers, streamte er die Geschichte sogar live – und stellte sie anschließend auf youtube.

Resultat ist – tja, was eigentlich? Ein SF-Machinima. Eine Lesung mit animierter Illustration. Ein eigenwilliger Spielfilm. Ein Live-Experiment, das es so noch nicht gab. Wir meinen: Auf jeden Fall sehenswert!

Confinement auf youtube ansehen

Rezension: “QualityLand” von Marc-Uwe Kling

In QualityLand – einem Deutschland gar nicht ferner oder undenkbarer Zukunft – lautet die Antwort auf alle Fragen: Ok.

Zum Glück hält sich das Buch nicht an diese Information, die auf seiner Rückseite steht. Tatsächlich sind die meisten Antworten im Buch viel länger, schlauer und vor allem: witziger. Continue reading

Neu: “QualityLand” von Marc-Uwe Kling

Auch Bücher von Comedy-Größen, auf denen das Label “Science Fiction” fehlt, und die ganz ohne Raumschlachten auskommen, sind häufiger als nie Science Fiction.

Diese fehlenden Etiketten, und noch dazu hohe Platzierungen in Bestsellerlisten, sind ein Versteckspiel, auf das wir von dsf freilich nicht lange reinfallen.

Also, ganz klar: Der neue Roman “QualityLand” von Marc-Uwe Kling (ja, das ist der Typ mit dem witzigen Känguru!) ist satirische Nahzukunfts-SF!

Und seit ein paar Tagen überall erhältlich, wo es Bücher gibt.

Infos beim Verlag

In Kürze erscheint eine Rezension bei uns.

E-Books, die’s drauf haben: “Neunundneunzig Namen” von Jens-Michael Volckmann

Nur selten schafft es ein Selfpublishing-E-Book auf unsere Empfehlungsliste. Die vorliegende Erzählung von Jens-Michael Volckmann bildet eine Ausnahme: Selten gelingt es einem neuen Autor, eine Social Fiction zu einem schwierigen Thema so einfühlsam und ideenreich zu erzählen.

“Neunundneunzig Namen” dreht sich um eine Flugzeugkatastrophe in der Innenstadt von Frankfurt(Main). Auf einer letzten Audio-Aufzeichnung aus dem Flugzeug ist der Ruf „Allahu Akbar!“ zu hören. Als dies bvekasnnt wird, dreht sich die Stimmung, es kommt zu Ausschreitungen gegen Muslime, obwohl es bis auf die Aufzeichnung keinerlei Beweis für ein Bombenattentat gibt.

Der Autor erzählt die Geschichte episodenhaft. Er zeigt Szenen aus der Familie des mutmaßlichen Attentäters, aus Talkshows, Nachrichten und aus einem Dokumentarfilm. So fügt sich nach und nach aus Bruckstücken ein Gesamtbild zusammen, das dem Leser zu Denken gibt. Über die Figuren in der Geschichte, über Menschen in Deutschland – und über sich selbst.

Gerade in der heutigen Zeit (das Buch erschien bereits 2014) kann man sich nur darüber wundern, wie wenig religiöser oder durch soziale Netzwerke verbreiteter Irrglaube in der Nahzukunfts-SF thematisiert werden. Gerade in Deutschland. Freilich ist das ein Stoff, in dem es kaum vermeidbar ist, Leuten auf die Füße zu treten. Es wäre wünschenswert, wenn mehr Autoren den Mut aufbringen würden, sich mit wichtigeren Themen zu beschäftigen als Lasergefechten über fremden Planeten.

Unterhaltung:

Anspruch:

Originalität:

 

“Neunundneunzig Namen” gibt es bei Amazon als E-Book (0,99 EUR, kostenlos ausleihbar mit Prime) und Taschenbuch. Weitere Infos auf der Homepage des Autors.

Neu: “Das Vermächtnis der Astronautengötter”

Wer Erich von Dänikens Theorie vom Besuch Außerirdischer in der frühen Erdgeschichte auf dem Müllhaufen der Geschichte wähnt, liegt vermutlich nicht ganz falsch. Aber der Fantasie sind ja keine Grenzen gesetzt, deshalb gibt es jetzt eine neue Anthologie, die sich mit dem Thema beschäftigt: “Das Vermächtnis der Astronautengötter”, erschienen bei Saphir im Stahl. 20 Autoren schrieben 20 Geschichten zum Thema, das Paperback kostet 14,95 EUR.

Weitere Infos beim Verlag.

 

Rezension: “Versuchsreihe 13” von Uwe Hermann

Wer die Kurzgeschichten von Uwe Hermann kennt, wird sich vielleicht verblüfft die Augen reiben: Ein Zombie-Thriller?!?

Tatsächlich kommt Humor in diesem Roman bestenfalls am Rande vor. Aber das liegt in der Natur der Sache, wenn halb Hamburg von Nanorobotern bevölkert wird. Oder, besser gesagt: Hamburgs Bewohner.

In “Versuchsreihe 13 – Die Epidemie” hat eine Firma Nanobots entwickelt, die einen Menschen kurzzeitig wiederbeleben können – sehr praktisch, wenn es etwa darum geht, ein Mordopfer nach dem Täter zu fragen. Allerdings dreht sich die eigentliche Geschichte um eine ganz bestimmte Sorte dieser Nanobots: Solche nämlich, die einen Menschen permanent wiederbeleben können. Bis sie – ähnlich Mutationen – immer mehr Fehler in die Nachfolgegeneration einbauen und den Träger letztlich zu einer Art Zombie werden lassen. Dagegen hilft nur die Originalversion der Bots, ebenjene “Versuchsreihe 13”, und die befindet sich nur im Körper von Florian Richter, dem ehemaligen Leiter des Reanimierungsteams der Kripo Hamburg. “Ehemalig”, denn auch Richter ist längst tot. Eine tote Hauptfigur ist schon einmal eine tolle Sache, und wenn dann auch noch diverse Interessenten an seinen Nanobots hinter ihm her sind, sind Tempo und Spannung garantiert.

Geschickt flechtet der Autor ein Netzwerk an Beziehungen zwischen den vielen Handlungsträgern. Bisweilen blendet die Erzählung um zu einem völlig unerwarteten Schauplatz, um ein Einzelschicksal zu schildern – aber Sie können sich darauf verlassen, dass das nicht ohne Grund geschieht.

Uwe Hermann hat einen rasanten Roman vorgelegt, der vor allem in der zweiten Hälfte nochmal eine Schippe drauflegt, und abgesehen von heftigen Explosionen und erstaunlichen Wendungen auch einfühlsam die menschliche Seite des Dramas zeigt. Dabei bleibt die Geschichte deutlich plausibler als durchschnittliches Action-Kino – und drängt sich durch das gelungene Lokalkolorit zur Verfilmung förmlich auf.

 

 

Unterhaltung:

Anspruch:

Originalität:

 

Atlantis Verlag, 370 Seiten, 14,90, auch als E-Book erhältlich

Neu: “Meuterei auf Titan” (Anthologie)

Im Verlag für moderne Phantastik ist soeben die SF-Kurzgeschichten-Anthologie “Meuterei auf Titan” erschienen.

Herausgegeben von Peggy Weber, vereint der Band unter einem … ich sag mal: klassischen Pulp-Cover, auf über 600 Seiten Geschichten der folgenden Autoren: Sven Svenson, Gerd Frey, Jacqueline Montemurri, Anneliese und Adriana Wipperling, Regine Bott, Galax Acheronian, Frank Lauenroth, Matthias Falke, Oliver Koch, Dieter Bohn, Olaf Kemmler, B.C. Bolt, Norbert Fiks, Lara Möller, Christian Kuenne, Tobias Reckermann, Irene Maschke, Olaf Lahayne, Julia Annina Jorges, Janos Teleki, Peggy Weber-Gehrke und Rico Gehrke.

Man sollte sich nicht davon irritieren lassen, dass der Untertitel englisch ist: Alle Geschichten sind von deutschen Autoren, von denen zumindest einige schon in anderen Anthologien oder durch Romane aufgefallen sind. Mit Matthias Falke ist auch ein mit dem DSFP ausgezeichneter Autor dabei.

Die digitale Version kostet übrigens nur 3,99, während das gedruckte Buch wegen seines erheblichen Umfangs 18 Euro kostet.

Weitere Infos beim Verlag

Rezension: “Leichter als Vakuum” von Simon&Steinmüller

“Fake Olds” – unter dieser Überschrift, in Anspielung auf “Fake News”, saßen Angela und Karlheinz Steinmüller und Erik Simon im Juni beim Dortmunder U-Con und plauderten über das vorliegende Buch, das sich einer Subgenre-Zuordnung weitgehend entzieht. Auf den ersten Blick könnte man es als Alternativhistorie bezeichnen, tatsächlich aber, so erklärte Professor Steinmüller, sei es erfundene Geschichte, die aber nicht im Widerspruch zu belegten Ereignissen stehe, also keineswegs kontrafaktisch ist, sondern sozusagen geschickt ergänzend. Der Kniff, nicht explizit im Widerspruch zur tatsächlichen Historie zu stehen, macht das Buch sehr reizvoll.

Die “Fake Olds” werden uns in Episodenform dargebracht durch einen Historiker namens Simon Zwystein, der erstaunliche historische Dokumente kommentiert und vorstellt. Zwystein ist natürlich eine Kunstfigur. Weder er noch alle Texte sind übrigens neu, einige stammen aus den Achtzigern, andere sind neueren Datums, alle wurden für die Veröffentlichung überarbeitet. Den komplexen Entstehungsprozess beleuchtet Erik Simon im Nachwort.

In den Texten erfährt der Leser aus Zwysteins erstaunlichen historischen Quellen über bislang unbekannte Beziehungen zwischen dem Kalifat von Bagdad und Karl dem Großen, über eine Reise zum Mond, über die Malteser Tontafeln, über den sagenhaften Ort Germelshausen, und über die Weltreise eines römischen Bürgers. Die zweite Hälfte des Buchs nimmt der Roman “Die große Reise” ein, der dem weitgehend vergessenen deutschen Utopiker Ernst Wegbreiter “zugeschrieben” wird. Darin finden anno 1909 zwei Männer und eine Frau ein fremdartiges Raumfahrzeug und begeben sich auf die titelgebende Reise. Wenngleich an vielen Stellen herausragend geschrieben, kämpft der Roman auch mit ein paar Längen, was aber aus heutiger Perspektive mit Sicherheit auf fast jeden utopischen Roman vom Anfang des 20. Jahrhunderts zutrifft (also auch auf die, die wirklich damals geschrieben wurden). Ein oder zwei Wendungen lassen den Leser etwas ratlos zurück – was war real, was Einbildung oder erfunden? Letztlich steht diese Frage über dem ganzen Buch und macht seinen Reiz aus: Die Fake Olds sind wirklich sehr gute Fakes, denn man erkennt sie kaum als solche.

Wie Angela und Karlheinz Steinmüller sowie Erik Simon hier gemeinschaftlich mit Geschichte spielen, stets eine für die jeweilige Form (Tagebuch, Brief, Tontafeln) geeignete Sprache finden, die trotzdem immer gut lesbar ist, wie sie trotz der ungewöhnlichen Form mit Leichtigkeit liebenswerte Figuren erschaffen, zwischen den Zeitaltern springen, und letztlich ganz und gar moderne Botschaften transportieren, davor kann man nur den Hut ziehen. Gleichzeitig wird der Leser vorzüglich unterhalten, blitzt doch immer wieder zwischen den Zeilen ein verschmitztes Lächeln auf; ein feiner, intelligenter Humor (“Ganz schlechtes Feng Shui!”), der sich wie ein roter Faden durch die so unterschiedlichen Geschichten zieht, und sie zu einem Gesamtwerk verbindet, dessen Bedeutung weit über die Buchdeckel hinausgeht: Es ist eine Nachricht an all die Autoren und Leser dort draußen, und sie lautet: Lesen und Schreiben mit angeschaltetem Gehirn macht besonders viel Spaß!

Unterhaltung:

Anspruch:

Originalität:

Rezension: “Junktown” von Matthias Oden

Junktown von Matthias Oden

Mit “Junktown” legt Matthias Oden im Heyne Verlag seinen ersten Roman vor.

Die “Konsumrevolution” hat vor vielen Jahren das alte System weggespült. Jetzt sind Drogen nicht nur legal, sondern der Rausch ist Pflicht. Regelmäßig müssen die Bürger Blutproben abgeben, und wer bei zu wenig Drogenkonsum erwischt wird, wandert in eine “Sozialhygiene”-Einrichtung oder gleich in den “Recyclinghof”. Wer praktisch dauernd auf einem Trip ist, kann natürlich nicht besonders gut arbeiten, deshalb übernehmen Maschinen die unangenehmen Pflichten. Zum Beispiel Produktion von Nachwuchs: um den kümmern sich riesige, intelligente Maschinen namens Brutmutter. Und eine davon wird zu Beginn der Handlung tot aufgefunden. Offenbar ermordet. Inspektor Solomon Cain, ein erfahrener Polizist der Gemapo (Geheime Maschinenpolizei) und gealterter Held der Revolution, übernimmt die Ermittlungen. Er kommt schnell dahinter, dass es hier um viel mehr geht als um einen Mord aus Leidenschaft. Als das Rauschsicherheitshauptamt auf den Plan tritt, geraten die Dinge außer Kontrolle.

Der Autor legt mit seinem Debütroman eine erfindungsreiche Dystopie vor, die – schon durch die der DDR und dem Drittem Reich entlehnten Begriffe ersichtlich – keinen Zweifel daran aufkommen lässt, wie die Rollen von Gut und Böse verteilt sind. Man fragt sich unweigerlich, wie ein System, in dem der Rausch ein erzwungener (Dauer-)Zustand ist (“Alle Macht den Drogen!”), wenn man nicht gerade einen ABS (Abstinenzberechtigungsschein) besitzt, überhaupt wirtschaftlich und verwaltungstechnisch funktionieren kann. Der Autor zeichnet kein vollständiges Bild der Gesellschaft. Vielmehr bedient er sich punktuell verschiedenster Gestaltungselemente, die sich zu einem Gesamtbild fügen. So entstammen die verwendeten uralten Telefone, der mental angeknackste Inspektor und die später auftretende femme fatale eindeutig dem film noir. Die (kurze) Liebesgeschichte hat mich allerdings nicht besonders überzeugt. Moderne Technik gibt es so gut wie gar nicht; entweder gab es nach der Revolution also eine Rückentwicklung oder die Handlung spielt in einer (alternativen) Vergangenheit (eine Jahreszahl wird nicht genannt). Da die Handlung bis zum Ende auf die Perspektive der Hauptfigur beschränkt bleibt, bleibt sehr vieles offen, und als Resultat wirkt die Welt nicht immer völlig authentisch. Gleichzeitig bezieht der Roman seine Spannung zum einen aus dem Kriminalfall (dessen Entwicklung voller Wendungen ist, die man durchaus erahnen kann) und zum anderen aus der Frage danach, wie diese seltsame Gesellschaftsform des Konsumismus eigentlich entstanden ist. Das wird am Schluss tatsächlich aufgeklärt – aber erstens nur in wenigen Sätzen, und zweitens handelt es sich um Informationen, über die der Protagonist die ganze Zeit verfügt, aber nicht mit dem Leser teilt. Letztlich sind alle Entwicklungsschritte der Handlung so konsequent wie düster – bis zum Ende. Man sollte von diesem Buch weder Fröhlichkeit noch ein Happy End erwarten.

Unter dem Strich ist “Junktown” eine lesenswerte Dystopie mit viel Erfindungsreichtum – und ohne jede Hoffnung.

Unterhaltung:

Anspruch:

Originalität:

Neu: Welcome to Europe

In unserer Berichterstattung vom Euro-Con in Dortmund haben wir die Anthologie “Welcome to Europe” erwähnt, aber sie verdient auch eine eigene Ankündigung.

Immerhin handelt es sich um eine Sammlung mit exklusiv zum Thema “Europa” geschriebenen Geschichten, zum größten Teil von deutschsprachigen Autoren.


Der Inhalt:

Aleksandar Žiljak: Aleta vom Sonntag+2
Dave Hutchinson: Zeichensprache
Andreas Eschbach: Zeit ist Geld
Karlheinz Steinmüller: Zwischen Zeitgeist und Zensur. Erfahrungen mit der utopischen Literatur (Artikel)
Jürgen Lautner: Versteckte Juwelen der deutschen Science-Fiction. Die Fernsehfilme des Rainer Erler (Artikel)
Robert Corvus: Eutopia
Clemens Nissen: Auf festem Kurs
Christiane Gref: Euroleaks
Uwe Post: Tranz Ähropa Espresso
Carlos Suchowolski: Picken und mit den Flügen schlagen, bis der Himmel Maschinen zeitigt
Ju Honisch: Europatreffen
Erik Simon: The Last Man (Gedicht)

Das Besondere: Alle Texte mit Ausnahme des Gedichts liegen sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch vor.

Illustriert wurde das Buch von Autun Purser, Stargast des Euro-Con. Erschienen ist der Band beim SFCD in der Reihe Andromeda SF Magazin.

Der Band ist für 8 Euro erhältlich, und zwar derzeit nur bestellbar per E-Mail bei archiv[at]sfcd.eu.