Category: Rezensionen

Rezension: „Das Universum nach Landau“ von Karsten Kruschel

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Ein Roman in Dokumenten und Novellen.

Jede Novelle erzählt eine mehr oder weniger in sich abgeschlossene Geschichte. Ohne den Rückentext gelesen zu haben, wirken die Geschichten zunächst ziemlich zusammenhanglos und deshalb erschließt sich nur im Nachhinein der Rote Faden in der Zusammenstellung der Dokumente und Novellen: die Evolution des Menschen, getrieben von immer größeren Hindernissen, die das Universum ihm entgegenstellt.

Der sehr gute Schreibstil des Autors ermöglicht es bei den längeren Texten schnell in die Geschichte einzusteigen und man würde gern mehr erfahren. Sie beginnen meist interessant und spannend, aber bei einigen drängt sich der Verdacht auf, dass sie schnell beendet werden mussten oder der Fokus verschob sich während der Erzählung. Zum Beispiel bei der Geschichte Weiß: Der Ausweg Blanch. Hier wird am Anfang die Liebe zwischen den beiden Protagonisten in den Vordergrund gestellt, aber bald schon geht die Frau aufgrund eines Selbst-Experimentes mit beachtlichen Folgen ihren eigenen Weg und den Mann scheint das gar nicht zu berühren. Irgendwie fehlt hier etwas.

Als ergänzende Geschichtensammlung zu den anderen Büchern aus dem Universum dieses Autors ist das Buch wahrscheinlich zu empfehlen. Auch wenn man die einzelnen Texte als separate Kurzgeschichten betrachtet (die z.T. bereits in Magazinen erschienen sind), hat man durchaus Spaß an der Beschreibung der technischen Möglichkeiten und den Begegnungen mit fremden Lebensformen. Trotzdem stellt sich die Frage, ob die Ideen vielleicht zu groß für kurze Novellen sind und deshalb das bloße Umreißen den Leser am Ende unbefriedigt zurück lässt.

Wertung-3-Sterne

Rezension: “Unsterblich” von Jens Lubbadeh

Unsterblich von Jens Lubbadeh

Ein SF-Roman über digitales Leben nach dem Tod – und das in einem Großverlag, mit Marlene Dietrich auf dem Cover. Sagen wir mal so: Heyne hat schon Bücher rausgebracht, die weniger neugierig gemacht haben.

Benjamin Kari geht dem Verschwinden des “Ewigen” von Marlene Dietrich nach. Die “Ewigen” sind die holografischen Abbilder Verstorbener. Die ganze Technik dahinter stammt von einem Monopolisten namens “Infinity”. Es gibt “Ewige” von Berühmtheiten, aber auch von der Oma, der tragisch verstorbenen Ehefrau oder (posthum) von einem selbst. Dazu zeichnet Infinity mit “Lebenstrackern” alles auf, was ein Mensch erlebt, um später damit die Simulation zu programmieren, die als ewiges holografisches Abbild durch die Gegend läuft – allerdings leicht modifiziert. Ich will hier nicht zu viel vorweg nehmen, aber eines sei gesagt: Man darf hier keine akkurate, realistische Darstellung einer möglichen digitalen Zukunft erwarten. Zwar gibt es auch in der Realität Bestrebungen, mehr als nur die Erinnerung an Verstorbene digital aufzubewahren, aber was Lubbadeh in seinem Roman erfindet, ist eine ganz andere Nummer. Er muss dafür einen Riesenaufwand an Technik postulieren: Billionen Nanodrohnen, Chips im Kopf um die Hologramme “einzublenden”, Lebenstracker im Handgelenk, und so weiter. Woher die nötige Energie kommt, wie die immensen Datenmengen übertragen und verarbeitet werden – geschenkt. Spätestens gegen Ende wird klar, dass die Daten sogar sehr leicht zu beschädigen sind. Der Rezensent, selbst IT-Berater, kann da nicht aus seiner Haut: Er sieht sich die ganze Zeit in einem Meetingraum bei Infinity verzweifelt erklären, dass es zwar echt cool ist, Rechenzentren an pittoresken Orten aufzustellen, dass echte IT-Sicherheit aber doch ein bisschen anders funktioniert.

Sehr überzeugend beschreibt der Autor hingegen, wie die Ewigen von Berühmtheiten im täglichen Leben wichtige Positionen einnehmen: Man glaubt sofort, dass die Wähler einen Ewigen von Helmut Schmidt jedem zeitgenössischen Politiker vorziehen würden. Die Masse schaut ja auch lieber den x-ten Aufguss von Enterprise und Spiderman – oder eben den neuen Film mit Marlene Dietrich. Hier nutzt Lubbadeh die Gelegenheit für popkulturelle Anleihen, die SF-Leser immer gerne goutieren.

Nach und nach entwickelt der Roman eine spannende Thrillerhandlung. Er bleibt fast die ganze Zeit in der Perspektive des Ben Kari, der Kapitel für Kapitel tiefer in eine Verschwörung hineingezogen wird und schließlich zum Gejagten wird. Dabei kommen natürlich diverse Schusswaffen zum Einsatz, und die Projektile treffen durchaus auch mal.  Es fließt eine Menge Blut – bis man sich am Schluss fragen muss, ob die dem Tode nahe und schon leicht verwirrte Hauptfigur mit seiner letzten Handlung nicht eine globale Katastrophe auslöst…

Auch wenn hier zweifellos ein ideenreicher und spannender Roman vorliegt: Eine tiefere Auseinandersetzung mit dem Thema “digitaler Tod” bleibt der Autor schuldig. Die “Ewigen”, um die es eigentlich zu gehen scheinen, treten so gut wie nie selbst auf. Am Schluss gibt es noch eine dermaßen phantastische Wendung, dass einem das “Hä!?” glatt im Halse stecken bleibt. Hier nähert sich der Roman fast schon gefährlich dem Bloß-nichts-hinterfragen-Niveau typischer amerikanischer Blockbuster. Es bleibt aber unter dem Strich eine spannende, flott erzählte Geschichte mit vielen interessanten Einfällen. Das ergibt eine 3-Sterne-Wertung – den vierten Stern erhält hier der Großverlag für den Mut, einem SF-Roman eines recht unbekannten, ideenreichen, deutschen Autors eine Chance zu geben, der noch dazu nicht im fernen Weltraum spielt. Wollen wir hoffen, dass die Verkaufzahlen diesen Mut belohnen – eine Leseempfehlung sprechen wir allemal aus.

Aktuell gibt es im SF-Netzwerk eine Leserunde zum Roman (Link folgt, da das SFN derzeit nicht verfügbar ist).

Das Buch selbst gibt es im Buchladen eures Vertrauens.

Unterhaltung: 

Anspruch: 

Originalität: 

Rezension: “Blumen vom Mars” von Gabriele Nolte

Ich stehe dem Selfpublishing skeptisch gegenüber, sehr sehr skeptisch. Da wimmelt es normalerweise nur so von Rechtschreibfehlern, die Geschichten sind hanebüchen und so weiter, das muss ich nicht ausführen. Deswegen finden solche Werke auch auf dieser Webseite nur Berücksichtugung, wenn sie es wirklich verdienen.
Das hier vorliegende Buch hätte ich im Leben nie gelesen, hätte mein Freund Heinz Zwack es mir nicht empfohlen. Und zwar so wärmstens, dass ich nicht anders konnte, als es schleunigst zu lesen.
Nun, ich bin selber als SF-Schriftsteller unterwegs. Habe 2014 für meine Novelle “Seitwärts in die Zeit” den Deutschen Science Fiction Preis verliehen bekommen. Aktuell wurde mein Roman “Glühsterne” als bester deutschsprachiger SF Roman für den Kurd-Laßwitz-Preis nominiert. Warum erzähle ich das? – Nun, ich habe das Gefühl, dass meine Texte nicht an das Niveau des hier vorliegenden Romans heranreichen.
Das Setting ist die Erde in naher Zukunft. Die Konfrontation zwischen arabischer und westlich geprägter Welt ist weiter fortgeschritten, Europa ist teils islamisiert. Als weitere Mächte existieren noch China und Russland. In dieser Situation gibt es zwei geheime Kolonien auf dem Mars, eine arabische und eine US-amerikanische. Beide sind im Stich gelassen worden, sind auf sich allein gestellt.
Nun wird anschaulich im Kleinen demonstriert, was sich auch auf der Erde im Großen abspielt: Der Kampf der Kulturen. Einfühlsam schildert Nolte uns die Gefühlswelt arabischer Frauen und amerikanischer Männer. Zeigt zwischen den Zeilen, dass es die arabischen Frauen (die Mütter) sind, die ihre eigenen Kinder so erziehen, dass sie (die Jungen) sie später unterdrücken. Hut ab, das ist realistisch. Genauso realistisch, wie sie zeigt, wie es einzelnen Frauen gelingt, sich dagegen aufzulehnen. Wie sie zeigt, wie sich durch Zusammenarbeit der Kulturen, das Beste aus allem herausholen lässt.
Schonungslos zeigt Nolte auf, was kritisierungswürdig ist, ohne auszugrenzen. Sie zeigt Lösungsmöglichkeiten im Kleinen, die sich wahrscheinlich schwerlich auf das ganz Große übertragen lassen. Aber sei es drum, wir haben hier eine Utopie, die aus einer Dystopie erwächst. Ganz großes Kopfkino!
Am Ende wird es für meinen Geschmack etwas zu esoterisch, aber das ist der Handlung geschuldet.

Wertung-5-Sterne

Rezension: Dirk C. Flecks Trilogie Tahiti/Südsee/Feuer

Das Tahiti Projekt

Das ist kein Roman
…sondern ein als Roman verbrämtes Sachbuch. Als solches nicht schlecht, als Roman fällt es leider völlig durch.
Warum?
Nun, da fehlt so ziemlich alles, was einen Roman ausmacht. Eine Spannungskurve zum Beispiel. Wer hier Spannung sucht, sucht sie vergebens. Im Gegenteil, der Text ist sehr langatmig aufgebaut, immer wieder wird Information transportiert an Stellen, an denen Handlung einen Roman nach vorne treiben würde. Die Protagonisten agieren hölzern. Die Liebesbeziehung zwischen dem Hauptprotagonisten und Maeva, der indigenen Schönheit, wirkt aufgesetzt. – Schade, hier wurde viel Potential verschenkt.
Denn das Thema ist es wert, dass man darüber diskutiert.
Fleck schildert uns hier eine Welt, die unsere Umwelt- und sonstigen Probleme in den Griff bekommt oder zumindest auf einem guten Weg dahin ist.
Fleck schlägt als Lösung mehrere entscheidende Dinge vor:
1. Einführung von Expertenparlamenten anstelle des heutzutage vorhandenen. Gleichzeitige Abschaffung der Parteienlandschaft. Für Grundwerte, Kultur, Politik und Wirtschaft soll es eigene unabhängige Gremien geben, die ihren Bereich in Unabhängigkeit regeln.
2. Bodenreform. Der Boden wird Allgemeingut und von den Menschen lediglich gepachtet, so wird Geld erwirtschaftet, dass der Allgemeinheit im Wege des Grundeinkommens wieder zur Verfügung gestellt wird.
3. Steuerreform. Arbeitseinkommen wird nicht mehr besteuert. Ein Grundeinkommen wird jedem Bürger unabhängig von seiner Arbeitsleistung zur Verfügung gestellt, damit er seine Grundbedürfnisse befriedigen kann. Die Steuer wird auf Verbräuche erhoben. Luft, Wasser, Boden, Rohstoffe und Energie werden besteuert.
4. Geldreform. Geld nimmt regelmäßig im Wert ab. D. h., wer zu lange sein Geld hortet, hat am Ende weniger Wert in der Tasche, als vorher. Zinsen gibt es nicht mehr. Dieses System bringt die Menschen dazu, das Geld (Tauschleistung) nicht auf Dauer dem Kreislauf zu entziehen. Damit wird die Wirtschaft angekurbelt. Dieses System wurde in Österreich in der Gemeinde Wörgl 1932 praktiziert und dann durch die Regierung verboten.
5. Arbeitsreform. Jeder Bürger darf arbeiten, muss aber nicht. Damit wird Arbeit wieder als Selbstverwirklichung und nicht als Last empfunden.
In Flecks Gesellschaftsentwurf funktioniert das. Er stellt die unverdorbene indigene Bevölkerung Tahitis als die neue Menschheit dar, die uns alle auf den richtigen Weg, quasi zurück zu den Wurzeln, zurück zum Einklang mit der Natur, bringt.
Ein schöner Traum.
Meine Realitätswahrnehmung ist eine andere, sehr viel pessimistischere.
In vielen Punkten kann ich Flecks Plan teilen. Expertenparlamente, Boden- und Steuerreform und vor allem die Geldreform erscheinen mir nicht unlogisch.
Womit ich aber ein erhebliches Problem habe ist die Arbeitsreform. Dies nicht unbedingt mit dem Argument, dass ein erheblicher Anteil der Bevölkerung nicht mehr arbeiten würde; die würden irgendwann die Notwendigkeit einsehen, aber dazu kommen wir gleich. Vielmehr kann der Mensch in meinen Augen nur dann Selbstbefriedigung aus der Arbeit ziehen, wenn er seinen Neigungen nachgeht und beispielsweise ein fertiges Werk schafft, anstelle einer einzelnen Handlung an einem größeren Werk. – Hier sehe ich den alles entscheidenden Haken des Ganzen. Es würden sich niemals so viele Menschen zusammenfinden, um ein größeres Werk (welches ist völlig egal) herzustellen. Die Arbeitsteilung, die uns allen einen gewissen Wohlstand ermöglicht, würde völlig zusammenbrechen. – Tut mir leid, Herr Fleck, aber das ist meine Meinung.
Kennen Sie (natürlich werden Sie das kennen) das Buch Planet der Habenichtse von Ursula K. LeGuin? Hier wird eine ähnliche Gesellschaft dargestellt, wie Sie sie entworfen haben. Allerdings mit der Konsequenz, dass, wenn die Umsetzung funktioniert, der Lebensstandard für alle Bevölkerungsschichten drastisch sinkt. Sicherlich, die Umweltprobleme etc. bekommen wir in den Griff, bezahlen damit aber mit einem für den Einzelnen sehr wichtigen Gut: dem Lebensstandard!
Insofern fürchte ich, dass der Entwurf, den Fleck hier macht, nicht umsetzbar ist. Er muss alleine schon an dem Willen der Bevölkerung scheitern, weil sie nicht bereit sein wird auf Konsum zu verzichten. Hier bräuchte es den „neuen Menschen“, den Sie in der indigenen Bevölkerung, die im Einklang mit der Natur lebt, erkannt zu haben glauben.
Auch hier möchte ich widersprechen. M. E. ist der Mensch anders aufgebaut. Schauen wir doch nur einmal in die Bibel (auch wenn ich nicht religiös bin). Hier will ich nur verdeutlichen, dass der Mensch bereits vor über 2000 Jahren mit denselben menschlichen Problemen wie z. B. der Habgier umgegangen ist. Anders ist dieses Gebot m. E. nicht zu erklären. Wirft man auch einen Blick auf das Artensterben in geschichtlicher Zeit, so glauben Wissenschaftler zu erkennen, dass dieses mit der Ausbreitung des Urmenschen einherging. – Insofern glaube ich nicht an den „guten“ im Einklang mit der Natur lebenden Eingeborenen. Ich sehe den Menschen als Individuum, der nur auf seinen Vorteil aus ist und allenfalls in seiner engsten Umgebung (Familie) etwas andere Maßstäbe gelten lässt. Und das ist schichtenunabhängig. – Aber das führt jetzt zu weit.
Über eine Replik würde ich mich freuen.
Das Buch wurde ausgezeichnet mit dem Deutschen Science Fiction Preis, einem der drei bedeutenden Literaturpreise in diesem Genre in Deutschland.
Ich vergebe 5 Sterne für die Ideen die in diesem (Sach-) Buch transportiert werden. 4 Sterne ziehe ich für die leider nicht wirklich vorhandene Romanstruktur ab.
Das Südsee Virus
Da thrillt nix…
Tut mir leid, da kam bei mir null Spannung auf. Das Buch ist meiner Meinung nach alles andere, als ein Thriller. Ich musste mich zwingen, die Seiten zu lesen, nach dem ersten Drittel konnte ich nur noch querlesen.
Warum?
Nun, der Autor ist bemüht. Ihm liegt viel, sehr viel am Thema. Er bringt dem Leser viele ökologische wie auch politische Ideen nahe. Viele Sachen und Dinge, die absolut notwendig erscheinen, um dem Menschen und mit ihm dem Ökosystem Erde das Überleben zu ermögliche.
Leider scheitert der Roman (nicht die Idee!) eben genau daran. Es ist einfach zu viel des Guten. Der Leser wird ständig belehrt. Offensichtliches wird erklärt. Weniger wäre viel (sehr viel) mehr gewesen. Handlung in dem Sinn, dass hier auch nur ein wenig Action gebracht wird, existiert nicht. Dabei hätte das Buch, anders aufgebaut, sehr viel Potential. Man könnte tatsächlich einen Thriller daraus machen und so auch die Thesen, die es wirklich wert sind, diskutiert zu werden, an die Leser bringen.
Ich vermute jetzt einfach mal, das sich dieser Roman sehr viel schlechter verkauft hat, als der erste Teil. Vermutlich hat Piper aus diesem Grunde darauf verzichtet, auch den dritten Teil zu bringen. Der kam in einem (hervorragenden) Kleinverlag heraus.
Bleibt natürlich noch die Kernaussage, die Thesen. Hier wird dem Equilibrismus der Mund geredet. Das ist grundsätzlich nicht schlecht. Für meine Begriffe wird aber nicht genug hinterfragt. Indigene Bevölkerungen als grundsätzlich gut und die industriell westlich geprägte Gesellschaft als schlecht hinzustellen, ist für mich zu platt. Meine (evtl. unmaßgeblichen) Erfahrungen mit Menschen jeglicher Couleur deuten hier doch auf die weit verbreitete Habgier jedes einzelnen hin. Und das scheint mir in indigenen Bevölkerungen auch nicht anders zu sein, sie hatten bislang einfach nur noch nicht die Chance, derart Einfluss auf die Ökologie des Planeten zu nehmen, wie wir. – Wenngleich, es scheint erwiesen zu sein, dass bereits unsere entfernten Vorfahren (was anderes sind sie, als indigene Völker) für das vielfältige Artensterben verantwortlich sind, was mit der Ausbreitung des Menschen über unseren Planeten hereinbrach.
Insofern hat Fleck hier den zweiten Teil seiner Utopie geschaffen. Wie auch bei Thomas Morus, muss das nicht schlecht sein, es überzeugt mich aber nicht.
Egal, der dritte Teil liegt auf meinem Nachttisch, ich werde ihm eine Chance geben, des Themas wegen.
Feuer am Fuss
Nun, auch der dritte Teil der Maeva-Trilogie hat mich nicht überzeugt. Ich habe ihn in weiten Teilen nur quer lesen können. Der Text liest sich häufig wie ein Auszug aus Reden von Politikern. Allerdings von Politikern, die reden können. Denen ihr Anliegen wirklich am Herzen liegt. – Nichtsdestotrotz, das ist harter Stoff für jemanden, der einen Roman erwartet.
In meinen Augen haben wir hier keinen Roman vorliegen, sondern eher eine Art Manifest. Eine Darstellung einer sterbenden Gesellschaftsform (Kapitalismus) und dem Versuch aus den Ruinen etwas Neues zu schaffen. – Nun, das mag gelingen. Ich teile in vielen Bereichen die Sorgen und Nöte des Autors, kann nachvollziehen, dass in unserem westlichen System vieles im Argen liegt.
Allerdings scheint er mir dann doch an manchen Punkten die Keule herausgeholt und einen Rundumschlag gemacht zu haben. So nach dem Motto: und was ich sonst noch so sagen wollte, das und das und das stört mich auch.
Das tut dem Text insgesamt nicht gut. Er liest sich nicht flüssig, zumindest hatte ich damit meine Probleme.
Einen durchgehenden (spannenden) Handlungsfaden konnte ich nicht erkennen. Das mag der Tatsache geschuldet sein, dass ich häufig nur quer gelesen habe, aber die Handlung hat mich einfach nicht gefesselt. Das war mehr ein Aneinanderreihen von Begebenheiten. Manche Situationen (z. B. das Treffen mit dem russischen Oligarchen oder das Treffen mit einem der Superreichen, der auf der Todesliste steht) lasen sich für mich wie die bei Sozialpädagogen so beliebte Einstiegsrunde bei der Vorstellung im Stuhlkreis: Ich bin der und der und mache das und das… Das thrillt nicht wirklich, sondern hat bei mir nur quälende Langeweile hervorgerufen. Tut mir wirklich leid, ich möchte dem Autor nicht zu nahe treten, aber als Roman taugt auch dieser dritte Teil in meinen Augen nichts.
Der Inhalt, so wie ich ihn wahrgenommen habe, ist kurz erzählt: Unser westlich kapitalistisches System kollabiert. Die Gründe sind vielfältig, lassen sich aber im Grundsatz auf die Habgier einiger weniger Menschen zurückführen. Die indigenen Völker zeigen sich aufgeschlossen den neuen alten Ideen gegenüber und schaffen es (vielleicht) eine neue Gesellschaftsordnung aufzubauen.
Nun, auch damit habe ich so mein Problem. In meinen Augen ist der westlich kapitalistisch geprägte Mensch nicht wirklich schlecht und der indigene nicht von sich aus gut. Das ist mir einfach zu platt und, ganz ehrlich, es war mir an vielen Stellen einfach zu viel des Guten. Immer wieder die weisen Sprüche der Indianer oder der australischen Aborigenies (bewusst mit Genies geschrieben) vorgekaut zu bekommen. Das langweilt. Das ist gut gemeint, aber es hat mich mal vor vierzig Jahren beeindruckt, jetzt nicht mehr. Das ist m. E. einfach nur platt, denn würden wir diesem Weg kompromisslos folgen, dann würden wir auch wieder so leben, wie einfache Stammesgemeinschaften das getan haben: Von der Hand in den Mund. Da fehlt mir etwas, vielleicht habe ich es auch einfach nicht verstanden.
Warum habe ich trotzdem (wenn auch nur quer) weiter gelesen?
Weil das Thema an sich wichtig ist. Weil es wichtig ist, sich mit den Ideen, die Fleck hier transportiert, auseinanderzusetzen. Weil viel von dem, was er beschreibt, tatsächlich kommen könnte. Weil viel ggf. umsetzbar ist und auch sinnvoll wäre, umgesetzt zu werden. Parlaments-, Geld-, Boden-, Steuerreform, alles Dinge, die sich wirklich lohnen diskutiert zu werden.
Allerdings teile ich mit dem Autor auch nicht alle Ansätze. Ich glaube, dass tatsächlich bei wirklich reichen Mitmenschen (ich meine hier Multimilliardäre) ein Umdenken stattfindet. Zumindest habe ich dies bei zwei mir persönlich bekannten festgestellt, die einen ganz erheblichen Teil ihres Vermögens in eine gemeinnützige Stiftung eingebracht haben, die als Zweck die Völkerverständigung hat. Insofern glaube ich, dass unsere Gesellschaft durchaus wandelbar ist und zwar nicht in dem Sinne, von dem der Autor ausgeht.
Das hört sich jetzt recht merkwürdig an, aber ich würde dem Anliegen des Buches 5 von 5 möglichen Sternen geben, dann aber 4 Sterne für die mangelnde Umsetzung abziehen. Ich wage zu prophezeien, dass sich das Buch nicht als Kassenschlager entwickeln wird (leider) und insoweit die Ideen, die hier aufgeworfen wurden im Sande verlaufen werden.

 

Wertung-1-Stern

Alle drei Bücher sind im Paket nur bei p.machinery zum Preis von 24,90 € zu beziehen.

 

Game-Test: “Stellaris”

StellarisWenn ein deutscher Publisher (Koch Media) ein SciFi-Game produziert und herausbringt, ist uns das natürlich einen genaueren Blick wert. Auch wenn das Spiel von Paradox Interactive in Schweden programmiert wurde. Dieses Studio ist für anspruchsvolle Strategiespiele bekannt: Europa Universalis und Crusader Kings seien als Beispiele genannt. Wenig erstaunlich, dass uns ein paar Elemente aus diesen Spielen bekannt vorkommen. Aber greifen wir nicht vor. Worum geht es in Stellaris?

“Stellaris” ist ein 4X-Spiel. Die vier x des Genres stehen für explore, expand, exploit, exterminate. Es geht also darum, die Galaxis zu erforschen, die eigene Einflusszone auszudehnen, die eigene Fraktion durch Forschung weiterzuentwickeln und am Ende die anderen zu dominieren. Um zu gewinnen, müssen üblicherweise gewisse Bedingungen erreicht werden – und damit sind wir bereits bei einer Schwachstelle von “Stellaris”, denn in der vorliegenden Version gibt es nur zwei solche Siegbedingungen. Anders als andere Vertreter des Genres (z.B. “Galactic Civilizations”, “Endless Space”) läuft “Stellaris” nicht rundenbasiert, sondern in Echtzeit ab. Man kann das Spiel aber jederzeit pausieren, um in Ruhe nachzudenken, schwierige Entscheidungen zu treffen oder einen Tee zu kochen. Auch beschleunigen lässt sich der Ablauf. Die Galaxis ist mehr oder weniger auf zwei Dimensionen komprimiert, aber das sehen wir dem Spiel nach, denn in dreidimensionalen Karten verliert man schnell die Orientierung.

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Wer 4X-Games kennt, findet sich in der aufgeräumten Bedienoberfläche schnell zurecht. Wir können Forscher, Admiräle oder Gouverneure einsetzen (die übrigens altern, sterben oder abgewählt werden können), Raumschiffe bauen oder weiterentwickeln. Forschungsschiffe senden wir in Nachbarsysteme, Konstruktionsschiffe bauen Stationen, die Ressourcen abbauen, Kolonieschiffe verbreiten unser Volk auf lebensfreundliche Planeten, die gegebenenfalls zunächst terrageformt werden müssen. Auf Planeten entstehen Bauwerke, die wiederum Ressourcen erzeugen. Bisweilen finden wir Spuren antiker Aliens oder begegnen fremden raumfahrenden Völkern und nehmen dipolomatische Beziehungen auf – oder schicken eine Flotte Kampfschiffe rüber. Raumkämpfe mit ihrem fröhlichen Laser- oder Kanonenfeuer dürfen wir beobachten, selbst zum Steuer oder Feuerknopf greifen wir aber nicht. Manchmal müssen auch Weltraumpiraten ausgeschaltet werden.

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Bemerkenswert ist die Anzahl verschiedener Systeme und Alien-Völker, denen wir begegnen. So finden wir nicht nur eine Handvoll, sondern zwanzig oder dreißig andere Völker unterschiedlicher Ausprägung vor – manche freilich nur in Form von Trümmern, weil sie von ihren expansiven Nachbarn längst überrollt worden sind. Die Fremdartigkeit der Aliens zeigt sich nicht nur im Aussehen des jeweiligen diplomatischen Bevollmächtigten und in politischen Attributen, sondern auch an den Raumschiffen. So besuchen auch mal geheimnisvolle quallenähnliche Gebilde ein eigenes Sonnensystem, nur um nach dem Wiederaufladen des Warpantriebs wieder zu entschwinden.

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Ist man anfangs hauptsächlich damit beschäftigt, die Nachbarsysteme auszukundschaften, so ist es damit irgendwann vorbei, nämlich wenn man die Grenzen fremder Gebiete erreicht. Dann hilft nur noch ein bewaffneter Konflikt, um sich auszudehnen, und der gestaltet sich kompliziert. Im Geflecht diplomatischer Verknüpfungen fühlt man sich bisweilen etwas ohnmächtig. In dieser Hinsicht erinnert das Spiel stark an die ebenfalls sehr politischen historischen Spiele von Paradox. Denen entstammt übrigens anscheinend auch der Bildgenerator, der Profilfotos aller Figuren im Spiel durch geringfügige Abwandlung von Haut und Haaren erzeugt – die menschlichen Frauen schielen beispielsweise alle gleich entnervt in die Kamera.

Während Stabilität, Nutzeroberfläche, Grafik und Soundtrack durchaus überzeugen können, gibt es Abzüge in der B-Note in der Kategorie sense of wonder. Entdeckungen arkaner Artefakte beschränken sich auf einen Dialog mit briefmarkengroßer Illustration, Text und Button. Auch die fremdartigsten Aliens oder schrägsten Ereignisse (Projektile, die vor Jahrmillionen aus einer anderen Galaxis abgefeuert wurden und um ein Haar ausgerechnet unser Forschungsraumschiff zu Klump schießen!) bleiben farblos. Viele Illustrationen sind durchaus ansprechend gemalt, wo animierte 3D-Modelle vielleicht zeitgemäßer wären und mehr Möglichkeiten bieten würden. Trotzdem können wir viel Zeit mit dem Spiel verbringen: Zig spielbare Zivilisationen plus die Möglichkeit, eigene zu gestalten, sowie eine offene Schnittstelle zum Steam Workshop – das bedeutet immer neue Herausforderungen. Unser letzter kleiner Kritikpunkt ist die deutsche Übersetzung: Die Stimme des Beraters ist und bleibt englisch, und einige Texte wurden nicht optimal übertragen.

Der Multiplayer-Modus, bei dem jeder Teilnehmer eine Fraktion übernimmt, haben wir nicht getestet.

Unter dem Strich ist “Stellaris” empfehlenswert für Fans von 4X-Games und solche, die es werden wollen. Für Casual Gamer sind 4X-Spiele generell zu komplex und umfangreich. Fans von Weltraum-SciFi kommen auf ihre Kosten, ohne aber vom Hocker gerissen zu werden.

“Stellaris” ist im Handel erhältlich auf DVD und online (Steam) und läuft auf Windows, Mac OS X und Linux bei moderaten Hardwareanforderungen. (Getestet haben wir unter Windows 10 und Linux.)

Wertung-4-Sterne

Rezension: “sefer chajim – und andere böse Geschichten” von Dieter Bohn


Grundsätzlich stehe ich den selbstverlegten Werken von Möchtegernautoren ja sehr (sehr sehr) kritisch gegenüber. Hier haben wir mal wieder die berühmte Ausnahme der Ausnahmen.
Ein kleines schmales Büchlein, gerade mal 66 Seiten umfassend, das nur wenige Geschichten enthält: “sefer chajim”, “Schneekugel”, “Wäldchen ohne Wiederkehr”, “Der Tannenbusch-Zwischenfall”, “Navi-virus”, “Nichts da!”, “Hamam”, “Ein letzter Freundschaftsdienst”
Die Titelgeschichte ist einfach genial. Etwas über den Inhalt hier zu verlieren, würde zu viel verraten. Einfach lesen und genießen!
Auch die anderen in diesem Büchlein versammelten Geschichten haben ein hohes Niveau, gefällt mir rundum sehr gut.
Dieter Bohn kann schreiben, das merkt man. Die Szenarien sind einfühlsam und machen Lust auf mehr. Und da sind wir schon beim Thema, aus diesen Kurzgeschichten ließe sich mehr machen, sehr viel mehr. Das könnten Einstiege in Romane werden. – Ich würde mir jedenfalls mehr von Dieter Bohn kaufen, auch gerne längere Texte.

Wertung-5-Sterne

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Rezension: Eobal, Habitat C, Meran von Dirk van den Boom

Die abgeschlossene Daxxel-Trilogie von Dirk van den Boom um den gleichnamigen Diplomaten besprechen wir en bloc.

Eobal

Der junge Diplomat Daxxel hat auf Eobal einen schweren Stand. Einerseits Gesandter der Erde, andererseits interimsweise Vertreter einer Alienrasse, weil deren Botschaft plötzlich verwaiste. – wie es dazu kam? Der Botschafter eben dieser Aliens, Daxxels guter Freund, wurde ermordet. Daxxel will nun, wie könnte es anders sein, den Mörder seines Freundes überführen. Dabei zur Seite steht ihm seine Leibwächterin Zant. Die beiden treiben sich im diplomatischen Milieu herum und recherchieren. Von Ihnen wird dabei letztendlich nicht nur der Täter, sondern zwischendurch auch noch so manch anderes Ungemach. Daxxel gewinnt Freunde unter den mit den Menschen konkurrierenden Echsenwesen von Meran. Hier wird der Grundstein für die Handlung des dritten Teils gelegt.
Das Buch hat mir sehr sehr gut gefallen. Irgendwie atmete es den Flair der Dominic Flandry Bücher von Poul Anderson. Stellenweise war ich versucht, die Namen der Protagonisten anders zu lesen. Mit Meran, dem Heimatplaneten der Echsenrasse (sic!) hatte ich so meine Schwierigkeiten. da tauchte stetig und ständig Merseia vor meinem geistigen Auge auf.
Das soll jetzt nicht abwertend klingen oder gar nach Plagiat rufen, nein, so ist das nicht gemeint. Das Buch ist toll, es atmet nur den Geist dieser alten Romane, wobei es durchaus die Schwächen vermeidet. Würde Anderson heute schreiben, er hätte dieses Buch schreiben können! Das ist als Kompliment gemeint!

Habitat C

Diesmal hat es Daxxel und Zant auf eine Raumstation verschlagen. Gleich zu Beginn geschieht ein Mord in einem Restaurant. Die Aufklärung desselben verstrickt die Protagonisten immer tiefer in diverse Verschwörungen sowohl innerhalb der Akte (das ist die Föderation, der auch die Erde angehört), als auch in die des Dienervolkes auf besagter Raumstation, das in ständiger Angst vor der Rückkehr der Niib, einer grausamen Alienrasse, die vor Jahrtausenden die Galaxis unterjocht hat, lebt.
Geschickt spielt van den Boom mit der Erwartungshaltung des Lesers. Mich zumindest hat er auf die falsche Fährte gesetzt, glaubte ich doch bereits lange vor der Vermutung unseres Protagonisten die Niib ausfindig gemacht zu haben. – Weit gefehlt, es geht doch subtiler zu, viel subtiler!
Ein tolles Buch, mit vielen offenen Sequenzen, die Hunger auf mehr machen. Rundum zu empfehlen.

Meran

“1.Verlierer” – So zumindest beschreibt van den Boom selbst seinen Roman.
Er hat “nur” den 2. Platz beim diesjährigen Deutschen Science Fiction Preis gemacht. Dieser Literaturpreis ist einer der drei wichtigen Literaturpreise in der deutschsprachigen SF. Für mich ist dieses Buch definitiv preiswürdig, aber es kann ja immer nur einen geben…
Zum Inhalt:
Daxxel und Zant reisen nach Merseia (verflixt, schon wieder falsch, natürlich nicht Merseia, sondern Meran! Aber die Anklänge und Reminiszenzen an das Werk von Poul Anderson werde ich in meinem Kopf nicht los. So hätte der Altmeister schreiben können, hätte er diesen Roman geschrieben!). Dort geht es um Politik, Diplomatie und, wie sollte es anders sein, um einen Mord.
Vor allem aber geht es um die Rolle der Frau in unserer Gesellschaft.
Van den Boom verwebt geschickt eine spannende Abenteuerhandlung mit aktuellen Problemen unserer Zeit. Nie mit dem erhobenen Zeigefinger, nie belehrend, sondern einfach nur spannend führt er so manches Klischee über das vermeintlich schwache Geschlecht ad absurdum. Hut ab, sehr gut gemacht!
Ebenfalls sehr geschickt schildert er die Herrschaftsstruktur auf Merseia (siehe oben!) und bringt uns den Titel des Herrschers als den des Kalifen nahe. Ohne auch nur ein Wort darüber zu verlieren, was denn dieser Titel hier bei uns auf der Erde bedeutet hat. Lediglich zwischendurch, sozusagen zwischen den Zeilen, kann man so manche Information aufsaugen, versteht man nach und nach, wieso die Menschen den Herrschertitel so übersetzt haben.
Auffällig ist, dass der eigentliche Held Daxxel immer weiter in den Hintergrund tritt und Zant, bislang eher Sidekick, sich nach und nach in der Lesergunst nach vorne spielt.
Ein rundum gelungenes Buch. Leider wohl das letzte mit den mir lieb gewordenen Protagonisten. Van den Boom hat mir gegenüber erklärt, dass er kein weiteres Buch dieser Reihe zu schreiben gedenkt. Sie verkaufen sich zu schlecht.
Nun, dagegen ließe sich etwas tun…
Ich jedenfalls wünsche mir mehr davon. Allein in Band 2 gab es so viele lose Enden, die sich lohnen würden weiter verfolgt zu werden. Da geht bei mir das Kopfkino schon weiter.

Link zum Atlantis-Verlag

Rezension: EXODUS 34

Andreas Eschbach inside!

…und die Jungs von Exodus werben noch nicht mal auf dem Cover damit, haben die es nicht nötig? – Nein! Denn das Magazin könnte locker auch ohne ihn bestehen, was seinen Beitrag jetzt nicht schmälern soll. Es versammelt sich mal wieder viel hochkarätige SF in Exodus. Es hat mir zwar nicht alles gefallen, dann doch aber sehr viel, sodass ich (zwar kein Leser der ersten Stunde, aber einer der zweiten!) denke sagen zu dürfen, dass das eine der besten Ausgaben ist, die ich je in Händen hielt. – Aber kommen wir zu den einzelnen Geschichten, wobei das Problem bei Kurzgeschichten ja ist, dass man naturgemäß nicht allzu viel verraten darf, sonst ist der Clou weg:
Timo Falke – # We are Medusa
Tja, da lobe ich im Vorwort das Magazin über und über, aber zu dieser ersten Geschichte habe ich einfach keinen Zugang gefunden, deshalb unterlasse ich auch jegliche Bewertung.

Hans Jürgen Kugler – Alles zu seiner Zeit

Tolle Schilderung einer um einen herum verlangsamten Zeit. Ist kein neues Thema, aber gut gemacht, prima Stimmung eingefangen. Allerdings für mich unlogisch, dass das Wasser fest ist, die Luft aber atembar bleibt. Die zeitverzögerte Luft, die man trotzdem atmen kann, hat mich nicht überzeugt.

Wolf Welling – Löwenmenschen

Eine mich verwirrende Geschichte. Stilistisch perfekt mit einem (!) Tippfehler (für die, die es interessiert, ich suche seit der letzten Ausgabe die Fehler in Exodus, vgl. meine Rezi auf der Exodus-Homepage zu Nr. 33, wähnte ich dort doch einen gefunden zu haben (einen Fehler) und musste dann doch zurückrudern). (Seite 25 1. Spalte vorletzter Absatz …hinter einer der beiden oben liegenden Fenster…)
In der Fremdenführerin der Geschichte konnte ich Wolfs Frau erkennen! – Gut gemacht, die Story!

Dirk Alt – Die Stadt der XY

Geniale Charakterstudie, beklemmend. Erinnert fatal an die Diskussionen über die Neutronenbombe, die von den Erwachsenen geführt wurden, als ich Kind war.

Rolf Krohn – Der Asteroid

Die altbekannte Geschichte der Bedrohung der Erde, solide verpackt, perfekt geschrieben. Mach Lust auf mehr.

Jacqueline Montemurri – humanoid experiment

Asteroidenbergbau und Kryoschlaf sind Themen, die sich gut kombinieren lassen, wie hier geschehen. Einzig der Transport der Informationen für den Leser geschieht nicht so beiläufig, wie ich es mir gewünscht hätte. Übertrieben gesprochen: Da stellen sich die Protagonisten zu sehr einfach hin und referieren Dinge, die für sie eigentlich alltäglich, d. h., nicht der Erwähnung wert sein sollten. Klar, für uns Leser ist das neu und wichtig zu wissen, aber in der Form rübergebracht ist es ein wenig gestelzt bei mir angekommen. Trotzdem eine gute Story.

Michael Gernot Sumper – Electronica

Eine Fabel? Ein Gleichnis? Leider habe ich die Quintessenz nicht wirklich verstanden.

Victor Boden – Vielleicht ein andermal

Super Story. Die Zeit als veränderliche Konstante! Immer wieder subtile Änderungen, die erneut subtile Änderungen verursachen, einfach Klasse!

Thomas Franke – Der Plan

Hm, eine Persiflage auf Gesundheits- und Regulierungswahn? Ich habe irgendwie keinen Zugang gefunden.

Andreas Eschbach – Acapulco! Acapulco!

Eine Roboterstory, eine tolle! Ich hatte ein Problem hineinzufinden, aber als dann drin war, hatte sie mich gepackt. Eine logische Fortsetzung von Asimovs Gedanken, toll. Mit 16 A4 Seiten der längste Beitrag in diesem Magazin.

Frank W. Haubold – Feenland

Eine Story, die alles hat: eine glückliche/unglückliche Liebe, Verschwörungen, Action – einzig, sie könnte ausführlicher sein. Hier wird mir etwas zu viel berichtet statt erlebt. Das tut der Story etwas Abbruch. Der Stoff reicht für eine Novelle, wenn nicht gar für einen Roman! Gut gemacht!

Bleibt noch die Galerie von Markus Vogt. Überwiegend tolle Bilder. Wobei für mich eindeutig die Bilder, die Landschaften/Raumschiffe zeigen als die eindrucksvolleren zu bewerten sind. Die Bilder mit Menschen, die sich z. T. verwandeln haben für mich zu starke nekrophile Züge, das ist einfach nicht mein Fall.
Auch die restlichen Innenillustrationen der anderen Künstler sind den ein oder anderen Hingucker wert.
Alles in allem eine gelungene Ausgabe, in der ich auch gerne mit einer Story vertreten gewesen wäre. Warum war das nicht der Fall? Vermutlich, weil ich keine hingeschickt habe…

Fünf von fünf möglichen Sternen!

Wertung-5-Sterne

Exodus Magazin 34, ISSN 1860-675X, herausgegeben von René Moreau, Olaf Kemmler, Fabian Tomaschek, 12,90 €, zu beziehen über www.exodusmagazin.de.

Rezension: “In die Finsternis” von Scott McLeary


*Spoileralarm*

Schon das erste Kapitel, welches versucht wurde, geheimnisvoll zu halten, hat im Groben schon den Schleier der Idee zu weit gehoben, als dass sie später im Buch überraschen konnte.

Noch ehe man erfährt, dass etwas nach dem Meteoriteneinschlag von vor 66 Millionen Jahren unter der Erde überlebt hat, durchlebt man den zweiten Weltkrieg aus der Perspektive eines Französisch/Amerikanischen pre-A-Teams welches ähnlich wie die Vorlage der 80er Jahre funktioniert. Nur ohne Murdock – schade eigentlich.

Das Spezial-Team bekämpft auf Französischen Grund die Nazis während der Besatzung Frankreichs. Eine Naziexpedition verfolgt unabhängig davon ein rotes X auf einer Karte, welche ihnen zugespielt wurde.

Immer wieder mal gibt es kurze Rückblicke und die ersten 40 Seiten holpern und stolpern – insbesondere in den doch recht hölzernen und den Leser aufklärenden Dialogen.
Z.B. fragt einer dem Colonel kurz vor dem Ziel „Was machen wir hier?“ Danach wird erklärt. Hätte geschickter sein können. Generell überzeuge die wenigsten Dialoge, jedem aber Schwächen anzukreiden wäre völlig falsch.

Es gibt viele Klischees, die frei bedient werden und leicht den Geschmack von Füllmaterial haben.
Ab (E-Book)Seite 82, im 26. Kapitel, wird es dann endlich spannend. Mag aber auch daran liegen, dass mich der zweite Weltkrieg in keinster Weise interessiert. Schließlich sollte es hier doch um SF gehen.

Als das Team schließlich das Tagebuch eines Wissenschaftlers findet und dieses vorliest, hatte ich als Leser eher das Gefühl, hier eine Pre-Version des vorliegenden Buches zu lesen. Sehr literarisch geschrieben und auch mit Spannungseffekten gefüllt – aber als ‘Tagebuch’ unglaubwürdig.

Gegen Ende wird der erste Teil durchaus interessant: Ein Monster mit unglaublich vielen Klingen und Krallen metzelt sich durch Heerscharen an wimmernden Nazis und greift natürlich auch das A-Team an, welches dann aber von einen Überlebenden der Vorgeschichte gerettet wird. Glück gehabt.

Es wird in Form eines Rückblickes ein wenig aus der Geschichte des Fremden erzählt. Auch da gab es (natürlich) Krieg. Merkwürdig war nur, dass diese Lebensformen von vor rund 65 Millionen Jahren ebenfalls denn Ausruf „Oh mein Gott“ und andere typisch menschliche Ausdrucksweisen kennen – wieder ungeschickt.

Aber der SF-Teil kommt ab hier nun endlich nicht mehr zu kurz.
Im letzten Teil des Buches kommt die Geschichte des Meteors dazu und auch – ein Zwerg.
Ja, ein Zwerg in der optischen Erscheinung eines „Gray-Aliens“.
Dieser erfreut sich daran Schaden auszuteilen. Seine Motivation steht der eines Schulhofschlägers in nichts nach und auch in seiner inkonsequenten Logik bleibt er der Vorlage des Hauptschulbullys treu.
Der Zwerg sabotierte einst die Versuche, den Meteor aufzuhalten und erfreut sich der sterbenden Zivilisation – wie er es schon oft getan hat. Ein fieser Sadist.
Ein wenig wütend wird er, wenn die Sterbenden sich weigern ihr – vom ihm geschaffenes – Schicksal zu akzeptieren und fungiert weiterhin als Saboteur zu Zwecken seiner eigenen Genugtuung. Immer wieder versetzt er sich in Stasis, lässt sich kurz aufwecken und beobachtet die Entwicklung der Menschheit, nachdem der Schaden des Meteors verklungen war.
Er lässt es sich nicht nehmen, einzelne Menschen zu entführen und zu foltern. Natürlich ist mir als Leser vollkommen klar, welcher Bezug hier gezogen wird und diese Idee ist in der tat ehrlich originell – und dennoch aberwitzig.

Grundsätzlich war das Buch unglaublich anstrengend zu lesen. Man muss sich vermutlich darauf einlassen, oder Fan eines solchen Genres sein. Ich denke sehr wohl, dass es viele gibt, die genau auf solche Geschichten abfahren. Der Endfight war okay, die Lösung sogar originell.

Die letzten Seiten, gut als Epilog hinnehmbar war ein wenig aufgedrückt aber auch völlig okay.

Es blieben im Grunde auch keine Fragen offen, auch wenn vieles ein wenig merkwürdig schien, so wurde alles nachvollziehbar erklärt – mehr oder weniger. Es bleibt allerdings wohl kein Buch, das lange im Gedächtnis bleibt.

Fazit: Schleppend, aber für Genrefans auf jeden Fall nett. Mir hat es aber nicht gefallen.

Wertung-3-Sterne

epubli 2015, ISBN: 978-3737542388, erhältich als E-Book für EUR 2,99 z.B. bei Amazon

Rezension: “Zeit für die Schicht” von Norbert Fiks

Zeit für die Schicht
Norbert Fiks ist kein Unbekannter in der deutschen SF-Szene. 2014 veranstaltete er in Leer die Veranstaltung „Hinterm Mond“, auf der namhafte deutsche SF-Autoren (Gewinner des DSFP) aus ihren Werken lasen. Nun hat Norbert seinen ersten Band mit Kurzgeschichten im Selbstverlag auf den Markt gebracht. Grundsätzlich stehe ich ja dem Selfpublishing sehr skeptisch gegenüber, bei Norbert musste ich eine Ausnahme machen, allein schon deshalb, weil auch ich auf besagter Veranstaltung lesen durfte. Außerdem fühle ich mich ihm seit damals freundschaftlich verbunden.
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