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Interview mit Marcus Hammerschmitt

Marcus Hammerschmitt ist mit Sicherheit einer der interessanten deutschen SF-Autoren der Gegenwart. Mit seinen oft anspruchsvollen Erzählungen und Romanen greift er aktuelle Fragestellungen auf und projiziert sie in eine Realität abseits der unsrigen. Wir haben mit ihm u. a. über Wissenschaft, die Maya und Ostdeutschland gesprochen.

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Interview: Jens Lubbadeh

Jens Lubbadeh (Credit: Christina Körte/Random House)

dsf: Hallo Jens. Zuallererst möchte ich mich für deine Bereitschaft bedanken, mir für ein Interview zur Verfügung zu stehen.

Wer ist Jens Lubbadeh? Gibst du uns einen kleinen Überblick über deine Vita? Hast du Kinder?

Lubbadeh: Hallo, ich freue mich auch über das Interview. Ich lebe seit knapp 20 Jahren in Hamburg (trotz des Wetters), bin 44 Jahre alt und arbeite seit vielen Jahren hauptberuflich als Wissenschaftsjournalist. Kinder habe ich noch keine.

dsf: Wählen wir einen etwas ungewöhnlichen Einstieg: Wie hältst du es mit dem Helm beim Radfahren?

Lubbadeh: Ich denke, wir sollten den Lesern kurz diesen Einstieg erklären: „Neanderthal“ spielt in einem zukünftigen Deutschland, das von Gesundheit und Selbstoptimierung besessen ist. Niemand will mehr ein Risiko eingehen, vor allem nicht beim eigenen Nachwuchs. Ungeborene Kinder werden auf Krankheiten gescannt und genetisch optimiert, lebende Kinder überbehütet. Das haben wir ja jetzt schon: Helikoptereltern, die ihre Kinder im SUV bis vor die Schultür fahren, ihnen die Ranzen in die Klasse tragen und ihre Kinder permanent per Smartphone überwachen. Mit dem Fahrradhelm spielst du auf eben genau diese Nullrisiko-Mentalität an. Nun aber zu deiner Frage: Ich weiß, dass es vernünftig wäre, einen zu tragen, vor allem, weil ich viel Rad fahre. Aber ich gestehe: Ich trage keinen Helm. Das hat zwei Gründe: Erstens ist es in Hamburg oft kalt und regnerisch und man kann Helme schlecht mit Mützen kombinieren. Die sind mir schlicht zu kalt. Und zweitens: Fahrradhelme sind hässlich und unpraktisch im Anketten.

dsf: Erzählst du uns etwas über deinen Werdegang? Ich meine, du bist mir in der SF erstmalig aufgefallen, als du deinen Roman “Unsterblich” veröffentlicht hast. Wie bist du zur SF gekommen?

Lubbadeh: Ich bin in Rom geboren – mein Vater war Diplomat und meine Eltern sind daher viel gereist. Aufgewachsen bin ich aber im beschaulichen Städtchen Gießen, in Hessen. Ich habe dann im noch beschaulicheren Tübingen Biologie studiert und bin dann nach Hamburg gezogen, weil ich Journalist werden wollte.

Sci-Fi habe ich schon immer geliebt und viel gelesen und gesehen, das ging schon im Kindesalter los. Sehr zum Verdruss meiner Mutter 😉

dsf: Warum gerade SF? Ich meine, es gibt immense andere Literaturströmungen. Den Mainstream beispielsweise. Was hebt für dich die SF von den anderen Strömungen ab?

Lubbadeh: Ich sehe das etwas anders. Scifi ist nach meinem Empfinden sehr im Mainstream verankert und das ist auch gut so. Das Problem ist nur, dass sie vor allem in Deutschland von den Wächtern der Hochliteratur nicht akzeptiert wird, was ich sehr ärgerlich finde, weil sie so wichtig ist – Qualität und Schrott gibt es in jeder Literaturgattung, da sollte man nicht so tun, als sei das ein gattungsimmanentes Problem. „1984“ ist ein Klassiker der Weltliteratur, ein Schlüsselroman des 20. Jahrhunderts „The Circle“ von Dave Eggers war ein Welterfolg und ist in meinen Augen der wichtigste Scifi-Roman der letzten Zeit, das 1984 unserer Zeit sozusagen. Und Hollywood plündert seit Jahren das opulente Werk von Philip K. Dick für große Produktionen. Mehr Mainstream geht doch nicht.

Warum nicht Scifi? Ich liebe Gedankenexperimente, stelle mir oft Was-wäre-wenn-Fragen, liebe es, fantasievoll über die Zukunft der Welt und der Menschheit nachzudenken.

dsf: Auf Spiegel online ist vor einiger Zeit (Herbst 2017) ein Artikel erschienen, in dem gesagt wird, dass es heutzutage Eskapismus sei, SF nicht zu lesen. Begründet wird das damit, dass dies die einzige Literaturgattung ist, die sich mit den Problemen der Zukunft befasst, bevor sie entstanden sind. Wie siehst du das? Ist es wirklich die Extrapolation oder werden nicht vielmehr häufig unsere Probleme der Jetztzeit lediglich verfremdet dargestellt?

Lubbadeh: Das sehe ich genauso. Indem Science-Fiction mögliche Zukunftsszenarien extrapoliert, schärft sie unseren Blick für die Gegenwart, zwingt uns zum Nachdenken und Diskutieren über den Status Quo und macht uns bewusst, dass wir die Zukunft machen und nicht die Zukunft gemacht wird. Wir haben es in der Hand, wo wir als Gesellschaft hinsteuern und ob wir dorthin steuern wollen.

Manchmal werden Probleme der Jetztzeit tatsächlich in der Scifi verfremdet dargestellt. Das finde ich aber in Ordnung, es kann ja helfen, Berührungsängste und Tabus zu überwinden, insbesondere in unfreieren Gesellschaften kann die Scifi da ein wichtiges Medium sein.

dsf: Wie läuft denn dein Arbeitstag ab? Haben wir uns das so vorzustellen, dass du regelmäßige Stundeneinteilungen am Tag hast? Gönnst du dir ein freies Wochenende?

Lubbadeh: Ich bin freiberuflicher Journalist. Wenn ich kein Buch schreibe, dann recherchiere und schreibe ich Artikel zu Themen aus Wissenschaft, Technik und Medizin für Magazine, Zeitungen und Online-Portale. Das ist auch meine Haupt-Ideenquelle für meine Romane.

Wenn ich ein Buch schreibe, mache ich nichts anderes nebenher. Ich orientiere mich da an der Arbeitsweise von Stephen King und setze mir ein Tagessoll von etwa 1000 bis 2000 Wörtern. Wenn ich das geschafft habe, ist Feierabend. Ich brauche diese Disziplin. Würde ich jeden Tag darauf warten, dass die Muse mich küsst, würde ich Jahre für ein Buch brauchen – und überhaupt immer wieder aus der Konzentration kommen und jede Gelegenheit zur Prokrastination nutzen. Aber natürlich gibt es solche und solche Tage. Manchmal schafft man mehr. Manchmal schafft man weniger. Wichtig ist, dass man gütig ist mit sich.

Ich gönne mir freie Wochenenden, aber es ist tatsächlich schwierig, am Montag wieder in diese Konzentration und in diese Schreibstimmung zu kommen. Ein Plot wird ja immer komplexer, man muss den Überblick behalten über die Handlung, die Figuren, im Kopf behalten, wer gerade wo in seiner Entwicklung steht. Nach einer Auszeit, und sei es nur das Wochenende, muss man sich da jedesmal wieder reinarbeiten und vor allem reinfühlen.

dsf: Wie lange sitzt du durchschnittlich an der Recherche/Planung eines Buches? Und wie viel Zeit benötigst du im Vergleich dazu dann mit dem Niederschreiben?

Lubbadeh: Die Recherchen mache ich meistens schon im Zuge meiner journalistischen Arbeit. Für das Schreiben meiner beiden letzten Bücher habe ich jeweils etwa sechs Monate gebraucht. Aber die Entwicklung des Exposés, des Plots, die Nachbearbeitung, Lektorat, Korrekturen brauchen auch viel Zeit. Vielleicht noch einmal zwei Monate.

dsf: Kannst du dir deine Projekte frei wählen? Oder musst du, wie Verschwörungstheoretiker in der Szene gerne kolportieren, „Auftragsarbeiten“ für den Verlag erledigen?

Lubbadeh: Ja, kann ich. Aber natürlich spreche ich mit meiner Agentin und meinem Lektor über die Ideen und Exposés. Dabei kommen oft noch gute Ideen mit rein.

Aufträge hatte ich noch nicht, weiß aber, dass es das gibt. Ich finde das aber nicht verwerflich. Wenn mich das Thema reizen würde – warum nicht?

dsf: Wie projektierst du deine Romane? Ich meine, es gibt ja so viele verschiedene Herangehensweisen an das Schreiben eines Buches. Manche Autoren machen sich einen ausführlichen Szenenplan, andere fangen einfach an und schreiben drauflos. Wie machst du das?

Lubbadeh: Bei „Unsterblich“ hatte ich mich an Stephen King orientiert, der die Position vertritt, die Geschichte über die Figuren entwickeln zu lassen. Ich hatte anfangs nur einen groben Plan. Dann habe ich aber ziemlich schnell gemerkt, dass das wirklich schwierig ist. Für einen erfahrenen Autoren wie King mag das funktionieren, für einen Neuling ist es schwer, sich ganz ohne Karte in der Wildnis zurechtzufinden. Ich habe dann angefangen, einen Szenenplan zu machen, mir aber trotzdem noch die Flexibilität vorbehalten, jederzeit Änderungen vorzunehmen, falls sich irgendwas nicht stimmig anfühlte. Bei „Neanderthal“ bin ich gleich so vorgegangen, aber noch viel mehr Augenmerk auf die Figuren gelegt. Ich denke, jeder Autor muss herausfinden, was für ihn am besten funktioniert.

dsf: Gibt es wirklich die Verlagsvorgaben, was die Seitenzahlen (Stichwort Ziegelstein) eines Romans angeht oder ist das ein modernes Märchen?

Lubbadeh: Habe ich so nicht erlebt. In der Kalkulation des Umfangs war ich völlig frei.

dsf: Gibt es auch Kurzgeschichten aus deiner Feder?

Lubbadeh: Noch nicht, aber ich würde gerne welche schreiben. Ich habe ständig neue Ideen, bei manchen bin ich aber nicht sicher, ob sie für ein Buch tragen würden – die könnte man in einer Kurzgeschichte ausprobieren.

dsf: Was macht Jens Lubbadeh in seiner Freizeit? Liest er auch andere Autoren? Falls ja, welche? Und in welchem Umfang? Ich meine damit, es gibt Menschen, mich eingeschlossen, die lesen pro Woche mindestens ein Buch, wie sieht das bei dir aus?

Lubbadeh: Ich bin ein sehr neugieriger Mensch, interessiere mich für so ziemlich alles… außer vielleicht Formel 1 und Aktien. Ich reise gerne, liebe Wandern und Radfahren, bin gerne in der Natur, aber ich mag auch die Stadt und entdecke einfach gerne Neues. Klar lese ich viel, ich mag Dave Eggers, Khaled Hosseini, Paul Auster, William Gibson, Stephen King, T.C. Boyle, um spontan mal ein paar zu nennen. Mein Problem ist: Ich muss beruflich sehr viel lesen, Artikel, wissenschaftliche Veröffentlichungen. Daher brauche ich abends oft einfach einen Medienwechsel und lese nicht so viel wie ich eigentlich gerne würde.

dsf: Kommen wir zu deinem neuesten Werk: Neanderthal. Du kennst meine Rezension. Ich habe da als Manko die Charakterisierung deiner Bösewichte genannt. Was hat dich dazu bewogen, z. B. Eva-Marie Mercure so darzustellen?

Lubbadeh: Es freut mich, dass dir das Buch so gut gefallen hat! Ich wollte einen weiblichen Bösewicht, Mercure sollte aber auch menschliche, schwache Seiten haben. Sie ist Epileptikerin, ihre Krankheit versteckt sie, weil sie sich im gesundheitsoptimierten Deutschland keine Blöße geben will. Im Laufe des Buchs entwickelt sie sich, sie wird selbst zum Opfer und wechselt am Ende die Seiten.

dsf: Warum hast du den Kommissar so sang und klanglos aus der Handlung genommen? Ich hätte mir gewünscht mehr über ihn und vor allem seinen Umgang mit der Gesellschaft zu erfahren.

Lubbadeh: Das hat sich einfach so entwickelt. Nach und nach haben sich Max Stiller und Sarah Weiss als die wahren Hauptfiguren herausgeschält.

dsf: Bist du eigentlich schon einmal auf einer Con (Science Fiction Convention) in Erscheinung getreten? Ich habe dich nicht wahrgenommen. Evtl. als unauffälliger Besucher?

Lubbadeh: Nein, ich war nie Teil der Szene und empfinde mich selbst auch nicht als Scifi-Nerd. Wie ich schon sagte, sehe ich die Science-Fiction als wichtigen Teil unserer Kultur und finde, dass sie omnipräsent ist.

dsf: Viele Menschen begegnen mir mit der These: Wenn ich mal viel Zeit habe, so als Rentner, dann schreibe ich auch ein Buch. Ideen habe ich ja genug. Ich entgegne dann immer: Die Zeit ist nicht der Faktor. Andere Menschen haben auch Hobbies, die sie täglich bedienen, die Zeit kann man auch in ein Buchprojekt stecken. Ich muss vielmehr etwas zu erzählen haben. Was würdest du einem angehenden Autor raten, wie sollte er vorgehen?

Lubbadeh: Mich hat Stephen Kings Buch „On Writing“ sehr inspiriert und motiviert. Ich würde jedem angehenden Autor raten, es zu lesen (auch wenn er Kings Romane nicht mag). Sein autobiographisches Buch darüber, wie er schreibt und wie er das Schreiben sieht und empfindet, ist sehr hilfreich und gültig für alle Autoren.

King sagt: “You got to talk the talk and walk the walk”. Irgendwann einmal ein Buch schreiben zu wollen ist das Eine. Es zu tun, das andere. Ein Buch zu schreiben, ist viel Arbeit und erfordert viel Disziplin und Durchhaltevermögen. Vielleicht ist dafür nicht jeder gemacht. Aber tatsächlich sehe ich es auch so, dass man als Autor die Motivation in sich verspüren muss, etwas zu erzählen zu haben. Ein Buch nur aus Selbstzweck zu schreiben, halte ich für reine Egobefriedigung.

dsf: Wie weit ist dein Vorlauf? Wie viele Bücher sind bereits fertig, wenn eines erscheint? Schreibst du an einem weiteren Buch?

Lubbadeh: Ich habe bereits eine konkrete Idee für das dritte Buch. Und eigentlich auch schon Ideen für Buch 4 und 5. Ich habe noch viel vor….

dsf: Kannst/darfst du uns einen Ausblick geben, was wir in naher Zukunft aus deiner Feder zu erwarten haben?

Lubbadeh: Ich finde die Kombination Journalist/Schriftsteller sehr spannend und in beiden Richtungen sehr befruchtend. Als Journalist bin ich am Puls der Gegenwart, der Schriftsteller in mir macht sich Gedanken darüber, wie diese Aktualität sich in die nahe Zukunft übersetzen könnte. Umgekehrt hat das belletristische Schreiben mein journalistisches Schreiben bereichert. Ich schaue mehr auf die Geschichte, auf Dramaturgie und die Personen. Wenn weiterhin alles gut läuft, wird es von mir hoffentlich noch viele weitere Wissenschafts-Scifi-Thriller geben. Aber ich bin offen für alles. Vielleicht habe ich ja mal Lust, einen Horror-Roman zu schreiben? Oder ein Theaterstück? Wer weiß….

dsf: Ich vergleiche das Schreiben eines Buches gerne mit der Zeugung und Geburt eines Kindes. Der Beginn ist wunderschön, zum Ende hin wird es immer beschwerlicher und der Schluss ist häufig Schmerz pur. Dann kommt die plötzliche Erleichterung und der Autor fällt in ein Loch. Kannst du dich in dieser Beschreibung wiederfinden?

Lubbadeh: Ich habe noch kein Kind gezeugt, kann diese Analogie also nicht überprüfen. Ich starte gerne in eine neue Geschichte. Der Schreibprozess selbst hat viele Höhen und Tiefen, jeder Tag ist anders. An jedem Morgen beginnt der Kampf gegen das weiße Blatt Papier, gegen die Angst in einem, die fragt: Oh Gott, was soll ich jetzt tun? Wie geht’s jetzt weiter? Oder gar: Kann ich das überhaupt? An anderen Tagen flutscht es wie von selbst und abends bin ich voller Euphorie und befriedigt, etwas Gutes geschafft zu haben.

Prinzipiell ist der Moment, wenn man das Manuskript zuende geschrieben hat, ein sehr schöner, ich verspüre dann tiefe Befriedigung und Stolz. Also würde ich für mich sagen: Der Anfang ist schön, die Mitte eine Achterbahnfahrt und das Ende fühlt sich wieder gut an. Eigentlich wie das Leben selbst, oder?

dsf: Wie gut bist du in der Szene vernetzt? Ich meine, ist Jens Lubbadeh eher ein Einzelkämpfer oder gibt es da Zusammenkünfte mit anderen Autoren, quasi ein Austausch/Brainstorming?

Lubbadeh: Ich stehe in Kontakt mit anderen Autoren, meine Literaturagentur macht jedes Jahr ein Sommerfest, da lernt man viele Kollegen kennen. Auf der Buchmesse habe ich außerdem andere Autoren vom Heyne-Verlag kennengelernt. Das ist ein sehr nettes Miteinander und der Austausch total fruchtbar. Autoren sind eine nette Spezies, finde ich.

dsf: Gibt es Zeiten, in denen du eine Schreibblockade hast? Ich kenne zum Beispiel Situationen, in denen ich zwar weiß, wie die Geschichte weitergehen soll, ich aber einfach nicht die Worte finde, dies zu schreiben. Nun ist das bei mir unspektakulär, ich kann den Text dann einfach mal Wochen oder Monate liegen lassen. Wie gehst du mit solchen Situationen um?

Lubbadeh: Eine richtige, wochenlange Blockade hatte ich noch nicht. Aber es gibt Tage, wo einfach kaum was rauskommt. Ich zwinge mich dann dennoch zum Schreiben. Was hilft, ist, morgens vor der Arbeit die sogenannten Morgenseiten zu schreiben – einfach wahllos drei Seiten zu füllen, mit irgendwas, mit allem, was einem in den Sinn kommt. Das entleert den Geist von Müll und Banalem und macht die Synapsen warm für den eigentlichen Schreibprozess.

dsf: Könntest du dir auch Projekte mit anderen Autoren vorstellen? Ich stelle mir das schwierig bis unmöglich vor, will ich doch immer meine Ideen umsetzen und nicht die der anderen. In der Szene gibt es aber genügend Beispiele. Angefangen vom Schreiben nach Exposé bis hin zu echten Kooperationen zwischen zwei oder mehr Autoren. Wie siehst du so ein Projekt?

Lubbadeh: Ja, kann ich mir vorstellen. Aber die Chemie muss stimmen und die Herangehensweise und die Schreibstile müssen einigermaßen kompatibel sein. Der Leser sollte nicht das Gefühl haben, dass das Buch stilistisch auseinanderfällt.

dsf: In der Literatur gibt es genügend Beispiele, dass das Alterswerk eines Autors nicht mehr die Qualität hat, die der Autor auf dem Höhepunkt seines Schaffens hatte. Stellvertretend seien hier nur Karl May, Robert Heinlein oder Isaac Asimov erwähnt. Hast du vor einer solchen Entwicklung Angst? Ich hoffe darauf, dass man mich darauf hinweist, wenn es so weit ist. Wie siehst du das?

Lubbadeh: Also, ich habe ja gerade erst als Schriftsteller begonnen. Über sowas kann man sich Gedanken machen, wenn man viele Jahre im Geschäft ist und einiges geschafft hat.

dsf: Wie siehst du überhaupt dein Schaffen? Gibt es da Personen deines Vertrauens, die dir ehrlich ihre Meinung sagen? Oder gibt es da kein Korrektiv?

Lubbadeh: Klar, die gibt es. Freunden und Kollegen gebe ich Sachen zu lesen, schon während des Schreibprozesses. Dennoch haben die einen Bias, weil diese Leute dir persönlich wohlgesonnen sind und sich womöglich mit Kritikpunkten zurückhalten. Am besten wäre es, Fremden vorab das Manuskript zu zeigen. Ich suche noch nach geeigneten Personen.

dsf: Wenn ich einen Text fertiggestellt habe, bin ich in der Sekunde des Abschlusses euphorisch. Endlich geschafft …, und überzeugt davon, etwas absolut geniales verfasst zu haben. In der Sekunde danach kommt dann immer der Absturz, die Selbstzweifel. Ich überlege dann, ob das Werk überhaupt jemals das Licht der Öffentlichkeit erreichen darf, weil ich mir urplötzlich aller Schwächen bewusst werde (ob berechtigt oder nicht sei mal dahingestellt). Kennst du solche Zustände auch und falls ja, wie meisterst du sie?

Lubbadeh:. Im Moment des Abschlusses bin ich auch euphorisch. Für genial halte ich mich nicht, aber in der Regel bin ich sehr stolz auf mein Schaffen. Die Selbstzweifel habe ich natürlich auch, die sind immer wieder da, mal mehr, mal weniger. Ich denke, als Autor muss man das aushalten lernen, das gehört dazu. Und wenn du den Schritt in die Öffentlichkeit machst, muss dir klar sein, dass es immer Leute geben wird, die es nicht mögen werden, was du geschrieben hast. If you can’t stand the heat, get out of the kitchen. Sonst macht man sich nur kaputt.

Mein Vorteil ist: Von meiner journalistischen Arbeit her bin ich Kritik und Öffentlichkeit gewohnt. Aber klar, ein Roman ist nochmal was anderes als ein Artikel, er ist persönlicher, in ihn sind mehr Arbeit und Herzblut geflossen, da ist man verletzlicher.

dsf: Die SF-Literatur scheint sich im Niedergang zu befinden. In anderen Medien (Film, Computerspiel) ist eher das Gegenteil der Fall. Warum ist das deiner Meinung nach so? Ist es überhaupt so?

Lubbadeh: Die SF-Literatur befindet sich nicht im Niedergang. Das Problem, was ich sehe: Ihre Akzeptanz ist in Deutschland leider gering. In den USA ist das anders.

dsf: Es gibt mehrere deutsche SF-Literaturpreise, die in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit ein Schattendasein frönen. Gibt es deiner Meinung nach Möglichkeiten, das zu ändern?

Lubbadeh: Am liebsten hätte ich es, wenn es solche Genre-Preise gar nicht nötig hätte. Es sollte Literaturpreise geben und die sollten nicht nach dem jetzigen Klassensystem nur vermeintlicher Hochliteratur verbehalten sein, sondern jeglicher Literatur.

dsf: In diesem Zusammenhang: Dein aktuelles Buch „Neanderthal“ wird als Thriller und nicht als SF angeboten. Ist es wirklich in der Literatur „verkaufsschädigend“, wenn auf einem Buch das Label SF erscheint? In anderen Medien (Film/Computerspiel) scheint mir das eher ein Gütesiegel zu sein.

Lubbadeh:  Verkaufsschädigend würde ich nicht sagen, ich denke, das ist eher eine Vertriebsentscheidung des Verlags, für welche Leserschichten das Buch passen könnte. „Neanderthal“ ist ein Mix aus Science-Fiction, Thriller, Krimi und richtet sich nicht nur an Science-Fiction-Liebhaber. Das können auch Thriller- und Krimi-Freunde gut lesen, daher steht wohl Thriller drauf.

dsf: Lieber Jens, ich möchte mich an dieser Stelle recht herzlich für das Interview bedanken.

Zu diesem Artikel gibt es einen Diskussionsthread im SF-Netzwerk.

Interview: Bernd Behr und die Storys in c’t

Bernd Behr ist vielen Insidern der Szene gut bekannt: Jahrzehntelang war er beim c’t-Magazin für die Story-Rubrik zuständig, d.h. er war Ansprechpartner für all die Autoren, die SF-Kurzgeschichten im c’t-Magazin unterbrachten – wohlgemerkt gegen ordentliches Honorar und in hoher Auflage, was im deutschen Sprachraum so ziemlich einzigartig ist. Nun ist Bernd Behr in den Ruhestand gegangen – höchste Zeit, ihm einige Frage zu seiner Tätigkeit zu stellen.

dsf: Lieber Bernd, hast Du eigentlich irgendeine Ahnung, wie viele
eingesendete Storys Du in der ganzen Zeit gelesen hast? Und wieviele
Jahre waren diese “ganze Zeit” insgesamt eigentlich?

bb: Gefühlt an die zehntausend in genau 30 Jahren. Aber ich habe mal überschlagen, dass wir mehr als 500 Storys seit November 1987 in c’t veröffentlicht haben müssen. Bei einem geschätzten Verhältnis von eingehenden Manuskripten und tatsächlich gedruckten von 10:1 müsste ich dann etwa 5000 Manuskripte gelesen haben.

dsf: Wie fing das alles eigentlich an? Wie kamt ihr auf die Idee,
ausgerechnet in einer Computerzeitschrift Kurzgeschichten abzudrucken?

bb: Die Idee hatte einer der beiden Chefredakteure, Detlef Grell – selbst ein eingefleischter SF-Fan. Er hatte Kontakt zu ein paar Hannoverschen SF-Autoren, und wir trafen uns zu einer Besprechung mit Gero Reimann und Winfried Czech in einer Kneipe, wo bei einigen Bierchen das Projekt geboren wurde. Nachdem die Redaktionsleitung zugestimmt hatte, habe ich dann die Betreuung des Projekts übernommen. Es hatte natürlich nur eine Chance, indem wir uns von vornherein auf Story-Inhalte beschränkten, die mit IT zu tun hatten.

dsf: Gibt es eigentlich viel Feedback von den Lesern? Negativ kann es ja grundsätzlich nicht sein, sonst gäbe es die Rubrik sicher längst nicht mehr …

bb: In den ersten Jahren gab es häufiger positives Feedback, später, als die c’t-Story zur Selbstverständlichkeit wurde, nur noch selten. Kritik gab es eher versteckt, direkt an die Chefredaktion herangetragen. Als Folge davon wurde ich dann angewiesen, die Themeneinschränkung enger zu ziehen. Es hatten sich wohl einflussreichere c’t-Leser beschwert, dass Fiktion in einem technischen Magazin, das vorwiegend von Ingenieuren gelesen wird, nichts zu suchen habe.

dsf: Oft sind die Illustrationen zu den Geschichten nicht weniger
kreativ als die Texte selbst. Gehört das zum künstlerischen Gesamtkonzept?

bb: Absicht war, dass die Story-Aufmachung sich deutlich von den Fachartikeln unterschied. Die Illustratoren Susanne Wustmann und Michael Thiele waren schon für den Verlag tätig. So lag es nahe, sie mit Illustrationen für die Storys zu beauftragen. Die Zusammenarbeit mit den beiden war 30 Jahre lang sehr fruchtbar.

dsf: Die c’t ist eine der ganz wenigen Möglichkeiten für deutsche SF-Autoren, Kurzgeschichten gegen ein ordentliches Honorar zu veröffentlichen. Gibt es eigentlich Vorgaben für Einsendungen? Müssen Texte mit Computern, Games oder Robotern zu tun haben?

bb: Wie schon früher gesagt, ist die c’t ein knallhartes Technik-Magazin. Wenn schon Fiktion darin erscheint, muss sie wenigstens von den Magazin-Themen ableitbar sein. Das einzige Argument gegenüber den Kritikern. So hatte dann auch Computer-Fantasy selten eine Chance auf Abdruck.

dsf: Angenommen, ein eifriger Autor liest diese Zeilen und möchte unbedingt sein Werk einsenden. Ist das überhaupt erwünscht? Und, wenn ja: Wohin soll er es schicken und was passiert dann als nächstes?

bb: Es war und ist weiterhin erwünscht, und zwar am besten per E-Mail an story (at) heise.de. Auf jede Zusendung gab es mindestens eine Eingangsbestätigung, später meist auch eine Ablehnungsbegründung. Und mein Nachfolger in der Redaktion wird es wohl auch so halten.

dsf: Welche Anekdoten rund um die c’t-Kurzgeschichten kannst Du zum besten geben? Gab es besondere Highlights oder gar Lieblingsgeschichten?

bb: Die Erfolgreichste c’t-Story, was die Leserreaktionen betraf, war “Der Dialog der Schwestern” von Carsten Elsner. Darin ging es um RSA-Kodierung, und den Schluss der Story konnten die Leser nur entziffern, indem sie die RSA-Kodierung aufgrund der in der Story gelieferten Informationen knackten. Es kamen viele Zuschriften, die entweder erzählten, dass sie wieder aus dem Bett springen mussten, um das Rätsel zu lösen, oder die einfach nur baten, das Ende zu verraten. Einer der Leser hat sogar eine Internetseite mit einem Tool zur Dekodierung eingerichtet.

Auf eine Geschichte von Josella Playton in den 90er Jahren hin, gab es Aufregung im Verlag. Der Vorstand der Deutschen Bank hatte sich beim Verlagschef Christian Heise beschwert, und eine Rüge wälzte sich durch die Instanzen bis zu mir. In der Geschichte verabredeten sich einige Hacker auf den Servern der Deutschen Bank zu einer Straftat. Die Herren von der Bank entrüsteten sich darüber, dass man Mitarbeitern der Bank solches unterstellte. Von der Redaktion instruiert konnte unser Chef die Herren dann in die Abgründe der Vernetzung einführen. In den 90er waren die Chefetagen in dieser Beziehung noch ahnungslos.

dsf: Du hast jetzt im Ruhestand sicher eine Menge Zeit, sozusagen SF “außer Konkurrenz” zu lesen. Würdest Du Dich als SF-Fan bezeichnen? Zu welchen Romanen oder Autoren greifst Du?

bb: Ein richtiger SF-Fan bin ich wohl nicht, dafür lese ich zu wenig. In den 30 Story-Jahren war ich mit den Manuskripten SF-mäßig ausgelastet, darüber hinaus habe ich nur ein paar SF-Bestseller gelesen. Aber ich bin ein Mensch, der eher in die Zukunft blickt als zurück. Insofern ist das Weiterdenken dessen, was an technischem Wissen vorliegt, genau mein Ding. Was und wieviel ich im Ruhestand lesen werde – keine Ahnung. Auf jeden Fall muss es weiterhin ein einigermaßen realistisches Szenario bieten.

dsf: Vielen Dank für das Gespräch!

 

Zu diesem Interview gibt es einen Diskussionsthread im SF-Netzwerk.

 

Interview: Andreas Brandhorst

Foto Copyright Lutz Weil

Andreas Brandhorst muss man sicher nicht vorstellen. Als einer der wenigen deutschen Autoren, der SF-Romane in großen Verlagen veröffentlicht, hat er in den letzten Jahren zig Preise abgeräumt, zuletzt auch den Kurd-Laßwitz-Preis für den besten Roman des Jahres 2016 (“Omni”). Klare Sache, dass er auch deutsche-science-fiction.de exklusiv Rede und Antwort steht.

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Interview mit Cyborg

Cyborg, das sind vier beherzte Männer, deren Myokarde halb für Stahl und halb für Fleisch schlagen. Gerade sind sie voll am Durchstarten: z. B. auf der Wacken Warmup-Party in Bremen (siehe auch unseren Artikel). Das Interessante dabei: Frontmann Micha schreibt Texte, die als Klappentext auf einem SF-Roman stehen könnten. Und noch besser: es sind deutsche Texte! Grund genug also, ihnen mal ein paar Fragen zu stellen. Los geht’s:

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News von Perry

Machen wir sonst nicht, hier aber mal ausnahmsweise ungefiltert die News vom PR-Team zu den neuen NEO-Bänden (134 & 135) sowie zur NEO Platin Edition …

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Interview mit Anja Kümmel

Anja, du hast bis dato ein sehr bewegtes Leben. Erzähl uns doch zuerst von deinem Studium in Los Angeles, Madrid und Hamburg. Welche Stadt war am schönsten für dich? Und was sind die Aufgaben einer Gender-Expertin?

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Interview: Gabriele Nolte

gabriele nolteZu Gabriele Noltes erfolgreichem, bei Amazon erschienenen Roman Blumen vom Mars haben wir vor kurzem eine Besprechung gepostet. Eine erfolgreiche Selbstverlegerin in der deutschen SF, die ansonsten in der Szene unbekannt ist – Grund genug für ein Interview hier bei dsf.

dsf: Hallo Gabriele, ich freue mich, dass du dich zu einem Interview bereit erklärt hast. Sagst du uns in ein zwei Sätzen kurz etwas zu deiner Vita?

Ich komme aus Bielefeld, der Stadt, die gar nicht existiert, wenn man den Verschwörungstheoretikern glaubt. Wahrscheinlich prädestiniert einen das für das Schreiben über mögliche Varianten unserer Zukunft. Danach ging es erst einmal realistischer weiter: Schule und Studium in Deutschland und Amerika, viele Jahre Management in der Bau-, Immobilien-, und Hotelbranche, mittlerweile selbständig als Unternehmensberater.

dsf: Dann fangen wir mal mit deinem Roman „Blumen vom Mars“ an. Zuerst mal ein paar organisatorische Sachen. Wann ist er denn jetzt erschienen, 2015 oder 2016? Bei amazon steht 2016, es gibt aber eine Rezension aus 2015.

Ach ja, eigentlich wäre es korrekt zu sagen, daß er 2016 erschienen ist. Aber eine erste Version habe ich tatsächlich im Dezember 2015 bei Amazon hochgeladen – gewissermaßen als Weihnachtsgeschenk für mich selber.

dsf: In der SF-Szene gibt es viele hervorragende Cover-Künstler, die ihre Werke zum Teil auch unentgeltlich zur Verfügung stellen. Du scheinst das Cover selber gestaltet zu haben. Nimm es mir nicht übel, aber es scheint mir nicht sonderlich verkaufsfördernd zu sein. Wie kam es zu diesem Cover?

Dafür fällt es aber unter der Menge der sogenannten professionellen Cover auf, die meiner bescheidenen Ansicht nach inzwischen auch alle gleich aussehen. Ich wollte einfach nicht noch einen weiteren im All schwebenden Planeten mit oder ohne Rakete auf dem Cover sehen und nur von Männern gelesen werden. Da bin ich eben eigen. Und deshalb gibt es dieses sehr gewöhnungsbedürftige Cover mit in Stein gemeißelten Pflanzenresten. Hat aber wie gesagt den Vorteil, daß auch weibliche Leser darauf hereinfallen.

dsf: Mich erstaunte die Professionalität des Textes, das ist bei Selfpublishing die Ausnahme. Gab es hier einen Lektor?

Nein. Ganz platt gesagt: Ich finde, entweder man lernt im Laufe seines Lebens so zu schreiben, daß man seine Leser bei der Stange hält, oder man lernt es nicht. Und ich habe in der harten Schule der betrieblichen Aktennotiz gelernt, nach dem Prinzip: „Sie haben dreißig Sekunden, um meine Aufmerksamkeit zu erregen, und wenn Sie das geschafft haben, gebe ich Ihnen nochmal drei Minuten, um mich zu überzeugen. Ansonsten dürfen Sie unverrichteter Dinge hinter Ihren Schreibtisch zurückkriechen.“

dsf: Warum hast du überhaupt den Weg des Selfpublishing gewählt? Es gibt eine Vielzahl von Kleinverlagen, die sich um gute Titel geradezu reißen. Warum bist du nicht bei einem von denen gelandet?

Das ist der Lektorin eines großen deutschen Verlages zu verdanken, die zu meinem ersten SF-Roman „Alphacode“ bemerkte, daß ein Autist und ein Virus in einem Roman ja wohl ein bißchen zuviel sei. Danach habe ich die traditionelle Verlagswelt für mich abgeschrieben. Ich sehe auch nicht ein, weshalb ich Lebensläufe (am besten handgeschrieben), Zusammenfassungen (bitte ohne Cliffhanger!) und zehnseitige Leseproben mit der Schneckenpost an einen Verlag schicken und dann drei Monate auf Antwort warten soll, während ich ein komplettes Buch bei Amazon in einer halben Stunde mit allen Informationen hochgeladen habe, und ab dann täglich und sogar stündlich über die Verkäufe informiert werde. Außerdem kann man sich an der größten Leihbibliothek der Welt beteiligen, und bekommt die gelesenen Seiten seiner Bücher ebenfalls tagaktuell gemeldet (und bezahlt). Ganz abgesehen vom Honorar ist es einfach ein gutes Gefühl, morgens zu sehen, daß über Nacht wieder einmal fünftausend Seiten gelesen wurden. Für mich ist das die beste Therapie gegen Schreibblockaden.

Ich halte also nicht viel von traditionellen Verlagen, egal wie groß oder klein. Für mich sind sie alle angezählt. Es amüsiert mich nur immer, wenn der Hauptpreis bei einem deutschen Ebook-Wettbewerb ein Vertrag bei einem angestaubten Altverlag ist. Irgendwie widersinnig, aber eben auch zum Schreien komisch.

dsf: Verrätst du uns die Höhe der verkauften Auflage?

Einige tausend bis jetzt. Eine Auflage im klassischen Sinn, deren Restanten dann im Supermarkt verramscht werden, gibt es ja im E-publishing und bei Print on Demand nicht.

dsf: Wie viele Anschläge (mit Leerzeichen) hat dein Buch und wie lange hast du für das Verfassen benötigt?

O je, interessiert das jemanden? Also gut: rund 660.000 Zeichen oder 103.000 Wörter. Das tatsächliche Schreiben hat knapp drei Monate gedauert, die Entwicklung der Geschichte allerdings schon ein bißchen länger.

Gabriele Nolte - Blumen vom Marsdsf: Woher stammt die Idee zu Blumen vom Mars? Es macht auf mich den Eindruck, dass dir vor allem die Auseinandersetzung der arabischen mit der westlich orientierten Kultur am Herzen liegt. Wie kam es dazu, das in einen SF-Roman umzusetzen?

Die Idee geht zurück auf die Leseerfahrung des inzwischen klassischen Dreibänders über die Mars-Besiedlung von Kim Stanley Robinson. Irgendwas hat mir an diesem Mammutwerk gefehlt, vielleicht die zu wenig lebendigen Figuren, vielleicht die fehlende Gegenüberstellung mit der alten Heimat, vielleicht auch nur eine Prise Humor. Daraus entstand dann meine Idee zu einem ganz kleinen Mars-Buch. Aber wäre nicht nach langer Durststrecke in Sachen Mars das Buch von Andy Weir „The Martian“ erschienen und verfilmt worden – ich hätte es wahrscheinlich nicht gewagt, meine eigenen Marsbücher zu schreiben.

Die Gegenüberstellung von westlicher und islamischer Welt liegt natürlich in diesen Tagen nahe, und der Zusammenprall dieser Kulturen wird uns ja mittlerweile täglich in den Medien vorgeführt. Daß es dabei weit weniger um Kultur und Glauben als um den Aufbau neuer Machtblöcke geht, wird einem spätestens bei einem Blick auf die Landkarte klar. Aber die Auswirkungen davon lassen sich viel schöner und einsichtiger in einem Zukunftsroman beschreiben als in einem Blog oder Zeitungskommentar. Der zweite Teil „Blumen vom Mars – Unter Göttern“ fügt diesem Krieg der Kulturen als vermittelndes Drittes noch die pragmatischen Chinesen hinzu. Aber das klingt wieder viel zu theoretisch. Tatsächlich lasse ich die unterschiedlichen Menschen einfach aufeinanderprallen und warte ab, was dabei herauskommt. Die Guten dürfen sich am Ende ein Glas marsianischen Apfelschnaps genehmigen.

dsf: Blumen vom Mars scheint nicht deine erste Publikation zu sein, wie bist du zum Schreiben gekommen? Gibst du uns einen kurzen Überblick zu deinem Schaffen?

Mein erster Versuch war, wie schon gesagt, „Alphacode“, die Geschichte von einem bei der Heimatschutzbehörde in Detroit aktenwälzenden Autisten, der unversehens in eine weltumspannende Verschwörung gerät, die ihn letztlich nach Deutschland führt. Das ist dann ein richtiger Wälzer von mehr als 800 Seiten geworden, weil die Geschichte sich gewissermaßen einmal um die eigene Achse dreht.

Dann kamen zwei Bände einer Kinderbuch-Trilogie, die ich zuerst auf Englisch geschrieben und dann ins Deutsche übersetzt habe. „Das magische Handy“ („The Wishing Phone“) und „Die blaue Katze“ („The Blue Cat“). Der dritte Band steht noch aus. Den werde ich irgendwann in dunklen Winternächten mal schreiben. Die Bücher spielen in Amerika, wo sich vier Kinder ganz unterschiedlicher Herkunft zusammenraufen müssen und auf einer zweiten Ebene in einem Feenreich, wo sich ein Haufen von Dschinns und anderen magischen Kreaturen ebenfalls zusammenraufen müssen.

Dann kamen die Marsbücher. Und als kleine Fingerübung ist dieses Jahr noch „Jihad Jackpot“ erschienen, ein überaus ernsthaftes Werk, das sich mit der Frage auseinandersetzt, was passiert, wenn ein Selbstmordattentäter auf dem Weg zu seinem Einsatz erfährt, daß er einen Acht-Millionen-Lottojackpot geknackt hat. Das geht auf eine Wette mit Freunden zurück, die nicht glaubten, daß man so etwas Beklopptes zu einem Buch verwurschteln könnte.
dsf: Ich habe entdeckt, dass es auch englischsprachige Ausgaben deiner Werke gibt. Wer hat da übersetzt? Wie ist die Aufnahme deiner Titel im internationalen Markt?

Sorry, wie schon gesagt, genau umgekehrt. Ich habe sie zuerst auf Englisch geschrieben und dann übersetzt. Früher habe ich fast nur in englischer Sprache geschrieben, mittlerweile gewöhne ich mich langsam wieder an die deutsche Sprache. Seltsamerweise verkauft sich das recht gut in Japan. Aber ganz allgemein ist der englischsprachige Ebook-Markt bei Amazon so riesig, daß man ohne Werbemaßnahmen untergeht. Und ich bin einfach ein Werbe-Muffel.
dsf: Was mich ein wenig in deinem Roman Blumen vom Mars gestört hat, waren die Fähigkeiten der (unfreiwilligen) Kolonisten. Da werden von Strafgefangenen zuerst sinnlose Tunnel gebohrt und später von den Überlebenden mit Hilfe der Tunnelbohrmaschine und 3-D Druckern eine Maglev errichtet. Das schien mir ein wenig überzogen. Warum dieser „Gigantismus“?

Die sinnlosen Tunnel sind das Symbol für die Arbeiten eines vergessenen Armee-Vorpostens. Und gerechterweise geht der Armee-Vorposten unter. Meiner Erfahrung nach werden Fähigkeiten durchaus überbewertet. Was letztlich zählt, ist nur der Wille. Und daraus entsteht die erste Maglev-Bahn, als erste privatwirtschaftliche Initiative, sozusagen. Tausend Kilometer Strecke, einmal Flensburg – München, nicht viel im Vergleich zur Größe des Planeten. Ein bißchen phantastisch, sicherlich, aber was zum Teufel soll man denn auf dem Mars anderes tun als an der Erschließung zu arbeiten? Ich glaube, man muss sich dazu immer bewusst machen, wieviel unserer Lebenszeit wir hier auf der Erde damit zubringen, die Errungenschaften der längst erfolgten Erschließung unseres Planeten zu genießen. Eigentlich furchtbar, sich vorzustellen, wieviel wir erreichen könnten, wenn wir mal zwanzig Jahre lang richtig gefordert und nicht ständig abgelenkt würden.
dsf: Am Ende wurde es dann etwas esoterisch. Marfa verschwindet und taucht als eine Art Geistwesen wieder auf. Hm, das hat mich als rational denkenden Menschen vor ein Problem gestellt. Warum diese Esoterik, wo doch bisher alles sehr rational ablief?

Kein Geistwesen, sondern die nächste Stufe der Evolution, einfach ein Umbau auf Zellebene. Außerdem geht es schließlich auch um Religion, und da müssen wir uns notgedrungen ab und an von unserer so geschätzten Rationalität verabschieden, die ja auch nur der Verschiebebahnhof unseres derzeitigen Wissenstandes ist. Wenn ich mir den Hype um Dunkle Materie und Dunkle Energie ansehe, dann frage ich mich, wie sich diese verzweifelten Erklärungsversuche von noch nicht Erklärbarem in fünfzig Jahren anhören werden.
dsf: Verrätst du uns etwas über die private Gabriele? Was hat sie für Interessen? Gibt es Lieblingslektüre? Gibt es Vorbilder in der SF?

Wenn ich kann und das Licht gerade mal wieder gut ist, pflege ich mein Lieblingshobby Fotografie, ansonsten bin ich immer noch sehr eingespannt in die Zahlenwelt meiner Arbeit.

Vorbilder? Wahrscheinlich wieder lauter Namen, die in der deutschen Science Fiction nahezu unbekannt sind, wie z.B. Sheri Tepper und „The Gate to Women’s Country“, einer der brutalsten SF-Romane, die je geschrieben wurden. Und natürlich Terry Pratchett, was Sprachwitz und Killer-Dialoge angeht, auch wenn die deutsche Sprache da so viel sperriger ist als die englische.
dsf: Wie bist du zur SF gekommen? Warum schreibst du SF und nicht Mainstream? Ich meine, wir kennen alle das Gefühl als Nerd abgetan zu werden, wenn wir erwähnen, dass wir uns für SF interessieren und dann auch noch selber schreiben? Was sagt dein Umfeld dazu?
Science Fiction hat einfach im angelsächsischen Raum einen anderen Stellenwert und ein viel weiteres Spektrum. Man hat da dieses Nerd-Problem eigentlich kaum oder nur bei ganz extrem technischen Büchern, weil es diese strikte Trennung zum Mainstream gar nicht gibt. Das ist etwa so wie die im Deutschen immer noch vorherrschende Unterscheidung zwischen U und E, so als ob etwas Unterhaltendes nicht einen ernsten Hintergrund haben könnte. Oder als ob man nicht witzig über den Weltuntergang schreiben könnte. In Deutschland ist SF offensichtlich immer noch sehr eingeschränkt auf einen vorwiegend technischen, vorwiegend männlichen Bereich, die alte Perry Rhodan-Clique, wenn ich das mal so salopp in den Raum werfen darf.

Wenn ich dir jetzt sagen würde, daß eins der größten Werke der Science Fiction im letzten Jahrhundert Daniel Keyes „Charly“ („Flowers for Algernon“) ist, dann wärst du vermutlich ziemlich überrascht. Da kommt kein einziges Raumschiff vor. Aber ich kenne niemanden, der es gelesen hat und nicht schwer ins Grübeln gekommen ist. Und obwohl das Buch bald fünfzig Jahre alt ist, hat es nichts an Aktualität verloren, weil das, was wir über die Funktionsweise unseres Gehirns wissen, einen auch fünfzig Jahre später nicht wirklich vom Hocker reißt.

Die angelsächsische Schreibwelt ist da einfach inklusiver. Science Fiction beginnt ja mit der Frage: „Was wäre, wenn dies oder jenes technisch möglich wäre?“ Und diese Frage kann sich auf Entwicklungen in der Technik, aber auch beim Menschen selber oder in ganzen Gesellschaften beziehen. Insofern ist das Spektrum dieser Literaturgattung im englischsprachigen Raum viel größer und die Abgrenzung zu anderen Kategorien viel schwieriger. Was natürlich auch den unschätzbaren Vorteil hat, das es sehr viel mehr weibliche Leser anzieht, und Frauen machen nun einmal den größten Teil der Leserschaft aus.
dsf: Mit dem Fandom bist du nach eigener Aussage noch nie in Berührung gekommen, obwohl das bereits seit den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts sehr gut in Deutschland organisiert ist. Es existieren viele Clubs und sonstige Zusammenschlüsse, stellvertretend sei hier der SFCD (Science Fiction Club Deutschland e. V.) erwähnt. Wie erklärst du dir, dass du das nicht wahrgenommen hast? Fehlt da die Durchdringung der Szene in die Öffentlichkeit?

Wie schon gesagt, ich komme da eigentlich aus einer ganz anderen Richtung. Und mir hat immer die Zeit gefehlt, um intensiv in Clubs mitzuarbeiten.
dsf: Gibt es neue Projekte, über die du hier etwas verraten möchtest?

Ein neuer SF-Thriller. Arbeitstitel: „Die Wiederkehr des Khans“. Stichwörter: Die Suche nach dem Grab von Genghis Khan, Umweltzerstörung beim Abbau seltener Erden in der Mongolei, Meteoriten, Quasi-Kristalle mit bisher unbekannten Eigenschaften. Wie ich das alles zu einem sinnvollen und hoffentlich spannenden Ganzen übereinander bringen soll, steht allerdings noch in den Sternen.
dsf: Vielen Dank für das Interview.

Der Roman “Blumen vom Mars” ist als Taschenbuch sowie digital für Kindle (inkl. Kindle unlimited) exklusiv bei Amazon erschienen.

 

Interview mit Kaleb Lechowski (“R’ha”)

Kaleb Lechowski ist Filmemacher, aber nicht im klassischen Sinn. Er braucht keine aufwändigen Sets, nörglige Schauspieler und verregnete Drehtage. Kaleb nutzt u. a. CGI-Scripts, um seine Ideen Wirklichkeit werden zu lassen. Mit seinem animierten Kurzfilm R’ha erregte er sogar international einiges Aufsehen. Wir haben ihm einige Fragen gestellt.

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Interview mit Karla Schmidt

Karla Schmidt ist eine Größe in der deutschen SF-Szene. Sie schreibt phantastische Bücher – und das auf hohem literarischem Niveau, was in der SF eher ungewöhnlich ist. Daneben verfasst sie Psychothriller und historische Romane, lektoriert und coacht Autoren. Im Mai ist ihr erster D9E-Roman erschienen. Grund genug, einmal nachzuhaken!

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