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Interview mit Kai Meyer

dsf: Hallo Kai. Zuallererst möchte ich mich für deine Bereitschaft bedanken, mir für ein Interview zur Verfügung zu stehen.

Meyer: Sehr gerne.

dsf: Wählen wir einen etwas ungewöhnlichen Einstieg: Wie hältst du es mit dem Helm beim Radfahren?

Meyer: Mein Fahrrad staubt seit über zehn Jahren unbenutzt in der Garage vor sich hin. Der einzige Helm in Sachen Fortbewegungsmittel, den ich mal besessen habe, war als Kind einer für Rollschuhe – damals hießen die Disco Roller –, und den habe ich nie aufgesetzt. Ich hab ihn bei irgendeinem Preisausschreiben gewonnen, und damals gab es wenig Uncooleres als Rollschuhfahren mit Helm.

dsf: Erzählst du uns etwas über deinen Werdegang? Ich meine, du bist mir in der SF erstmalig aufgefallen, als du deinen Roman des Zyklus Krone der Sterne (Link zur Rezension von Teil 1+2) veröffentlicht hast. Davor gab es von dir „nur“ Fantasy. Wie bist du zur SF gekommen, warum auf einmal SF?

Meyer: Das ganze Schubladendenken in der Szene hilft ja niemandem, deshalb nenne ich das, was ich schreibe, ganz pauschal Phantastik. Fantasy wird immer schnell mit High Fantasy in der Tolkien-Tradition verwechselt – die habe ich nie geschrieben. Sehr viele meiner Bücher sind phantastische Romane vor historischem Hintergrund. Dann gibt es diverse Bücher von mir, die wohl am ehesten Horror sind (auch wenn die Verlage es nie aufs Cover geschrieben haben). Und ich schätze „Hex“, Ende der Neunziger, war sogar SF.

dsf: Warum gerade SF? Ich meine, es gibt immense andere Literaturströmungen. Den Mainstream beispielsweise. Was hebt für dich die SF von den anderen Strömungen ab? Ist deines Erachtens tatsächlich derzeit ein neuer Hype bei der SF-Literatur zu erwarten oder haben wir hier nur ein Strohfeuer?

Meyer: Mir geht es in allem, was ich schreibe, um den Sense of Wonder. Den hat ja nicht die SF für sich allein gepachtet, gerade in der Fantasy gehört er zum Inventar. Man könnte ihn auch etwas anthropologischer „das Numinose“ nennen, und dann sind wir nur noch einen Schritt vom Religiösen entfernt. Nun könnte man diskutieren, welche Genrespielart eher ein Religionsersatz ist, SF oder Fantasy.

Was den Hype angeht – der ist schon wieder vorbei. Die Verlage haben es drei, vier Jahre lang versucht, aber es hat doch kaum etwas so gut funktioniert wie die Fantasy noch vor einigen Jahren. Die einzigen SF-Romane, die sehr erfolgreich waren, waren jene, die sich aus irgendwelchen Gründen in den Mainstream verirrt haben, etwa „Der Marsianer“. Der Rest bleibt letztlich Nische.

dsf: Auf Spiegel online ist vor einiger Zeit (Herbst 2017) ein Artikel erschienen, in dem gesagt wird, dass es heutzutage Eskapismus sei, SF NICHT zu lesen. Begründet wird das damit, dass dies die einzige Literaturgattung ist, die sich mit den Problemen der Zukunft befasst, bevor sie entstanden sind. Wie siehst du das? Ist es wirklich die Extrapolation oder werden nicht vielmehr häufig unsere Probleme der Jetztzeit lediglich verfremdet dargestellt?

Meyer: Ich lese nicht genug SF, in der es in erster Linie um die Vorhersage künftiger Probleme gibt, um mir darüber ein Urteil erlauben zu können. In den Siebzigern gab es ja eine Menge Dystopien, und ich fand die schon damals sehr freudlos und trist. Mich hat es sehr überrascht, als Dystopien vor einigen Jahren wieder ein so großes Thema wurden – wobei wir uns da nichts vormachen sollten: In den erfolgreichen modernen Varianten ging es um Liebesgeschichten vor einem dystopischen Hintergrund. „Hunger Games“ & Co. benutzen ja eigentlich eher historische Versatzstücke, die sie in eine wenig realistische Zukunft verlegen.

dsf: Kannst du deine Projekte frei wählen? Oder musst du, wie Verschwörungstheoretiker in der Szene gerne kolportieren, „Auftragsarbeiten“ für den Verlag erledigen?

Meyer: Behauptet das jemand ernsthaft über meine Bücher? Ich habe rund sechzig Romane geschrieben, und nicht ein einziges davon war eine Auftragsarbeit. Im Gegenteil: Den Verlagen wäre es oft viel lieber gewesen, wenn ich einfach wieder das gemacht hätte, was beim letzten Mal gut funktioniert hat. Nicht zwangsläufig Fortsetzungen, sondern dieselbe Art von Geschichte. Wer sich die Mühe macht und sich meine Bücher mal genau anschaut – Rückseitentexte lesen reicht –, wird merken, dass das albern ist.

„Die Krone der Sterne“ war keineswegs eine sichere Sache, was offenbar der eine oder andere wegen des „Star-Wars“-Revivals vermutet, sondern ein enormes Risiko. Und es ist eher nach hinten losgegangen, trotz – für SF ­– ordentlichen Verkaufszahlen. Ich erkläre das mal genauer: Ich habe „Die Krone der Sterne“ ja parallel zu meiner Reihe „Die Seiten der Welt“ geschrieben und veröffentlicht, im Frühjahr die eine Serie, im Herbst die andere. Der erste Band von „Die Seiten der Welt“ hat sich sechsstellig verkauft, der erste Band von „Die Krone der Sterne“ gerade mal knapp fünfstellig. Die großen Buchhandlungen bestellen aber ihre Neuerscheinungen nach Warenwirtschaftssystem, das heißt, automatisch nach ihrer Verkaufszahl meiner letzten Veröffentlichung. Entsprechend bestellen sie dann einen neuen Band von „Die Seiten der Welt“ nicht etwa basierend auf dem Vorgängerband, sondern basierend auf „Die Krone der Sterne“. Was dazu führte, dass der jeweils neue „Seiten“-Roman in radikal kleinerer Stückzahl auf den Tischen lag, als es dem Verkauf der ersten Teile angemessen gewesen wäre. Und was weniger ausliegt, wird weniger verkauft. Das führt zu einem unguten Kreislauf, den ich bei den letzten paar Büchern zu spüren bekommen habe.

Und natürlich wusste ich vorher, dass SF sich nie so gut verkaufen wird wie „Die Seiten der Welt“, und ich habe „Die Krone der Sterne“ trotzdem geschrieben – einzig und allein, weil ich so große Lust auf eine klassische Space Opera hatte. Vom reinen Karrierestandpunkt aus betrachtet, war das ein Fehler. Trotzdem tut es mir kein bisschen leid. Die Geschichte ist jetzt da draußen, viele Leute mögen sie, und ich habe mir das Subgenre quasi von der Seele geschrieben.

dsf: Wie projektierst du deine Romane? Ich meine, es gibt ja so viele verschiedene Herangehensweisen an das Schreiben eines Buches. Manche Autoren machen sich einen ausführlichen Szenenplan, andere fangen einfach an und schreiben drauflos. Wie machst du das?

Meyer: Ich plane sehr detailliert. In der Regel sitze ich drei, vier Monate an der Recherche und der Konzeption. Danach habe ich ein 40- bis 50seitiges Expose des gesamten Romans, mit jeder einzelnen Szene und einem möglichen Finale. Manchmal ändert sich aber vor allem das Ende noch einmal beim Schreiben.

dsf: Wird es auch mal Kurzgeschichten aus deiner Feder geben? Mich faszinieren vor allem Kurzgeschichten.

Meyer: Es gibt ein paar, vier oder fünf. In erster Linie ist es eine Zeitfrage. Ich sage fast alle Anthologie-Anfragen ab, weil ich eigentlich immer mitten in einem Roman stecke.

dsf: Kommen wir zu deinem neuesten SF Werk: Krone der Sterne, Hexenmacht. Du kennst meine Rezension. Was hat dich dazu bewogen dieses Thema zu wählen? Habe ich recht damit, dass du Star Wars und den Wüstenplaneten kennst? Kann es sein, dass du sie in deiner Jugend konsumiert und tatsächlich von ihnen beeindruckt wurdest?

Meyer: „Star Wars“ kennt jeder, oder? „Der Wüstenplanet“ mag ich als Film, fand den ersten Roman eher langweilig (vielleicht, weil ich den Film schon kannte) und die Fortsetzungen mehr als zäh. Bis zur dritten bin ich gekommen, dann hab ich aufgegeben. „Star Wars“ ist natürlich ein Einfluss, aber eher so, wie jeder Western von früheren Western beeinflusst wird: Man lässt die Cowboys nicht plötzlich auf Kamelen reiten und mit Steinschleudern schießen, nur weil Pferde und Pistolen schon mal anderswo benutzt wurden. Ich habe immer sehr gern Leigh Brackett gelesen, mit Abstrichen Edward Hamilton, C.L. Moore und andere Autoren aus der frühen Space-Opera- oder Planetary-Romance-Schule. Ich habe z.B. eine recht anständige Sammlung von Originalausgaben des Pulp-Magazins „Planet Stories“ im Regal stehen. Letztlich hatten sie alle einen größeren Einfluss auf den Ton der Geschichte als George Lucas. Was ich wollte, war diese Begeisterung des 10- oder 12jährigen in mir wieder heraufbeschwören, der Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger für jedes „Star-Wars“-Rip-off ins Kino gegangen ist. Ich kaufe mir heute noch jede Neuveröffentlichung von „Star Crash“ und hätte gern „Der große Krieg der Planeten“ auf Blu-Ray – nicht weil das gute Filme wären, sondern weil ich einfach an ihnen hänge wie an alten Stofftieren. Mit zwölf hätte ich den Sense of Wonder nicht benennen können, aber ich wusste schon sehr genau, was etwa der Vorspann von „Kampfstern Galactica“ bei mir bewirkt. Oder das erste Auftauchen der Draconia in „Buck Rogers“. Genau da wollte ich mit „Die Krone der Sterne“ hin. Ob die Bewahrer der reinen SF-Lehre mir das nun glauben oder nicht: Die Reihe war für mich ein reines Vanity-Projekt, das ich mir leisten konnte, weil „Die Seiten der Welt“ so erfolgreich war.

Und noch zum „Wüstenplaneten“: Das Hexen-Matriarchat in „Die Krone der Sterne“ kommt nicht von Frank Herbert, sondern direkt aus dem Vanga-Zyklus der „Mythor“-Serie. Als Teeanger war ich fanatischer „Mythor“-Fan und bin es immer noch.

dsf: Bei unserem gemeinsamen Frühstück im Hotel in Leipzig fragte ich dich, ob du planst in einer der zu erwartenden Fortsetzungen Tiamande als die alte, unsere, Erde darzustellen. Du verneintest das. Für dich, sagtest du damals, gibt es keinen Zusammenhang zwischen deinem Universum und unserem aktuellen. Was wiederum ein Anklang an Star Wars wäre, da werden wir ja bereits im Vorspann darauf hingewiesen, das wir uns ganz woanders befinden. Warum keine Nähe zur Realität? Ist das deiner bisherigen schriftstellerischen Tätigkeit als Fatasyautor geschuldet?

Meyer: Was wäre denn realistisch daran, wenn in meiner völlig phantastischen Space Opera mit einem Mal die Erde auftaucht? Es würde die Geschichte kein bisschen näher an unsere Wirklichkeit bringen – Hexen bleiben Hexen und Schwarze Löcher sind keine Götzen –, sondern würde lediglich der Glaubwürdigkeit meines eigenen Kosmos schaden. Ähnlich wie ein Anachronismus im historischen Roman.

Meine Fantasy hingegen spielt fast durchweg auf der Erde in einem fest definierten historischen Kontext – es gibt bei mir keine Fantasyländer à la Mittelerde. Deshalb gibt es da auch keinen Zusammenhang zur fehlenden Erde in „Die Krone der Sterne“.

dsf: Wie weit ist dein Vorlauf? Wie viele Bücher sind bereits fertig, wenn eines erscheint?

Meyer: Manchmal ist eines schon ganz knapp fertig, meistens schreibe ich aber noch am nächsten.

dsf: Kannst/darfst du uns einen Ausblick geben, was wir in naher Zukunft aus deiner Feder zu erwarten haben?

Meyer: Im Frühjahr erscheint erst einmal „Die Krone der Sterne – Maschinengötter“, der dritte und vorerst letzte Band der Reihe. Möglich, dass ich später noch einmal dorthin zurückkehre, weil ich die Hauptfiguren so mag. Mal abwarten. Gerade ganz frisch erschienen ist der fünfte und letzte Bibliomantik-Band, also das zweite Prequel zu „Die Seiten der Welt“, außerdem bei Splitter der Horrorcomic „Das Fleisch der Vielen“, den ich sehr, sehr mag.

dsf: Ich vergleiche das Schreiben eines Buches gerne mit der Zeugung und Geburt eines Kindes. Der Beginn ist wunderschön, zum Ende hin wird es immer beschwerlicher und der Schluss ist häufig Schmerz pur. Dann kommt die plötzliche Erleichterung und der Autor fällt in ein Loch. Kannst du dich in dieser Beschreibung wiederfinden?

Meyer: Nur bedingt. Ich falle nicht in Löcher. Ich bin erleichtert, wenn ein Buch fertig ist, und freue mich auf das nächste.

dsf: In der Literatur gibt es genügend Beispiele, dass das Alterswerk eines Autors nicht mehr die Qualität hat, die der Autor auf dem Höhepunkt seines Schaffens hatte. Stellvertretend seien hier nur Karl May, Robert Heinlein oder Isaac Asimov erwähnt. Hast du vor einer solchen Entwicklung Angst? Ich persönlich hoffe darauf, dass man mich darauf hinweist, wenn es so weit ist. Wie siehst du das?

Meyer: Aufgrund der Masse von Hinweisen, die wir alle mittlerweile in Form von Online-Rezensionen bekommen, dürfte es schwierig werden, den einen Hinweis herauszufiltern, den wir ernst genug nehmen, um dann zu sagen: „Das war’s also, ich kann das nicht mehr.“ Wir alle werden trotzdem weitermachen, weil es eben das ist, was wir tun. Autoren gehen nicht in Rente. Sie haben allerhöchstens keine Lust mehr, und das ist ja dann auch eine ehrenwerte Selbsterkenntnis. Aber so lange man schreiben will, soll man eben schreiben. Ich sehe mich selbst immer noch in der Phase, in der ich mit jedem Buch dazulerne, und so lange das so bleibt, werde ich ganz sicher nicht aufhören.

dsf: Wenn ich einen Text fertiggestellt habe, bin ich in der Sekunde des Abschlusses euphorisch. Endlich geschafft …, und überzeugt davon, etwas absolut geniales verfasst zu haben. In der Sekunde danach kommt dann immer der Absturz, die Selbstzweifel. Ich überlege dann, ob das Werk überhaupt jemals das Licht der Öffentlichkeit erreichen darf, weil ich mir urplötzlich aller Schwächen bewusst werde (ob berechtigt oder nicht sei mal dahingestellt). Kennst du solche Zustände auch und falls ja, wie meisterst du sie?

Meyer: Selbstzweifel kennt jeder Autor. Ich hab sie vor einem Roman, mittendrin und danach. Grundsätzlich weiß ich aber: Ich kann das. Manches besser als anderes, aber ich weiß, dass ich mich am Ende immer noch durch jede schwierige Passage geschlagen habe und letztlich – manchmal mit dem Abstand von ein paar Monaten oder Jahren – etwas Ordentliches zustande gebracht habe. Selbstzweifel sind bei mir also schon Teil der Routine geworden, sie machen mir schlechte Laune, treiben mich aber nicht zur Verzweiflung.

dsf: Ich habe dich Eingangs gefragt, wie du es mit dem Helm beim Radfahren hältst. Hintergrund für diese Frage ist, dass ich der Meinung bin, dass wir in unserer Gesellschaft mittlerweile eine Art Diktatur der Fürsorge erfahren. Eine Art der Diktatur, der sich auch durchaus einmal ein Autor widmen könnte. Es ist ja nicht nur der Helm beim Radfahren (der ja durchaus sinnvoll ist, aber eben nicht bei jeder Gelegenheit und schon gar nicht bei kleinen Kindern auf dem Spielplatz, die noch mit Stützrädern fahren. Wer das als sinnvoll erachtet, müsste den Kleinen auch beim Laufen einen Helm aufsetzen) , wir haben z. B. auch die DSGVO, die in eine ähnliche Richtung zeigt. Wie siehst du diese Art der Entwicklung?

Meyer: Eine Diktatur ist etwas vollkommen anderes, deshalb würde ich den Begriff in diesem Kontext vehement ablehnen. Davon abgesehen bin ich durchaus der Meinung, dass erwachsene Menschen selbst in der Lage sein sollten, Risiken für ihre Gesundheit abzuschätzen. Wer viel im Großstadtverkehr mit dem Fahrrad unterwegs ist, mag einen Helm ganz sinnvoll finden, ob mit oder ohne Gesetz. Jemand, der auf dem Feldweg von einem Dorf zum nächsten fährt, hält ihn vielleicht für überflüssig. Ein wenig gesunder Menschenverstand würde auch den Gesetzgebern häufiger ganz gut tun. Andererseits: Wenn sich heute weniger Leute beim Fahrradfahren den Schädel einschlagen als früher, gibt es nur wenige gute Argumente gegen die Helmpflicht. Oder gegen jede andere Pflicht, die die Leute am Leben hält.

dsf: Lieber Kai, ich möchte mich an dieser Stelle recht herzlich für das Interview bedanken.

Homepage von Kai Meyer

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Interview: Jens Lubbadeh

Jens Lubbadeh (Credit: Christina Körte/Random House)

dsf: Hallo Jens. Zuallererst möchte ich mich für deine Bereitschaft bedanken, mir für ein Interview zur Verfügung zu stehen.

Wer ist Jens Lubbadeh? Gibst du uns einen kleinen Überblick über deine Vita? Hast du Kinder?

Lubbadeh: Hallo, ich freue mich auch über das Interview. Ich lebe seit knapp 20 Jahren in Hamburg (trotz des Wetters), bin 44 Jahre alt und arbeite seit vielen Jahren hauptberuflich als Wissenschaftsjournalist. Kinder habe ich noch keine.

dsf: Wählen wir einen etwas ungewöhnlichen Einstieg: Wie hältst du es mit dem Helm beim Radfahren?

Lubbadeh: Ich denke, wir sollten den Lesern kurz diesen Einstieg erklären: „Neanderthal“ spielt in einem zukünftigen Deutschland, das von Gesundheit und Selbstoptimierung besessen ist. Niemand will mehr ein Risiko eingehen, vor allem nicht beim eigenen Nachwuchs. Ungeborene Kinder werden auf Krankheiten gescannt und genetisch optimiert, lebende Kinder überbehütet. Das haben wir ja jetzt schon: Helikoptereltern, die ihre Kinder im SUV bis vor die Schultür fahren, ihnen die Ranzen in die Klasse tragen und ihre Kinder permanent per Smartphone überwachen. Mit dem Fahrradhelm spielst du auf eben genau diese Nullrisiko-Mentalität an. Nun aber zu deiner Frage: Ich weiß, dass es vernünftig wäre, einen zu tragen, vor allem, weil ich viel Rad fahre. Aber ich gestehe: Ich trage keinen Helm. Das hat zwei Gründe: Erstens ist es in Hamburg oft kalt und regnerisch und man kann Helme schlecht mit Mützen kombinieren. Die sind mir schlicht zu kalt. Und zweitens: Fahrradhelme sind hässlich und unpraktisch im Anketten.

dsf: Erzählst du uns etwas über deinen Werdegang? Ich meine, du bist mir in der SF erstmalig aufgefallen, als du deinen Roman “Unsterblich” veröffentlicht hast. Wie bist du zur SF gekommen?

Lubbadeh: Ich bin in Rom geboren – mein Vater war Diplomat und meine Eltern sind daher viel gereist. Aufgewachsen bin ich aber im beschaulichen Städtchen Gießen, in Hessen. Ich habe dann im noch beschaulicheren Tübingen Biologie studiert und bin dann nach Hamburg gezogen, weil ich Journalist werden wollte.

Sci-Fi habe ich schon immer geliebt und viel gelesen und gesehen, das ging schon im Kindesalter los. Sehr zum Verdruss meiner Mutter 😉

dsf: Warum gerade SF? Ich meine, es gibt immense andere Literaturströmungen. Den Mainstream beispielsweise. Was hebt für dich die SF von den anderen Strömungen ab?

Lubbadeh: Ich sehe das etwas anders. Scifi ist nach meinem Empfinden sehr im Mainstream verankert und das ist auch gut so. Das Problem ist nur, dass sie vor allem in Deutschland von den Wächtern der Hochliteratur nicht akzeptiert wird, was ich sehr ärgerlich finde, weil sie so wichtig ist – Qualität und Schrott gibt es in jeder Literaturgattung, da sollte man nicht so tun, als sei das ein gattungsimmanentes Problem. „1984“ ist ein Klassiker der Weltliteratur, ein Schlüsselroman des 20. Jahrhunderts „The Circle“ von Dave Eggers war ein Welterfolg und ist in meinen Augen der wichtigste Scifi-Roman der letzten Zeit, das 1984 unserer Zeit sozusagen. Und Hollywood plündert seit Jahren das opulente Werk von Philip K. Dick für große Produktionen. Mehr Mainstream geht doch nicht.

Warum nicht Scifi? Ich liebe Gedankenexperimente, stelle mir oft Was-wäre-wenn-Fragen, liebe es, fantasievoll über die Zukunft der Welt und der Menschheit nachzudenken.

dsf: Auf Spiegel online ist vor einiger Zeit (Herbst 2017) ein Artikel erschienen, in dem gesagt wird, dass es heutzutage Eskapismus sei, SF nicht zu lesen. Begründet wird das damit, dass dies die einzige Literaturgattung ist, die sich mit den Problemen der Zukunft befasst, bevor sie entstanden sind. Wie siehst du das? Ist es wirklich die Extrapolation oder werden nicht vielmehr häufig unsere Probleme der Jetztzeit lediglich verfremdet dargestellt?

Lubbadeh: Das sehe ich genauso. Indem Science-Fiction mögliche Zukunftsszenarien extrapoliert, schärft sie unseren Blick für die Gegenwart, zwingt uns zum Nachdenken und Diskutieren über den Status Quo und macht uns bewusst, dass wir die Zukunft machen und nicht die Zukunft gemacht wird. Wir haben es in der Hand, wo wir als Gesellschaft hinsteuern und ob wir dorthin steuern wollen.

Manchmal werden Probleme der Jetztzeit tatsächlich in der Scifi verfremdet dargestellt. Das finde ich aber in Ordnung, es kann ja helfen, Berührungsängste und Tabus zu überwinden, insbesondere in unfreieren Gesellschaften kann die Scifi da ein wichtiges Medium sein.

dsf: Wie läuft denn dein Arbeitstag ab? Haben wir uns das so vorzustellen, dass du regelmäßige Stundeneinteilungen am Tag hast? Gönnst du dir ein freies Wochenende?

Lubbadeh: Ich bin freiberuflicher Journalist. Wenn ich kein Buch schreibe, dann recherchiere und schreibe ich Artikel zu Themen aus Wissenschaft, Technik und Medizin für Magazine, Zeitungen und Online-Portale. Das ist auch meine Haupt-Ideenquelle für meine Romane.

Wenn ich ein Buch schreibe, mache ich nichts anderes nebenher. Ich orientiere mich da an der Arbeitsweise von Stephen King und setze mir ein Tagessoll von etwa 1000 bis 2000 Wörtern. Wenn ich das geschafft habe, ist Feierabend. Ich brauche diese Disziplin. Würde ich jeden Tag darauf warten, dass die Muse mich küsst, würde ich Jahre für ein Buch brauchen – und überhaupt immer wieder aus der Konzentration kommen und jede Gelegenheit zur Prokrastination nutzen. Aber natürlich gibt es solche und solche Tage. Manchmal schafft man mehr. Manchmal schafft man weniger. Wichtig ist, dass man gütig ist mit sich.

Ich gönne mir freie Wochenenden, aber es ist tatsächlich schwierig, am Montag wieder in diese Konzentration und in diese Schreibstimmung zu kommen. Ein Plot wird ja immer komplexer, man muss den Überblick behalten über die Handlung, die Figuren, im Kopf behalten, wer gerade wo in seiner Entwicklung steht. Nach einer Auszeit, und sei es nur das Wochenende, muss man sich da jedesmal wieder reinarbeiten und vor allem reinfühlen.

dsf: Wie lange sitzt du durchschnittlich an der Recherche/Planung eines Buches? Und wie viel Zeit benötigst du im Vergleich dazu dann mit dem Niederschreiben?

Lubbadeh: Die Recherchen mache ich meistens schon im Zuge meiner journalistischen Arbeit. Für das Schreiben meiner beiden letzten Bücher habe ich jeweils etwa sechs Monate gebraucht. Aber die Entwicklung des Exposés, des Plots, die Nachbearbeitung, Lektorat, Korrekturen brauchen auch viel Zeit. Vielleicht noch einmal zwei Monate.

dsf: Kannst du dir deine Projekte frei wählen? Oder musst du, wie Verschwörungstheoretiker in der Szene gerne kolportieren, „Auftragsarbeiten“ für den Verlag erledigen?

Lubbadeh: Ja, kann ich. Aber natürlich spreche ich mit meiner Agentin und meinem Lektor über die Ideen und Exposés. Dabei kommen oft noch gute Ideen mit rein.

Aufträge hatte ich noch nicht, weiß aber, dass es das gibt. Ich finde das aber nicht verwerflich. Wenn mich das Thema reizen würde – warum nicht?

dsf: Wie projektierst du deine Romane? Ich meine, es gibt ja so viele verschiedene Herangehensweisen an das Schreiben eines Buches. Manche Autoren machen sich einen ausführlichen Szenenplan, andere fangen einfach an und schreiben drauflos. Wie machst du das?

Lubbadeh: Bei „Unsterblich“ hatte ich mich an Stephen King orientiert, der die Position vertritt, die Geschichte über die Figuren entwickeln zu lassen. Ich hatte anfangs nur einen groben Plan. Dann habe ich aber ziemlich schnell gemerkt, dass das wirklich schwierig ist. Für einen erfahrenen Autoren wie King mag das funktionieren, für einen Neuling ist es schwer, sich ganz ohne Karte in der Wildnis zurechtzufinden. Ich habe dann angefangen, einen Szenenplan zu machen, mir aber trotzdem noch die Flexibilität vorbehalten, jederzeit Änderungen vorzunehmen, falls sich irgendwas nicht stimmig anfühlte. Bei „Neanderthal“ bin ich gleich so vorgegangen, aber noch viel mehr Augenmerk auf die Figuren gelegt. Ich denke, jeder Autor muss herausfinden, was für ihn am besten funktioniert.

dsf: Gibt es wirklich die Verlagsvorgaben, was die Seitenzahlen (Stichwort Ziegelstein) eines Romans angeht oder ist das ein modernes Märchen?

Lubbadeh: Habe ich so nicht erlebt. In der Kalkulation des Umfangs war ich völlig frei.

dsf: Gibt es auch Kurzgeschichten aus deiner Feder?

Lubbadeh: Noch nicht, aber ich würde gerne welche schreiben. Ich habe ständig neue Ideen, bei manchen bin ich aber nicht sicher, ob sie für ein Buch tragen würden – die könnte man in einer Kurzgeschichte ausprobieren.

dsf: Was macht Jens Lubbadeh in seiner Freizeit? Liest er auch andere Autoren? Falls ja, welche? Und in welchem Umfang? Ich meine damit, es gibt Menschen, mich eingeschlossen, die lesen pro Woche mindestens ein Buch, wie sieht das bei dir aus?

Lubbadeh: Ich bin ein sehr neugieriger Mensch, interessiere mich für so ziemlich alles… außer vielleicht Formel 1 und Aktien. Ich reise gerne, liebe Wandern und Radfahren, bin gerne in der Natur, aber ich mag auch die Stadt und entdecke einfach gerne Neues. Klar lese ich viel, ich mag Dave Eggers, Khaled Hosseini, Paul Auster, William Gibson, Stephen King, T.C. Boyle, um spontan mal ein paar zu nennen. Mein Problem ist: Ich muss beruflich sehr viel lesen, Artikel, wissenschaftliche Veröffentlichungen. Daher brauche ich abends oft einfach einen Medienwechsel und lese nicht so viel wie ich eigentlich gerne würde.

dsf: Kommen wir zu deinem neuesten Werk: Neanderthal. Du kennst meine Rezension. Ich habe da als Manko die Charakterisierung deiner Bösewichte genannt. Was hat dich dazu bewogen, z. B. Eva-Marie Mercure so darzustellen?

Lubbadeh: Es freut mich, dass dir das Buch so gut gefallen hat! Ich wollte einen weiblichen Bösewicht, Mercure sollte aber auch menschliche, schwache Seiten haben. Sie ist Epileptikerin, ihre Krankheit versteckt sie, weil sie sich im gesundheitsoptimierten Deutschland keine Blöße geben will. Im Laufe des Buchs entwickelt sie sich, sie wird selbst zum Opfer und wechselt am Ende die Seiten.

dsf: Warum hast du den Kommissar so sang und klanglos aus der Handlung genommen? Ich hätte mir gewünscht mehr über ihn und vor allem seinen Umgang mit der Gesellschaft zu erfahren.

Lubbadeh: Das hat sich einfach so entwickelt. Nach und nach haben sich Max Stiller und Sarah Weiss als die wahren Hauptfiguren herausgeschält.

dsf: Bist du eigentlich schon einmal auf einer Con (Science Fiction Convention) in Erscheinung getreten? Ich habe dich nicht wahrgenommen. Evtl. als unauffälliger Besucher?

Lubbadeh: Nein, ich war nie Teil der Szene und empfinde mich selbst auch nicht als Scifi-Nerd. Wie ich schon sagte, sehe ich die Science-Fiction als wichtigen Teil unserer Kultur und finde, dass sie omnipräsent ist.

dsf: Viele Menschen begegnen mir mit der These: Wenn ich mal viel Zeit habe, so als Rentner, dann schreibe ich auch ein Buch. Ideen habe ich ja genug. Ich entgegne dann immer: Die Zeit ist nicht der Faktor. Andere Menschen haben auch Hobbies, die sie täglich bedienen, die Zeit kann man auch in ein Buchprojekt stecken. Ich muss vielmehr etwas zu erzählen haben. Was würdest du einem angehenden Autor raten, wie sollte er vorgehen?

Lubbadeh: Mich hat Stephen Kings Buch „On Writing“ sehr inspiriert und motiviert. Ich würde jedem angehenden Autor raten, es zu lesen (auch wenn er Kings Romane nicht mag). Sein autobiographisches Buch darüber, wie er schreibt und wie er das Schreiben sieht und empfindet, ist sehr hilfreich und gültig für alle Autoren.

King sagt: “You got to talk the talk and walk the walk”. Irgendwann einmal ein Buch schreiben zu wollen ist das Eine. Es zu tun, das andere. Ein Buch zu schreiben, ist viel Arbeit und erfordert viel Disziplin und Durchhaltevermögen. Vielleicht ist dafür nicht jeder gemacht. Aber tatsächlich sehe ich es auch so, dass man als Autor die Motivation in sich verspüren muss, etwas zu erzählen zu haben. Ein Buch nur aus Selbstzweck zu schreiben, halte ich für reine Egobefriedigung.

dsf: Wie weit ist dein Vorlauf? Wie viele Bücher sind bereits fertig, wenn eines erscheint? Schreibst du an einem weiteren Buch?

Lubbadeh: Ich habe bereits eine konkrete Idee für das dritte Buch. Und eigentlich auch schon Ideen für Buch 4 und 5. Ich habe noch viel vor….

dsf: Kannst/darfst du uns einen Ausblick geben, was wir in naher Zukunft aus deiner Feder zu erwarten haben?

Lubbadeh: Ich finde die Kombination Journalist/Schriftsteller sehr spannend und in beiden Richtungen sehr befruchtend. Als Journalist bin ich am Puls der Gegenwart, der Schriftsteller in mir macht sich Gedanken darüber, wie diese Aktualität sich in die nahe Zukunft übersetzen könnte. Umgekehrt hat das belletristische Schreiben mein journalistisches Schreiben bereichert. Ich schaue mehr auf die Geschichte, auf Dramaturgie und die Personen. Wenn weiterhin alles gut läuft, wird es von mir hoffentlich noch viele weitere Wissenschafts-Scifi-Thriller geben. Aber ich bin offen für alles. Vielleicht habe ich ja mal Lust, einen Horror-Roman zu schreiben? Oder ein Theaterstück? Wer weiß….

dsf: Ich vergleiche das Schreiben eines Buches gerne mit der Zeugung und Geburt eines Kindes. Der Beginn ist wunderschön, zum Ende hin wird es immer beschwerlicher und der Schluss ist häufig Schmerz pur. Dann kommt die plötzliche Erleichterung und der Autor fällt in ein Loch. Kannst du dich in dieser Beschreibung wiederfinden?

Lubbadeh: Ich habe noch kein Kind gezeugt, kann diese Analogie also nicht überprüfen. Ich starte gerne in eine neue Geschichte. Der Schreibprozess selbst hat viele Höhen und Tiefen, jeder Tag ist anders. An jedem Morgen beginnt der Kampf gegen das weiße Blatt Papier, gegen die Angst in einem, die fragt: Oh Gott, was soll ich jetzt tun? Wie geht’s jetzt weiter? Oder gar: Kann ich das überhaupt? An anderen Tagen flutscht es wie von selbst und abends bin ich voller Euphorie und befriedigt, etwas Gutes geschafft zu haben.

Prinzipiell ist der Moment, wenn man das Manuskript zuende geschrieben hat, ein sehr schöner, ich verspüre dann tiefe Befriedigung und Stolz. Also würde ich für mich sagen: Der Anfang ist schön, die Mitte eine Achterbahnfahrt und das Ende fühlt sich wieder gut an. Eigentlich wie das Leben selbst, oder?

dsf: Wie gut bist du in der Szene vernetzt? Ich meine, ist Jens Lubbadeh eher ein Einzelkämpfer oder gibt es da Zusammenkünfte mit anderen Autoren, quasi ein Austausch/Brainstorming?

Lubbadeh: Ich stehe in Kontakt mit anderen Autoren, meine Literaturagentur macht jedes Jahr ein Sommerfest, da lernt man viele Kollegen kennen. Auf der Buchmesse habe ich außerdem andere Autoren vom Heyne-Verlag kennengelernt. Das ist ein sehr nettes Miteinander und der Austausch total fruchtbar. Autoren sind eine nette Spezies, finde ich.

dsf: Gibt es Zeiten, in denen du eine Schreibblockade hast? Ich kenne zum Beispiel Situationen, in denen ich zwar weiß, wie die Geschichte weitergehen soll, ich aber einfach nicht die Worte finde, dies zu schreiben. Nun ist das bei mir unspektakulär, ich kann den Text dann einfach mal Wochen oder Monate liegen lassen. Wie gehst du mit solchen Situationen um?

Lubbadeh: Eine richtige, wochenlange Blockade hatte ich noch nicht. Aber es gibt Tage, wo einfach kaum was rauskommt. Ich zwinge mich dann dennoch zum Schreiben. Was hilft, ist, morgens vor der Arbeit die sogenannten Morgenseiten zu schreiben – einfach wahllos drei Seiten zu füllen, mit irgendwas, mit allem, was einem in den Sinn kommt. Das entleert den Geist von Müll und Banalem und macht die Synapsen warm für den eigentlichen Schreibprozess.

dsf: Könntest du dir auch Projekte mit anderen Autoren vorstellen? Ich stelle mir das schwierig bis unmöglich vor, will ich doch immer meine Ideen umsetzen und nicht die der anderen. In der Szene gibt es aber genügend Beispiele. Angefangen vom Schreiben nach Exposé bis hin zu echten Kooperationen zwischen zwei oder mehr Autoren. Wie siehst du so ein Projekt?

Lubbadeh: Ja, kann ich mir vorstellen. Aber die Chemie muss stimmen und die Herangehensweise und die Schreibstile müssen einigermaßen kompatibel sein. Der Leser sollte nicht das Gefühl haben, dass das Buch stilistisch auseinanderfällt.

dsf: In der Literatur gibt es genügend Beispiele, dass das Alterswerk eines Autors nicht mehr die Qualität hat, die der Autor auf dem Höhepunkt seines Schaffens hatte. Stellvertretend seien hier nur Karl May, Robert Heinlein oder Isaac Asimov erwähnt. Hast du vor einer solchen Entwicklung Angst? Ich hoffe darauf, dass man mich darauf hinweist, wenn es so weit ist. Wie siehst du das?

Lubbadeh: Also, ich habe ja gerade erst als Schriftsteller begonnen. Über sowas kann man sich Gedanken machen, wenn man viele Jahre im Geschäft ist und einiges geschafft hat.

dsf: Wie siehst du überhaupt dein Schaffen? Gibt es da Personen deines Vertrauens, die dir ehrlich ihre Meinung sagen? Oder gibt es da kein Korrektiv?

Lubbadeh: Klar, die gibt es. Freunden und Kollegen gebe ich Sachen zu lesen, schon während des Schreibprozesses. Dennoch haben die einen Bias, weil diese Leute dir persönlich wohlgesonnen sind und sich womöglich mit Kritikpunkten zurückhalten. Am besten wäre es, Fremden vorab das Manuskript zu zeigen. Ich suche noch nach geeigneten Personen.

dsf: Wenn ich einen Text fertiggestellt habe, bin ich in der Sekunde des Abschlusses euphorisch. Endlich geschafft …, und überzeugt davon, etwas absolut geniales verfasst zu haben. In der Sekunde danach kommt dann immer der Absturz, die Selbstzweifel. Ich überlege dann, ob das Werk überhaupt jemals das Licht der Öffentlichkeit erreichen darf, weil ich mir urplötzlich aller Schwächen bewusst werde (ob berechtigt oder nicht sei mal dahingestellt). Kennst du solche Zustände auch und falls ja, wie meisterst du sie?

Lubbadeh:. Im Moment des Abschlusses bin ich auch euphorisch. Für genial halte ich mich nicht, aber in der Regel bin ich sehr stolz auf mein Schaffen. Die Selbstzweifel habe ich natürlich auch, die sind immer wieder da, mal mehr, mal weniger. Ich denke, als Autor muss man das aushalten lernen, das gehört dazu. Und wenn du den Schritt in die Öffentlichkeit machst, muss dir klar sein, dass es immer Leute geben wird, die es nicht mögen werden, was du geschrieben hast. If you can’t stand the heat, get out of the kitchen. Sonst macht man sich nur kaputt.

Mein Vorteil ist: Von meiner journalistischen Arbeit her bin ich Kritik und Öffentlichkeit gewohnt. Aber klar, ein Roman ist nochmal was anderes als ein Artikel, er ist persönlicher, in ihn sind mehr Arbeit und Herzblut geflossen, da ist man verletzlicher.

dsf: Die SF-Literatur scheint sich im Niedergang zu befinden. In anderen Medien (Film, Computerspiel) ist eher das Gegenteil der Fall. Warum ist das deiner Meinung nach so? Ist es überhaupt so?

Lubbadeh: Die SF-Literatur befindet sich nicht im Niedergang. Das Problem, was ich sehe: Ihre Akzeptanz ist in Deutschland leider gering. In den USA ist das anders.

dsf: Es gibt mehrere deutsche SF-Literaturpreise, die in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit ein Schattendasein frönen. Gibt es deiner Meinung nach Möglichkeiten, das zu ändern?

Lubbadeh: Am liebsten hätte ich es, wenn es solche Genre-Preise gar nicht nötig hätte. Es sollte Literaturpreise geben und die sollten nicht nach dem jetzigen Klassensystem nur vermeintlicher Hochliteratur verbehalten sein, sondern jeglicher Literatur.

dsf: In diesem Zusammenhang: Dein aktuelles Buch „Neanderthal“ wird als Thriller und nicht als SF angeboten. Ist es wirklich in der Literatur „verkaufsschädigend“, wenn auf einem Buch das Label SF erscheint? In anderen Medien (Film/Computerspiel) scheint mir das eher ein Gütesiegel zu sein.

Lubbadeh:  Verkaufsschädigend würde ich nicht sagen, ich denke, das ist eher eine Vertriebsentscheidung des Verlags, für welche Leserschichten das Buch passen könnte. „Neanderthal“ ist ein Mix aus Science-Fiction, Thriller, Krimi und richtet sich nicht nur an Science-Fiction-Liebhaber. Das können auch Thriller- und Krimi-Freunde gut lesen, daher steht wohl Thriller drauf.

dsf: Lieber Jens, ich möchte mich an dieser Stelle recht herzlich für das Interview bedanken.

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Interview: Bernd Behr und die Storys in c’t

Bernd Behr ist vielen Insidern der Szene gut bekannt: Jahrzehntelang war er beim c’t-Magazin für die Story-Rubrik zuständig, d.h. er war Ansprechpartner für all die Autoren, die SF-Kurzgeschichten im c’t-Magazin unterbrachten – wohlgemerkt gegen ordentliches Honorar und in hoher Auflage, was im deutschen Sprachraum so ziemlich einzigartig ist. Nun ist Bernd Behr in den Ruhestand gegangen – höchste Zeit, ihm einige Frage zu seiner Tätigkeit zu stellen.

dsf: Lieber Bernd, hast Du eigentlich irgendeine Ahnung, wie viele
eingesendete Storys Du in der ganzen Zeit gelesen hast? Und wieviele
Jahre waren diese “ganze Zeit” insgesamt eigentlich?

bb: Gefühlt an die zehntausend in genau 30 Jahren. Aber ich habe mal überschlagen, dass wir mehr als 500 Storys seit November 1987 in c’t veröffentlicht haben müssen. Bei einem geschätzten Verhältnis von eingehenden Manuskripten und tatsächlich gedruckten von 10:1 müsste ich dann etwa 5000 Manuskripte gelesen haben.

dsf: Wie fing das alles eigentlich an? Wie kamt ihr auf die Idee,
ausgerechnet in einer Computerzeitschrift Kurzgeschichten abzudrucken?

bb: Die Idee hatte einer der beiden Chefredakteure, Detlef Grell – selbst ein eingefleischter SF-Fan. Er hatte Kontakt zu ein paar Hannoverschen SF-Autoren, und wir trafen uns zu einer Besprechung mit Gero Reimann und Winfried Czech in einer Kneipe, wo bei einigen Bierchen das Projekt geboren wurde. Nachdem die Redaktionsleitung zugestimmt hatte, habe ich dann die Betreuung des Projekts übernommen. Es hatte natürlich nur eine Chance, indem wir uns von vornherein auf Story-Inhalte beschränkten, die mit IT zu tun hatten.

dsf: Gibt es eigentlich viel Feedback von den Lesern? Negativ kann es ja grundsätzlich nicht sein, sonst gäbe es die Rubrik sicher längst nicht mehr …

bb: In den ersten Jahren gab es häufiger positives Feedback, später, als die c’t-Story zur Selbstverständlichkeit wurde, nur noch selten. Kritik gab es eher versteckt, direkt an die Chefredaktion herangetragen. Als Folge davon wurde ich dann angewiesen, die Themeneinschränkung enger zu ziehen. Es hatten sich wohl einflussreichere c’t-Leser beschwert, dass Fiktion in einem technischen Magazin, das vorwiegend von Ingenieuren gelesen wird, nichts zu suchen habe.

dsf: Oft sind die Illustrationen zu den Geschichten nicht weniger
kreativ als die Texte selbst. Gehört das zum künstlerischen Gesamtkonzept?

bb: Absicht war, dass die Story-Aufmachung sich deutlich von den Fachartikeln unterschied. Die Illustratoren Susanne Wustmann und Michael Thiele waren schon für den Verlag tätig. So lag es nahe, sie mit Illustrationen für die Storys zu beauftragen. Die Zusammenarbeit mit den beiden war 30 Jahre lang sehr fruchtbar.

dsf: Die c’t ist eine der ganz wenigen Möglichkeiten für deutsche SF-Autoren, Kurzgeschichten gegen ein ordentliches Honorar zu veröffentlichen. Gibt es eigentlich Vorgaben für Einsendungen? Müssen Texte mit Computern, Games oder Robotern zu tun haben?

bb: Wie schon früher gesagt, ist die c’t ein knallhartes Technik-Magazin. Wenn schon Fiktion darin erscheint, muss sie wenigstens von den Magazin-Themen ableitbar sein. Das einzige Argument gegenüber den Kritikern. So hatte dann auch Computer-Fantasy selten eine Chance auf Abdruck.

dsf: Angenommen, ein eifriger Autor liest diese Zeilen und möchte unbedingt sein Werk einsenden. Ist das überhaupt erwünscht? Und, wenn ja: Wohin soll er es schicken und was passiert dann als nächstes?

bb: Es war und ist weiterhin erwünscht, und zwar am besten per E-Mail an story (at) heise.de. Auf jede Zusendung gab es mindestens eine Eingangsbestätigung, später meist auch eine Ablehnungsbegründung. Und mein Nachfolger in der Redaktion wird es wohl auch so halten.

dsf: Welche Anekdoten rund um die c’t-Kurzgeschichten kannst Du zum besten geben? Gab es besondere Highlights oder gar Lieblingsgeschichten?

bb: Die Erfolgreichste c’t-Story, was die Leserreaktionen betraf, war “Der Dialog der Schwestern” von Carsten Elsner. Darin ging es um RSA-Kodierung, und den Schluss der Story konnten die Leser nur entziffern, indem sie die RSA-Kodierung aufgrund der in der Story gelieferten Informationen knackten. Es kamen viele Zuschriften, die entweder erzählten, dass sie wieder aus dem Bett springen mussten, um das Rätsel zu lösen, oder die einfach nur baten, das Ende zu verraten. Einer der Leser hat sogar eine Internetseite mit einem Tool zur Dekodierung eingerichtet.

Auf eine Geschichte von Josella Playton in den 90er Jahren hin, gab es Aufregung im Verlag. Der Vorstand der Deutschen Bank hatte sich beim Verlagschef Christian Heise beschwert, und eine Rüge wälzte sich durch die Instanzen bis zu mir. In der Geschichte verabredeten sich einige Hacker auf den Servern der Deutschen Bank zu einer Straftat. Die Herren von der Bank entrüsteten sich darüber, dass man Mitarbeitern der Bank solches unterstellte. Von der Redaktion instruiert konnte unser Chef die Herren dann in die Abgründe der Vernetzung einführen. In den 90er waren die Chefetagen in dieser Beziehung noch ahnungslos.

dsf: Du hast jetzt im Ruhestand sicher eine Menge Zeit, sozusagen SF “außer Konkurrenz” zu lesen. Würdest Du Dich als SF-Fan bezeichnen? Zu welchen Romanen oder Autoren greifst Du?

bb: Ein richtiger SF-Fan bin ich wohl nicht, dafür lese ich zu wenig. In den 30 Story-Jahren war ich mit den Manuskripten SF-mäßig ausgelastet, darüber hinaus habe ich nur ein paar SF-Bestseller gelesen. Aber ich bin ein Mensch, der eher in die Zukunft blickt als zurück. Insofern ist das Weiterdenken dessen, was an technischem Wissen vorliegt, genau mein Ding. Was und wieviel ich im Ruhestand lesen werde – keine Ahnung. Auf jeden Fall muss es weiterhin ein einigermaßen realistisches Szenario bieten.

dsf: Vielen Dank für das Gespräch!

 

Zu diesem Interview gibt es einen Diskussionsthread im SF-Netzwerk.

 

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