{"id":2363,"date":"2013-05-29T10:47:57","date_gmt":"2013-05-29T08:47:57","guid":{"rendered":"http:\/\/deutsche-science-fiction.de\/?p=2363"},"modified":"2013-06-20T01:13:20","modified_gmt":"2013-06-19T23:13:20","slug":"sf-schreiben-aber-wie-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/deutsche-science-fiction.de\/?p=2363","title":{"rendered":"SF schreiben &#8211; aber wie? (4)"},"content":{"rendered":"<pre><span style=\"font-family: Georgia, 'Times New Roman', 'Bitstream Charter', Times, serif; font-size: 13px; line-height: 19px;\">Im f\u00fcnften Teil meiner kleinen Artikelreihe geht es um zwei Arten von Schriftstellern. Zu welchen geh\u00f6rt ihr? Und wie k\u00f6nnt ihr die einzelnen Vor- und Nachteile der jeweiligen Schreibstile f\u00fcr eure SF-Projekte nutzen? Findet es heraus!<\/span><\/pre>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Typ 1: Der origin\u00e4re Autor<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Seine Ideen sind originell, der Schreibfluss ist konstant, ununterbrochen. Er beginnt den Schreibprozess mit dem Anfang und h\u00f6rt mit dem Schluss auf \u2013 so wie es vor den zahlreichen Creative Writing Seminaren einmal \u00fcblich war (die ich \u00fcbrigens nicht schlecht finde, sie nehmen meines Erachtens nur etwas \u00fcberhand). Und nat\u00fcrlich gibt es f\u00fcr einen solchen Autoren viele H\u00fcrden auf dem Weg zum fertigen Manuskript, die es zun\u00e4chst einmal zu \u00fcberwinden gilt. Zum Beispiel: Was, wenn einem pl\u00f6tzlich die Ideen ausgehen und man nicht mehr wei\u00df wie es weitergehen soll? Die Rede ist nicht von einer handfesten Schreibblockade, sondern eher von einem gewissen Ideenvakuum w\u00e4hrend des Schreibens. Ist er gut und ge\u00fcbt, findet der origin\u00e4re Schreiber immer einen Weg, sein Werk zu vollenden und dabei auch seinen oft hohen Anspr\u00fcchen gerecht zu werden \u2013 aber oft genug landen angefangene Texte weniger erfahrener Autoren in der untersten Schreibtischschublade oder in einem kaum benutzten Ordner in den hintersten Winkeln der Festplatte. Es ist angesichts dieses Vorwurfs vielleicht kein optimaler Zeitpunkt, dies zuzugeben, aber ich selbst z\u00e4hle mich zu dieser Gruppe von Schriftstellern. Und ja, wirklich: Es ist nicht immer einfach, aber wenn man einmal eine gute Story beendet hat, ist man umso stolzer auf sich selbst. Dann denkt man: Puh, wieder mal geschafft, der ewige Wortfeind und der b\u00f6se Geist der Unvollst\u00e4ndigkeit sind besiegt! Nat\u00fcrlich \u2013 man sollte vor dem Beginn des Schreibens wenigstens ein Konzept im Kopf haben, ein Grundger\u00fcst, um das herum man die Handlung mit Spannungsb\u00f6gen, Figuren etc. aufbaut. Denn anders als beim komplement\u00e4ren Schreiben (s. u.) sind die einzelnen Textbausteine kein Puzzle, dessen L\u00f6sung man schon vorher im Kopf hat, sondern vielmehr wie ein Echtzeit-Aufbaustrategiespiel, bei dem der Ausgang oft ungewiss ist. Manchmal f\u00e4llt einem der Clou erst mitten in der Story ein. Der Vorteil liegt auf der Hand: Man ist flexibler, kann sich an verschiedene Gegebenheiten und \u00c4nderungen der Storyline anpassen. Der Nachteil besteht ganz klar darin, dass man sich auf ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang einl\u00e4sst. Mit einiger \u00dcbung kann man die negativen Konsequenzen kaschieren, aber man hat immer ein gewisses Restrisiko. So kann es einem schon mal Kopfzerbrechen bereiten, wenn der Held auf einmal nicht mehr wei\u00df, was er als n\u00e4chstes tun soll. F\u00fclltexte und L\u00fcckenb\u00fc\u00dfer-Charaktere sind oft die Folge. Dieser Schw\u00e4che kann man mit einem Konzept entgegenwirken, das zumindest ansatzweise ein Ger\u00fcst vorgibt, mit dessen Hilfe man seinen Text zu Papier bringt: Die Schl\u00fcsselereignisse, einige Details zum Charakter und ein kurzer Lebenslauf der Protagonisten, und auch eine Recherche zu den Details der beschriebenen au\u00dferirdischen Technologien und Planeten \u2026 Das alles macht den origin\u00e4ren noch lange nicht zum komplement\u00e4ren Schreiber, ist aber gerade bei l\u00e4ngeren Texten eine wichtige Hilfestellung, um den Schreibprozess mit den wichtigsten Daten zu untermauern.<\/p>\n<div id=\"attachment_2430\" style=\"width: 223px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/deutsche-science-fiction.de\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/6_kontakt.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2430\" class=\"size-medium wp-image-2430\" title=\"Stas Rosin - Kontakt\" src=\"http:\/\/deutsche-science-fiction.de\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/6_kontakt-223x300.jpg\" alt=\"\" width=\"223\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/deutsche-science-fiction.de\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/6_kontakt-223x300.jpg 223w, https:\/\/deutsche-science-fiction.de\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/6_kontakt.jpg 559w\" sizes=\"auto, (max-width: 223px) 100vw, 223px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-2430\" class=\"wp-caption-text\">Stas Rosin &#8211; Kontakt<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Keine umfassende Recherche m\u00f6glich \u2013 ein Nachteil?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Beim origin\u00e4ren Schreiben ist es leider nicht m\u00f6glich, sich auf ein Projekt bis ins Detail vorzubereiten. Also: keine B\u00fccherstapel \u00fcber Transplantationsmedizin als Vorbereitung auf eine Story, in der fiese Aliens wieder mal an den Erdbewohnern herum schnippeln, und auch keine Gigabyte-gro\u00dfen Verzeichnisse voller Hintergrund-Infos zu fernen Galaxien aus dem Internet. Man kann schon sagen, dass all dies ein deutlicher Nachteil ist. Wenn aber gerade der kreative, spontane Schreibimpuls wichtiger ist als das sachliche Fundament, sollte man immer seinem Gesp\u00fcr folgen und zun\u00e4chst alles niederschreiben, was einem den Sinn flutet \u2013 nicht wahr, es muss doch einfach raus! Beim \u00dcberarbeiten des Textes kann man hinterher immer noch eine genauere Recherche durchf\u00fchren. Selbstverst\u00e4ndlich ist dies noch lange nicht vergleichbar mit dem komplement\u00e4ren Autor, der sich manchmal monatelang auf ein gr\u00f6\u00dferes Schreibprojekt vorbereitet und daf\u00fcr auch schon mal einiges f\u00fcr B\u00fccher, Zeitschriften etc. springen l\u00e4sst. Die Recherche geschieht beim origin\u00e4ren Schreiben n\u00e4mlich meistens nach oder w\u00e4hrend des Schreibprozesses \u2013 was noch lange kein Ersatz ist f\u00fcr die schwei\u00dftreibende, puzzleartige Suche nach den genetischen Details einer fremdartigen Spezies. Umso wichtiger ist es daher, die richtigen Quellen zu haben, wo man schnell auf gew\u00fcnschte Informationen Zugriff hat (einige dieser Websites hatte ich schon in meinen vorherigen Artikeln aufgef\u00fchrt). Leider m\u00fcssen aber alle, die auf diese Weise schreiben m\u00f6chten, den Nachteil in Kauf nehmen, dass ihre Texte wohl immer ein paar unstimmige Details aufweisen werden (sofern man sie nicht zigmal \u00fcberarbeitet). Doch immerhin bietet das Just-in-time-Verfahren auch eine Menge Vorteile:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Originell, neu, unterhaltsam \u2013 so wird eine Story zum Unikum!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kommen wir also zu den Pluspunkten. Es liegt auf der Hand, dass spontan entstandene Texte, die frisch aus dem Kopf des Autors zu Papier gebracht werden, oftmals mehr Flair und Esprit verspr\u00fchen als aufw\u00e4ndig konstruierte, lang recherchierte Satzkonstrukte, die das Lesen unn\u00f6tig verkomplizieren. Der Grund: beim Spontanschreiben verzichtet der Autor auf langatmige Erkl\u00e4rungen und kommt schneller zur Sache. Da scheint es auch fast nichts auszumachen, wenn mal ein paar Details nicht ganz zusammenpassen. Es kommt schlie\u00dflich darauf an, Atmosph\u00e4re zu verbreiten, Stimmung zu erzeugen, einen Spot ins Dunkel des Weltalls zu richten, der die Gedanken der Leser erhellt. Das ist manchmal deutlich wichtiger, als pr\u00e4zise Angaben zur definitiven Belastbarkeit von Weltraumtransportern mittlerer Gr\u00f6\u00dfe zu machen. Der Autor hat n\u00e4mlich die M\u00f6glichkeit (und sollte sie auch nutzen), mehr Witz und Charme, mehr Originalit\u00e4t in die Handlung einzubringen als sein komplement\u00e4rer Kollege. Man sollte also keine Angst davor haben, dem Leser nicht immer hundertprozentig akkurate Hintergrundinfos zu liefern, sondern sich stattdessen darauf konzentrieren, den urspr\u00fcnglichen Charakter seiner Ideen in Worte zu fassen. Nur so l\u00e4sst sich die Spontaneit\u00e4t konservieren, nur so h\u00e4lt sie sich und hat ein Mindesthaltbarkeitsdatum, das jenes von vielen anderen Geschichten \u00fcbertrifft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Typ 2: Der komplement\u00e4re Autor<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bestimmt kennt ihr die Plastik \u201eDer Denker\u201c von Auguste Rodin. Im Prinzip hat der K\u00fcnstler in seinem Werk die Essenz des komplement\u00e4ren Autors in Bronze gegossen. Dieser l\u00e4sst sich n\u00e4mlich alle Zeit der Welt, pr\u00fcft s\u00e4mtliche Fakten, sichert sich wie ein ge\u00fcbter Bergsteiger doppelt und dreifach ab, w\u00e4hrend der origin\u00e4re Autor eher wie ein Freeclimber oder Actionpainter agiert. Eine neue Story ist hier nun keine pl\u00f6tzliche Eruption von Ideen mehr, sondern ein langer Prozess des Formens und Schleifens \u2013 wie bei einem Rohdiamant oder einer Marmorskulptur. Der komplement\u00e4re Schreiber bereitet sich gewissenhaft auf seine Aufgabe vor, die f\u00fcr ihn ganz klar darin besteht, den Leser mit m\u00f6glichst realistischen und detaillierten Informationen \u00fcber seine (Gedanken-)Welten zu versorgen. Viele von ihnen schaffen es dann sogar noch, einen spritzigen und unterhaltsamen Text dazu zu verfassen. Denn bei aller Liebe zum Detail ist auch beim komplement\u00e4ren Schreiben das <em>Schreiben<\/em> das Wichtigste, nicht die Vorbereitung darauf. Dennoch schlie\u00dft man sich oft wochenlang in seinem Arbeitszimmer ein, w\u00e4lzt B\u00fccher, durchforstet das Internet, um m\u00f6glichst einzigartige Basics herauszufiltern, mit denen man seinen Text interessant machen kann. So liefern komplement\u00e4re Autoren denn auch viel h\u00e4ufiger hieb- und stichfeste Daten und Fakten, wissenschaftlich eindeutig belegbare Zusammenh\u00e4nge wie z. B. die Zusammensetzung der Atmosph\u00e4re auf einem fremden Planeten, Details zu Raumschiffantrieben oder Tag- und Nachtphasen auf einem entlegenen Mond. Das sind alles Dinge, die ein spontaner Kreativschreiber nur grob umrei\u00dfen kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Puzzle nimmt Formen an \u2013 gute Aufbereitung ist das A und O<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie schon erw\u00e4hnt, ist eine umfassende Vorbereitung auf ein Schreibprojekt hier das Wichtigste. Figuren m\u00fcssen gezeichnet, eine Rahmenhandlung entworfen, Szenen skizziert werden. Oft geschieht das mit Hilfe von Textbaustein-Programmen, die extra f\u00fcr Schriftsteller geschrieben wurden (wie z. B. dem ywriter). Hier muss man nicht unbedingt linear schreiben, sondern kann schon zu Beginn des Schreibprozesses an Szenen arbeiten, die erst in der Mitte oder am Ende des Werkes vorkommen. So hat man die M\u00f6glichkeit, viel besser daf\u00fcr zu sorgen, dass alle Szenen auch logisch miteinander verkn\u00fcpft sind. Logische Fehler oder Cliffhanger sind demnach die Ausnahme. Man kann den Schreibprozess des komplement\u00e4ren Schriftstellers wie schon beschrieben mit einem Puzzle vergleichen. Nur wenn man intensiv nach den richtigen Teilen sucht, ergibt sich hinterher auch eine einwandfreie Story mit facettenreichen Figuren und einer Handlung, die allen Argumenten standh\u00e4lt. Ein weiterer wichtiger Punkt hierbei ist die Recherche. Dabei sollte man wissen, wo man suchen muss und man sollte auch wissen, <em>was<\/em> man sucht; dann wird man f\u00fcndig (siehe hierzu auch meine vorherigen Artikel). So ergibt sich nach und nach ein fertiges Puzzle, das durch seine Vielf\u00e4ltigkeit und wissenschaftliche Belegbarkeit zu \u00fcberzeugen wei\u00df! Allerdings \u2013 und das ist der gr\u00f6\u00dfte Nachteil \u2013 leidet der Lesefluss oft darunter:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Panta rhei (alles flie\u00dft) \u2013 leider nicht immer bei komplement\u00e4ren Autoren<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>W\u00e4hrend beim origin\u00e4ren Schreiber alles wie aus einem Guss zu kommen scheint, wirken Texte komplement\u00e4rer Autoren manchmal wie ein unfertiges Puzzle: obwohl alles vorhanden ist und man eigentlich an nichts meckern kann, fehlt einfach das gewisse Etwas, der \u201eSpirit\u201c. Der l\u00e4sst sich n\u00e4mlich nicht durch Recherche oder durch eine fein komponierte Storyline ersetzen, sondern h\u00e4ngt einfach vom Talent des Autors ab. Ein guter (SF-)Schriftsteller schafft es demnach immer, den Leser mit neuartigen Ideen zu verbl\u00fcffen und zu \u00fcberzeugen. Ganz gleich, ob die Fakten stimmen oder nicht \u2013 den richtigen Spirit kann man nur beim Schreiben r\u00fcberbringen. Nat\u00fcrlich schaffen das auch viele Autoren, die nach der eher wissenschaftlichen Methode vorgehen, aber authentischer wirkt es dann doch bei denen, die ihren Worten einfach freien Lauf lassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So haben beide Schreibstile also Vor- und Nachteile. Ich w\u00fcrde sagen, bei Romanen und l\u00e4ngeren Texten sollte man komplement\u00e4r schreiben, bei Kurzgeschichten und Gedichten muss(!!!) man origin\u00e4r schreiben.<\/p>\n<p>Ich hoffe, ihr konntet herausfinden, zu welchem Typ Schriftsteller ihr geh\u00f6rt und wie ihr die jeweiligen Nachteile am besten nivellieren k\u00f6nnt!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mehr zum Autor dieses Artikels auf seiner <a href=\"http:\/\/www.svenkloepping.de\" target=\"_blank\">Website<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>PS: Wie immer spiegelt der Inhalt dieses Artikels nur die Ansicht des Verfassers wieder, die gepr\u00e4gt ist vom Schreiben zahlreicher Kurzgeschichten und dem Meinungsaustausch mit anderen Autoren. Nat\u00fcrlich gibt es andere Herangehensweisen. Aber aus der Sicht des Verfassers sind die oben beschriebenen Typen weit verbreitet und daher erw\u00e4hnenswert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im f\u00fcnften Teil meiner kleinen Artikelreihe geht es um zwei Arten von Schriftstellern. Zu welchen geh\u00f6rt ihr? Und wie k\u00f6nnt ihr die einzelnen Vor- und Nachteile der jeweiligen Schreibstile f\u00fcr eure SF-Projekte nutzen? 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