{"id":3571,"date":"2015-09-22T18:25:37","date_gmt":"2015-09-22T16:25:37","guid":{"rendered":"http:\/\/deutsche-science-fiction.de\/?p=3571"},"modified":"2015-09-24T17:34:52","modified_gmt":"2015-09-24T15:34:52","slug":"michael-iwoleit-mit-klarem-standpunkt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/deutsche-science-fiction.de\/?p=3571","title":{"rendered":"Michael Iwoleit mit klarem Standpunkt"},"content":{"rendered":"<p>Michael K. Iwoleit hat schon zahlreiche SF-Preise und Nominierungen erhalten. Als Mitherausgeber von Nova tr\u00e4gt er dazu bei, dass die Storyszene in Deutschland lebendig bleibt. Au\u00dferdem schreibt er immer wieder Essays und Artikel zur SF-Literatur. Lesen Sie nun exklusiv bei uns seine Meinung zur literarischen Einordnung aktueller SF, die er bereits in TERRAsse (Begleitheft zum Pentacon 2015) kundgetan hat:<\/p>\n<h2><!--more--><\/h2>\n<h2>Michael K. Iwoleit &#8211;<\/h2>\n<h2><strong>Die neue Ann\u00e4herung von Science Fiction und Literatur<\/strong><\/h2>\n<p><a href=\"http:\/\/deutsche-science-fiction.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/michael-iwoleit.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-3575\" src=\"http:\/\/deutsche-science-fiction.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/michael-iwoleit-150x150.jpg\" alt=\"michael iwoleit\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><\/p>\n<p>1988 schrieb der k\u00fcrzlich verstorbene Wolfgang Jeschke im Editorial des Almanachs <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Science-Fiction-Ausgabe-Jahrbuch-Leser\/dp\/3453009835\/ref=sr_1_2?ie=UTF8&amp;qid=1442938849&amp;sr=8-2&amp;keywords=science+fiction+jahr+1988\" target=\"_blank\"><em>Das Science Fiction Jahr<\/em><\/a>: &#8222;Mir passiert es immer wieder , etwa wenn man Anthologien wie <em>Der verkabelte Mensch<\/em>, hrsg. von Gerd E. Hoffmann, oder <em>Die siebente Reise<\/em>, hrsg. von Roman Ritter und Herman Peter Piwitt, aufschl\u00e4gt und auf Texte von bekannten Autoren st\u00f6\u00dft, die man sonst durchaus f\u00fcr gute, zumindest passable Autoren h\u00e4lt, da\u00df sich einem ein Aufseufzen entringt und man sich insgeheim w\u00fcnscht: H\u00e4tte er doch wenigstens ein bi\u00dfchen SF gelesen! Und: Hat das nicht Nelson Bond oder R.A. Lafferty oder Fredric Brown oder wer sonst auch immer vor drei\u00dfig, vierzig Jahren nicht viel pfiffiger, nicht viel einfallsreicher gebracht? (&#8230;) Legt man SF-Ma\u00dfst\u00e4be an Texte an, die von Autoren der sog. Mainstream-Literatur geschrieben wurden, dann verbreiten sie meist g\u00e4hnende Langeweile, wenn sie einem unter dem Label &#8218;Phantastik&#8216; unterkom\u00admen.&#8220;<sup>1<\/sup> Diese Fronthaltung zwischen Science Fiction (und Genre-Literatur \u00fcberhaupt) auf der einen und sogenannter &#8222;ernsthafter&#8220; Literatur auf der anderen Seite war noch bis in die Neunzigerjahre hinein eine offenkundige Tatsache. Zum einen bezeugten Main\u00adstream-Autoren, wenn sie sich an SF-artige Stoffe heranwagten, eine best\u00fcrzende Nai\u00advit\u00e4t gegen\u00fcber dem, was in der Genre-SF bereits alles passiert war, oder kamen \u00fcber das leicht verstaubte Motivinventar der traditionellen Utopie und Dystopie nicht nen\u00adnenswert hinaus. Zum anderen wollten Kulturmedien au\u00dferhalb der SF-Szene lange Zeit nicht wahrhaben, da\u00df es, von Stanislaw Lem abgesehen, \u00fcberhaupt SF-Autoren mit einer \u00fcber das Genre hinausgehenden Bedeutung gibt. Der unaufhaltsame Aufstieg von Philip K. Dick zu einem der Monumente der amerikanischen Nachkriegsliteratur, ironischerweise durch Hollywood-Verfilmungen angebahnt, sollte erst \u00fcber zwanzig Jahre nach seinem Tod in den K\u00f6pfen der literarisch Interessierten ankommen. Erst nach dem Bestseller-Erfolg seines von Spielberg verfilmten Romans <em>Empire of the Sun<\/em> (1984) wandelte sich das Image eines J.G. Ballard langsam von dem einer Obskurit\u00e4t in SF- und Avantgarde-Magazinen zu einem der f\u00fchrenden britischen Schriftsteller seiner Generation. Die Auseinandersetzung mit SF-Autoren, sofern sie \u00fcberhaupt einmal zu allgemeinliterarischen Veranstaltungen eingeladen wurden, beschr\u00e4nkte sich weit\u00adgehend auf Grundsatzdebatten und Rechtfertigungen (als SF-Schaffender, der seit der Mitte der Achtzigerjahre dabei ist und an vielen Veranstaltungen dieser Art teilgenom\u00admen hat, kann ich aus Erfahrung sprechen). Eine thematische und literarische Auf\u00adarbeitung der Science Fiction leisteten au\u00dferhalb der Szene weder Literaturkrik noch Literaturwissenschaft. Die vorherrschende Perspektive war d\u00fcnkelhafte Ahnungs\u00adlosigkeit. Akademische Monographien zur Science Fiction wurden vornehmlich von Leuten geschrieben, die &#8211; um eine heute popul\u00e4re Phrase zu mi\u00dfbrauchen &#8211; ihre Haus\u00adaufgaben mehr als nicht gemacht hatten.<\/p>\n<p>Die Situation hat sich in vielerlei Hinsicht dramatisch ver\u00e4ndert. Von der SF-Szene bemerkenswert wenig beachtet, kommentiert oder gar begr\u00fc\u00dft, ist etwas eingetreten, wovon ambitionierte SF-Macher in den Achtzigern nur tr\u00e4umen konnten: die SF &#8211; als literarische Taktik, als ein Komplex von Themen, Motiven und Techniken &#8211; ist in der allgemeinen Literatur angekommen. Zum einen erscheinen immer mehr B\u00fccher, die zwar auf das Label Science Fiction verzichten, aber deutliche Anleihen bei der Science Fiction machen oder, genau besehen, lupenreine Science Fiction sind und deren Ver\u00adfasser, obwohl fest in der Mainstream-Literatur etabliert, nicht blo\u00df ein paar SF-Ideen aufgeschnappt, sondern die Science Fiction &#8211; und mit ihr andere Segmente der Popu\u00adl\u00e4rkultur &#8211; erkennbar rezipiert und intelligent verarbeitet haben. Heute kann ein Main\u00adstream-Autor wie der russischst\u00e4mmige Amerikaner Gary Shteyngart mit seinem ebenso witzigen wie einfallsreichen Roman <em>Super Sad True Love Story<\/em> (2010), der soziale Netzwerke und die Preisgabe des Privaten in die nahe Zukunft weiterdenkt, einem Gro\u00dfteil der zeitgen\u00f6ssischen SF-Genreautoren eine Lektion erteilen, wie man&#8217;s macht. Ein renommierter Mann wie der Engl\u00e4nder David Mitchell kombiniert und verschr\u00e4nkt, souver\u00e4n und unverkrampft, Genre-Versatzst\u00fccke vom historischen \u00fcber den Abenteuerroman bis hin zur Science Fiction. Die besten Romane eines Richard Powers, denen gelungen ist, was der Cyberpunk nur versucht hat &#8211; den Jargon der technisch-naturwissenschaftlichen Intelligentsia literarisch abzubilden -, sind kaum denkbar ohne die Aufgeschlossenheit f\u00fcr Ideen und Gedankenexperimente, die die SF in die Gegenwartsliteratur eingebracht hat. Es ist ein neuartiger Typus von Schriftsteller entstanden, dem der Br\u00fcckenschlag zwischen den einst verfeindeten Lagern der lite\u00adrarisch-musischen und der naturwissenschaftlich-technischen Kultur dadurch gelungen ist, da\u00df sie die reichen Techniken der modernen und postmodernen Literatur beherr\u00adschen und zugleich in der Gedankenwelt des anderen Lagers zuhause sind, und f\u00fcr das Auftreten dieses Typus d\u00fcrften SF-Autoren Pate gestanden haben. (Der wichtigste Schrifsteller dieser Art im deutschen Sprachraum ist Dietmar Dath, und interessanter\u00adweise hat sein unverkrampfter Umgang mit der SF dazu gef\u00fchrt, da\u00df Suhrkamp seinen Roman <em>Feldev\u00e1ye<\/em> [2014] auf dem Cover wieder unverbl\u00fcmt als Science Fiction bezeichnet hat.)<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/deutsche-science-fiction.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/cover-james-tiptree-biography-alice-sheldon.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-medium wp-image-3573\" src=\"http:\/\/deutsche-science-fiction.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/cover-james-tiptree-biography-alice-sheldon-194x300.jpg\" alt=\"cover - james tiptree biography - alice sheldon\" width=\"194\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/deutsche-science-fiction.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/cover-james-tiptree-biography-alice-sheldon-194x300.jpg 194w, https:\/\/deutsche-science-fiction.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/cover-james-tiptree-biography-alice-sheldon-662x1024.jpg 662w, https:\/\/deutsche-science-fiction.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/cover-james-tiptree-biography-alice-sheldon.jpg 1100w\" sizes=\"auto, (max-width: 194px) 100vw, 194px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Zum anderen sind Autoren, auf die SF-Insider viele Jahre vergeblich aufmerksam zu machen versuchten, inzwischen auf langen und \u00fcberraschenden Umwegen in den Rang kultureller Ideenstifter aufgestiegen (um eine Formulierung zu verwenden, die Horst Pukallus im Zusammenhang mit William S. Burroughs gebraucht hat). Ein knappes Vierteljahrhundert nach seinem Tod ist der immense Einflu\u00df, den Philip K. Dick auf Autoren, Musiker, K\u00fcnstler und Regisseure weit \u00fcber die SF hinaus ausge\u00fcbt hat, kaum mehr zu \u00fcberschauen. Aufgrund von Mainstream-Romanen aus den F\u00fcnfzigerjahren, die er zu Lebzeiten nicht ver\u00f6ffentlichen konnte, wird er inzwischen sogar von der tra\u00additionell fl\u00fcgellahmen deutschen Literaturkritik mit anerkannten literarischen Gr\u00f6\u00dfen wie seinem Landsmann Richard Yates verglichen. Als J.G. Ballard 2009 an einer Krebserkrankung starb, quollen die deutschen Publikumsmedien geradezu \u00fcber von \u00fcberraschend treffenden und kenntnisreichen Nachrufen, und in Feuilletons, die in den Achzigerjahren kein Sterbensw\u00f6rtchen \u00fcber ihn gebracht h\u00e4tten, wurde ihm in einem Ton gehuldigt, als habe man ihn schon immer gekannt und gesch\u00e4tzt. Wenn die auf\u00adsehenerregende Biographie <em><a href=\"http:\/\/www.amazon.com\/James-Tiptree-Jr-Double-Sheldon\/dp\/0312426941\" target=\"_blank\">James Tiptree, jr. The Double Life of Alice B. Sheld<\/a>on<\/em> von Julie Philips und das Interesse, das die deutschsprachige Tiptree-Gesamtausgabe auf der letzten Frankfurter Buchmesse erregt hat, als Indizien gelten k\u00f6nnen, so k\u00f6nnte Alice Sheldon alias James Tiptree, jr., eine der gr\u00f6\u00dften Kurzgeschichtenautoren \u00fcberhaupt, als n\u00e4chste der \u00fcberf\u00e4llige posthume Ruhm zuteil werden. Bedeutenden SF- und Phanta\u00adstik-Autoren von kaum geringerem Rang, etwa Gene Wolfe oder der 2014 verstorbene Lucius Shepard, ist die verdiente Anerkennung bislang versagt geblieben, aber es ist nicht mehr ausgeschlossen, da\u00df auch sie in den allgemeinen Literaturkanon aufr\u00fccken werden. Immer mehr talentierte Autoren, die in der SF angefangen haben, brauchen gar nicht mehr auf posthumen Ruhm zu warten. William Gibson hatte es noch den beson\u00adderen Zeitum\u00adst\u00e4nden zu verdanken, da\u00df er vom SF-Autor zu einer Ikone des Internet- Zeitalters ge\u00adworden ist. Andere haben davon profitiert, da\u00df sich die SF, die fr\u00fcher als ein ausgesprochen angloamerikanisches Ph\u00e4nomen wahrgenommen wurde, zu einer globalen und multikulturellen Ausdrucksform ausgeweitet hat. Vor zwanzig Jahren praktisch undenkbar, hat die franz\u00f6sisch-amerikanische Autorin Aliette de Bodard als erste kontinentaleurop\u00e4ische Autorin den Nebula Award, die h\u00f6chste Auszeichnung der SF-Szene, mehrfach gewonnen. In Gardner Dozois j\u00e4hrlichen Auswahlanthologien tauchen nun regelm\u00e4\u00dfig &#8222;Exoten&#8220; wie der Israeli Lavie Tidhar oder die indisch-ame\u00adrikanische Autoren Vandana Singh auf. Autoren wie der Amerikaner Jonathan Lethem, die Spanierin Elia Barcel\u00f3 oder die Finnen Johanna Sinisalo und Pasi Ilmari J\u00e4\u00e4ske\u00adl\u00e4inen, mit Wurzeln in der SF-Szene und sogar im SF-Fandom, feiern auf dem allge\u00admeinen Buchmarkt internationale Erfolge und werden kaum noch als SF-Autoren wahrgenommen. Von der eingefleischten SF-Leserschaft praktisch unbemerkt, ist SF-Veteran Samuel R. Delany zu einem der gro\u00dfen Geheimtips der amerikanischen Gegenwartsliteratur aufgestiegen, und nicht wenige Literaturkenner sind davon \u00fcber\u00adzeugt, da\u00df k\u00fcnftige Generationen seinen Roman <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Through-Valley-Spiders-Samuel-Delany\/dp\/193683314X\/ref=sr_1_1?ie=UTF8&amp;qid=1442938943&amp;sr=8-1&amp;keywords=Through+the+Valley+of+the+Nest+of+Spiders\" target=\"_blank\"><em>Through the Valley of the Nest of Spiders<\/em><\/a> (2012) als einen der besten englischsprachigen Romane des neuen Jahrhunderts einstufen werden.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/deutsche-science-fiction.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/cover-delany-through-the-valley-of-the-nest-of-spiders.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-3574\" src=\"http:\/\/deutsche-science-fiction.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/cover-delany-through-the-valley-of-the-nest-of-spiders-200x300.jpg\" alt=\"cover - delany - through the valley of the nest of spiders\" width=\"200\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/deutsche-science-fiction.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/cover-delany-through-the-valley-of-the-nest-of-spiders-200x300.jpg 200w, https:\/\/deutsche-science-fiction.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/cover-delany-through-the-valley-of-the-nest-of-spiders.jpg 333w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Ist also alles in Ordnung? Sind Science Fiction und Literatur miteinander vers\u00f6hnt? K\u00f6nnen SF-Autoren sich entspannt zur\u00fccklehnen und darauf hoffen, k\u00fcnftig unvorein\u00adgenommen beurteilt zu werden? Eher nicht. Eine Kehrseite der ganzen Entwicklung ist, da\u00df das Image der SF als Genre so schlecht ist wie nie, da\u00df das Label &#8222;Science Fiction&#8220; vor allem mit trivialen, kommerziellen Erzeugnissen im Bereich Film und Computer\u00adspiel assoziiert wird und auf viele Buchk\u00e4ufer abschreckend wirkt. Franz Rottensteiner hat zu Recht angemerkt, da\u00df das Etikett &#8222;Science Fiction&#8220; f\u00fcr einen Autor gesch\u00e4fts\u00adsch\u00e4digend geworden ist. Wer heute ambitionierte Science Fiction schreiben will, tut gut daran, auf das Label ganz zu verzichten. Hinzu kommt, da\u00df das Sektierertum der SF-Szene eher zu- als abgenommen hat. Die Szene nimmt bemerkenswert wenig Anteil am Aufgehen der SF in die Mainstream-Literatur und -Kultur. F\u00fcr einen Artikel, der im diesj\u00e4hrigen <em>Science Fiction Jahr<\/em> (ab 2015 bei Golkonda) erscheinen wird, habe ich es auf mich genommen, einen Gro\u00dfteil der deutschsprachigen SF-Kurzgeschichten-Pro\u00adduktion des Jahres 2014 zu lesen, und das Ergebnis best\u00e4tigt den Eindruck, den ich als Mitherausgeber und Story-Redakteur der Magazins <em>Nova<\/em> gewonnen habe. Zwar k\u00f6nnen wir damit zufrieden sein, da\u00df eine kleine, geschrumpfte und kommerziell unbedeutende Szene wie unsere immer noch f\u00fcnf bis f\u00fcnfzehn Autoren vorweisen kann, die lesens\u00adwertes bis literarisch ansprechendes Material produzieren k\u00f6nnen. Andererseits werden immer noch viel zu viele Autoren publiziert, die meinen, da\u00df es f\u00fcr einen SF-Autor ausreicht, sich nur f\u00fcr SF zu interessieren und nur SF zu lesen. Immer noch sind viele SF-Macher au\u00dferstande, Ideen und Anregungen von au\u00dferhalb der SF-Szene aufzu\u00adnehmen, an Kultur und Literatur im weiteren Sinne teilzuhaben. Immer noch ahmen zu viele Neulinge die Untugenden schlechter amerikanischer Vorbilder so besinnungslos nach, als ob die gesamte dezidierte SF-Kritik der Sechziger- bis Achtzigerjahre, die Auseinandersetzung mit Klischees und Versatzst\u00fccken in zahlreichen Jahrg\u00e4ngen der <em>Science Fiction Times<\/em> oder des <em>Science Fiction Jahrs<\/em> v\u00f6llig an ihnen vorbeigegangen ist. Die SF-Szene l\u00e4uft Gefahr, auf lange Sicht genau dort zu landen, wo in den Acht\u00adzigerjahren das literarische Establishment gestanden hat: in der Ecke der langweiligen, r\u00fcckst\u00e4ndigen Spie\u00dfer.<\/p>\n<p>Was ist zu tun? Eine einfache Antwort kann auch ich nicht geben, aber vielleicht einen Leitgedanken, der auf dem 9. Penta-Con in Dresden diskutiert werden kann: Nie\u00admand mu\u00df sich daf\u00fcr sch\u00e4men, da\u00df er ein SF-Autor ist. Niemand mu\u00df sich mit den Kli\u00adschees identifizieren, die mit dem Label Science Fiction gemeinhin assoziiert werden. Aber im gewandelten kulturellen Kontext, in dem wir heute SF produzieren, m\u00fcssen wir uns fragen: Was ist uns wichtiger, das Etikett &#8222;Science Fiction&#8220; oder das, was SF eigent\u00adlich ausmacht, n\u00e4mlich die Erz\u00e4hltechniken und Themen, die wir bevorzugt anwenden und die nicht ohne Grund immer mehr von der allgemeinen Literatur adaptiert werden? Was ist wichtiger: ob auf einem Buchcover &#8222;Science Fiction&#8220; steht oder ob ein Buch Anerken\u00adnung f\u00fcr die geschickte und originelle Anwendung eben dieser Themen und Techniken findet? Mu\u00df eine SF-Veranstaltung unbedingt als eine solche auftreten? Haben die Entwicklungen in der Mainstream-Literatur nicht bewiesen, da\u00df es ein poten\u00adtielles SF-Publikum gibt, das wir durch unser hartn\u00e4ckiges Festhalten am Label SF (und, daf\u00fcr vielleicht symptomatisch, durch ein Beharren auf einem Auserw\u00e4hltheits\u00adgef\u00fchl der SF-Szene) abschrecken?<\/p>\n<p>Dies sind die Fragen, die mich immer mehr besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><sup>1<\/sup> Wolfgang Jeschke (Hrsg.): <em>Das Science Fiction Jahr. Ausgabe 1988<\/em>, Wilhelm Heyne Verlag, M\u00fcnchen 1988, S.16.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Copyright \u00a9 2015 by Michael Iwoleit<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Michael K. Iwoleit hat schon zahlreiche SF-Preise und Nominierungen erhalten. Als Mitherausgeber von Nova tr\u00e4gt er dazu bei, dass die Storyszene in Deutschland lebendig bleibt. Au\u00dferdem schreibt er immer wieder Essays und Artikel zur SF-Literatur. Lesen Sie nun exklusiv bei uns seine Meinung zur literarischen Einordnung aktueller SF, die er bereits in TERRAsse (Begleitheft zum &hellip; <\/p>\n<p><a class=\"more-link btn\" href=\"https:\/\/deutsche-science-fiction.de\/?p=3571\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,4],"tags":[1014,1003,940,1006,1008,1002,1005,1001,279,1007,202,280,1004],"class_list":["post-3571","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","category-frontpage","tag-frontpage","tag-einordnung","tag-essay","tag-genre","tag-james-tiptree","tag-literarisch","tag-literaturgattung","tag-meinung","tag-michael-iwoleit","tag-samuel-r-delany","tag-sf","tag-wolfgang-jeschke","tag-zuordnung","nodate","item-wrap"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/deutsche-science-fiction.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3571","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/deutsche-science-fiction.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/deutsche-science-fiction.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/deutsche-science-fiction.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/deutsche-science-fiction.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3571"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/deutsche-science-fiction.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3571\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/deutsche-science-fiction.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3571"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/deutsche-science-fiction.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3571"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/deutsche-science-fiction.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3571"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}