{"id":5375,"date":"2019-11-06T20:27:19","date_gmt":"2019-11-06T19:27:19","guid":{"rendered":"http:\/\/deutsche-science-fiction.de\/?p=5375"},"modified":"2019-11-14T19:44:53","modified_gmt":"2019-11-14T18:44:53","slug":"story-nur-eine-unterbrechung-von-hubert-hug","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/deutsche-science-fiction.de\/?p=5375","title":{"rendered":"Story: &#8222;Nur eine Unterbrechung&#8220; von Hubert Hug"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Hubert Hug, geboren 1959, verheiratet, zwei Kinder, ist Molekularbiologe. Science-Fiction-Geschichten von ihm sind unter anderem in Golem, Flash Fiction Magazine, Fantasia des EDFC und der Edition B\u00e4renklau erschienen. Er lebt in einer Sackgasse an einem Bach mit merkw\u00fcrdigen Kreaturen. Das k\u00f6nnte seine Andersartigkeit erkl\u00e4ren.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"800\" height=\"415\" src=\"https:\/\/deutsche-science-fiction.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Hubert-Hug-Nur-eine-Unterbrechung.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5376\" srcset=\"https:\/\/deutsche-science-fiction.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Hubert-Hug-Nur-eine-Unterbrechung.jpg 800w, https:\/\/deutsche-science-fiction.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Hubert-Hug-Nur-eine-Unterbrechung-300x156.jpg 300w, https:\/\/deutsche-science-fiction.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Hubert-Hug-Nur-eine-Unterbrechung-768x398.jpg 768w, https:\/\/deutsche-science-fiction.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Hubert-Hug-Nur-eine-Unterbrechung-770x400.jpg 770w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Der\nBach rauschte und die Erlen bl\u00fchten. Im Geh\u00f6ft mit dem weit\n\u00fcberh\u00e4ngendem Dach klingelte das Telefon. Herr Wiesler schaltete\nden Herd aus, ging zum Telefonapparat und nahm den H\u00f6rer ab.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHallo.\nWer ist dort?\u201c, fragte er.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMein Name ist \u00dcberking, Leiter des Amts f\u00fcr Pollenverwaltung.\u201c Die Stimme klang etwas heiser und belegt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas\nf\u00fcr eine Verwaltung?\u201c, erkundigte sich Herr Wiesler.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAmt f\u00fcr Pollenverwaltung\u201c, sang es aus dem H\u00f6rer.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNoch\nnie geh\u00f6rt\u201c, sagte Herr Wiesler.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas\nsollten Sie aber. Wir haben sowieso das Gef\u00fchl, dass Sie nicht mit\nder Zeit gehen wollen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMit\nwelcher Zeit?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eH\u00f6ren\nSie, Herr Wiesler. Ich habe nicht viel Zeit.\u201c Herr \u00dcberking klang\n\u00e4rgerlich. \u201eIch rufe Sie wegen einer ernsten Sache an.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa\n\u2026 dann sagen Sie endlich, was passiert ist.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGenau.\nSie scheinen vern\u00fcnftig zu werden. Ihre Erlen bl\u00fchen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie\nErlen am Bach?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa\ngenau. Sie stehen auf ihrem Grundst\u00fcck. Sie h\u00e4tten diese schon\nletztes Jahr f\u00e4llen sollen. Ein entsprechendes Schreiben war Ihnen\nvon uns zugekommen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDavon\nwei\u00df ich nichts. Sicher war Ihr Schreiben nicht wichtig.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAlles,\nwas von uns kommt, ist wichtig\u201c, schrie Herr \u00dcberking. \u201eWir sind\neine hoheitliche Beh\u00f6rde.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas\nist gut. Ich bin ein Bauer im Schwarzwald.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eH\u00f6ren\nSie, mein guter Herr. Wir geben Ihnen die letzte Chance.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas\nwollen Sie von mir?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch\nsage Ihnen, was Sie schon lange wissen sollten. Nach Baum- und\nBl\u00fctengesetzbuch Paragraph 14z, Absatz 4.1.3, Zeile 5 bis 11 d\u00fcrfen\nkeine Erlen im Schwarzwald bl\u00fchen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas\nist mir neu. Erlen bl\u00fchen hier meines Wissens seit Tausenden von\nJahren.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eKann\nsein. Aber Erlen d\u00fcrfen nicht mehr bl\u00fchen. Das ist Allgemeinwissen.\nBald habe ich keine Geduld mehr mit Ihnen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eKein\nProblem. Ich muss sowieso gleich meine H\u00fchner f\u00fcttern.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eH\u00fchner\n\u2026\u201c, Herr \u00dcberking machte eine Pause. Er hustete und r\u00f6chelte,\nbevor er erbost weitersprach. \u201eIch werd\u2019 schon krank, wenn ich\ndas Wort \u2018H\u00fchner\u2019 h\u00f6re. Hoffentlich haben Sie die Viecher\nentsprechend der Vorschriften eingesperrt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa\u201c,\nsagte Herr Wiesler.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eOkay.\nUm Ihre H\u00fchner wird sich sp\u00e4ter eine andere Abteilung k\u00fcmmern. Ich\nwerde das Problem weiterleiten. Zur\u00fcck zu den Erlen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch\nbin noch hier\u201c, sagte Herr Wiesler. \u201eAber bald muss ich gehen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSie\nm\u00fcssen die Erlen f\u00e4llen. Sonst werde ich eine daf\u00fcr qualifizierte\nBaumf\u00e4llfirma vorbeischicken. Auf Ihre Kosten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie\nKr\u00e4hen bauen ein Nest in den Erlen. Die kann man nicht einfach\nf\u00e4llen. Au\u00dferdem brauche ich die B\u00e4ume als Hochwasserschutz.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUm\nden Hochwasserschutz k\u00fcmmert sich eine andere Abteilung.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHat\ndie Abteilung einen Kuhstall?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eLenken Sie nicht wieder vom Thema ab.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSie\nhaben mit dem Thema angefangen. Wir wissen doch, dass Erlen, wenn es\nregnet, fast so viel Wasser aufnehmen k\u00f6nnen, wie ihrem Volumen\nentspricht. Das ist alles Wasser, das nicht mehr in meinen Kuhstall\nlaufen kann. Der ist n\u00e4mlich manchmal \u00fcberschwemmt und die K\u00fche\nstehen im Wasser. Dann geben sie weniger Milch. Kann ich jetzt\nauflegen? Ich m\u00f6chte die Erlen behalten. Sie geh\u00f6ren doch mir,\noder?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNein.\nDie B\u00e4ume stehen zwar auf Ihrem Grundst\u00fcck. Aber die Verantwortung\nder Verwaltung liegt bei uns.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAha.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNichts\naha. Wir haben klare Grenzen. Die Vorschrift besagt, dass die Erlen\nverschwinden m\u00fcssen und zwar sofort.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch\nlasse die Erlen stehen. Sie gefallen mir.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eH\u00f6ren\nSie! Meine Geduld ist am Ende. Sie sind schuld, dass jedes Jahr\nTausende von Menschen erkranken.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch\nmache niemanden krank. Meine Eier und meine Milch sind gesund. Alles\nauf meinem Hof ist gesund.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSie\nsind ein Luftverschmutzer. Ihre Erlenpollen fliegen in unsere St\u00e4dte\nund verursachen Allergien. Die Menschen in den St\u00e4dten haben wegen\nsolchen Starrk\u00f6pfen wie Ihnen kein angenehmes Leben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDiese\nMenschen machen doch bei uns Urlaub. Jedes Jahr kommen Sie hierher,\nin gro\u00dfen Scharen. Die Touristen, die uns besuchen, sehen gesund\naus.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie\nKranken bleiben eben zu Hause\u201c, antwortete Herr \u00dcberking gereizt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas\nist besser f\u00fcr Kranke. So werden sie schneller gesund. Brauchen Sie\nKrankenrezepte von meiner Oma? Leider ist sie vor sieben Jahren\ngestorben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir\nbrauchen keine Rezepte.\u201c Herr \u00dcberking schrie in den H\u00f6rer. \u201eWir\nwollen, dass keine Erlenpollen in unseren St\u00e4dten landen.\u201c \n<\/p>\n\n\n\n<p>Herr\nWiesler nahm den H\u00f6rer etwas vom Ohr weg und sch\u00fcttelte den Kopf.\nNach ein paar Augenblicken antwortete er.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201ePflanzen\nSie doch Erlen in die St\u00e4dte. Dann werden die Menschen sicher wieder\ngesund. So gesund wie ich.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir\nm\u00fcssen alle Erlen f\u00e4llen. Es gibt moderne Vorschriften. Das\nversuche ich Ihnen doch die ganze Zeit zu erkl\u00e4ren. Zum letzten Mal\n\u2026\u201c Herr \u00dcberking br\u00fcllte wieder. \u201eErlenpollen verursachen\nAllergien!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMeine\nTiere und ich haben keine Allergien.\u201c Herr Wiesler zeigte keine\nweitere Regung.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSie\nsind eben eine Ausnahme. Und Ausnahmen gibt es bei uns nicht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas\nist nicht richtig. Ausnahmen sind manchmal gut. Ich zum Beispiel\nbesitze ein Huhn mit zwei krummen Zehen. Mein Nachbar riet mir, es zu\nschlachten. Aber jetzt legt es die meisten Eier, mindestens 300 im\nJahr. Stellen Sie sich vor. Essen Sie gerne Eier?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas\nGespr\u00e4ch mit Ihnen macht mich m\u00fcde. Sie wollen mich nicht\nverstehen, lesen unsere Schreiben nicht und weigern sich, unsere\nVorschriften zu beachten. Ich werde die Sache meinem Vorgesetzten\n\u00fcbergeben. Auf Wiederh\u00f6ren.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAuf\nWiederh\u00f6ren, Herr Amtmann. War sch\u00f6n, dass Sie sich mal bei mir\ngemeldet haben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Herr\nWiesler legte auf und l\u00e4chelte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u2018Meine\nErlen sind so sch\u00f6n gr\u00fcn\u2019, dachte er. \u2018Niemals werde ich sie\nf\u00e4llen. Eher werde ich gef\u00e4llt.\u2019<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hubert Hug, geboren 1959, verheiratet, zwei Kinder, ist Molekularbiologe. Science-Fiction-Geschichten von ihm sind unter anderem in Golem, Flash Fiction Magazine, Fantasia des EDFC und der Edition B\u00e4renklau erschienen. Er lebt in einer Sackgasse an einem Bach mit merkw\u00fcrdigen Kreaturen. Das k\u00f6nnte seine Andersartigkeit erkl\u00e4ren. Der Bach rauschte und die Erlen bl\u00fchten. 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