{"id":5577,"date":"2020-12-21T11:31:15","date_gmt":"2020-12-21T10:31:15","guid":{"rendered":"https:\/\/deutsche-science-fiction.de\/?p=5577"},"modified":"2020-12-21T11:34:06","modified_gmt":"2020-12-21T10:34:06","slug":"story-ideenskizze-von-tobias-lagemann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/deutsche-science-fiction.de\/?p=5577","title":{"rendered":"Story: &#8222;Ideenskizze&#8220; von Tobias Lagemann"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Tobias Lagemann, 1966 in Dortmund geboren, lebt seit 1989 in Aachen und Umgebung, nach abgebrochenem Germanistik-\/Komparatistik-Studium \u00fcber den Umweg als Junge f\u00fcr Alles (in einem Verlag) endlich bei der Post gelandet. Wird seit Anfang der 2000er Jahre ver\u00f6ffentlicht und schreibt sich dabei neugierig durch alle Genres (bis auf Nackenbei\u00dfer und Blutsverwandte). Er dankt an dieser Stelle ganz ausdr\u00fccklich seiner aufmerksamen Testleserin (mit der er zugleich sehr gerne verheiratet ist).<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"800\" height=\"415\" src=\"https:\/\/deutsche-science-fiction.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Tobias-Lagemann-Ideenskizze.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5580\" srcset=\"https:\/\/deutsche-science-fiction.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Tobias-Lagemann-Ideenskizze.jpg 800w, https:\/\/deutsche-science-fiction.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Tobias-Lagemann-Ideenskizze-300x156.jpg 300w, https:\/\/deutsche-science-fiction.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Tobias-Lagemann-Ideenskizze-768x398.jpg 768w, https:\/\/deutsche-science-fiction.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Tobias-Lagemann-Ideenskizze-770x400.jpg 770w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Wir lasen vom Krieg in der Zeitung, er w\u00fcrde auch zu uns kommen. Ein Termin st\u00fcnde zwar noch nicht fest, aber im Herbst w\u00e4re er da. So recht wussten die Kinder mit der Ank\u00fcndigung nichts anzufangen, als jedoch im Laufe des Sommers auf allen Kan\u00e4len ausf\u00fchrlich \u00fcber den nahenden Krieg berichtet wurde, begannen sie sich zu freuen. Ihnen gefielen die Bilder der Panzer, die sich durch Schlamm w\u00fchlten, auch die donnernden Gesch\u00fctze beeindruckten sie sehr. Und beim Anblick der Soldaten in ihren schmutzigen Uniformen, die Augen entschlossen nach vorn gerichtet, wollte unser Sohn sogleich das Soldatenhandwerk erlernen. Dass er erst mit Sechzehn zum Milit\u00e4r durfte, das fand er bl\u00f6de. Und um zu betonen, wie bl\u00f6de er das fand, wiederholte er das Wort drei Mal. Was wir ihm durchgehen lie\u00dfen, er war sichtlich entt\u00e4uscht, erst in sieben Jahren in den Krieg ziehen zu k\u00f6nnen.\nWir tr\u00f6steten ihn damit, dass der Krieg ja vielleicht bis dahin ein weiteres Mal in unsere Gegend k\u00e4me. Und da w\u00e4re er dann ja auch schon gr\u00f6\u00dfer, da w\u00fcrden wir ihn ganz nah an die Front lassen, und vielleicht w\u00e4re es auch m\u00f6glich, dass er in einer Feuerpause mit Soldaten sprach.\nUnsere Tochter verlangte das sogleich auch f\u00fcr sich, und um uns zu beweisen, was f\u00fcr ein guter Soldat sie war, paradierte sie im Wohnzimmer mit dem Holzgewehr ihres Bruders auf und ab. Ihr Schritt knallte nur so auf das Parkett, wir luden ein Video von ihr sogleich bei <em>wartube\u2122<\/em> hoch. Dennoch versuchten wir, ihr den Berufswunsch auszureden, denn welchen Sinn machte es, Kinder von Etwas tr\u00e4umen zu lassen, das an den Realit\u00e4ten scheitern musste.\nZur k\u00e4mpfenden Truppe d\u00fcrfe sie nicht, erkl\u00e4rten wir ihr, aber \u00c4rztin k\u00f6nne sie werden, als Milit\u00e4r\u00e4rztin w\u00e4re sie ja fast auch ein Soldat. An der Front k\u00e4mpfen w\u00fcrde sie zwar nicht, aber sie w\u00e4re dicht dahinter, zudem d\u00fcrfe sie eine Waffe tragen. Wir malten ihr die Abenteuer aus, die sie in einem Feldlazarett erleben konnte. Gerade zur rechten Zeit sah sie eine Dokumentation im Fernsehen, die \u00fcber das blutige Handwerk von Milit\u00e4r\u00e4rzten aufkl\u00e4rte. Das gefiel unserer Kleinen und sie wollte in Blut und Schmutz stehend Soldaten zusammenflicken, ach, aber nicht nur, sie w\u00fcrde auch amputieren, jawoll, denn das machten Milit\u00e4r\u00e4rzte ganz oft.\nW\u00fcrdest du mich einem anderen verletzten Soldaten vorziehen, wollte unser Sohn wissen. Unser Tochter \u00fcberlegte kurz, dann sch\u00fcttelte sie ihr K\u00f6pfchen, sagte \u2013 und das beeindruckte uns wirklich sehr, sie war ja erst sieben Jahre alt -, dass an der Front nur der Soldat z\u00e4hlt, nicht das Verwandschaftverh\u00e4ltnis.\n\nNicht nur die Kinder freuten sich auf den nahenden Krieg, auch wir taten es. Aufgewachsen in einer Zeit, in der Kriege etwas Fernes waren, etwas, das in anderen L\u00e4ndern geschah und uns nur via Fernsehen und Internet erreichte, sp\u00fcrten wir, dass uns etwas fehlte. Ja, wir kannten Bilder von Massakern und verw\u00fcsteten St\u00e4dten, aber all das aus n\u00e4chster N\u00e4he zu sehen, ach was, es aus n\u00e4chster N\u00e4he mitzuerleben, war doch etwas g\u00e4nzlich Anderes. Am Rand der Stadt w\u00fcrde gek\u00e4mpft werden, also fast vor unserer Haust\u00fcr, es w\u00fcrde Zuschauertrib\u00fcnen geben und Gro\u00dfbildleinw\u00e4nde, um besonders dramatische K\u00e4mpfe in Zeitlupe wiederholen zu k\u00f6nnen, so lasen wir auf Plakaten. Wie eine Glocke w\u00fcrde sich der Gefechtsl\u00e4rm \u00fcber die Stadt legen, eine Woche lang w\u00fcrden Gesch\u00fctzdonner und das Tackern automatischer Waffen unsere st\u00e4ndige Begleiter sein. Und des Nachts, wenn ein Feuer\u00fcberfall den Gegner zu schw\u00e4chen versuchte, w\u00fcrden wir erschrocken aufwachen und uns aneinander klammern. Wir w\u00fcrden gewisserma\u00dfen im Krieg leben und mit dem Krieg, wir w\u00fcrden erfahren, wie Krieg wirklich war.\nSelbstverst\u00e4ndlich kannten wir die sogenannten Argumente der Pazifisten, wir wussten also, dass sie den nahenden Krieg als Showveranstaltung verlachten. Denn als solche habe der uns versprochene Krieg nichts mit den brutalen Wahrheiten eines echten Krieges gemein.\nJa, unser Krieg war eine Show, aber in ihr wurden echte Soldaten wirklich verletzt, verst\u00fcmmelt und sie starben, zumeist qualvoll. Denn die Kugeln waren aus echtem Blei, die Granaten angef\u00fcllt mit echtem hochexplosivem Sprengstoff, und wenn ein Jagdbomber Napalm abwarf, dann brannte das Land. Auch wenn er eine Show war, der Krieg war echt. Erfreulicherweise gab es in unserem Bekanntenkreis kaum Pazifisten, und wenn doch, dann waren sie vern\u00fcnftig genug, uns nicht mit ihren sinnfreien Bedenken zu bel\u00e4stigen.\n\nWir bereiteten uns auf den Krieg selbstverst\u00e4ndlich gewissenhaft vor, was besonders unseren Kindern gro\u00dfe Freude bereitete. Wir horteten im Keller Konservendosen, Nudeln, Getr\u00e4nke, Trockennahrung, Getr\u00e4nke, wir spalteten Holz f\u00fcr den Fall, dass die Stromversorgung ausfiel, lagerten Batterien ein und auch einhundert Liter Benzin f\u00fcr unser Auto, denn man wusste ja nie, ob sich der Krieg nicht vielleicht ausweitete, wir zwischen die Fronten gerieten. Nat\u00fcrlich w\u00fcrde das nicht geschehen, aber unsere Kinder hatten einen Mordsspa\u00df beim Schmieden all der Notpl\u00e4ne. Gro\u00dfe Freude bereitete ihnen auch das Einkaufen. Denn nat\u00fcrlich kam in der Stadt beinah jeder auf die Idee, sich das kleine Extra von Hamsterk\u00e4ufen zu g\u00f6nnen. Der Krieg kam zum ersten Mal zu uns, da an der falschen Stelle zu sparen, w\u00fcrde den Spa\u00df mindern. Wer belud seinen Einkaufswagen am schnellsten, wem gelang es, andere Hamsterer aus den Schlangen vor den Kassen zu dr\u00e4ngen? Das Hauen und Stechen um die letzten Konserven sahen wir jedoch nur noch aus der Ferne, ich hatte einen Bekannten bei der Stadtverwaltung bestochen, daher den Termin des Kriegsausbruchs fr\u00fchzeitig erfahren. Im Ernstfall kam es nicht auf Stunden an, da ging es um Minuten, entsprechend gerne zahlte ich dem Bekannten eine nicht unbedeutende Summe. Der Erfolg gab uns Recht, erst als wir mit voll beladenem Wagen den Parkplatz des Einkaufszentrums verlie\u00dfen, kamen die n\u00e4chsten verzweifelten Panikk\u00e4ufer. Wir gingen nat\u00fcrlich auch die Tage danach Einkaufen, aber mehr aus Voyeurismus als aus Notwendigkeit. Die Verzweiflung in den Gesichtern derer, die nur noch unn\u00fctze Reste vorfanden, war einfach zu k\u00f6stlich.   \n\nDie Beh\u00f6rden machten uns w\u00e4hrend der Wartezeit auf den Krieg das Leben schwer. Aber so war das, in Kriegen drohte die Ordnung oftmals zusammenzubrechen. Es bedurfte einer starken Hand, um den Fall in die v\u00f6llige Anarchie zu verhindern. Entsprechend war auch Benzin rationiert, gleiches galt f\u00fcr Heiz\u00f6l, Verbandsmaterial war keines mehr erh\u00e4ltlich, man hatte es f\u00fcr das Milit\u00e4r reserviert. Was in unserer Apotheke Anlass zu Gel\u00e4chter gab, denn die Kinder beharrten darauf, dass sie beim Milit\u00e4r w\u00e4ren. Was er denn sei, fragte die Apothekerin unseren Sohn. Er pr\u00e4sentierte voller Stolz sein Holzgewehr, legte auf die Kunden hinter uns an und machte Peng Peng. Soldat sei er und er w\u00fcrde keine Verr\u00e4ter im R\u00fccken der Front dulden. Dass sich unsere Tochter als Milit\u00e4r\u00e4rztin nicht um die niedergeschossenen Verr\u00e4ter k\u00fcmmerte, rechneten wir ihr hoch an. Wir spendierten ihr ein gro\u00dfes Eis in den Geschmackssorten Olivgr\u00fcn, Feldgrau und Bandagenwei\u00df, nat\u00fcrlich bekam der Filius auch ein Eis, f\u00fcr beide gab es obenauf einen gro\u00dfen Luftschlag Sahne.\n\nIn den zwei Wochen vor Ankunft des Krieges schalteten wir den Fernseher direkt nach den Sondersendungen aus. Wir st\u00fcrzten uns als Familie in das Studium von Landkarten, denn mir war es gelungen, einen kompletten Satz Wanderkarten unserer Region zu erwerben. Wir baldowerten Fluchtrouten aus, auch wenn diese nat\u00fcrlich auf Spekulationen dar\u00fcber basierten, wo genau die K\u00e4mpfe stattfinden w\u00fcrden. Die Veranstalter des Krieges hielten sich diesbez\u00fcglich bedeckt, der Ort der Kampfhandlungen sollte eine \u00dcberraschung sein. Da half es uns auch nicht, dass ich dem Bekannten in der Stadtverwaltung ein weiteres Mal eine gro\u00dfe Summe zahlte.\n\nAm letzten Wochenende vor den K\u00e4mpfen machten wir einen Familienausflug mit den R\u00e4dern. Wir erkundeten Wald- und Feldwege auf Ihre Befahrbarkeit, dachten \u00fcber M\u00f6glichkeiten nach, den Fluss westlich der Stadt \u00fcberqueren zu k\u00f6nnen, die Br\u00fccken w\u00fcrde man ja sprengen. Unser Sohn wollte sogleich ein Flo\u00df bauen, aber wir erkl\u00e4rten ihm, dass das ein Fehler w\u00e4re. Er m\u00fcsse zuerst an sich denken und nat\u00fcrlich an uns als Familie, niemals d\u00fcrfe er sich daher anderen Fl\u00fcchtlingen gegen\u00fcber eine Bl\u00f6\u00dfe geben, die w\u00fcrden so etwas nur ausnutzen. W\u00fcrde sein Flo\u00df entdeckt, und es w\u00fcrde entdeckt werden, es gab keine sicheren Verstecke, nicht im Krieg, man w\u00fcrde es ihm stehlen. Es sei, so sagten wir ihm, daher cleverer, Ausschau nach einem verborgenem Flo\u00df zu halten, das w\u00fcrde Zeit und M\u00fchen sparen. Wir ernteten leuchtende Kinderaugen, als unser Nachwuchs schon nach kurzer Suche eine nachl\u00e4ssig in einen Kaninchenbau geschobene Luftmatratze samt Blasebalg fand. Wir lie\u00dfen sie an Ort und Stelle, stachen jedoch L\u00f6cher hinein, Dummheit muss bestraft werden.\n\nDann war endlich der Krieg da. Morgens um halb f\u00fcnf h\u00f6rten wir die schweren Motoren von Panzern und das Rasseln von Ketten, Hubschrauber knatterten im Tiefflug \u00fcber unseren Stadtteil, aus der Ferne erklang das Donnern von Gesch\u00fctze, dicht gefolgt von Einschl\u00e4gen, die die Gl\u00e4ser in unserer Vitrine erzittern lie\u00dfen. Dass die Sirenen erst mit einer Viertelstunde Versp\u00e4tung heulten, entschuldigte der B\u00fcrgermeister sp\u00e4ter im Radio damit, dass es am Abend zuvor einen Sektempfang f\u00fcr die Gener\u00e4le gegeben habe, und die Herrn Offiziere, Heidewitzka, die h\u00e4tten die harten Sachen nur so in sich hinein gesch\u00fcttet, da h\u00e4tte er kapitulieren m\u00fcssen. Wir sa\u00dfen da bereits auf der Nordtrib\u00fcne, einem eilig aufgestellten Ger\u00fcst mit B\u00e4nken aus rohem Holz. Das Gl\u00fcck war offenbar auf unserer Seite gewesen, unsere Nachbarn hatte es bei der Ticketlotterie in den S\u00fcden der Schlacht verschlagen. Viel mehr als leichtes Gepl\u00e4nkel gab es dort nicht, erfuhren wir sp\u00e4ter, Scharfsch\u00fctzen duellierten sich auf komplizierte Weise, Kompanien gruben sich ein, Artillerie war dort keine im Spiel. Bei uns hingegen tobten heftigste K\u00e4mpfe. Panzer w\u00fchlten sich durch das Land, Gesch\u00fctze feuerten aus n\u00e4chster N\u00e4he aufeinander, ein W\u00e4ldchen wurde zerfetzt, \u00c4cker und Wiesen wieder und wieder brutal umgepfl\u00fcgt.\n\nUnser Sohn schrie vor Begeisterung, dass er beide Seiten anfeuerte, sah er zun\u00e4chst nicht als Fehler. Erst als ihm unsere Kleine in die Seite knuffte und etwas zufl\u00fcsterte, entschied er sich f\u00fcr eine Seite. Ab da war er ganz der Papa, er begeisterte sich nat\u00fcrlich f\u00fcr die Angreifer. Denn die riskierten was, die trauten sich was, die sprangen aus ihren Stellungen, st\u00fcrmten voran. Auch als Maschinengewehrgarben ihre Reihen lichteten, mit heiser klingendem Hurrageschrei ging es weiter auf den Gegner zu. Ein Minenfeld lie\u00df den Angriff kurzzeitig stocken, aber ihr Mut trieb die Angreifer weiter, dass ihren Kameraden die Gliedma\u00dfen zerfetzt wurden, schien ihnen gleich. Sie wollten den Sieg um jeden Preis. Dass ein Gegenangriff \u00fcber die Flanke die Attacke letztlich doch stoppte, empfanden wir als gelungenen dramaturgischen Kunstgriff. Der Krieg sollte eine Woche dauern, da durften die Verteidiger nicht gleich am ersten Tag niedergemacht werden.\n\nGegen Abend, die k\u00e4mpfenden Parteien hatten sich f\u00fcr einen Stellungskrieg eingegraben, nur vereinzeltes Gewehrfeuer war noch zu h\u00f6ren, lichteten sich die Zuschauerreihen. Ein paar Sektkorken knallten, man feierte einen spannenden ersten Kampftag. Wir feierten nicht mit, wir schlichen uns unter die Trib\u00fcne, rollten dort unsere Schlafs\u00e4cke aus. Nicht nur unseren Kindern wollten wir eine Nacht in den Wirren des Krieges g\u00f6nnen. Als Abendbrot gab es Kommissbrot mit Corned Beef, dazu kalten Ersatzkaffee, sogar an der selbstgedrehten Zigarette durften unsere Kinder ziehen. Sp\u00e4ter in der Nacht ging meine Frau mit unserer Tochter dann doch nach Hause, die Kleine hatte Angst. All die fremden Ger\u00e4usche, die wiederholt aufflackernden Schie\u00dfereien und der Gestank verbrannten Fleisches, das war dann wohl doch etwas zu viel f\u00fcr sie. Nun ja, mit ihren sieben Jahren durfte sie noch empfindlich sein. Als sie ging, tr\u00f6stete unser Sohn sie, er sei sich sicher, dass sie eine sehr gute Milit\u00e4r\u00e4rztin werden w\u00fcrde, denn sie habe etwas, das im Lazarett mehr z\u00e4hle als sauberes Operationsbesteck, sie habe Herz.\n\nIn dem Moment war ich sehr stolz auf unseren Jungen, er bewies F\u00fchrungsst\u00e4rke, er wusste zu motivieren. Ich war mir sicher, er w\u00fcrde ein guter Soldat werden, zumal er schon w\u00e4hrend der Schlacht nicht einmal seinen Blick abgewandt hatte, ganz gleich wie grausig die Bilder auf der Gro\u00dfbildleinwand waren, er hatte hingeschaut. Und nat\u00fcrlich waren seine Jungs von ihm angefeuert worden, so nannte er die angreifenden Truppen, seine Jungs. Macht sie fertig, schlachtet sie ab, killt sie, er war mit ganzem Herzen bei der Sache.\n\nAls ich ihn um vier Uhr weckte, schwer lag der Pulverrauch in der Luft, war er sogleich hellwach. Ich bedeutete ihm im Schein eines Streichholzes, mir zu folgen. Gemeinsam robbten wir an das Schlachtfeld heran, ich wollte, dass er das Flehen und Betteln der Sterbenden h\u00f6rte und diese eigent\u00fcmliche Mischung aus Blut und Exkrementen roch. Ob es fr\u00fcher in den Kriegen auch so gewesen sei, wollte unser Sohn wissen, so realistisch und wunderbar brutal? Was konnte ich anderes tun, als zu l\u00fcgen, ich sagte <em>Dieses Mal ist der Krieg viel sch\u00f6ner<\/em>. Und obwohl es dunkel war, die Nacht nur von irrlichternden Leuchtspurgeschossen zerrissen, sah ich, dass unser Sohn weinte. Krieg, dachte ich, war doch etwas Wunderbares, er brachte die Menschen einander n\u00e4her. Ich empfand es als Gnade, dass wir als Familie den Krieg aus n\u00e4chster N\u00e4he erleben konnten. Ein Krieg im Fernsehen, das war keine Katastrophe, das waren nur Bilder. Und Bilder dieser Art gab es zu viele, Bilder von Kriegen wechselten sich ab mit Bildern von Flugzeugabst\u00fcrzen oder Hochhausbr\u00e4nden. Aber hier im Krieg, da wurde live gestorben, man sp\u00fcrte, was Krieg wirklich war.\n\nAnmerkung des Herausgebers: <em>Die Ideenskizze wurde offenbar nicht umgesetzt, die Insolvenzen der Kriegsparteien verhinderte die Durchf\u00fchrung des zu bewerbenden Krieges. <\/em>\n(Aus: <em>Skizzen zum Kriegsjahr 2062 - Disasters, War &amp; More, Entw\u00fcrfe f\u00fcr eine Werbekampagne Print &amp; Spot\/Online, Watney Press, Schiaparelli City, Mars 2117)<\/em>\n\n<em>(\u00dcbersetzung aus dem marsianischen Englisch, Major der Raumwaffe S. J\u00e4hn, Strausberg Station, Jupiter Orbit, 2231)<\/em>\n\n<em>Bitte beachten Sie: Dieser Textauszug ist nur f\u00fcr den internen Gebrauch der Hochschulen f\u00fcr angewandte Milit\u00e4rpropaganda bestimmt. Jegliche Weitergabe an au\u00dferuniversit\u00e4re Personen und\/oder KI ist strafbar nach \u00a7\u00a7 19.J.1976, gez. Oberst Klein, HofaMp Ceres, 22. 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