{"id":5605,"date":"2021-03-01T14:34:07","date_gmt":"2021-03-01T13:34:07","guid":{"rendered":"https:\/\/deutsche-science-fiction.de\/?p=5605"},"modified":"2023-08-02T09:34:28","modified_gmt":"2023-08-02T07:34:28","slug":"rezension-exploit-information-ist-nicht-umsonst-von-ralph-mayr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/deutsche-science-fiction.de\/?p=5605","title":{"rendered":"Rezension: &#8222;Exploit &#8211; Information ist nicht umsonst&#8220; von Ralph Mayr"},"content":{"rendered":"\n<p>Nathan Long ist der CEO des Software-Unternehmens Veridical. Die Firma, die er zusammen mit seinem Freund Jacob Dragos gegr\u00fcndet hat, ist in der \u00d6ffentlichkeit kaum bekannt. Das ist beabsichtigt und einer der Gr\u00fcnde f\u00fcr ihren Erfolg. Veridical hat n\u00e4mlich eine komplexe Bild- und Videoanalyse-Software entwickelt, und diese wird von Strafverfolgungsbeh\u00f6rden und Sicherheitskr\u00e4ften rund um den Globus eingesetzt, um f\u00fcr \u201cRecht und Ordnung\u201d zu sorgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einer Gesch\u00e4ftsreise durch S\u00fcdostasien wird Nathan mit einem Video konfrontiert: Darin wirft man ihm vor, dass Veridicals Produkte manipulierbar seien. Sie w\u00fcrden von Kunden missbraucht, um Dissidenten zu verfolgen, Oppositionelle mundtot zu machen und unliebsame Minderheiten zu kriminalisieren. Diese Vorw\u00fcrfe \u2013 von einem Hacker-Kollektiv \u00fcber WikiLeaks verbreitet \u2013 wachsen sich zu einer handfesten Erpressung aus: Veridical soll die Manipulierbarkeit der Software \u00f6ffentlich zugeben. W\u00e4hrend Nathan fieberhaft \u00fcberlegt, was er noch tun kann, um seine Firma zu retten, sieht er sich pl\u00f6tzlich vom chinesischen Geheimdienst bedroht\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Der Roman \u201cExploit\u201d f\u00e4hrt einige Thriller-Elemente auf: ein unbescholtener Mann, der zwischen die Fronten zweier bedrohlicher M\u00e4chte ger\u00e4t; ein Dissident auf der Flucht; geheimnisvolle Hacker versus skrupellose Geheimdienstleute; treue Mitarbeiter, die sich als Maulw\u00fcrfe entpuppen und sensible Firmendaten gestohlen haben. Das Buch bietet ein Set interessanter Nebenfiguren, allen voran die junge Software-Entwicklerin Ashlee, die, obwohl sie bei Veridical als \u201cperfect fit\u201d gilt, an ihrer Arbeit zu zweifeln beginnt. Positiv auch, dass selbst komplexe Technologien dem Leser in einfachen Worten verst\u00e4ndlich gemacht werden. Die zeitgeschichtlichen Bez\u00fcge und die Beispiele f\u00fcr den Missbrauch der innovativen Technologie in L\u00e4ndern wie China, Japan, Singapur, Ru\u00dfland und Polen sind ebenfalls sehr gelungen..<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht zuletzt wirft das Buch eine Reihe wichtiger Fragen auf: Welche Verantwortung tr\u00e4gt ein Software-Unternehmen f\u00fcr den Verkauf und den Einsatz seiner Produkte? Ist es richtig, dass eine solche Firma im Geheimen agiert? Und welche Verantwortung haben die einzelnen Mitarbeitenden, die f\u00fcr das Unternehmen programmieren? Reicht es, aktiv daran mitzuwirken, dass die Software keine Fehler oder Angriffspunkte aufweist?<\/p>\n\n\n\n<p>Dem einen oder anderen Leser m\u00f6gen diese Fragen (und die im Buch gegebenen Antworten) egal sein. Manche \u2013 wie Nathan \u2013 stellen sie sich vielleicht zum ersten Mal. Nun ist es aber so, dass die Verantwortung von Wissenschaft und Forschung, das kritische Hinterfragen der eigenen Arbeit und die Analyse m\u00f6glicher Folgen seit dem Bau der Atombombe breit diskutiert werden. In der Wissenschaft herrscht Einigkeit dar\u00fcber, dass die Forschung nicht nur die Folgen ihres Handelns reflektieren, sondern auch die Bev\u00f6lkerung transparent \u00fcber aktuelle Projekte und deren Finanzierung informieren muss. Dieselbe Diskussion findet in Politik und Gesellschaft statt, und sie beschr\u00e4nkt sich schon lange nicht mehr auf Waffentechnik, sondern umfasst zum Beispiel auch die Gentechnik und <em>Big-Data<\/em>-Technologien. Nicht umsonst schlie\u00dfen die Au\u00dfenwirtschaftsgesetze der meisten westlichen Staaten Kontrollen und Beschr\u00e4nkungen <em>aller<\/em> Technologien mit ein, die zur internen Repression oder anderen Menschenrechtsverletzungen beitragen k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor diesem Hintergrund wirken die Dialoge wie auch das Verhalten der meisten Figuren sehr naiv. Ihr Erstaunen dar\u00fcber, dass ihre Produkte von einzelnen Regierungen und Beh\u00f6rden missbraucht werden (k\u00f6nnen), ist selbst f\u00fcr Software-Entwickler ziemlich unglaubw\u00fcrdig.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu kommt, dass sich bei dem als \u201cThriller\u201d titulierten Roman echte Spannung erst relativ sp\u00e4t einstellt. Das liegt unter anderem daran, dass ein gro\u00dfer Teil der Handlung an Nathans Laptop stattfindet. Doch auch die Konstruktion der einzelnen Handlungsstr\u00e4nge ist nicht immer gelungen. So zeigen einige der Szenen mit dem geflohenen Dissidenten wenig mehr als das, was der Leser anderswo gerade erst erfahren hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Die gr\u00f6\u00dfte Schw\u00e4che des Buchs sind der Stil und die Sprache. Hier h\u00e4tte man sich vom Lektorat mehr Aufmerksamkeit gew\u00fcnscht. \u201cExploit\u201d ist fl\u00fcssig geschrieben, es gibt aber eine Menge \u00fcberfl\u00fcssige Adjektive und F\u00fcllw\u00f6rter, und die Formulierungen sind bisweilen etwas umst\u00e4ndlich geraten, zum Beispiel wenn etwas auf dem Bildschirm \u201czunehmend deutlich erkennbar\u201d wird. Die Dialoge wirken immer wieder h\u00f6lzern, und manche Gedankenspr\u00fcnge seltsam unmotiviert. Noch dazu strotzt die Sprache der Figuren vor Allgemeinpl\u00e4tzen und abgedroschenen Redewendungen.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend man \u00fcber einzelne Rechtschreib- und Grammatikfehler leicht hinweglesen kann, f\u00e4llt es einem bei schr\u00e4gen Bildern und Formulierungen schon schwerer, zum Beispiel wenn es einer Figur \u201cden Appetit verwirkt\u201d oder wenn ein Bild \u201ckrachend\u201d von der Wand f\u00e4llt (statt auf dem Boden aufzuschlagen). Als deutscher Leser stolpert man au\u00dferdem \u00fcber W\u00f6rter wie \u201cverunfallt\u201d, \u201cangriffig\u201d, \u201cnie\u00dfen\u201d, \u201cungusti\u00f6s\u201d und \u201cEinvernahme\u201d. Es sind \u00f6sterreichische Dialektw\u00f6rter und Amtssprache, die sich im Roman bis in die w\u00f6rtliche Rede der englischsprachigen Figuren ziehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein Lichtblick in sprachlicher Hinsicht sind die englischen W\u00f6rter und Wendungen, die Ashlee gerne benutzt und die so typisch f\u00fcr die junge, hippe IT-Szene sind. Doch im zweiten Teil des Buchs \u00fcbertreibt es der Autor mit dem \u201ccreepy\u201d, \u201cindeed\u201d und \u201cfor real\u201d so sehr, dass Ashlee ungewollt zu einer Karikatur wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterhaltung: <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"15\" height=\"15\" src=\"http:\/\/deutsche-science-fiction.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/wertungsicon.gif\" alt=\"\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"15\" height=\"15\" src=\"http:\/\/deutsche-science-fiction.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/wertungsicon.gif\" alt=\"\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"15\" height=\"15\" src=\"http:\/\/deutsche-science-fiction.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/wertungsicon.gif\" alt=\"\"><\/p>\n\n\n\n<p>Anspruch: <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"15\" height=\"15\" src=\"http:\/\/deutsche-science-fiction.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/wertungsicon.gif\" alt=\"\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"15\" height=\"15\" src=\"http:\/\/deutsche-science-fiction.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/wertungsicon.gif\" alt=\"\"><\/p>\n\n\n\n<p>Originalit\u00e4t: <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"15\" height=\"15\" src=\"http:\/\/deutsche-science-fiction.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/wertungsicon.gif\" alt=\"\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"15\" height=\"15\" src=\"http:\/\/deutsche-science-fiction.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/wertungsicon.gif\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nathan Long ist der CEO des Software-Unternehmens Veridical. 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