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Interview mit Marcus Hammerschmitt

Marcus Hammerschmitt ist mit Sicherheit einer der interessanten deutschen SF-Autoren der Gegenwart. Mit seinen oft anspruchsvollen Erzählungen und Romanen greift er aktuelle Fragestellungen auf und projiziert sie in eine Realität abseits der unsrigen. Wir haben mit ihm u. a. über Wissenschaft, die Maya und Ostdeutschland gesprochen.

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In letzter Zeit veröffentlichst du weniger Sciencefiction als vielmehr philosophische Märchen im H-Null-Format oder Reiseberichte vom Rande der (westlichen) Wahrnehmung. Kehrst du der SF nun den Rücken, kehrst du irgendwann zurück und überhaupt: was sagst du zur Kehrwoche?

„Philosophische Märchen“ – das habe ich jetzt auch noch nicht gehört. Sind nicht alle SF-Texte philosophische Märchen? Für mich gibt es gar keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen „H0“ auf der einen und „Der Opal“ oder „Target“ auf der anderen Seite. Oder zwischen „Pension Barbara“ und meinen vier Science-Fiction-Jugendbüchern, die seinerzeit bei Patmos/Sauerländer erschienen sind. Ich bin auch erstaunt, dass die SF-Erzählungen, die ich z.B. für den Schweizer GDI-Impuls geschrieben habe, völlig an der Aufmerksamkeit der deutschen Phantastik-Leser vorbeigegangen sind. Sie kommen demnächst noch einmal als E-Book; vielleicht kann das etwas an der Vorstellung ändern, ich hätte der SF den Rücken gekehrt. Viele meiner Arbeiten gehören zur Phantastik, von diesen wiederum viele zur SF. Dann gibt es Misch- und Übergangsformen. Oder Sachen wie die poetische Kurzprosa in meinem letzten Band „Waschaktive Substanzen“, die ganz elementar auf Techniken, Stilmittel und Erzählweisen der Phantastik angewiesen ist: Traum und Vision, Übertreibung, Verkürzung, Verfremdung.

Mit anderen Worten: Ich habe mich nicht von der SF abgewendet, also gibt es auch keine Rückkehr.

 

Diese Kombination aus Philosophie und Märchen in einer modernen Welt. Da kann man viel mit machen.

 

Was hat für dich bis dato den Reiz der SF ausgemacht, mit welchen Themen, welchen wissenschaftlichen Ergebnissen hast du dich besonders gern vertraut gemacht, um sie literarisch zu verarbeiten?

SF stellt immer noch die Fragen, an denen andere Genres wenig Interesse haben. Diese heroische Suche nach Bildern für die Begegnung mit dem absolut Fremden (obwohl wir uns das absolut Fremde ja naturgemäß überhaupt nicht vorstellen können). Was Technik ist und mit uns macht, wenn wir uns wirklich auf sie einlassen und auch ihren ästhetischen Aspekt erkennen, statt sie nur als Werkzeug wahrzunehmen. Diese Kombination aus Philosophie und Märchen in einer modernen Welt. Da kann man viel mit machen.

Wissenschaft interessiert mich immer. Natürlich hat die Vertrautheit ihre Grenzen. Wenn man gern endlos recherchiert, wäre man wahrscheinlich besser Wissenschaftler geworden als Autor.

 

Die wissenschaftsfeindlichen Dummköpfe, die ihr Gerede über das Internet verbreiten, bringen mich immer am schnellsten zum Lachen.

 

Vertraust du der Wissenschaft ohne Bedenken oder hinterfragst du das eher kritisch? Wenn ja: Was ist dir dabei besonders aufgefallen? Wo besteht Handlungsbedarf?

„Vertrauen ohne Bedenken“ ist ein romantisches Konzept der Blindheit. Ich bin ein schamloser Bedenkenträger, wie man auch an meinen Aussagen zur mangelnden Skepsis in der deutschen Skeptikerszene sehen kann.

Die Wissenschaft leistet in der Beschreibung der Wirklichkeit Unersetzliches. Sie hat ein einzigartiges Set an Regeln und Methoden entwickelt, die dafür sorgen, dass ihre Beschreibung der Wirklichkeit intersubjektiv verhandelbar und erfolgreich bleibt. Wer Fortschritt in der Wissenschaft anzweifelt, hat keine Ahnung. All die „impfkritischen“ Schwätzer kommen ganz schnell wieder gelaufen, wenn ihre Kinder an Diphterie zu sterben drohen. Die wissenschaftsfeindlichen Dummköpfe, die ihr Gerede über das Internet verbreiten, bringen mich immer am schnellsten zum Lachen.

Gleichzeitig findet Wissenschaft nicht im luftleeren Raum statt. Die Wissenschaft stellt auch den Dummköpfen Instrumente wie das Internet zur Verfügung. Nuklear bestückte Interkontinentalraketen – eine erstaunliche, aber auch erstaunlich wahnsinnige technische Errungenschaft – sind ohne Wissenschaft völlig undenkbar. Der Kapitalismus wird nicht nur von der Wissenschaft angetrieben, er zwingt sie auch täglich zu Kompromissen und Verfälschungen, die mit sauberem wissenschaftlichem Arbeiten nichts mehr zu tun haben. Es ist zwar schön, wenn kluge Leute so was wie Retraction Watch machen,

aber die Konkurrenz- und Verwertungszwänge, die wirklich hinter der Zunahme von Wissenschaftsfälschungen und -schlampereien stehen, schauen wir uns nicht so gerne an.

Ein weiteres, wirklich tragisch unterbelichtetes Feld: Wissenschaftsvermittlung. Was in den Schulen und im Journalismus abläuft, kann man ja eigentlich nur noch als Trauerspiel bezeichnen.

 

Ich kann mich an eine Graffiti-Parole an der Tübinger Stiftskirche erinnern: „Ein vereintes Deutschland heißt vereinter Faschismus“.

 

In “Polyplay” schilderst du eine Alternativwelt, in der die BRD durch die DDR “annektiert” wurde. Wie würdest du diesen Roman jetzt, 28 Jahre nach der Wiedervereinigung, einschätzen?

Gefällt mir immer noch. Der Witz an dem Roman ist übrigens nicht, dass die DDR die BRD übernimmt. Ehrlich nicht.

 

Wie hast du damals persönlich die Wende erlebt? Hattest du Verwandtschaft im Osten? Wie sieht es jetzt aus? Kennst du viele Menschen aus Ostdeutschland?

Meine erste Reaktion auf den Fall der Mauer: „Was soll das denn werden, wenn’s fertig ist?“ Sehr schnell stellte sich grundsätzlichere Skepsis ein. Es hatte ja gute Gründe für die Teilung Deutschlands gegeben. Ich kann mich an eine Graffiti-Parole an der Tübinger Stiftskirche erinnern: „Ein vereintes Deutschland heißt vereinter Faschismus“. Wie sich während der Pogromwelle 1992/93 herausstellte, war diese Angst nur zu begründet. Rassismus und Neofaschismus gab es sowohl in der alten BRD wie in der DDR, aber sie haben seit der Wiedervereinigung einen Aufschwung genommen, der unter anderem zu der blutigen Karriere des NSU und zu erneut brennenden Flüchtlingswohnheimen geführt hat. Heute sitzen organisierte Rassisten im Bundestag – das hat die NPD selbst während ihrer Hochphase Ende der Sechziger nicht geschafft. Auf die spezielle Art der deutschen Wiederaufbaufreude, wie sie sich zum Beispiel an der Dresdner Frauenkirche zeigt, habe ich dann ja mit meiner Erzählung „Nachtflug“ reagiert.

Ich habe keine Verwandtschaft im Osten und ich kenne nur wenige Ostdeutsche. Ich bin selten dort; zuletzt war ich in Leipzig und Ostberlin. Diejenigen, die sich im Osten der aktuellen politischen Verdunkelung entgegenstellen, haben meinen vollen Respekt.

 

Der Zensor” handelt von den Nachfahren der Maya, die Spanien erobern. Das ist für mich als Herausgeber der ersten Mayapunk-Anthologie natürlich hochinteressant. Wie bist du drauf gekommen, dass ausgerechnet die Maya führend in der Nanotechnologie werden?

Dazu hat mich zunächst das Schriftsystem angeregt, das eine unwahrscheinlich flexible Darstellung von Information ermöglicht. Dann kam die Idee, dass meine Neo-Maya, ausgehend von dieser Meisterschaft im Umgang mit Information, eine der Hochtechnologien kapern, wie wir sie heute haben. Dass das die Nanotechnologie sein könnte, erschien mir plausibel, weil die historischen Maya so unglaublich geschickte Handwerker, Künstler, Architekten waren. Mit dem Kleinen und Kleinsten arbeiten, um gigantische Wirkungen zu erzielen – ob die historischen Maya diese Vorstellung kultiviert haben, ist mir nicht bekannt, aber sie schien zu meiner Vorstellung von einer hypermodernen Mayakultur zu passen.

Der Zensor - Hammerschmitt, Marcus

Was fasziniert dich an der Kultur der Maya? Ist es rein historisches Interesse oder steckt evtl. mehr dahinter (siehe Erich von Däniken)?

Von Däniken? Ach du liebe Zeit, nein. Neben dem Schriftsystem war es vor allem die Absurdität der Maya-Kultur, die mich fasziniert hat. Ihr Hang zur Selbstzerstörung, ihr Ahnen- und Todeskult, ihr religiöser Wahn. Diese unglaublichen Rituale, die ihre Könige vor der Bevölkerung zelebrieren mussten. Was für eine endlose Energie sie in Kriege gesteckt haben, in ihre sakralen Bauten, in dieses Ballspiel, das ihnen so furchtbar wichtig war. Und dann natürlich das abrupte Verschwinden der klassischen Maya-Kultur um 900 n. Chr., nachdem sie etwa 700 Jahre bestanden hatte.

Man darf den Vergleich nicht überdehnen, weil er natürlich die Gefahr der Projektion birgt, aber bei allem Abstand sehe ich doch auch viele Parallelen zwischen der Maya-Kultur und der unsrigen.

 

Ich würde zum Jupitermond Europa aufbrechen und dort Eis fotografieren.

 

In welchem Jahrzehnt, glaubst du, werden sich uns die Aliens endlich offenbaren? Denn dass es welche gibt und dass sie von uns wissen, steht natürlich fest … oder?

Über Aliens weiß ich leider sehr wenig. Deswegen treten sie in meinen Büchern auch nur als Schatten einer Möglichkeit auf.

 

Natürlich wollen wir alle von dir wissen, ob und wann es weitergeht bzw. du uns wieder mit einem SF-Roman begeisterst. Kannst du uns schon mehr dazu sagen? Liegen sonst noch irgendwelche Pläne in der Schublade?

Ich habe hier einen SF-Roman liegen, der weit fortgeschritten ist. Die Verlage sind, freundlich gesagt, sehr vorsichtig. Man macht anscheinend lieber Übersetzungen der Expanse-Saga oder von Jeff Vandermeers „Borne“. Die Expanse-Serie ist unglaublich gut, und Jeff Vandermeer verehre ich, aber es gibt halt auch noch was anderes.

 

Wie, meinst du, geht es mit der deutschen SF-Kurzgeschichte weiter? Findet sich noch einmal ein großer Verlag, der es mit ihr probiert? Oder bleibt sie eher als Nische bei kleineren Verlagen erhalten?

Sie wird auf absehbare Zeit ein Nischendasein führen.

 

Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Wenn du einen Freiflug zu einem beliebigen Planeten unseres Sonnensystems hättest, um interessante Fotos zu schießen, wohin würdest du deine teure Kamera mitnehmen? Und was würdest du fotografieren?

Ich würde zum Jupitermond Europa aufbrechen und dort Eis fotografieren.

 

Das Interview führte unser wissenschaftlich-mayatechnischer Assistent Sven Klöpping.