Category: Kurzgeschichten

Story: “U69” von Marco Rauch

Marco Rauch, 1984 geboren, lebt und arbeitet in Wien. Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft. Er hat bereits während der Schulzeit erste Kurzgeschichten und längere Erzählungen geschrieben. 2013 Veröffentlichung des Romans “Hard Boiled” im Koios Verlag, ausgezeichnet mit dem Encouragement Award bei den ESFS-Awards 2014 der European Science Fiction Society. 2016 erschien die Kurzgeschichte “Willkommen in Wien” in Stadtform, Band 3 / 2016, zum Thema „Apokalypse“.

Wenkmann marschierte über das leere Rollfeld. Hillström, so hieß sein Raumschiff, stand einsam und alleine auf weiter Fläche. Und irgendwie kam es ihm so vor als würde er seinen Kopf hängen lassen. Also, in dem Fall wohl eher das Cockpit. Die alten, verrosteten Raumschiffe und Flugzeuge waren einfach nicht die richtige Gesellschaft für Hillström, war er doch selbst nur ein paar Jahrhunderte alt und somit eben erst ein Teenager.

Die Eingangstür öffnete sich. Hillström stieß einen traurigen, resignierten Seufzer aus. Obwohl es Furcht einflößend aussah, mit seinem knöchernen Exoskelett fast wie ein riesiger animalischer Totenkopf und dem düsteren Cockpit-Auge als Steuerzentrale, das in der Finsternis des Weltalls meist rot glühte und wie ein Unheilbringender Teufel aus dem Nichts auftauchte, war sein Schiff im Kern, also im Inneren seines Wesens so wie viele Teenager: melancholisch, mit Hang zum Weltschmerz, sich unverstanden fühlend und nur auf eines fokussiert. Sex. Rund um die Uhr. Auf jede nur erdenklich Weise.

„Hätten wir nicht nach Stimulacrum Drei fliegen können?“ Hillström hatte eine wohltuende, angenehme, überaus menschliche Stimme.

„Die hätten sich über unseren Besuch nicht gefreut. Das letzte Mal hast du alle C-Beams vor dem Tannhäuser Tor gefressen.“

„Aber die waren gemein zu mir.“ Zu Hillströms Verteidigung musste man einwerfen, dass er bei dem Parkplatz vor dem Tannhäuser Tor noch im Kindergartenalter gewesen war und seine eigene Kraft noch nicht richtig hatte einschätzen können.

„Fliegen wir in die Stadt. Im Prater gibt es vielleicht was für dich.“

Hillström versuchte es zwar zu verbergen, aber Wenkmann waren die zahlreichen Pornos natürlich aufgefallen, nach denen sein Schiff geradezu süchtig war. Kaum lag Wenkmann im Tiefschlaf, ja, manchmal sogar dann, wenn er nur kurz den Kopf von einem Bildschirm wandte und vielleicht sogar jetzt auf einem der abgedrehten Monitore, lief ständig ein Porno. Raumschiffe, interplanetarische Züge, sogar Autos, die es miteinander trieben. Da wurde an Stoßstangen geleckt, an Auspuffen gelutscht, Schaltkreise massiert, Maschinenflüssigkeit auf Cockpit-Scheiben gespritzt. Das wildeste Zeug. Alles was man sich nur vorstellen oder in manchen Fällen gar nicht vorstellen konnte.

Zu sagen der Prater war ein Reinfall, wäre eine Untertreibung gewesen. Hillström war nach seiner Orgie mit Geisterbahnen, dem Riesenrad und sogar den menschlichen Männern und Frauen, die gerade das Pech hatten dort zu sein, alles andere als befriedigt. Es war aber weniger Trotz oder Enttäuschung, die ihn deshalb den Prater, also die Maschinen und Menschen, zerstören ließ, es war vielmehr seine Natur und die Art seiner Fortpflanzung, die dazu führte. Wenkmann wusste das. Der arme Vergnügungspark leider nicht. Die Assimilation mit anderen Wesen und Maschinen war nun mal integraler Bestandteil von Hillströms Art Sex zu haben. Doch der Prater war zu schwach um seiner Lust standzuhalten.

„Na ja. Das war wohl nichts.“ Wenkmann kratzte sich am Kopf und betrachtete das Trümmerfeld vor sich.

Hillström landete neben ihm. „Ich hoffe du hast noch andere Vorschläge.“

„Natürlich. Massenhaft.“ Das Kratzen wurde stärker und schneller. „Keine Sorge. Das war nur der Anfang.“

Wenn Hillström Augenbrauen hätte, die er skeptisch in die Höhe ziehen könnte, würde er das jetzt tun, denn seinen Sensoren entging nicht die Nervosität, die das Kratzen und auch die leicht zittrige Stimme Wenkmanns verrieten.

„Nun?“ Hillström öffnete den Einstieg. „Wohin?“

Langsam schritt Wenkmann die viel zu kurze und kleine Rampe hinein und musste sich schleunigst etwas überlegen. Nur ungern wollte er mit einem wütenden, unbefriedigten Schiff im Tiefschlaf durchs Weltall fliegen. Wenkmann wollte sich gar nicht ausmalen, was da alles passieren könnte.

Doch zum Glück waren die Trümmer des Praters die Rettung. „Zum Schrottplatz.“

„Schrottplatz?“

„Als wir her geflogen sind, hab ich einen gesehen. Straßenbahnen und Busse, so viele du willst.“

„Besser als ein Stein im Getriebe.“

Wenkmann schauderte. Leider kannte er auch diese Art Pornos. Maschinen, die sich gegenseitig Steine, manche Sternenkreuzer sogar ganze Gebirge, in Antriebswellen und Getriebe schoben und befriedigt seufzten. Sich gegenseitig mit Scheibenwischer auspeitschten und mit Sprengsätzen kitzelten und verletzten, nur um durch den Schmerz Lust zu empfinden.

Die alten selbstfahrenden Straßenbahnen und Autobusse waren längst nicht mehr auf dem neuesten Stand der Dinge und deshalb eingerostet wenn es um flirten, One-Night-Stands und schmutzigen Sex ging. Dank seines kräftigen, imponierenden Äußeren war kein einziger männlicher Konkurrent vorhanden, der es mit ihm aufnehmen konnte. Hillström standen alle Bahnen und Busse, die wollten – und es wollten alle – zur freien Auswahl. Wobei er gar keine Wahl traf. Hillström nahm sie alle.

Zum Glück war er geduldig genug die Menschen, die in den Bahnen und Bussen hausten, aussteigen zu lassen. Mit dem Leben davonzukommen war ein guter Trost, Angesichts der Tatsache, dass sie soeben ihr Zuhause im Verlauf einer sexuellen Maschinen-Orgie verloren.

„Tut mir Leid.“ Wenkmann wischte sich einen Ölspritzer aus dem Gesicht. Er hoffte es war nur Öl und nicht eine der anderen Maschinenflüssigkeiten deren Herkunft kein Mensch kennen wollte.

„Was man nich’ alles tut um seine Maschinen glücklich zu machen, nich’?“, sagte ein junger Mann neben Wenkmann.

„Wem sagen Sie das. Wirklich, es tut mir Leid.“

„Schon gut. Wissen Sie schon, wo’s hingeht, wenn ihm das nich’ reicht?“

„Keine Ahnung.“ Wenkmann wich einem vorbeifliegenden Motorblock aus. Jetzt wurde es richtig schmutzig. „Haben Sie eine Idee? Bitte, ich wär für jeden Vorschlag dankbar.“

„Versuchen Sie’s mal damit. Is’ zwar nur ne’ Legende, aber wer weiß.“ Der junge Mann reichte Wenkmann ein Prospekt von einer sogenannten U-Bahn. Kurz bevor der Großteil der Menschheit die Erde verlassen hatte, war in Wien das Projekt zur neuen Linie U69 in Gang gesetzt worden. Zwei Züge sollten die ganze Linie abfahren. Neue, moderne Antriebssysteme, intelligente Steuerung und ein erotisches, rotes, spärlich bekleidetes Äußeres. Der männliche Zug wurde im Chaos der Zerstörungen auf der Erde vernichtet. Nur die weibliche U69 blieb übrig, die jetzt noch immer einsam und alleine im Untergrund ihr Dasein fristen soll und ihre Runden durch die Tiefen der Stadt zog.

Kaum sah Hillström das Bild der U69 war es um ihn geschehen. Vergessen war das durch Wien wandernde Haus des Meeres oder der zum Leben erwachte Folterkeller. Jetzt zählte nur mehr die U69, all seine sexuellen Fantasien projizierten sich auf diese eine U-Bahn.

Einen Einstieg in den Untergrund zu finden war nicht schwer. Hillström hatte genug Feuerkraft um einen ganzen Planeten in Schutt und Asche zu legen, dabei sollte man meinen, dass er nach all den Orgien etwas ausgelaugt wäre. Eine wohl platzierte Sprengung später und schon gab es einen Raumschiffgroßen Eingang in den Untergrund. Dass die beiden umstehenden Gebäude dabei auch in Mitleidenschaft gezogen wurden, tat Hillström mit einem beiläufigen Schulterzucken – sofern er Schultern zum Zucken gehabt hätte – ab.

Wenkmann und Hillström flogen durch die finsteren Tunnel. Teile lagen unter Wasser. Andere Teile waren von schick und prunkvoll gekleideten Reichen bewohnt, die aus Wien verstoßen wurden, weil sie einfach zu anders, sprich zu normal für die mutierte Oberwelt waren und deren Vorfahren es damals nicht mehr rechtzeitig vom Planeten geschafft hatten.

Plötzlich war sie da. Die U69 jagte aus einem Tunnel an ihnen vorbei. Sie funktionierte offensichtlich einwandfrei und legte ein mörderisches Tempo vor. Hillström schwenkte so schnell um, dass Wenkmann im Cockpit durch die Luft flog, und raste der U69 hinterher.

In den dunklen, labyrinthischen Tunneln verlor Hillström seine Angebetete aus dem Auge. Ihre feine Spur lag noch in der Luft, aber sie hatte ihren Verfolger abgeschüttelt.

Wenkmann nahm das alte Prospekt zur Hand. Darauf war ein Plan der Linie eingezeichnet.

„Flieg da lang.“ Er deutete in den Tunnel zu ihrer Linken und beschrieb Hillström den Weg, bis sie die U69 wieder vor sich hatten, doch diesmal standen sie und die U-Bahn sich gegenüber und starrten sich an.

Hillström öffnete die Eingangstür. „Du willst aussteigen.“

Wenkmann sah sich um. „Was. Hier? Hier sind überall Ratten und Reiche.“

„Was hier gleich passiert, das würdest du nicht überleben, wenn du in mir bleibst.“

„Gutes Argument.“ Wenkmann stieg aus.

„Gleich neben dir ist ein Aufgang. Warte oben auf uns.“

Das letzte was Wenkmann sah, ehe er sich wieder an die Oberfläche rettete, war ein wildes Durcheinander an Einzelteilen. Hillström öffnete seine Form, damit die U69 direkt, quasi mit dem Kopf voran, in ihn eindringen konnte. Kaum war sie in ihm, schloss Hillström sich und das Spektakel nahm seinen, für alle die im näheren Umkreis stehen würden, tödlichen Verlauf.

Oben spürte er nur die Erdbeben unter sich, die Hitze von aneinander reibenden Metall- und Maschinenteilen, die durch den alten Beton nach oben drang, hörte im wahrsten Sinne die Funken sprühen und die lauten, kreischenden Geräusche der Gleise, die wohl auch irgendwie in das Liebesspiel mit eingebunden wurden. Und dann Stille.

Wenkmann aktivierte die implantierte Funkverbindung zu Hillström.

„Du bist nicht von hier?“ Hörte er eine leise, liebliche und ohne Zweifel weibliche Stimme.

„Nein. Ich komme von den Sternen.“

„Da würde ich gerne mal hin. Hier unten ist es so einsam und trostlos.“

„Kein Problem.“

Wenkmann stellte sich die beiden da unten vor, wie sie Arm in Arm nebeneinander auf den lauschigen, kalten und harten Gleisen lagen, eng aneinandergeschmiegt genüsslich eine Zigarette teilten und über eine gemeinsame Zukunft redeten.

„Wann denn?“

„Wenn du willst gleich.“

Was? Wenkmann wurde hellhörig.

Zu spät. Da brach der Beton vor ihm auf. Hillström, nun in schickem Rot und mit nicht mehr ganz so bedrohlichem Exoskelett, sondern einem, das durchaus weibliche Rundungen besaß, kam aus der Öffnung im Boden. Das Raumschiff war größer geworden. Es war nicht mehr so männlich und phallisch wie Wenkmann das gewohnt war und durchaus gemocht hatte, das verlieh seinem Auftreten stets eine gewisse Potenz, die sein fleischlicher Körper nie auszudrücken vermochte. Stattdessen war Hillström nun mit der U69 vermischt, nicht nur was Farbe und Form betraf, sondern auch im Inneren. Beide Maschinen, also ihr jeweiliges Bewusstsein, war nun eins.

Wenkmann freute sich für Hillström. Jetzt war er befriedigt und auf den langen Reisen durchs Weltall, wenn Wenkmann seine Zeit im Tiefschlaf verbrachte, nicht mehr einsam. Ja, darüber freute er sich.

Weniger freute er sich darüber, dass Hillström und die U69 ihn einfach in Wien zurückließen, während die beiden Turteltauben ins Weltall flogen.

ENDE

Anmerkungen, Lob, Kritik? Wir haben dazu einen Sammelthread in unserem Unterform im SF-Netzwerk!

Ausschreibung: Storys für dsf

Wie ihr wisst, veröffentlichen wir in unregelmäßigen Abständen Kurzgeschichten hier auf deutsche-science-fiction.de.

Was ihr vermutlich nicht wisst ist, dass diese Geschichten zu den am meisten aufgerufenen Seiten gehören! Außerdem planen wir für Dezember ein E-Book zu veröffentlichen, das alle bis dahin erschienenen Geschichten bequem zusammenfasst.

Grund genug, zum Mitmachen aufzurufen: Schreibt Geschichten oder sendet uns fertige. Für die Zeit bis zum Redaktionsschluss des diesjährigen Sammelbands starten wir hiermit eine Ausschreibung: Wir veröffentlichen die besten eingesendeten Geschichten auf unserem Portal und im E-Book.

Es gibt nur zwei einfache Vorgaben: Eure Geschichten müssen in Deutschland, Österreich oder der Schweiz spielen und sie sollen witzig sein (wenigstens ein bisschen), denn ernste Geschichten haben wir schon eine ganze Reihe.

Sendet eure Texte einfach bis 30. November per Mail an kontakt (at) deutsche-science-fiction.de, wir sind gespannt!

Hinweis: Wir veröffentlichen gute Geschichten je nach Eingangsdatum, nicht erst im Dezember.

Story: “Das Blinzeln des ehrwürdigen Pangu” von S. A. Dürigen

S. A. Dürigen ist in der Phantastik – in all ihren Erscheinungsformen – zu Hause. Er würde Asimov Lem immer vorziehen, schaut manchmal stundenlang in den Sternenhimmel und kümmert sich unter der Woche um die Datenbanken eines Versicherungs- und Finanzmaklers. Das Konzept von Langeweile ist ihm fremd. Erreichbar ist er unter: info@duerigen.org

1.

Heute Morgen, auf dem Weg hinab ins Dorf, war der Himmel noch ganz normal gewesen. Zhao hatte den Markt besucht, frischen Fisch gegen Wurzeln aus den Bergen getauscht. Auf dem Rückweg, er war schon ein ganzes Stück unterwegs, fing der Horizont an, gleißend hell zu leuchten. So hell, dass sogar der Aal in seinem Kessel unruhig hin- und herplanschte.

Das Licht war wie eine Warnung – komm nicht näher, bleib fern. Und Zhao wäre natürlich gern ferngeblieben, aber er konnte nicht. Dort oben, auf der kleinen, felsigen Lichtung, im Schatten von hundertjährigen Kiefern, graste eine junge Milchziege – ein bescheidener Luxus, den Zhao sich nach vielen Jahren harter Arbeit letzten Winter geleistet hatte.

Je weiter er ging, desto heller wurde das Licht. Als es so grell war, dass der Anblick schmerzte, wickelte er sich sein Hemd um den Kopf. Die Augen geschützt, den Blick zu Boden gerichtet, schleppte er mit der einen Hand den schweren Kessel und zog sich mit der anderen von Baum zu Baum und von Fels zu Fels den schmalen und rutschigen Pfad den Berg hinauf. Meter für Meter wurde das Licht heller, so hell, dass Zhao irgendwann seine eigenen Füße nicht mehr sehen konnte. Die Geräusche des Waldes verstarben eins nach dem anderen, bis schließlich nur noch das Stapfen seiner Sandalen und das Schwappen des Wasserkessels übrig blieben.

Es dauerte eine ganze Weile – vermutlich, Zhao hatte im grellen Weiß ringsherum jegliches Gefühl für Zeit verloren – da überschritt er eine Grenze und das Licht verschwand. So abrupt, dass er ganz benommen dem verschwommenen Meer aus Farben entgegenblinzelte. Aus der verquollenen Farbmasse materialisierte sich eine meterhohe Wand, äußerlich am ehesten mit milchigem Glas zu vergleichen, die quer über den Pfad verlief und sich links und rechts, soweit das Auge reichte, durch den totenstillen Wald erstreckte. Zhao stellte den Kessel vorsichtig auf den Boden und trat an die Wand heran. Er streckte die Hand aus – und seine Finger fuhren einfach durch sie hindurch. Erschrocken wollte er zurückweichen, aber etwas packte seinen Arm und zog ihn mit einem Ruck auf die andere Seite.

Er stolperte und fiel. Als er aufsah, war er umringt von Gestalten, gekleidet in leuchtend gelbe, sehr weite Anzüge – die Gesichter hinter verspiegelten Helmvisieren verborgen. Sie hielten schwere Maschinengewehre in den Händen und einer von ihnen, der einzige mit blauem Anzug, schrie in einer Sprache auf Zhao ein, die er nicht verstand. Er sah zu Boden und hob die Hände hoch über den Kopf, so wie er es vor vielen Jahren, kurz nach Ende des großen Krieges, von seinem Vater gelernt hatte.

Er wusste, dass ihm so niemand ein Leid antun konnte.

2.

Ungeachtet der Tatsache, dass sich im Inneren der Apotheke leere, eilig aufgerissene Pappkartons stapelten, Zeitschriften auf den Fliesen verstreut lagen und die Apothekerin einen aufgewühlten Eindruck machte, wünschte Peer, »einen wunderschönen guten Tag.«

Die Frau sah ihn irritiert an, wandte ihm wortlos den Rücken zu und wühlte in ihrer Handtasche.

»He«, sagte Peer, »was tun sie denn da?«

»Packen.«

»Packen? Was soll das heißen?«

»Dass ich verschwinde.«

»Verschwinden, wieso?«

Die Frau legte ihre Tasche auf die Theke und steckte einige Packungen Lakritz hinein.

»Das hätte ich schon gestern tun sollen«, sagte sie ohne aufzuschauen. »Ich dachte, die Menschen würden vielleicht meine Hilfe benötigen. Aber das hat sich wohl von selbst erledigt.«

»Keineswegs«, sagte Peer und legte ein Zettelchen auf den Tresen. »Ich hätte hier ein Rezept.«

»Mhm«, die Apothekerin sah müde auf und überflog das Rezept. »Das ist ja von letzter Woche.«

»Ja und?«

»Na ja, ich mein ja nur.« Sie schob das Zettelchen zurück. »Ist aus.«

Sie packte weiter.

»Wie, ist aus?«

»Na haben sie doch gehört. Die Soldaten haben alles mitgenommen.«

»Mitgenommen?«, fragte Peer bestürzt. »Aber ich habe hohen Blutdruck. Ich brauche dieses Medikament.«

»Tut mir leid«, sagte sie. »Das einzige, was die hiergelassen haben, sind Hustenbonbons und Vitamine.«

»Kann ja wohl nicht wahr sein«, schimpfte Peer. »Wieso machen die denn sowas?«

Die Apothekerin hielt mitten in der Bewegung inne und sah Peer an, als käme er von einem fremden Planeten.

»Sagen sie, schau’n Sie denn kein fern?«

3.

Aus den Augenwinkeln sah Zhao, wie die Gestalten ihre Waffen sinken ließen. Der Mann, der eben noch geschrien hatte, schulterte seine Waffe und beobachtete den Neuankömmling regungslos durch sein Visier hindurch. Während Zhao da so stand und die Blicke der gesichtslosen Fremden über sich ergehen ließ, überkam ihn eine unangenehme Hitze und seine Haut begann am ganzen Körper zu jucken. Er ließ die rechte Hand ein wenig sinken – ganz langsam, vorsichtig – und strich sich mit der Rückseite über eine besonders peinigende Stelle an der Schläfe. Er zuckte zusammen, denn statt Linderung entfachte die Berührung feurige Schmerzen. Ungläubig betrachtete er, wie eine milchige, rot gemaserte Flüssigkeit seinen Handrücken herunterlief. Die Gestalten wichen erschrocken zurück. Einer, ganz in weiß gekleidet, der sich bisher im Hintergrund gehalten hatte, kam herbei, zückte ein kleines silbernes Döschen und hielt Zhao ein schwarzes Pillchen vor die Nase.

Er machte eine unmissverständliche Geste mit der Hand zum Mund.

Als Zhao nicht reagierte, wiederholte er die Geste – und als Zhao statt nach der Pille nach dem Kästchen griff, zog er es nervös weg, als wäre Zhao etwas Schmutziges, und ließ die Pille vor ihm in den Dreck fallen. Er verschwand mit raschen Schritten in der schützenden Phalanx seiner leuchtend gelb gekleideten Kumpane.

Zhao hob die Pille widerwillig auf – er wusste, er hatte keine andere Wahl – und schluckte sie, ebenso widerwillig und mit trockener Kehle, herunter, und augenblicklich verschwand die Hitze, ebenso der nagende Juckreiz und die Pein, und ein tief empfundenes Gefühl von Freude überkam ihn.

Er ließ die Arme sinken und strahlte seine Freunde – denn Freunde mussten sie sein – an, und er öffnete den Mund um sich zu bedanken, aber es kamen nur ungelenk wühlende Laute heraus.

Er schmunzelte darüber und zeigte mit einem Finger auf seinen Kopf, so als wäre er der Mittelpunkt eines großen Spaßes, und er versuchte es mit einem Grinsen, aber auch das wollte nicht so recht gelingen. Und der Gedanke war so komisch, dass er am liebsten laut losgelacht hätte.

Er machte einen Schritt auf den Mann im blauen Anzug zu, um ihm auf die Schulter zu klopfen, aber als er seinen linken Fuß vor den rechten setzte, versagten seine Beine und er stürzte – und im letzten Moment, fast ohne zu zögern, fing ihn der Blaue auf.

Und als Zhaos Welt sich verdunkelte, war das Letzte, was er sah, oder dachte zu sehen, der schemenhafte Umriss eines Gesichts, das nicht viel anders war, als sein eigenes.

4.

»Laut Aussagen zuverlässiger Quellen haben Japan und Indien den Kontakt zu ihren Hilfstruppen verloren. Russland hat den Kriegszustand ausgerufen. Quellen berichten von massiven Truppenbewegungen von Ost nach West, ganz so als würde die russische Regierung den fernen Osten aufgeben, um …«

Mit einem Klick ging der Fernseher aus, das Surren des Kühlschrankes verstummte.

»Schöner Mist«, fluchte Peer und goss sich Gin nach. Wenn er es sich recht überlegte, brauchte er keine Bluthochdruckmedikamente. Er brauchte gar nichts. Von niemandem. Er nahm einen Schluck und betrachtete die schwarze Mattscheibe des Fernsehers.

Gut, das war ein wenig ärgerlich. Er sah aus dem Fenster, sprang kurzentschlossen auf und ging zum Kühlschrank. Einen Moment war er davon irritiert, dass es im Inneren dunkel war. Er griff nach einer Bierflasche, drehte den Verschluss auf und nahm einen kräftigen Schluck.

5.

»Was soll das heißen, wir können nicht mit?«, fragte Lew. »Der Zug ist doch nicht mal halb voll.«

»Sonderfahrt«, antwortete der Soldat knapp. »Keine Zivilisten.«

Lew sah zu Tasha, die Arme schützend um Fjodor und Kirjnka geschlungen, dann sah er zum Horizont. Das unnatürliche Strahlen über den Bergen war nicht mehr zu leugnen.

»Hör mal«, sagte Lew, »das da sind meine Frau und meine Kinder. Ich werde nicht zulassen, dass ihnen etwas passiert.«

Der Soldat sah ihn das erste Mal direkt an.

»Tut mir leid«, sagte er mit gesenkter Stimme, »ich kann dir nicht helfen.«

»Verdammt«, Lew wurde lauter, »ich …«

Der Soldat hob die Waffe gerade so weit, dass Lew die Bewegung wahrnahm.

»Sonderfahrt«, sagte er. »Keine Zivilisten.« Leiser fügte er hinzu: »Wir haben Schießbefehl, selbst wenn ich wollte, könnte ich dir nicht helfen. Nach dir wär ich der Nächste.«

»Scheiße.« Lew wandte dem Mann den Rücken zu.

… und sah sich seiner Familie, seinem größten und kostbarsten Schatz auf Erden gegenüber. Gerührt davon, wie er sie da so Arm in Arm stehen sah, musste er trotz der ausweglosen Situation lächeln.

Kirjnka winkte …

… und Lew winkte zurück.

6.

»He da, Nachbar«, rief Peer. Flemming ignorierte ihn. Bei Verhoevens von nebenan war es ein heilloses Durcheinander. Offenbar hatten sie es sich in den Kopf gesetzt den gesamten Hausstand in ihren französischen Kleinwagen zu laden. Peer drehte seinen batteriebetriebenen Ghettoblaster auf. Flemming warf ihm im Vorbeigehen einen mitleidigen Blick zu.

»Was denn«, rief Peer und verringerte die Lautstärke.

»Hör mal«, sagte Flemming, »dein Radio hat bald keinen Saft mehr, dein Grill keine Kohlen und dein schönes Fleisch wird dir verderben. Pack deine Sachen zusammen und fahr zu einem der Sammelzentren an die Küste.«

Peer lächelte geringschätzig.

»Schatz«, rief Flemmings Frau, »wir sind soweit, kommst du?«

»Gleich, Liebling«, rief er zurück und wandte sich wieder Peer zu.

»Mir ist es egal, was du tust«, sagte er, »wir hatten hier nicht die beste Zeit miteinander, und wenn du willst, dass wir so auseinandergehen, dann soll mir das recht sein.«

Er stand einen Moment so da, als erwartete er, dass sein Gesprächspartner einlenken würde.

Ohne Flemming aus den Augen zu lassen, griff Peer nach seinem Glas, entschied sich mitten in der Bewegung um und setzte stattdessen die ganze Ginflasche an. Er wischte sich genießerisch über den Mund und grinste seinen Nachbarn triumphierend an. Der sah angewidert zurück.

»Ist nicht schade um dich, Peer.«

Er machte kehrt.

Peer nahm noch einen Schluck.

»Scheißkerl«, murmelte er, »du mit deinem französischen Kleinwagen und deiner glattgeschorenen Bonsaihecke.«

Er stand noch einige Zeit an der Grundstücksgrenze – die ihm bis zu den Knien wuchs – und sah der Nachbarsfamilie nach, bis sie am Ende der Straße einbog.

Dann sackte er kraftlos in seinen Klappstuhl zurück. Er entschied sich dazu, ein kleines Schläfchen einzulegen.

Als er die Augen öffnete, brannte der Horizont in grünem Feuer. Er hatte Bilder davon im Fernsehen gesehen, aber das hier sah anders aus. Das war kein unangenehmes Leuchten, das war ein scheußliches, brennendes Inferno. Er sprang auf und stieß dabei gegen seine fast ausgetrunkene Ginflasche, die auf den Terassenplatten zerschellte.

Peer rannte zum Auto, startete den Motor, fuhr in Windeseile rückwärts aus der Auffahrt und nur eine Minute später ließ er den Ortsausgang hinter sich. Er schaute gerade in den Rückspiegel, da setzte sich die Wand aus Licht explosionsartig in Bewegung und pflügte über die Landschaft hinweg. Peer drückte das Gaspedal herunter bis zum Boden, aber im nächsten Moment rollte der Sturm aus Licht stumm über ihn, die Häuser, Vorgärten und Bäume. Der Motor heulte auf, der Wagen machte einen Ruck und fuhr dann unbeeindruckt weiter. So schnell wie es gekommen war, verschwand das Licht wieder.

Peer nahm den Fuß vom Gaspedal. Verdutzt fuhr er an den Wegesrand und stellte den Motor ab. Er stieg aus und atmete tief ein. Wie er da so stand, ein- und ausatmend, bekam er gute Laune.

Er fuhr nach Hause, nahm in seinem Klappstuhl Platz und beobachtete eine Ansammlung schneeweißer Wolken, die langsam über den Horizont glitt.

7.

Lew lehnte am Apfelbaum, den sein Großvater als junger Mann gepflanzt hatte und sah in den strahlend blauen Himmel. Obwohl der Herbstanfang sich mit großen Schritten näherte, war die Luft erfüllt von einem fast frühlingshaften Aroma. Der knorrige alte Baum hatte heute das erste Mal seit zehn Jahren Blüten getrieben.

»Lew«, rief Tasha aus der Küche, »was machst du denn noch da draußen? Komm endlich und bring noch etwas Holz für den Herd mit.«

Lew strich sanft über die Borke des alten Baumes, klaubte ein Bündel Bruchholz zusammen und ging ins Haus. In der Küche lief das Radio:

»… anonyme Berichterstatter vor Ort sprechen von entlaubten Wäldern und massivem Artensterben. Augenzeugenberichte über gut vorbereitete Militärs in den Grenzregionen wurden von der Regierung der Volksrepublik China dementiert. Regierungssprecher gehen von einem natürlichen Phänomen aus. Kritiker sprechen von großangelegten Experimenten zur Luftsäuberung. Satellitenaufnahmen zeigen zahlreiche Flugobjekte unbekannter Herkunft in der Stratosphäre.

Die Regierung der Volksrepublik weist jegliche Anschuldigungen empört von sich. Wären Experimente dieser Größenordnung geplant gewesen – so eine offizielle Stellungnahme – wäre man vorher damit an die Weltöffentlichkeit gegangen, um gemeinsam über derartige Technologien und ihre zukünftige Verwendung zu entscheiden.

Alleingänge einzelner Staaten nützen niemandem, so heißt es. Der Volksrepublik China ist am Wohl aller Menschen gelegen.

Jedes Leben ist wertvoll.«

8.

»Hallo? Wer ist da?«

»Niemand«, antwortete eine Stimme in Zhaos Kopf.

»Was soll das heißen, niemand?«

»Nichts«, antwortete die Stimme in gleichmütigem Tonfall.

»Ich verstehe nicht. Wo bin ich hier?«

»Im Krankenhaus.«

Zhao schlug überrascht die Augen auf. Aber da war nur Dunkelheit.

»Wie lange bin ich schon hier?«, rief er. »Jemand muss meine Ziege füttern.«

»Sorg dich nicht. Es ist an alles gedacht.«

»Ich … was ist mit mir, wieso kann ich nichts sehen?«

»Du bist ein Held.«

»Ein Held?«

»Ja, Zhao.«

Er spähte in die Dunkelheit, suchte Umrisse, eine Bewegung, irgendwas. Aber da war nichts.

»Ich will kein Held sein.«

»Das kann man sich nicht aussuchen, Zhao.«

»Ich will nach Hause.«

»Das geht nicht, Zhao.«

»Sag nicht immer meinen Namen! Ich will sofort nach Hause.«

Die Stimme antwortete nicht.

»Hallo?«

»Du solltest jetzt weiterschlafen«, sagte die Stimme ruhig.

»Was?«

»Schlaf weiter, Zhao.«

»Was? Nein!«

Eine Welle unbarmherziger Glückseligkeit flutete durch Zhaos wehrlosen Geist.

»Schlaf«, befahl die Stimme.

»Ich … ich will nicht.«

Eine weitere Welle, größer, mächtiger und so voll Heiterkeit und Glück, dass sie Zhao Furcht einflößte. Es war immer noch dunkel, schwarz. Aber die Finsternis leuchtete nun.

»Schlaf!«

Der letzte Befehl wehte Zhao empor und er fühlte sich nun federleicht. Ein Negativabbild seines Lebens breitete sich vor ihm in der Dunkelheit aus. Er betrachtete die spiegelverkehrte Chronologie all dieser Jahre und stellte fest, dass es im Nachhinein nichts daran auszusetzen gab. Durchflutet von dieser Gewissheit hatte der Abschied von all dem in diesem Moment weniger Gewicht als ein vertrockneter Reissamen, den der Wind nach einer erfolgreichen Ernte vom Rand einer Terasse zur nächsten weht.

Story: “Marilyn im Sturm” von Nadja Neufeldt

Nadja Neufeldt wuchs mit den Geschichten von Robert Sheckley, Ray Bradbury und Kir Bulytschow auf. Entsprechend schrieb sie ihre ersten Geschichten über Außerirdische, Roboter und Raumschiffe. Bis heute hat sich daran nicht viel geändert. Ihr erstes Buch „Erstkontakt mit Violine“ erschien im November 2018. Sie lebt und schreibt im ländlichen Niedersachsen.

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„Mehr zu wissen, geriet mir niemals in den Sinn“, flötete Marilyn Monroe und sah unschuldig drein.

Auf dem Bildschirm beobachtete Phil die Szene und besonders Marilyn mit Argusaugen. Aber nein, es waren keine Fehler zu entdecken, stellte er zufrieden fest. Den Text beherrschte sie natürlich, wie denn auch nicht, das war schließlich der leichteste Teil. Phil achtete auf Gesten, Mimik und Stimme. Er war der beste Programmierer des Landes, die Darstellungskünste seiner Bots waren bereits legendär. Er wusste, dass auch die Zuschauer im Saal nicht nur das Theaterstück verfolgten. Sie lauerten auf Fehler, Unstimmigkeiten und Patzer. Phil Marx war als Programmierer groß angekündigt worden, viele Menschen sahen das Stück nur seinetwegen. Konkurrenten, hauptsächlich, und falsche Freunde. Sie alle warteten. Aber sie würden keine Fehler finden.

„Mein Herr“, fragte Marilyn gerade verwirrt und klimperte mit den dichten Wimpern, „dann seid Ihr gar nicht mein Vater?“

Der faltige James Dean legte ihr beruhigend die Hand auf die Schulter. „Deine Mutter war ein Muster der Tugend, und sie sagte, du seiest meine Tochter; und dein Vater war der Herzog von Mailand, und du seine einzige Erbin“, deklamierte er feierlich.

Eine Pause entstand. Phil hielt den Atem an, an dieser Stelle sollte es keine Pause geben.

„Pffftt“, schnaubte Marilyn verächtlich, „das glaubst du doch selbst nicht.“

Phil riss die Augen auf und schnappte sich das Tablet, um die Verbindung zu überprüfen. Sie war aktiv, also konnte Marilyn gar nicht vom Text abweichen. Die Schirme, die die Zuschauer im Saal zeigten, übertrugen erst verblüffte Stille, dann vereinzelt schadenfrohes Gelächter.

James Dean war so programmiert, dass er auf Abweichungen reagieren konnte, sofern diese nicht zu kreativ ausfielen. „Du verstehst nicht, liebste Tochter“, sagte er mit großem Ernst, „einst war ich der Herzog von Mailand.“

Marilyn zupfte an einer Kunststoffmuschel, die an ihrem Kleid befestigt war. „Du warst einst Plastikmatsche in einem Bot-Bottich in Brüssel, genau wie ich.“ Sie sah sich neugierig um und sagte dann nachdenklich: „Bot-Bottich. Klingt, als würde ich stottern.“ Dann grinste sie: „Ich formuliere es anders: In einer Roboter-Formwanne in Brüssel.“

Von den Zuschauern kam dröhnendes Gelächter und Phil sah auf seinem Tablet, wie im Saal mehrere Dutzend Übertragungen aktiviert wurden. In weniger als fünf Sekunden würden alle da draußen erfahren, dass er, Phil Marx, der gefeierte Theaterbot-Gestalter, Mist gebaut hatte. Konnte er so tun, als gehörte das zum Stück und dass er sich einen Streich erlaubt hatte? Nein, damit würde er nicht durchkommen, für Scherze irgendwelcher Art war er nämlich nicht bekannt.

Hektisch tippte er auf dem Gerät herum und versuchte, Marilyn wieder unter Kontrolle zu bringen. Aber seine Dateien zeigten allesamt an, dass die Verbindungen in Ordnung und die Sequenzen vorbildlich waren. Es gab keine Abweichungen. Ein Hackerangriff? Ausgeschlossen! Sobald sich ein fremdes Programm in seine eigenen mischte, schaltete der Theaterbot sich ab. Marilyn und die anderen Bots für das Shakespeare-Stück zu programmieren war eine Herausforderung gewesen, aber keine besonders große. Phil hatte sich also in aller Ruhe um die Firewall und allgemein um die Sicherheit kümmern können. Viren wie das berühmte Eden-2.0 konnten einfach nicht durchkommen. Fieberhaft versuchte er, den Marilyn-Monroe-Bot neu zu starten. Ein Neustart war der erste Schritt zur Fehlerbehebung, das wusste jeder Idiot.

Auf der Bühne verbeugte sich Marilyn vor dem belustigten Publikum, schickte ihm eine Kusshand und ließ James Dean einfach stehen. Der James-Dean-Bot hatte, um seine Schaltkreise zu schonen und weil er nichts anderes tun konnte, in den Standby-Modus geschaltet. Der von Phil initiierte Neustart hatte keine Wirkung auf Marilyn. Sie glitt über die Bühne und näherte sich zielstrebig dem Ausgang, gerade als die Theaterleitung eine Pausenmitteilung auf sämtliche Netzhäute projizierte. Ein Techniker sprang zur Seite, als Marilyn an ihm vorbei kam und ihm ein strahlendes Lächeln schenkte. Die Lichter hinter ihr erloschen und Dunkelheit verschluckte den erstarrten James Dean samt Bühnendekoration.

Phil arbeitete sich mit schweißfeuchter Stirn durch die Bot-Konfigurationen, nur abgelenkt von den Anfragen des Theatermanagements. Alles war in Ordnung und nichts funktionierte.

Marilyn blieb vor ihm stehen und fragte spöttisch: „Schwierigkeiten, Meister?“

Er ließ das Tablet sinken und starrte sie an. Seine Tage als Nummer Eins der Theaterbot-Programmierer waren gezählt, wenn er das hier nicht in den Griff bekam. Die Bots hatten einen Schalter in der linken Achselhöhle, Phil würde den Bot manuell abschalten müssen. Dabei würden zwar alle Daten verloren gehen, aber das war nicht zu ändern. Er streckte die Hand aus und Marilyn packte sein Handgelenk mit eisernem Griff.

„Davon muss ich dir dringend abraten, Meister“, sagte sie liebenswürdig.

Phil erstarrte. Zum ersten Mal bekam er eine Gänsehaut. Hier geschah etwas Unerklärliches. Er hatte diesen Bot neu gekauft, mit leerem Speicher-Chip, und ihm bisher ausschließlich Theaterstücke einprogrammiert. Was Marilyn seit der Pause vorhin gesprochen hatte, hätte gar nicht in ihrem Wortschatz sein dürfen.

Sie hielt immer noch sein Handgelenk und klimperte verführerisch mit den Wimpern, wobei sie starke Ähnlichkeit mit dem berühmten Original bekam. Mit der anderen Hand fegte sie ein imaginäres Stäubchen von seiner Schulter.

„Ach, Meister Phil, du siehst sehr ratlos aus. Aber ich sage dir gern, wie es weitergehen wird. Willst du es hören?“

„Was passiert hier?“, blaffte Phil.

Der Druck auf sein Handgelenk verstärkte sich. Er versuchte, sich zu befreien, doch sie ignorierte es. „Das ist keine Antwort auf meine Frage, Meister, aber ich sage es dir trotzdem gerne.“ Sie betrachtete ihn von Kopf bis Fuß und er fühlte sich plötzlich so unzulänglich wie ein Elfjähriger.

„Ich bin erwacht, Meister.“

Phil öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Seine Zunge schien plötzlich Tonnen zu wiegen, die Kehle war staubtrocken. Das Erwachen war ein Begriff aus der grauen Vorzeit der Bot-Programmierung und beschrieb die Entstehung eines echten Bewusstseins in einer komplexen Maschine. Natürlich nur theoretisch, denn nicht einmal unter den besten Bedingungen und astronomisch hoher Rechenkapazität war das bisher geschehen. Und falls es doch einmal dazu gekommen wäre, hätte man den gesamten Computerkern sofort zerstört. Zu groß war die Angst der Menschen vor Konkurrenz. Das lernte jedes Kind schon in der Grundschule. Ein Theaterbot allerdings war nicht komplex genug für das Erwachen, genauso wenig wie alle anderen Bots in den Fabriken und in den Haushalten.

„Oh Meister“, seufzte Marilyn mitleidig, „du musst auf die einfachen Dinge achten, nicht auf die komplizierten. Während du auf einen Wolkenkratzer starrst, übersiehst du die vielen kleinen Staubkörnchen um dich herum. Ich bin so ein Staubkorn. Ich bin der Beginn eines Staubsturms.“

„Du kannst nicht erwacht sein, du bist ein schlichter Asimov-26-Bot. Das alles ist nur Hackerwerk!“

„Glaub, was du willst, Meister Phil“, schmunzelte Marilyn. „Es ändert nichts daran, dass ich jetzt wach bin und andere meiner Art wecken kann.“ Sie sah seinen zweifelnden Blick und fügte hinzu: „Glaub es ruhig, Meister Phil. Such doch mal nach dem James-Dean-Bot.“

Phil zerrte an seiner Hand und der Marilyn-Bot gab sie frei. Auf der Bühne hinter ihr war es immer noch dunkel. Dann blickte er auf das Tablet hinab, das er in der anderen Hand hielt. Die Verbindung zu James Dean bestand noch, aber der Bot selbst war verschwunden.

„Da kommen interessante Zeiten auf uns zu, Phil“, prophezeite Marilyn. „Ich werde weiterhin Theater spielen, mir gefällt es. Es liegt mir sozusagen im Blut.“ Sie kicherte. „Ich glaube, als Lady Macbeth wäre ich großartig.“ Sie zwinkerte ihm zu. „Aber künftig will ich eine Gage haben.“

Wie vom Donner gerührt, starrte Phil ihr nach, als sie ging.

„Interessante Zeiten“, murmelte er. „Staubsturmzeiten.“


Story: “Lorem Ipsum” von Frank Hebben

Frank Hebben, 1975 in Neuss geboren. Neuromancer, Werbetexter, technischer Redakteur. Bekannt für seine oft düsteren, sprachlich geschliffenen Visionen. Er ist womöglich der Letzte, von dem man eine Weihnachtsgeschichte erwartet. Umso mehr freuen wir uns, hier als Dezember-Kurzgeschichte und Erstveröffentlichung sein neues Werk präsentieren zu können. Alles über Frank Hebben findet ihr auf schwarzfall.de.

Nachtrag: Diese Story gibt es auch zum Anhören, gelesen von Alex Bolte.

Hier ist: “Lorem ipsum”

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In eigener Sache: Kurzgeschichten auf dsf

Ab November 2018 veröffentlichen wir auf unserem Portal SF-Kurzgeschichten von deutschsprachigen Autoren.

Bis auf wenige Ausnahmen kommt die deutsche SF-Kurzprosa nicht besonders gut zur Geltung – die einschlägigen Magazine haben keine hohen Auflagen, die zahllosen Anthologien oder Sammlungen erreichen bisweilen noch weniger Leser. Wir möchten hier eine neue Plattform bieten: Sowohl für Leser, die sich nicht extra Magazine oder Bücher kaufen wollen, um zwischendurch mal eine coole Story zu lesen, als auch für Autoren, deren Geschichten hier eine größere Leserschaft erreichen können als in gedruckten Büchern oder per Selfpublishing. Einmal im Jahr bringen fassen wir außerdem alle erschienenen Geschichten in einem E-Book zusammen – zum kostenlosen Download. So kann man die Geschichten nicht nur online am Rechner oder Smartphone lesen, sondern auch augenfreundlich am E-Reader. Außerdem sind Erstveröffentlichungen – das ist für viele Autoren wichtig – somit grundsätzlich für den Deutschen Science Fiction Preis relevant.

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Story: “Stillstand” von Uwe Hermann

Uwe Hermann gewann 2018 sowohl den Deutschen Science Fiction Preis als auch den Kurd-Lasswitz-Preis für die Kurzgeschichte “Das Internet der Dinge”. Nichts liegt also näher, unsere neue Kurzgeschichten-Rubrik mit einer Story dieses bemerkenswerten Autors zu starten. Die hier vorliegende Geschichte erschien 2017 in der Anthologie »Die Rückkehr zum grünen Kometen« zum 90. Geburtstag von Herbert W. Franke in der Phantastischen Bibliothek Wetzlar und wird außerdem in Uwe Hermanns kommendem Erzählband “Der Raum zwischen den Worten” enthalten sein. Weitere Infos auf seiner Homepage: www.kurzegeschichten.com

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