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Interview mit Bidzina Kanchaveli („1000 Könige“)

„1000 Könige“ ist ein sehr künstlerischer und anspruchsvoller Film. Wer ist das Zielpublikum? Intellektuelle? Kunstliebhaber? Sci-Fi-Fans? Und glauben Sie es gibt genug von ihnen um das Projekt finanziell erfolgreich zu machen?

Dieser Film ist für alle gedacht, da er nicht nur Arthouse ist, sondern eine Mischung aus Fantasie und Realismus, die in meiner eigenen ästhetischen Sprache präsentiert wird. Dadurch, dass er eben nicht für ein bestimmtes Zielpublikum gedacht und so eigenständig ist, dass man ihn kaum mit irgendwelchen anderen Werken vergleichen kann, glaube ich, dass er viele unterschiedliche Menschen ansprechen wird.

 
 

Szene aus "1000 Könige"

 

Was hatten Sie im Sinn, als Sie damit begannen einen Sci-Fi-Film zu konzipieren? Ist dieses Genre nicht eventuell ein zu schwieriges Terrain für einen experimentellen Film?

Meine Absicht war, dem Science-Fiction-Genre etwas Neues hinzuzufügen. Abgesehen davon interessiert mich Science-Fiction sehr, weil ich der Meinung bin, dass dieses Genre unendlich viel Neues bieten kann. Es wirft den Zuschauer aus seinem alltäglichen Leben und lässt ihn darüber nachdenken, dass es viel mehr Anderes gibt außerhalb seines Lebensraums, in dem er eingesperrt ist.

Leider werden meine Filme als experimentell bezeichnet, weil das Publikum kein einzelnes, klar definiertes Genre dafür findet. Das sind für mich aber keine Experimente – ich weiß genau, was ich mache, sage, erzähle und unternehme keine blinden Versuche. Es ist einfach genau so wie im Leben – es hat auch kein klares Genre. Sogar ein einzelner Tag im Leben kann mehrere Genres vereinigen – morgens als eine Komödie anfangen, nachmittags zu Action werden, am Abend sich zu Horror entwickeln und nachts Pornographie sein – ganz wie Sie wünschen.

Wenn man den Versuch, etwas Neues zu sagen oder in einer neuen ästhetischen Sprache zu erzählen, als ein Experiment betrachtet, dann ist es einerseits schwer, weil so ein Projekt viel aufwändiger zu finanzieren ist. (In diesem Fall habe ich Glück mit meinem Produzent Pierre Durst.) Andererseits ist es für mich einfach, weil ich das mache, was ich gut kenne und verstehe, und was ich für richtig halte, ohne mich an allgemeine Standards anzupassen oder Kompromisse zu machen.

Einige Ihrer anderen Filme gehören ebenfalls zum fantastischen Genre (z. B. 6 Pictures of a Universe). Welche Vorteile sehen Sie in diesem Genre? Vielleicht mehr Möglichkeiten, Ihre Vorstellungen zu realisieren?

Ja, definitiv. Ich fühle mich da wohl, da ich viel mehr Gestaltungsmöglichkeiten habe, sowohl auf visueller als auch auf dramaturgischer Ebene, um eine Geschichte zu erzählen, als die reale Welt mir bieten könnte.

Was hat Sie zu den „1000 Königen“ inspiriert? Wir von DSF glauben, dass Sie von bestimmten Büchern (u. a. Dune), Filmen und Theaterstücken beeinflusst wurden?

 
 

Szene aus "7 1/2 Frauen"

 

Eigentlich war ich von keinen bestimmten Werken beeinflusst. Allgemein wird der Mensch von unterschiedlichsten Faktoren beeinflusst – Filme, Bücher, Musik, seine Kindheit, Familie, Land, soziales Umfeld usw. Den größten Einfluss auf meine Filme und meine wichtigste Inspirationsquelle stellt die Wissenschaft dar – Astronomie, Psychologie, Philosophie, Physik, Chemie usw. All diese Einflüsse und Inspirationen, die ich bekomme und erkenne, verarbeite ich zu meiner eigenen Sprache und erzähle von meiner eigenen Wahrnehmung. Darin bin ich viel freier, weil die Kunst es mir erlaubt. Und in diesem Fantasiechaos entstehen Dinge, die wahr sind, deren Wahrheitsgehalt aber erst in Zukunft erkannt werden kann.  In dem konkreten Fall „1000 Könige“ erzähle ich einen Mythos über die Geburt und den Tod einer Welt, die trotz ihrer extrem fremdartigen Erscheinung unendlich viele Parallelen zu unserer Welt zulässt.    

Ist die Transformation von Fleisch und anderen Dingen zu Licht/Energie ein Symbol für unsere gegenwärtige konsumorientierte Gesellschaft, in der wir Energie/Geld aus Müll zu machen scheinen?

Wie ich schon sagte, man kann sehr viele Parallelen zwischen der Welt von „1000 Könige“ und unserer Welt ziehen. Allerdings überlasse ich es dem Zuschauer, individuell zu entscheiden, in welchem Maß die beiden Welten miteinander verbunden sind, und was die Assoziationen, die beim Anschauen des Films bei ihm entstehen, für ihn bedeuten. Der Zuschauer soll zum eigenständigen Denken angeregt werden – ein Luxus, der leider vom modernen Kino immer seltener geboten wird. Die Masse wird mit geistigem Fast Food gefüttert, was für die Psyche und die Individualität sehr ungesund ist. Ich schätze meine Zuschauer sehr. Ich war darüber verblüfft, wie viele unterschiedliche Interpretationen von meinem Kurzfilm „7 1/2 Frauen“ ich zu hören bekam. Auf einige dieser Ideen würde ich selbst nicht kommen – es ist so, als ob ich für jedes Individuum einen eigenen Film gemacht habe.  Mit „1000 Könige“ schenke ich dem Zuschauer wieder diese Freiheit, indem ich ihm nicht diktiere, wie er diesen Film wahrzunehmen hat. Seine Bedeutung bekommt ein Film erst durch den Zuschauer – somit ist dieser auch ein Teil von dem Film, genau so wie die Darsteller und die Filmcrew. Der Film ist eine Energie, die in den Gedanken des Zuschauers lebendig wird – und ich weiß nicht, was lebendiger als Energie sein kann. 

Das Filmhauptmotiv ist eine fremdartige Religion. Glauben Sie, dass Religiosität auch bei uns bald wieder ein Comeback haben wird?

Dreharbeiten zum Film, der komplett vor Blue (bzw. Green) Screens entstanden ist.

Tatsächlich stellt Religion überhaupt keine Basis für „1000 Könige“ dar, obwohl ich noch mal betonen möchte, dass ich dem Zuschauer die Möglichkeit gebe, auch diese Verbindung herzustellen. Was das Comeback der Religiosität betrifft – es ist nicht von der Religion abhängig, sondern davon, wie sehr der Mensch sie brauchen wird, vielleicht in einer moderneren Form. Viele Menschen brauchen die Religion, weil diese ihnen die Möglichkeit bietet, an etwas zu glauben, ohne mit Bestimmtheit zu wissen, was das ist. Die spirituelle Energie des „Nicht-Wissens“ kann auch sehr stark sein, genau so wie wenn man vieles weiß, weil nicht das Wissen Wissen ist, sondern die Energie ist das Wissen. Im Allgemeinen bin ich nicht sicher, ob es ein Comeback der Religiosität geben wird, aber ich hoffe, dass sie in der aggressiven Form, in der sie in der Vergangenheit bis heute existiert hat, bald verschwindet. Ich selbst bin kein religiöser Mensch, aber ich habe nichts dagegen, wenn jemand anderer an Gott glauben will, solange er seinen Frieden erreicht und andere tolerant und als gleichwertig behandelt. Im Universum gibt es nichts, was mehr oder weniger wichtig ist, es ist alles gleichwertig.

Für das Universum als einen lebenden Organismus hat alles, von einem Molekül bis zu einer Supernova, den gleichen Stellenwert. Es wertet nicht, was schwerer oder heller oder visuell „hübscher oder süsser“ ist – das machen nur wir, die Menschen. Unsere Betrachtung der Welt richtet sich immer danach, a) was für unsere Existenz wichtig ist und ist somit sehr subjektiv, weil es sich dabei um das Wichtigste für den Menschen geht – sein Überleben, b) dass wir auf der drängenden, gewaltigen, besessenen Suche nach der Perfektion sind.

Und/oder ist die Menschheit gerade auf dem Weg dahin, eine Bienenstockgesellschaft mit klar definierten Funktionen und immer weniger Individualität zu werden? Wenn ja, was sind die Probleme/Ziele, die wir heute lösen müssen, um die Zukunft besser zu gestalten?

 
 

Szene aus dem preisgekrönten Kanchaveli-Film "Novice No 21"

 

Es ist nicht ausgeschlossen, dass wir in der Zukunft eine extreme Situation erleben müssen, das heißt nicht nur in einem extremen System funktionieren, sondern eine biologische (wenn auch minimale) Änderung zulassen müssen. Der Mensch ist schließlich auch nur ein Tier – sobald es um seine Existenz geht, wird der Überlebensdruck so hoch, dass er alles tut, um das Fortbestehen seiner Art zu sichern. Angenommen, wenn in ein paar Milliarden Jahren unsere Galaxie mit einer anderen zusammen zu stoßen droht und das möglicherweise fatale Folgen für die gesamte Menschheit haben wird, müssen die Menschen in einem bestimmten Zeitraum ihre gesamte Kraft, Wissen und Lebensenergie einsetzen, um nicht nur auf den Mars umzusiedeln, sondern die gesamte Milchstraße zu verlassen und eine wahrscheinlich Millionen von Lichtjahren entfernte Galaxie zu finden, wo ein Planet eine Lebensmöglichkeit für sie bietet. Das zu erreichen wird extrem schwer, daher ist es nicht ausgeschlossen, dass die Menschheit in Zukunft für eine bestimmte Übergangszeit ihre Individualität hinter sich lassen muss, um in einer tierartig organisierten Masse zu funktionieren und weiter zu überleben.

Es ist schwer zu sagen, was man tun soll, um die Zukunft besser zu machen. Der Mensch kann nur auf ein gegenwärtiges, konkretes Problem reagieren, er kann sich nicht auf alles vorbereiten. Dafür hat er keine Zeit, Lust und Energie. Er investiert nicht einmal genug Zeit, um eine alternative Energiequelle zu finden, solange noch Erdöl da ist. Daher ist es ausgeschlossen, dass sich die Menschheit darauf vorbereitet, dass in einigen Milliarden Jahren die Milchstraße mit dem Andromedanebel zusammen stößt, oder dass sich unsere Sonne in einem katastrophalen Maß ausdehnt. Deswegen ist es wahrscheinlich, dass wir erst so eine extreme Situation durchmachen müssen, um zu überleben. Das heißt, es ist fast unmöglich, etwas für die Zukunft viel besser zu machen – wesentlich einfacher und sinnvoller ist es, dass man heute die Gegenwart verbessert, indem man sich entwickelt und humaner wird, weil Humanität von Intellekt kommt, und Intellekt bedingt die Entwicklung.

Was ist Ihre persönliche Vision von der Zukunft der Erde? Megastädte? Roboterkriege? Frieden überall?

Bidzina Kanchaveli am Set

In ferner Zukunft wird es die Erde nicht mehr geben – entweder wird sie von einer Naturkatastrophe zerstört, oder, „im besten Fall“, saugt der Mensch ihr die gesamte Lebensenergie aus. Megastädte und Roboterkriege könnte es auch geben, schon am Anfang des 20. Jahrhunderts gab es diese Zukunftsvisionen im Kino. In den 70ern wurden diese Ideen von Sci-Fi-Filmen und Literatur vollends ausgeschöpft. Im 21. Jahrhundert ist es kalter Kaffee und man denkt weiter. Was kommt nach den Megacities und Roboterkriegen? Findet man in der Unendlichkeit den unendlichen Frieden? Für diesen Frieden werden die Menschen Milliarden von Jahren lang alles Mögliche durchgemacht haben. Und wenn sie diesen Frieden erreicht haben, entsteht im Kopf die gemeine Frage:“Wofür brauchen wir das eigentlich?“ Andererseits glaube ich, dass man diesen Frieden nur erreichen kann, wenn man sich schon früher mit dieser Frage auseinander setzt und eine Antwort darauf findet.

Sind Sie hauptsächlich ein Regisseur, Theaterautor oder visueller (Bild?)Künstler?

Ich glaube, ich bin eher ein Forscher. Durch die Berufe, die ich kenne, wie Drehbuchautor, Regisseur usw. wandle ich die Ergebnisse meiner Forschungen mit Hilfe ästhetischer Bilder in Filmsprache um.

Haben Sie für uns irgendwelche Informationen über Ihr neues Projekt, „Butterfly’s Millennium“?

Man kann vieles von dem, was ich in diesem Interview bereits gesagt habe, auf „Butterfly’s Millennium“ beziehen.

In „Butterfly’s Millennium“ geht es um das Endstadium der Menschheit, das sie erreicht, nachdem sie ihren Planeten, ihre Galaxie verlässt, viele Kriege hinter sich hat, sich im gesamten Universum verbreitet hat und es beherrscht, Paralleluniversen erreicht hat und die gesamten existenziellen Räume, die man sich vorstellen kann, erkennt und beherrscht. An diesem Punkt findet der Mensch eine Leere, ein Nichts, um einen Kokon zu bauen, in dem er seine letzte Evolutionsstufe erreicht, um seine Bestimmung zu erfüllen – endgültig seinen Perfektions- und Gottkomplex zu befriedigen und im unendlichen Frieden unsterblich zu werden.

Vielen Dank für das Interview!

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